Nichts im Museum

Von Han­no Mil­le­si. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 74
Hanno Millesi © Selma Doborac

Han­no Mil­le­si. Foto: Sel­ma Doborac

In eine der spa­lier­ste­hen­den Rit­ter­rüs­tun­gen hin­ein­zu­kom­men ist ein­fa­cher als erwar­tet. Sie scheint gera­de­zu begie­rig zu sein, nach so lan­ger Zeit wie­der ein­mal einen mensch­li­chen Kör­per in sich auf­zu­neh­men. In ihrem Inne­ren riecht es nach Zitro­ne und Ammo­ni­ak, nach Kano­nen­don­ner und Schlach­ten­ge­tüm­mel. Durch die Seh­schlit­ze des Helms nach drau­ßen spä­hend, kom­me ich mir wie in einem Buben­traum gefan­gen vor. Jalou­sien, durch die ich aus mei­nem Zim­mer in die Schau­sä­le der wei­ten Welt bli­cke – die See­le eines Mecha­nis­mus, der ver­letz­lichs­te Teil einer Kon­struk­ti­on, von der behaup­tet wird, sie sei unzer­stör­bar.
Was ich in einem Muse­um, das sich sämt­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flik­ten in der Geschich­te die­ses Lan­des wid­met, zu suchen habe?
Ich bin hier­her­ge­kom­men, um mich davon zu über­zeu­gen, dass es unter dem Hand­werks­zeug des Krie­ges auch etwas gibt, das sich, zumin­dest nach jahr­zehn­te­lan­gem Auf­ent­halt in einer Bil­dungs­an­stalt, für etwas ande­res eig­net, als Gewalt damit aus­zu­üben.
Mir im Vor­feld eine Ein­tritts­kar­te zu besor­gen, war bereits Teil mei­nes Plans. Ich woll­te mir auf red­li­che Art und Wei­se Zutritt zu einer ganz und gar absur­den Welt ver­schaf­fen.
Ver­bor­gen in der Kluft eines streit­ba­ren Edel­manns von anno dazu­mal, war­te ich gedul­dig, bis das Muse­um sei­ne Pfor­ten schließt. Wer immer in der Zwi­schen­zeit an den Rit­ter­rüs­tun­gen vor­bei­spa­ziert, könn­te es aus einer von ihnen kichern hören. Eines der Über­bleib­sel einer fer­nen Epo­che amü­siert sich dar­über, dass der moder­ne Mensch bereit ist, für sei­nen blo­ßen Anblick zu bezah­len.
Als die Lam­pen schließ­lich eine nach der ande­ren aus­ge­hen, und nur noch das durch die rie­si­gen Fens­ter her­ein­drin­gen­de Tages­licht für ein wenig Beleuch­tung sorgt, hat sich jedoch nicht eine Men­schen­see­le bis hier­her ver­irrt.
Sobald ich mich allein weiß, begin­ne ich behut­sam aus mei­nem Ver­steck her­aus­zu­kom­men, was sich als ungleich schwie­ri­ger erweist, als es war, dar­in Unter­schlupf zu fin­den. Hat­te mich die Rüs­tung zuvor gera­de­zu will­kom­men gehei­ßen, fällt sie beim Ver­such, mich von ihr zu befrei­en, mit Mords­ge­tö­se um, reißt mich zu Boden, ringt mich nie­der. Sie hat nicht vor, mich jemals wie­der gehen zu las­sen – nicht, nach­dem sie so lan­ge Zeit mit nichts als Lee­re gefüllt gewe­sen ist.
Auf dem Par­kett­bo­den des Muse­ums lie­gend, ver­ste­he ich mit einem Mal, wie es die­sen Rüs­tun­gen gelun­gen sein dürf­te, Jahr­hun­der­te wäh­ren­den Krieg zu über­ste­hen, ohne einen Krat­zer davon­zu­tra­gen. Die Makel­lo­sig­keit ihrer Pan­ze­run­gen geht auf Kos­ten der­je­ni­gen, die sich in ihrem Inne­ren befin­den. Das Kichern von vor­hin hat offen­bar auch mir gegol­ten.
So respekt­ein­flö­ßend der Anblick der Rüs­tung in auf­rech­ter Posi­ti­on gewe­sen sein mag, so eisern sie in der Fol­ge ver­schwie­gen hat, dass ich mich in ihr ver­ber­ge, so erbärm­lich muss sie – mit mir in ihr drin – auf dem Boden lie­gend aus­se­hen. Zu scha­de für eine Kugel – sofern Schuss­waf­fen zu ihrer Zeit schon in Gebrauch waren. Es wür­de genü­gen, einen Kübel lau­war­men Was­sers über die­sem Häuf­chen Elend, der im Kern von mir gebil­det wird, aus­zu­lee­ren und den unauf­halt­sa­men Pro­zess des Ver­ros­tens abzu­war­ten.

Ohne die künst­li­che Beleuch­tung sehen die Schau­sä­le gar nicht mehr wie Schau­sä­le aus. Sie wir­ken eher wie Momen­te, ein­ge­fro­ren in der Däm­me­rung einer Geschich­te, die auch mich her­vor­ge­bracht hat. Bin ich nicht eben aus einer ihrer Requi­si­ten gekro­chen?
In den vier Ecken des Aus­stel­lungs­saals sind rie­si­ge Spie­gel ange­bracht. Sie nei­gen sich ein wenig in den Saal, was aus­sieht, als wür­den sie sich ver­beu­gen und dazu ein­zu­la­den, vor ihnen zu posie­ren. Wer immer sich in ihnen betrach­tet, schei­nen ihre opu­len­ten, gold­ver­zier­ten Rah­men zu ver­spre­chen, wer­de aus­se­hen, wie auf einem der Gemäl­de, die hier über­all an den Wän­den hän­gen.
Da es zuneh­mend däm­mert, dürf­te ich in abseh­ba­rer Zeit aber ohne­hin nicht viel mehr als den Anblick einer fins­te­ren Gestalt abge­ben. Aus mir ist ein Ein­dring­ling gewor­den. Kei­ne Spur von etwas Hel­den­haf­tem, ein Schat­ten wie aus einem Alp­traum, den ich noch nicht ein­mal unter­bre­chen kann, da es mir nicht mög­lich ist, das elek­tri­sche Licht ein­zu­schal­ten.
Statt­des­sen tre­te ich an eine tisch­för­mi­ge Vitri­ne. Hieb- und Stich­waf­fen klei­ne­ren For­mats lie­gen zur Ansicht auf ihrem samt­über­zo­ge­nen Boden wie aus­ge­stor­be­ne Tie­re – mit­tel­al­ter­li­che Gift­schlan­gen bei­spiels­wei­se. Etwas hält mich davon ab, eine davon her­aus­zu­neh­men und mir damit die Fin­ger­nä­gel zu säu­bern, einen Apfel oder – bes­ser noch – eine Kar­tof­fel zu schä­len, die mit­zu­brin­gen ich aller­dings ver­ab­säumt habe. Außer­dem ist die Vitri­ne ver­sperrt, und ich bin nicht dar­auf vor­be­rei­tet, Schei­ben ein­zu­schla­gen. Das wür­de mir vor­kom­men wie ein Juwe­lier­ge­schäft zu plün­dern. Soll­te mich die Zer­stö­rungs­wut denn bereits nach so kur­zer Zeit in ihren Bann gezo­gen haben?
Wes­halb ich zunächst kei­nen Gedan­ken an die Secu­ri­ty ver­schwen­de, liegt übri­gens dar­an, dass die Rüs­tung beim Umfal­len mehr Wir­bel ver­ur­sacht hat, als ich manch alt­mo­di­scher Alarm­an­la­ge zutraue. Eine Zeit­lang las­se ich also sogar die sim­pels­ten Sicher­heits­vor­keh­run­gen außer Acht – vom Ein­schal­ten der Decken­lam­pen ein­mal abge­se­hen. Es ist mei­ner Vor­stel­lungs­kraft zu ver­dan­ken, dass ich für die, die kei­ne Ahnung haben, was mich hier­her ver­schla­gen haben könn­te, vor­läu­fig unsicht­bar bin. Als wäre die Welt außer­halb die­ses Muse­ums in dem Moment in Bewe­gungs­lo­sig­keit erstarrt, in dem ich damit begon­nen habe, die hier ver­sam­mel­ten Expo­na­te zu neu­em Leben zu erwe­cken. Nicht ich bin es, der schläft und träumt, son­dern alle ande­ren.

Einen Saal wei­ter sto­ße ich auf ein pracht­vol­les Zelt. Es prä­sen­tiert sich von einer Absper­rung umge­ben. Zunächst ver­ste­he ich nicht recht, was ein Cam­ping­ar­ti­kel, mag er auch unge­wöhn­lich ele­gant sein, unter lau­ter Ver­satz­stü­cken der Kriegs­füh­rung ver­lo­ren hat. Eine aus­führ­li­che Info-Tafel – auch sie mit nichts als Erin­ne­rungs­ar­beit im Namen der Zer­stö­rung beschäf­tigt – klärt mich jedoch dar­über auf, dass die­ser Bal­da­chin einst die Lei­che eines Erobe­rers aus Tau­send und einer Nacht beher­bergt hat.
Na wenn schon! Gibt es außer­halb die­ses Muse­ums nicht nach wie vor zu vie­le leben­di­ge Men­schen ohne Obdach. Eini­ge dar­un­ter, sofern ich rich­tig infor­miert bin (nein, nicht von einer der Info-Tafeln), sogar aus der glei­chen zau­ber­haf­ten Gegend wie die­ser mär­chen­haf­te Unter­stand?
Ich beschlie­ße, das Zelt aus dem Muse­um abzu­trans­por­tie­ren. Ist es denn etwa nicht für die Mit­nah­me auf Erobe­rungs­zü­gen kon­stru­iert wor­den? Ich will es einer Grup­pe Zivi­lis­ten über­ge­ben und auf die­se Wei­se zu einer Ver­bes­se­rung (von einer Ver­schö­ne­rung gar nicht zu reden) ihrer Unter­brin­gung bei­tra­gen.
Zu mei­ner Ent­täu­schung – um nicht zu sagen Ent­rüs­tung – muss ich aller­dings fest­stel­len, dass sich das Zelt in kei­nem rei­se­taug­li­chen Zustand befin­det. Muse­ums­ku­ra­to­ren haben offen­bar alles, was ursprüng­lich zer­leg­bar war, fixiert, ver­schraubt, in Stein gemei­ßelt. Als las­se sich Geschich­te auf die­se Wei­se zwin­gen, für immer in ihren Räum­lich­kei­ten zu ver­wei­len, ein Wim­pern­schlag im Ver­lauf des uni­ver­sel­len Gesche­hens so lan­ge hin­aus­zö­gern, bis … bis Ver­tre­ter und Ver­tre­te­rin­nen einer Gene­ra­ti­on wie der mei­nen eines Tages hier ein­drin­gen, um mit die­ser Form von Beweih­räu­che­rung ein für alle Mal Schluss zu machen.
Um etwas davon mit­zu­neh­men, müss­te ich das Zelt ein­rei­ßen, die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Stan­gen bre­chen, die Sei­ten­tei­le aus­schnei­den (zum Bei­spiel mit einem Krumm­sä­bel). Wie es aus­sieht, gehen die His­to­ri­ker davon aus, dass, soll­te sich eines Tages jemand die­ses Expo­nats bemäch­ti­gen, das zwei­fel­los auf gewalt­sa­me Wei­se von­stat­ten gehen wer­de. Als asso­zi­ie­re die­ses Relikt unwei­ger­lich Gewalt und kön­ne nur zusam­men mit Gewalt bewohnt wer­den.

Nach­dem ich eini­ge Säle hin­ter mich gebracht habe, begeg­ne ich einem Auto­mo­bil, und mit einem sol­chen, mag es sich auch um einen Old­ti­mer han­deln, sind für mich bei wei­tem rea­lis­ti­sche­re Ansich­ten ver­bun­den als mit Rit­ter­rüs­tun­gen und ori­en­ta­li­schen Zel­ten. Die Zeit ist mir einen Schritt ent­ge­gen­ge­kom­men.
Einer Infor­ma­ti­ons­ta­fel ent­neh­me ich, dass es sich bei dem Auto­mo­bil um den Wagen eines Prin­zen han­delt, der wäh­rend einer Spritz­tour erschos­sen wur­de. Das lässt mich an Tupac Shakur den­ken. Tupacs Schlit­ten kann, aller Wahr­schein­lich­keit nach, in der Music Hall of Fame besich­tigt wer­den.
Ich erwä­ge, auf dem Fah­rer­sitz Platz zu neh­men und von Epo­che zu Epo­che zu crui­sen. Dazu müss­te ich den Wagen ledig­lich von einem Saal in den nächs­ten schie­ben und immer wie­der aus- und ein­stei­gen. Auf die­se Wei­se wäre es mir mög­lich, dem toten Prin­zen die Schlacht­fel­der der Religions‑, der Tür­ken- und der napo­leo­ni­schen Krie­ge zu zei­gen. Schau­plät­ze, die, da bin ich mir sicher, in direk­tem Zusam­men­hang mit sei­nem Able­ben ste­hen.
Besorgt, aus mir könn­te ein Tou­rist mit einer Vor­lie­be für die Schat­ten­sei­ten der Geschich­te wer­den, will ich die Prin­zen­ka­ros­se dann aber doch lie­ber als das behan­deln, was sie ist – näm­lich ein simp­les Fahr­zeug. Statt mich damit auf Zeit­rei­se zu bege­ben, beschlie­ße ich, an dem vor­sint­flut­li­chen Auto­mo­bil einen Rei­fen zu wech­seln. Rei­fen­wech­seln ist eine Tätig­keit, die zu einer kon­struk­ti­ven Annä­he­rung an die Welt passt. Die Idee dazu rührt aber auch daher, dass der Ersatz­rei­fen pro­mi­nent an der Außen­sei­te der Fah­rer­tü­re prangt.
Erst gilt es ein Pan­nen­drei­eck auf­zu­stel­len – ob ich unter dem Zube­hör die­ses Wagens eine Warn­wes­te fin­den wer­de, fra­ge ich mich, muss schmun­zeln und bin wie­der bei mir ange­kom­men.
Im Aus­tau­schen eines Rei­fens liegt für mich etwas von mei­nem Ver­hält­nis zur Geschich­te ange­deu­tet: der Werk­tä­ti­ge gegen­über dem Betrach­ter, der Ver­än­de­rer gegen­über dem Kon­ser­va­ti­ven, der Akti­ve gegen­über dem Pas­si­ven.
Anstel­le einer Warn­wes­te fällt mir eine blu­ti­ge Uni­form­ja­cke in die Hän­de. Der Info-Tafel zufol­ge, hat sie dem Thron­fol­ger gehört. Unter einem Glas­sturz lie­gend, prä­sen­tiert sie das Ein­schuss­loch, wel­ches das Atten­tat hin­ter­las­sen hat. Auch eine Form von War­nung, eine sol­che Wes­te, sage ich zu mir selbst.
Mit einem Wagen­he­ber und einem Schlüs­sel für die Rad­mut­tern ist das Auto des Prin­zen hin­ge­gen eben­so wenig aus­ge­stat­tet, wie mit einer Ers­te-Hil­fe-Aus­rüs­tung, was mich auf die Fra­ge bringt, ob das Atten­tat even­tu­ell auch anders hät­te aus­ge­hen kön­nen.

An den Wän­den hän­gen alter­tüm­li­che Land­kar­ten, gerahmt und hin­ter Glas wie papie­re­ne Kunst­wer­ke. Bei genaue­rer Betrach­tung muss ich aller­dings fest­stel­len, dass nicht eine der Gegen­den, die sich angeb­lich auf ihnen nach­ge­zeich­net fin­det, wie­der­zu­er­ken­nen ist. Ich ver­ir­re mich sogar auf der Suche nach jenen, deren kar­to­gra­phier­tes Erschei­nungs­bild mir an sich ver­traut ist.
Sofern die­se Kar­ten tat­säch­lich stra­te­gi­schem Vor­ge­hen als Grund­la­ge gedient haben, haben eini­ge Gefech­te, an die hier erin­nert wer­den soll, womög­lich gar nicht statt­ge­fun­den. Viel­leicht hat man sich, da kei­ner der Kon­tra­hen­ten auf dem Schlacht­feld erschie­nen ist, sonst irgend­wie auf ein Ergeb­nis geei­nigt. Oder gewon­nen hat­te der, dem es als Ers­tem gelun­gen zu sein schien, den ver­ein­bar­ten Aus­tra­gungs­ort aus­fin­dig zu machen. Den zustän­di­gen Herr­schern und Herr­sche­rin­nen erstat­te­te man schrift­lich Bericht, vor­nehm­lich die Sie­ger – bekannt­lich obliegt es ihnen, die Geschich­te zu schrei­ben.
Ehe ich den Saal ver­las­se, ver­spü­re ich das Ver­lan­gen, zumin­dest eine der Kar­ten aus ihrem Rah­men zu neh­men und aus dem Gedächt­nis her­aus zu kor­ri­gie­ren. Eine bes­se­re Gele­gen­heit, Geschich­te umzu­schrei­ben, wird sich mir so bald nicht wie­der bie­ten.
Aber was wür­de ich damit andeu­ten wol­len? Dass eini­ge der abge­sag­ten Schlach­ten nicht unbe­dingt hät­ten aus­fal­len müs­sen, wäre bloß der Bil­dungs­stand damals ein wenig höher gewe­sen?
Ähn­lich ergeht es mir ange­sichts der zahl­rei­chen Gegen­stän­de, die mit Camou­fla­ge-Stoff über­zo­gen sind. Ihre Tarn­far­ben for­dern mich auf, Ver­ste­cken zu spie­len, und zunächst erken­ne ich dar­in ein Frie­dens­an­ge­bot. Aber – abge­se­hen davon, dass ich dazu zu allei­ne bin, wür­de das nicht bedeu­ten, mich aus­ge­rech­net jener Qua­li­tä­ten zu bedie­nen, um derent­wil­len sich die­se Bei­spie­le eines hin­ter­häl­ti­gen Designs hier befin­den, wo man sie als Expo­na­te bezeich­net?
Statt­des­sen neh­me ich in einem der ande­ren Säle ein Signal­horn – eine Beschrif­tung ver­rät mir die zutref­fen­de Bezeich­nung – von der Wand und ver­su­che ihm einen nicht­mi­li­tä­ri­schen Ton abzu­rin­gen. Nach einer Rei­he erfolg­lo­ser Ver­su­che, gelingt es mir gera­de mal einen jäm­mer­li­chen Laut aus sei­nem Trich­ter zu scheu­chen. Mehr scheint von den signi­fi­kan­ten Ton­fol­gen, die ver­lau­ten zu las­sen, die­ses Horn einst in der Lage gewe­sen sein dürf­te, nach jahr­zehn­te­lan­gem Front­ur­laub nicht übrig­ge­blie­ben zu sein. Es ist jedoch auch mög­lich, dass das Horn eine Unter­hal­tung mit jeman­dem ohne mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung ver­wei­gert.
Bei dem, was ich her­aus­be­kom­men habe, kann eigent­lich gar nicht von einem Ton gespro­chen wer­den. Genau­so wenig lässt sich sagen, ob er krie­ge­ri­sche Absich­ten hegt. Dafür schien er mir, um ehr­lich zu sein, zu schwach. Ich habe den Ein­druck, einem der Hör­ner eines schläf­ri­gen Kriegs­teu­fels ein Flüs­tern abge­run­gen zu haben. Für mein Anlie­gen hat sein Besit­zer kei­ner­lei Ver­ständ­nis. Ich soll mich unter­ste­hen, den Kult um die Gewalt­tä­tig­keit noch län­ger aus­zu­höh­len – das oder etwas in der Art mag die­ses Wim­mern bedeu­ten.
Ernüch­tert plat­zie­re ich das Signal­horn wie­der dort, von wo ich es her­un­ter­ge­nom­men habe. Von einem Musik­in­stru­ment hät­te ich mir am ehes­ten erwar­tet, dass es sich, von einem fried­fer­ti­gen Men­schen dar­auf ange­spro­chen, auf eine erfreu­li­che­re Wei­se ein­set­zen lässt als zum Angriff, zum Rück­zug oder zum Zap­fen­streich zu bla­sen.

Als nächs­tes tre­te ich an eines der rie­si­gen Fens­ter. Unmit­tel­bar neben einer Aus­wahl an Hör­nern ermög­licht es einen Blick auf den Platz an der Rück­sei­te des Muse­ums. In fort­ge­schrit­te­ner Dun­kel­heit ste­hen dort unten eini­ge Pan­zer. Ein Schild bezeich­net das Are­al als Pan­zer­gar­ten.
Eine Ansamm­lung wie die­se als Gar­ten zu bezeich­nen und nicht als Fried­hof ver­an­schau­licht die Welt­an­schau­ung hin­ter einem Muse­um wie dem, in das ich mir Zutritt ver­schafft habe, bei­na­he noch deut­li­cher als eini­ge die­ser Kil­ler­ma­schi­nen, die sich unter­halb des Fens­ters in eine Sack­gas­se manö­vriert haben.
Wie die Pan­zer da ohne erkenn­ba­re Ord­nung par­ken, stel­le ich mir vor, man habe sie ein­fach dort ste­hen­ge­las­sen, wo ihnen der Treib­stoff aus­ge­gan­gen ist. Die The­se, sämt­li­che Pan­zer­fah­rer hät­ten zugleich beschlos­sen, mit dem Pan­zer­fah­ren auf­zu­hö­ren und wären aus ihren Fahr­zeu­gen geklet­tert, stimmt mich wie­der­um opti­mis­tisch.
Abge­se­hen von den Spie­geln, auf die man hier über­all trifft, schei­nen mir die Fens­ter die inter­es­san­te­ren Gemäl­de, als die, mit denen der Pla­fond der Aus­stel­lungs­sä­le geschmückt ist. Ich will noch aus einem wei­te­ren schau­en, muss dazu jedoch erst an einem mons­trö­sen Kachel­ofen vor­bei – auch er geräu­mi­ger als die Behau­sun­gen vie­ler Bewoh­ner der Stadt außer­halb die­ses Muse­ums.
Von der Dun­kel­heit beein­träch­tigt, hal­te ich den Kachel­ofen anfangs für ein Pen­dant des Zel­tes, das von Kon­ser­va­to­ren sei­ner Mobi­li­tät beraubt wor­den ist. Bei einer Bela­ge­rung wäre ein sol­ches Ding aller­dings kei­ne gro­ße Hil­fe gewe­sen (zu zer­brech­lich!). Ein Kachel­ofen wie die­ser, den­ke ich, ließ sich aller Wahr­schein­lich­keit nach nur mit den edels­ten Höl­zern füt­tern. Höl­zer, für deren Bereit­stel­lung eini­ge der kunst­voll gefer­tig­ten Bei­le und viel­leicht sogar der grö­ße­ren Schwer­ter und Hel­le­bar­den, die in die­sem Muse­um aus­ge­stellt wer­den, gedient haben könn­ten. Höl­zer, die, über­ein­an­der­ge­sta­pelt, einen ordent­li­che­ren Ein­druck gemacht haben dürf­ten als die Hüt­ten der ein­fa­chen Men­schen der dama­li­gen Zeit. Wirk­li­che Wär­me war von solch edlem Holz, einem die­ser fei­nen Kachel­öfen in den Schlund gewor­fen, aber wohl kei­ne zu erwar­ten.
Aus dem zwei­ten Fens­ter kann ich, von der Beleuch­tung eines Fuß­wegs, der dar­an vor­bei­führt, pro­fi­tie­rend, in eine Art Log­gia sehen, die meh­re­re Kano­nen ver­schie­de­nen Kali­bers beher­bergt. Im Gegen­satz zu den Pan­zern ste­hen die Geschüt­ze in Reih und Glied, und ihre Roh­re zei­gen alle in die glei­che Rich­tung, als wüss­ten sie genau, woher die Gefahr droht.
Hier oben im Muse­um rührt sie aus einem der benach­bar­ten Säle. Auf­ge­reg­te Stim­men und Schrit­te, so eilig, dass sich das Knis­tern des Par­ketts zu einem Rau­schen ver­dich­tet, ver­kün­den, dass die Secu­ri­ty auf mich auf­merk­sam gewor­den ist. Damit ist frü­her oder spä­ter zu rech­nen gewe­sen. Mit Sicher­heit hat mich das Geräusch, das ich dem Signal­horn abge­trotzt habe, dem Feind aus­ge­lie­fert. Nicht unbe­dingt durch sei­ne Laut­stär­ke, eher auf­grund der in ihm ent­hal­te­nen Empö­rung, hat es, Ver­bün­de­ter sämt­li­cher Unter-Waf­fen-Ste­hen­der, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich ein Ein­dring­ling in die­sen Räum­lich­kei­ten auf­hält.

Nach­dem sie mich in Gewahr­sam genom­men haben, und ich mit gesenk­tem Haupt in Rich­tung Aus­gangs­be­reich mar­schie­re (aus­ge­rech­net!), bedaue­re ich, zuvor nicht wenigs­tens noch eine der Trom­meln aus­pro­biert zu haben. Jahr­hun­der­te­lang haben sie dazu gedient, Hin­rich­tun­gen etwas Ver­lo­gen-Fei­er­li­ches zu ver­lei­hen. Ob mei­ne Hän­de ihnen den Rhyth­mus des Lebens ent­lockt hät­ten? All­mäh­lich ist es jedoch an der Zeit, mit einer, den Sicher­heits­kräf­ten halb­wegs plau­si­bel erschei­nen­den Ant­wort auf die Fra­ge, was ich mir eigent­lich dabei gedacht habe, in die­ses Muse­um ein­zu­bre­chen und alles auf den Kopf zu stel­len, her­aus­zu­rü­cken.
Ich könn­te behaup­ten, dass ich, hier ein­zu­drin­gen für eine recht simp­le Mög­lich­keit gehal­ten hät­te, an ein paar Waf­fen zu kom­men. Wür­de sich die Secu­ri­ty damit nicht zufrie­den­ge­ben und mich dar­an erin­nern, dass es sich bei den Expo­na­ten hier drin doch um Anti­qui­tä­ten hand­le und nicht um Waf­fen, die sich ihrer ursprüng­li­chen Funk­ti­on ent­spre­chend ein­set­zen lie­ßen, wür­de ich erwi­dern, dass mir eben die­ser Umstand wie die per­fek­te Tar­nung vor­ge­kom­men sei.

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Han­no Mil­le­si, gebo­ren in Wien, lebt und arbei­tet eben­dort. Stu­di­um an den Uni­ver­si­tä­ten Wien und Graz sowie an der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst in Wien; wäh­rend des Stu­di­ums ver­schie­de­ne Tätig­kei­ten im Bereich der bil­den­den Kunst (u. a. Gale­rie Krin­zin­ger, Assis­tent von Her­mann Nit­sch, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Muse­um moder­ner Kunst Wien). Seit 2000 frei­er Schrift­stel­ler. Ver­schie­de­ne Prei­se und Sti­pen­di­en, zum Bei­spiel Eli­as-Canet­ti-Sti­pen­di­um der Stadt Wien 2014/15 sowie 2017 der Rein­hard-Priess­nitz-Preis. Lehr­tä­tig­kei­ten u. a. an der Schu­le für Dich­tung in Wien und am Insti­tut für Sprach­kunst an der Uni­ver­si­tät für Ange­wand­te Kunst. Zuletzt erschie­nen: Der Schmet­ter­lings­trieb (2016), Die vier Welt­tei­le (2018), Der Charme der lan­gen Wege (2021) sowie als Her­aus­ge­ber (gemein­sam mit Xaver Bay­er) Aus­tro­pi­lot – Pro­sa und Lyrik aus öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten der 1970er Jah­re (Antho­lo­gie, 2016).
Han­no Mil­le­si beschäf­tigt sich auch mit Text-Bild-Arbei­ten, neben Aus­stel­lun­gen – aktu­ell: Ers­te Hil­fe – First Aid im Huge­not­ten­haus in Kas­sel im Rah­men der docu­men­ta fif­teen (18. 6. bis 24. 9. 2022) –, zu sehen u. a. auf: https://www.instagram.com/millesihanno/

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 15. Juli 2022

Zuletzt geän­dert: 20. Juli 2022