Grelles Schwarz

Der Sie­ger­text des FM4-Lite­ra­tur­wett­be­werbs „Wort­laut“. Von Vin­zenz Del­lin­ger

Ich wache auf. Die Son­ne zeich­net durch die Jalou­sie ein Strei­fen­mus­ter an die Wand.

Ich schla­ge die Decke zurück. Mein lin­kes Bein fehlt. Ich rufe nach Paul. Er kommt ins Zim­mer, in der rech­ten Hand die Zahnbürste.

– Mein Bein fehlt.

– Dein Bein fehlt nicht. Es ist da, genau neben dem ande­ren.

Er seufzt und ver­schwin­det wie­der im Bade­zim­mer. Es nutzt mir nichts, dass Paul sich ein­bil­det, mein Bein sei noch da. Mühsam set­ze ich mich auf, dre­he mich und stre­cke mein übergebliebenes Bein aus dem Bett. Ich ver­su­che auf­zu­ste­hen. Es gelingt, aber ich muss mich an der Wand anleh­nen. Auf mei­nem einen Bein, die Wän­de als Stützen nützend, kämp­fe ich mich bis ins Wohn­zim­mer. Ich las­se mich aufs Sofa fal­len.

Der Decken­ven­ti­la­tor schleppt sich lang­sam im Kreis her­um. Ich ver­su­che, ihn dabei zu ertap­pen, wie er einen rhyth­mi­schen Feh­ler macht. Ich hof­fe auf ein Fla­ckern, ein Zucken, als wäre ein sto­cken­der Ven­ti­la­tor der Beweis dafür, dass das gro­ße Gan­ze selbst einen Feh­ler hat, dass die Din­ge nicht sein müssen, wie sie sind. Er tut mir den Gefal­len nicht.

[…]

Die­ser Text ist nur in der Print­aus­ga­be 3/2017 ver­füg­bar.

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Online seit: 12.10.2017

Zuletzt geän­dert: 20. Okt. 2017