Eine Aussprache in Fischamend oder Vom Untergang der Linken

Von Erwin Riess. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 53
Erwin Riess © Alexander Golser

Erwin Riess. Foto: Alex­an­der Gol­ser

Herr Groll hat­te sei­nen Freund, den Dozen­ten, zu einer Aus­spra­che an die Donau bei Fisch­a­mend, einem ehe­ma­li­gen Fischer­dorf im Drei­eck zwi­schen dem Strom, der größ­ten Raf­fi­ne­rie des Lan­des und dem Wie­ner Flug­ha­fen, gebe­ten. Es kam nur sehr sel­ten vor, daß Herr Groll eine Aus­spra­che begehr­te, meis­tens war es der Dozent, der sei­nen Freund zu einem Aus­tausch in ein Innen­stadt-Café bat. In Grolls Augen konn­te es ein Aus­tausch an Bedeu­tung aber mit einer Aus­spra­che nicht auf­neh­men. Einem Aus­tausch haf­te­te ihm zufol­ge etwas min­der Ernst­haf­tes an, das bis zum Unver­bind­li­chen rei­chen konn­te, eine Aus­spra­che hin­ge­gen sei, noch dazu an der Donau, eine erns­te Sache. Im Rah­men einer Aus­spra­che wer­den gesell­schaft­li­che Stra­te­gien erwo­gen und ver­wor­fen und weit­rei­chen­de Per­spek­ti­ven ent­wi­ckelt, die bis hin zur Neu­po­si­tio­nie­rung des Welt­geis­tes und der von ihm kom­man­dier­ten Dämo­nen rei­chen kön­nen. Sie park­ten beim Fisch­re­stau­rant „Ros­ti­ger Anker“ neben der Mün­dung der Fischa in die Donau. Groll mach­te den Dozen­ten auf die vom Besit­zer eigen­hän­dig errich­te­te Ram­pe für geh­be­hin­der­te Men­schen auf­merk­sam.

„Was für ein trau­ri­ger Anblick“, sag­te Groll. „Die ein­zig funk­tio­nel­le Ram­pe im Umkreis von zwan­zig Kilo­me­tern – an der Donau gibt es sogar über sieb­zig Kilo­me­ter nichts Ver­gleich­ba­res – doch das Restau­rant ist geschlos­sen und dem Ver­fall preis­ge­ge­ben.“

Sie nah­men den kur­vi­gen Weg durch die Wie­sen­land­schaft an der Donau. Ursprüng­lich geschot­tert, war die Stra­ße längst in eine unbe­fes­tig­te Pis­te über­ge­gan­gen, die von Pfüt­zen und schlam­mi­gen Stel­len durch­setzt war.

„Sel­ten aber doch kann es gesche­hen, daß auch in per­sön­li­chen Fra­gen die Not­wen­dig­keit einer Aus­spra­che erwächst“, eröff­ne­te Herr Groll das Gespräch. „Die­se aber muß von größ­ter, wenn nicht von lebens­ent­schei­den­der Bedeu­tung sein. Dazu zäh­len Fra­gen von Leben und Tod, wie sie durch den nun­mehr in Öster­reich mög­li­chen assis­tier­ten Sui­zid ver­stärkt gege­ben sind, eben­so wie Fra­gen von ver­sto­ße­ner Lie­be und unstill­ba­rer Eifer­sucht wie neu­lich im ver­schnei­ten Vil­lach, als eine aus­ge­boo­te­te Ehe­frau sich an ihrer Riva­lin und deren Sohn räch­te, indem sie die bei­den mit dem Auto auf einer engen Stra­ße, die beid­seits durch meter­ho­he Schnee­wäch­ten gesäumt war, nie­der­stieß und töte­te. Die Opfer hat­ten kei­ne Chan­ce, der Rache der Ver­sto­ße­nen zu ent­ge­hen. Eine Aus­spra­che hät­te den Opfern wahr­schein­lich das Leben bewahrt, aber zum Wesen einer Aus­spra­che gehört, daß sie von einer Sei­te begehrt wird und die ande­re sich die­sem Begeh­ren nicht ver­schließt. Die Kri­mi­na­li­täts- und Mord­ar­chi­ve sind voll mit ver­pass­ten Aus­spra­chen.“

„Die Zeit für eine Aus­spra­che war in die­sem tra­gi­schen Fall längst ver­stri­chen“, sag­te der Dozent. „Viel­leicht hät­te ein Gesprächs­aus­tausch, der ja weni­ger erden­schwer daher­kommt als eine Aus­spra­che, noch etwas gehol­fen.“

„Sie soll­ten sich doch längst im Kla­ren dar­über sein, daß ein Aus­tausch mit einer Aus­spra­che nicht mit­hal­ten kann“, nahm Herr Groll die Vor­re­de wie­der auf. „Ihre Vor­lie­be für das min­der schar­fe Instru­ment des unver­bind­li­chen Aus­tauschs wur­zelt unzwei­fel­haft in Ihrer groß­bür­ger­li­chen Her­kunft. Auf­ge­wach­sen in einer Indus­tri­el­len­vil­la in Wien-Hiet­zing und ver­se­hen mit den Seg­nun­gen einer Schul­kar­rie­re im The­re­sia­num, sowie einem Stu­di­um der Sozio­lo­gie in Oxford, sind sie den Umgang mit Mil­lio­närs­spröß­lin­gen gewöhnt, die über geschlif­fe­ne Manie­ren, ein selbst­be­wuß­tes Auf­tre­ten und genü­gend Taschen­geld für einen Aston Mar­tin ver­fü­gen. Unver­bind­li­cher Small Talk ist unter die­sen Leu­ten eine belieb­te Dis­zi­plin.“

„Die Devi­anz­for­schung weist nach, daß der Sozi­al­neid zu den beson­ders häß­li­chen Sei­ten der moder­nen gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen zählt“, erwi­der­te der Dozent. Er bemüh­te sich erst gar nicht, sei­nen Ärger zu unter­drü­cken.

Man kön­ne den Sozi­al­neid auch kul­ti­vie­ren, lenk­te Herr Groll ein. Sol­cher­art ver­edelt lie­ßen sich ihm durch­aus pro­duk­ti­ve Sei­ten abge­win­nen. Zu deren wich­tigs­ten zäh­le ein rea­lis­ti­scher Blick auf die Ver­hält­nis­se. Daß den Absol­ven­ten der Eli­te­schu­len und Uni­ver­si­tä­ten aber nicht ohne Grund eine aus­ge­präg­te Wan­kel­mü­tig­keit in den Fra­gen des Lebens nach­ge­sagt wer­de, sei kein Zufall, son­dern eine wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Erkennt­nis.
In schar­fem Kon­trast zur groß­bür­ger­li­chen Her­kunft des Dozen­ten rech­ne­te Herr Groll sich selbst zum vor­städ­ti­schen Sub­pro­le­ta­ri­at, das welt­an­schau­lich auf einem schma­len Grat zwi­schen einem kru­den Mate­ria­lis­mus, rhap­so­dischen Gemüts­la­gen und einer aus­ge­präg­ten Nei­gung zu Hass­at­ta­cken und Gewalt­tä­tig­keit balan­ciert.

„Lücken­haf­te schu­li­sche Kennt­nis­se und pre­kä­re Aus­bil­dungs- und Arbeits­ver­läu­fe ergän­zen sich bei den Jugend­li­chen der Vor­städ­te zu einem toxi­schen Gemen­ge. Nur die aller­we­nigs­ten sind in der Lage, sich zu einer gedie­ge­nen Halb­bil­dung auf­zu­schwin­gen“, fuhr Groll fort. „Ver­tre­ter die­ser Grup­pe, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler schät­zen sie auf fünf­zig bis sech­zig Pro­zent der Bevöl­ke­rung, nei­gen nicht ohne Grund zu Extre­men.“

„Das Auf­wach­sen unter extre­men Bedin­gun­gen begüns­tigt die Her­aus­bil­dung extre­mis­ti­scher Welt­an­schau­un­gen“, assis­tier­te der Dozent.
„Ihre Rede klingt mir zu fata­lis­tisch“, sag­te Groll. „Es gibt in die­ser Fra­ge kei­nen Auto­ma­tis­mus, wohl aber eine star­ke Ten­denz. Aus leid­vol­ler Erfah­rung mit Jugend­li­chen aus der Nach­bar­schaft kann ich Ihnen sagen, daß die zivi­li­sa­to­ri­sche Tün­che bei vie­len dünn ist, sehr dünn. Ande­rer­seits wür­den, eine offe­ne Bil­dungs­land­schaft vor­aus­ge­setzt, nicht weni­ge der Labi­len und Gefähr­de­ten als Trä­ger und Moti­va­to­ren von Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen eine gute Figur machen. So aber fin­den sich unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen, in denen gesell­schaft­li­cher Auf­stieg von man­nig­fa­chen Bar­rie­ren behin­dert wird und Wohl­stand, Bil­dung und beruf­li­cher Erfolg über­wie­gend auf dem Erb­we­ge wei­ter­ge­ge­ben wer­den, unter den männ­li­chen Vor­stadt­pro­le­ta­ri­ern vie­le Sozi­al­hil­fe­be­zie­her und arbeits­lo­se Jugend­li­che, deren exis­ten­zi­el­le Pole durch die Kür­zel AMS und BMW beschrie­ben wer­den müs­sen. Beson­ders schwer haben es in die­sen Krei­sen Mäd­chen, die zu allen struk­tu­rel­len gesell­schaft­li­chen Übeln auch noch unter dem Zwang zur fami­liä­ren Repro­duk­ti­ons­ar­beit und einer damit ein­her­ge­hen­den Unter­drü­ckung durch Fami­lie, Clan-Väter und ‑Brü­der lei­den. Nicht zufäl­lig ist die Impf­quo­te unter den migran­ti­schen Jugend­li­chen und jun­gen Män­nern beson­ders gering. Imp­fen gilt vie­len als unmänn­lich.“

„Alle Men­schen sind Intel­lek­tu­el­le, aber nicht alle Men­schen haben in der Gesell­schaft die Funk­ti­on von Intel­lek­tu­el­len“, erwi­der­te der Dozent.

„Wer sagt das?“

„Der Chef des Tiro­ler Lawi­nen­warn­diens­tes, Rudi Mair, ange­sichts der Lawi­nen­un­fäl­le von Anfang Febru­ar. Es schmer­ze ihn und mache ihn trau­rig, wenn er tage­lang war­ne, war­ne und wie­der war­ne: Und dann gebe es inner­halb von zwei Tagen über 50 regis­trier­te Lawi­nen­un­fäl­le mit neun Toten.“

„Ich dach­te eher, der Satz sei von Anto­nio Gramsci“, sag­te Groll zwei­felnd.

„Oder war es die Gran­de Dame des Libe­ra­lis­mus, Irm­gard Griss“, räum­te der Dozent ein. „Sie wur­de mit den Wor­ten zitiert: ´Die Pan­de­mie hat so gewal­ti­ge Schä­den und so viel mensch­li­ches Leid ver­ur­sacht und wenn es die Mög­lich­keit gibt durch die Imp­fung die Pan­de­mie ein­zu­däm­men, ist es nicht ein­zu­se­hen, dass das nicht gemacht wird. Es ist ja auch die Ver­ant­wor­tung jedes ein­zel­nen das zu tun, was für die Gesell­schaft not­wen­dig ist.“
„Kla­re Wor­te. So ein­fach könn­te es sein“, sag­te Groll. „Frau Griss hat noch ihre fünf Sin­ne bei­sam­men. Und sie schmeißt die Ner­ven nicht weg. Sie bie­dert sich auch nicht auf eine wider­li­che Art bei den ´Frei­heits­kämp­fern‚ an, wie es unser Bun­des­prä­si­dent in sei­ner Neu­jahrs­re­de tat. Man müs­se mit allen reden kön­nen, man müs­se die Leu­te dort abho­len, wo sie sind – ja wo denn sonst? – man dür­fe die Spal­tung der fried­lie­ben­den Gesell­schaft nicht zulas­sen und wei­te­ren ver­harm­lo­sen­den Unsinn.“

Der Dozent zog die Stirn in Fal­ten. „Was haben Sie gegen die­se Punk­te?“

„Alle sind falsch: Es gibt Situa­tio­nen, da kann man nicht mit allen reden, es gibt Leu­te, die sind für immer für die Zivi­li­sa­ti­on ver­lo­ren und bewe­gen sich in obsku­ren Echo­kam­mern. Zwei­tens: die Gesell­schaft ist längst gespal­ten, ich wür­de sogar sagen, sie ist von einem tie­fen Riß zwi­schen jenen, die sich mit den Mit­teln der Wis­sen­schaft und der staats­bür­ger­li­chen Ver­nunft gegen das Virus weh­ren und jenen, die sich wie Tro­glo­dy­ten auf­füh­ren, durch­zo­gen. Wo eine kla­re Aus­sa­ge Not täte, ver­harm­lost er und spielt die gesell­schafts­spren­gen­de Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit die­ser Leu­te hin­un­ter. Selbst­re­dend, daß sich die Kick­ls, Rut­ters und die Kohor­ten von Obsku­ran­tis­ten, die Herr Mate­schitz durch sei­nen Fern­seh­sen­der trei­ben läßt, von der Feig­heit und Hilf­lo­sig­keit der Regie­ren­den ange­spornt füh­len.“

„Das ist ja das Elend“, seufz­te der Dozent. „Mit der Ideo­lo­gie ist es wie beim Mund­ge­ruch, man merkt sie immer nur beim ande­ren.“

„Mit Ver­laub, die­ser Satz ist Unsinn!“

„War­um?“

„Weil es so etwas wie einen ideo­lo­gie­frei­en Raum nicht gibt. Ideo­lo­gie ist so etwas wie die Hin­ter­grund­strah­lung des Uni­ver­sums, sie ist immer da. Und wie die Hin­ter­grund­strah­len des Uni­ver­sums vari­ie­ren auch die Ideo­lo­gien. Ich rede jetzt nicht vom Sun­ja­jew-Sel­do­witsch-Effekt oder ande­ren Inho­mo­ge­ni­tä­ten der Strah­lung.“

„Ange­ber!“ rief der Dozent. „Pla­gia­tor! Das steht doch sicher alles im Netz!“

„Aber nicht jeder ver­mag einen kom­ple­xen Sach­ver­halt in einer Aus­spra­che an pas­sen­der Stel­le zu zitie­ren“, erwi­der­te Groll. „Und das feh­ler­los! Dar­in erweist sich der wah­re Meis­ter, daß er das Wis­sen der Mensch­heit auf­spü­ren und zweck­dien­lich ver­wen­den kann.“

„Gleich wer­den Sie mit Mac­chia­vel­li kom­men, der das sicher­lich auch konn­te!“

„Mac­chia­vel­li war sozu­sa­gen ein Vor­läu­fer von mir. Sie sind auf dem rich­ti­gen Weg“, ver­setz­te Groll.

„Aber wir sind hier auf dem fal­schen“, gab der Dozent zurück. „Er geht all­mäh­lich in eine Schlamm­wüs­te über. Las­sen Sie uns ins Gras aus­wei­chen.“

„Das ist zu hoch für den Roll­stuhl. Außer­dem ist es von Dis­teln durch­setzt. Ich brau­che mei­ne Hän­de noch!“

„Was sol­len wir also tun?“

„Wir könn­ten uns bei der Fischer­hüt­te dort vorn ans Ufer set­zen und nach Schif­fen Aus­schau hal­ten.“

Der Dozent mus­ter­te sei­nen Freund mit einem skep­ti­schen Blick. „Und unse­re Aus­spra­che?“

„Das eine schließt das ande­re nicht aus.“

Und so kam es, daß die bei­den sich ein kur­zes Stück durch das hohe Gras zum Donau­ufer kämpf­ten. Vor der Fischer­hüt­te – sie war ver­waist – nutz­ten sie ein akku­rat gemäh­tes Rasen­stück vor den Ein­gangs­stu­fen und bezo­gen dort Stel­lung. Zuvor hat­te der Dozent sein Rad an einen Gerä­te­schup­pen gelehnt. Die Dau­bel war hoch­ge­zo­gen, auf der Donau war kein Fracht­schiff zu sehen.

„Gehe ich recht in der Annah­me, daß Sie mich nicht wegen der Hin­ter­grund­strah­lung des Kos­mos an die Donau gebe­ten haben?“ frag­te der Dozent.
„So ist es“, ant­wor­te­te Herr Groll ernst. „Ich möch­te mit Ihnen über das Ver­sa­gen der Lin­ken in der Bekämp­fung der Pan­de­mie spre­chen.“

Der Dozent setz­te ein iro­ni­sches Lächeln auf. „Da lau­fen sie bei mir eine offe­ne Tür ein. Ich fra­ge mich auch schon die längs­te Zeit, war­um die Lin­ke, die ja sonst mit Vor­schlä­gen und Theo­rien nicht zurück­hal­tend ist, im Fal­le des Coro­na-Virus so schweig­sam ist. Als hät­te es ihr die Rede ver­schla­gen. Bit­te tra­gen Sie Ihre Argu­men­te vor.“

Der Dozent hol­te Notiz­buch und Füll­fe­der aus sei­nem Sport­ja­ckett her­vor. Herr Groll setz­te sich im Roll­stuhl zurecht.

„Ihre Beob­ach­tung, ver­ehr­ter Freund, ist rich­tig“, lei­te­te er ein. „In der größ­ten Gesund­heits­kri­se seit den bei­den Welt­krie­gen glänzt die Lin­ke durch Abwe­sen­heit und Ver­wir­rung. Sie igno­riert wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se, weil sie von der Phar­ma­in­dus­trie stam­men, dabei hät­te sie das begriff­li­che Rüst­zeug zur Hand, das aus einer Natur­ka­ta­stro­phe ein letzt­lich doch beherrsch­ba­res Phä­no­men macht. Natür­lich erwirt­schaf­ten Pfi­zer und Co mit der Pan­de­mie Extra­pro­fi­te. Mono­po­le wach­sen in der Kri­se, das wuß­ten nicht erst die mar­xis­ti­schen Öko­no­men der sieb­zi­ger Jah­re. Die Kon­zer­ne gehor­chen dem Ver­wer­tungs­zwang, schließ­lich gibt es ja auch unter den Mono­po­len Kon­kur­renz. Aber, und die­ses aber wiegt schwe­rer als jeder Akti­en­ge­winn, auch das soll­te für die Lin­ke nichts Neu­es sein. Schon Marx äußert sich ange­sichts der Wand­lungs­fä­hig­keit und Inno­va­ti­ons­kraft des Kapi­ta­lis­mus nicht nur in sei­nen „Mehr­wert­theo­rien“ tief beein­druckt.

Mit der Pan­de­mie ver­hält es sich eben­so. Wür­de man den Begriff Dia­lek­tik nicht wie eine Mons­tranz vor sich her­tra­gen, son­dern im kon­kre­ten Den­ken und Han­deln ange­wandt haben, hät­te man unschwer dia­gnos­ti­zie­ren kön­nen, daß die Ret­tung der meis­ten Men­schen vor mör­de­ri­schen Todes­wel­len neben der seit der Anti­ke bewähr­ten Kon­takt­re­duk­ti­on die in weni­gen Mona­ten zur Pro­duk­ti­ons­rei­fe gebrach­ten Vak­zi­ne der Phar­ma­kon­zer­ne sind. Die damit Extra­pro­fi­te machen – und wei­ter­hin machen wer­den. So ist der Lauf der Din­ge im Kapi­ta­lis­mus, und er wird von der Pan­de­mie nicht auf­ge­ho­ben, son­dern ver­stärkt. Nie­man­dem stün­de es bes­ser an, die­se Dia­lek­tik der Pan­de­mie bes­ser zu ver­ste­hen als der Lin­ken. Groß­ar­ti­ge wis­sen­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Leis­tun­gen der Phar­ma­kon­zer­ne, die Mil­lio­nen Tote ver­hin­dern, und gleich­zei­tig pri­va­te Aneig­nung des dadurch geschöpf­ten Mehr­werts als Pro­fit – wobei ein erkleck­li­cher Teil der For­schungs­mit­tel aus öffent­li­chen Quel­len stammt, die Kon­zer­ne sind für Know How, Pro­duk­ti­on und Ver­trieb ver­ant­wort­lich. So und nicht anders funk­tio­niert der Staats­mo­no­po­lis­ti­sche Kapi­ta­lis­mus.“

Der Dozent beob­ach­te­te einen Padd­ler, der in der Schif­fahrts­rin­ne tal­wärts fuhr. Er wink­te ihm zu.

„Erwar­ten Sie nicht, daß er zurück grüßt“, bemerk­te Groll. „Er braucht sei­ne Hän­de für die Sta­bi­li­tät des Boots. Aber las­sen Sie uns fort­set­zen:
Wenn das ein­ge­setz­te Kapi­tal sich für eine gewis­se Zeit im Gesund­heits­be­reich eben­so gut oder sogar bes­ser ver­wer­tet als im Rüs­tungs- oder IT-Sek­tor, dann wird eben die­ser Zweig for­ciert. Daß dies zum Nut­zen der Mensch­heit geschieht, ist vom Stand­punkt der Kapi­tal­ver­wer­tung aus gese­hen, nichts ande­res als ein Kol­la­te­ral­scha­den. Man nimmt ihn in Kauf wie einen war­men Som­mer­re­gen.“

„Man täte sich jetzt leich­ter, wenn man das eige­ne sil­ber­ne Wis­sens­be­steck nicht in einer Kom­mo­de ver­stau­ben hät­te las­sen“, ergänz­te der Dozent, der Ein­tra­gun­gen in sein Notiz­buch vor­nahm.

„So rächt sich der fahr­läs­si­ge Umgang mit den müh­sam erar­bei­te­ten eige­nen Denk­werk­zeu­gen“, fuhr Groll fort. „Anstatt mit sach­lich rich­ti­gen, auf­mun­tern­den, ja empa­thi­schen Paro­len vor­an­zu­ge­hen, duckt die Lin­ke sich weg. Anstatt den Unsi­che­ren und Schwan­ken­den Rat und Ansporn zu geben, ver­wei­gert sie jeden Anschein einer intel­lek­tu­el­len Füh­rung. Statt den weni­ger Gebil­de­ten Ori­en­tie­rung und Infor­ma­ti­on zu rei­chen, schaut sie sel­ber betre­ten zur Sei­te, wenn ein Drit­tel der Coro­na-Todes­op­fer in Pfle­ge­hei­men ver­zeich­net wer­den. Statt für eine Impf­pflicht – nicht nur im Gesund­heits- und Pfle­ge­be­reich – zu kämp­fen, ver­sagt sie auch hier. Sie fürch­tet sich vor ihrer Kli­en­tel, deren Gehir­ne von social media und dem Bou­le­vard ver­heert sind. Einem Bou­le­vard, der maß­geb­lich von der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Lin­ken geschaf­fen wur­de. Den­ken Sie an die Geschich­te der Kro­nen Zei­tung, die Anfang der 60er Jah­re mit Gewerk­schafts­gel­dern gegrün­det wur­de und mit ihren Sta­berls und Rei­manns den Bou­le­vard ins Rechts­extre­me aus­dehn­te und den Auf­stieg eines Jörg Hai­der maß­geb­lich unter­stütz­te. Und den­ken Sie an die hor­ren­den Pres­se­för­de­run­gen für das Fell­ner-Medi­en­haus und die Inse­ra­ten­flut durch die Wie­ner Stadt­re­gie­rung. Ich erin­ne­re mich an eine Epi­so­de aus der Fay­mann-Ära der 90er und frü­hen 2000er Jah­re. Sie wis­sen, daß der SPÖ-Kanz­ler bei Dich­ands wohl gelit­ten war und wie ein Fami­li­en­mit­glied behan­delt wur­de. Wenn man die SPÖ-Zen­tra­le neben dem Café Landt­mann betrat, befand sich recht­erhand ein lan­ges Pult, auf dem eine beein­dru­cken­de Viel­falt an Welt­zei­tun­gen aus­ge­legt war. Eines Tages aber war die Welt in der Löwel­stra­ße ver­schwun­den, wie in den Hotels von Ceauşes­cu-Rumä­ni­en lagen Dut­zen­de Exem­pla­re einer ein­zi­gen Zei­tung aus. Sie ahnen, um wel­che es sich han­del­te. Der Kanz­ler will es so, hieß es, als ich den Por­tier nach dem Grund des Zei­tungs­ster­bens in der SPÖ-Par­tei­zen­tra­le frag­te.“

Er wis­se sehr gut, daß der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Ein­satz gegen Popu­lis­mus und Rechts­extre­mis­mus im Medi­en­be­reich eben­so hohl war wie die sei­ner­zei­ti­gen Ver­si­che­run­gen des KPÖ-Vor­sit­zen­den Muhri, Atom­kraft­wer­ke im Wes­ten sei­en – da von pro­fit­ge­trie­be­nen Kon­zer­nen betrie­ben – abzu­leh­nen. Anders ver­hal­te es sich mit den Kern­kraft­wer­ken im Rea­len Sozia­lis­mus, die­se sei­en – da unter stän­di­ger demo­kra­ti­scher Kon­trol­le des Vol­kes – sicher.

„Was in Tscher­no­byl zu bewei­sen war“, stimm­te Groll zu. „Gewerk­schaf­ten, Arbei­ter­kam­mern, lin­ke Ein­zel­kämp­fer der SPÖ und die Orga­ni­sa­ti­ons­res­te der KPÖ wir­ken, als sei­en sie von einem poli­ti­schen Long Covid Syn­drom erfaßt, es herr­schen Ver­wir­rung und Antriebs­lo­sig­keit. Auch bei den tap­fe­ren Genos­sen und Genos­sin­nen der stei­ri­schen und Gra­zer KPÖ regie­ren Mut­lo­sig­keit und Defä­tis­mus. Nicht ein­mal die Tat­sa­che, daß sie, die seit sieb­zig Jah­ren den Anti­fa­schis­mus eben­so hoch gehal­ten haben wie die Volks­ge­sund­heit, jetzt nichts dage­gen haben, am Höhe­punkt der Pan­de­mie mit Nazis, Anti­se­mi­ten, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern und poli­tisch hoch­gra­dig ver­wirr­ten Per­so­nen in einer Rei­he zu ste­hen. Daß Beschäf­tig­te des Gesund­heits­sek­tors immer öfter und immer aggres­si­ver von durch­ge­dreh­ten und kri­mi­nel­len ´Frei­heits­kämp­fern‚ und ´Kämp­fe­rin­nen‚ beschimpft, bedroht und bespuckt wer­den, ficht sie nicht an. Kaum, daß sie halb­her­zi­ge und müde Wor­te des Bedau­erns fin­den. Daß Bür­ger­meis­ter, die sich für die Impf­pflicht aus­spre­chen, und ihre Fami­li­en mit Mord­dro­hun­gen über­zo­gen wer­den, ist den öster­rei­chi­schen Lin­ken kaum ein Wort des Pro­tests oder der Ver­ur­tei­lung wert. Man schweigt.“

„Und wenn der ers­te ´ver­wirr­te Ein­zel­tä­ter‚ eine Ärz­tin oder einen Kran­ken­pfle­ger ermor­det, fin­det man sich zu einer Pflicht­de­mons­tra­ti­on ein und schweigt wei­ter. Es hat fast den Anschein, als wol­le die Lin­ke die Pan­de­mie aus­sit­zen wie die Sozi­al­de­mo­kra­tie das NS-Regime“, schluß­fol­ger­te der Dozent.

„Gut gesagt, ver­ehr­ter Dozent“, sag­te Groll. „Nur daß sie sich die­ses Mal auch der Unter­stüt­zung der kom­mu­nis­ti­schen Rest­grup­pen sicher sein kann. Bekannt­lich gibt es in der Poli­tik kein Vaku­um. Also wer­den die Ultra­rech­ten auf den Coro­na­wel­len in Stadt und Land in die Regie­run­gen gespült. Und wie­der wird ein Ent­set­zens­schrei durch die Lan­de gehen: Wie konn­te das nur gesche­hen!? Wie war das mög­lich!?“

„Hören Sie auf! Mit ihren dys­to­pi­schen Visio­nen brin­gen Sie mich noch dazu, in die Donau zu sprin­gen!“ Der Dozent klapp­te sein Notiz­buch zu und sag­te unsi­cher. „Wer weiß … viel­leicht ist es doch bes­ser, mit den Men­schen zu irren, als gegen sie Recht zu behal­ten?“

„An Sät­zen wie die­sem und der Pra­xis, die er anlei­te­te, ist der Rea­le Sozia­lis­mus zugrun­de gegan­gen“, erwi­der­te Groll. „Anfangs trug er die Welt unter dem Arm und eröff­ne­te den Armen und Getre­te­nen neue Per­spek­ti­ven, am Schluß war er nur mehr ein hoh­les Gebäu­de aus ble­cher­nen Phra­sen und hoh­len Ritua­len.“

„Es gab kei­nen Aus­tausch, schon gar kei­ne Aus­spra­chen mehr“, mur­mel­te der Dozent.

„Coro­na beschert uns ein beklem­men­des Schau­spiel. Wir sind Zeu­gen eines welt­his­to­ri­schen Abtritts, ver­ehr­ter Freund! Die Rest­lin­ke löst sich auf wie Eis­bro­cken im Schmelz­was­ser. Die Lin­ke als geschichts­ge­stal­ten­de Kraft dankt end­gül­tig ab. Sie ver­spielt die Mög­lich­kei­ten, die die Gegen­wart in rei­cher Zahl bie­tet, und wer die Gegen­wart ver­spielt, braucht sich über die Zukunft kei­ne Sor­gen mehr zu machen. Die Lin­ke hat den Zugriff auf die Wirk­lich­keit ver­lo­ren, sie ist ins Reich der Geschich­te abge­wan­dert. Ein Fall für His­to­ri­ke­rIn­nen der Arbei­ter­be­we­gung. Die Lin­ke ist Geschich­te.“

„In der Geschich­te der Mensch­heit sind vie­le Rei­che unter­ge­gan­gen und den­noch ging es irgend­wie wei­ter“ wand­te der Dozent ein. „Meis­tens wur­den die Din­ge schlim­mer. Ich weiß nur, daß die tota­le Herr­schaft des Kapi­ta­lis­mus schon vor gerau­mer Zeit begon­nen hat. An sich sel­ber wird er nicht zugrun­de gehen, wie Otto Bau­er und ande­re vor hun­dert Jah­ren hoff­ten. Er hat sei­ne größ­te Zeit noch vor sich, und Sie kön­nen das auch als Dro­hung ver­ste­hen. Und kei­ne orga­ni­sier­te Kraft wird ihn stö­ren.“

„Das sagen Sie als alter Lin­ker!?“

„Ich bin zu alt, um mei­ne Prä­gun­gen ver­ges­sen zu kön­nen und ver­leug­nen will ich sie schon gar nicht! Und die dra­ma­ti­sche Ader in mir spricht dafür, daß ich bis zum Ende ein Lin­ker blei­ben wer­de. Im Gegen­satz zu den vie­len Fah­nen­flüch­ti­gen der Lin­ken von Gior­gio Agam­ben über Sahra Wagen­knecht bis zum Jugend­for­scher Bern­hard Heinz­l­mai­er wer­de ich das Lager nicht wech­seln.“

„Sie mei­nen, wenn ein Gebäu­de ein­stürzt und eine Wol­ke aus Staub und Schutt den Him­mel ver­dun­kelt, könn­te sich irgend­wann etwas Neu­es bil­den …“

„Unsinn. Das Den­ken eines Mar­xis­ten kann doch vor dem eige­nen Hau­fen nicht halt­ma­chen!“

„Aber irgend­et­was wird blei­ben, so leicht las­se ich Sie nicht davon­kom­men!“

„Nichts wird blei­ben. Nicht ein­mal die Erin­ne­rung wird sich hal­ten.“

Der Dozent schwieg. Dann sag­te er lei­se: “Das muß sehr schmerz­lich für Sie sein …“

„Spa­ren Sie sich Ihr bour­geoi­ses Mit­leid, erwi­der­te Groll schroff. „Schau­en Sie lie­ber, daß eine ordent­li­che Ver­mö­gens- und Erb­schafts­steu­er zur Finan­zie­rung des Gesund­heits- und Pfle­ge­we­sens ein­ge­führt wird.“

Mit einer weit aus­ho­len­den Bewe­gung warf er einen Ast in die Donau. Er wur­de von einem Stru­del erfaßt und dreh­te sich län­ge­re Zeit im Kreis, bevor er unter­ging.

„Ver­ehr­ter Dozent, ich dan­ke für die Aus­spra­che“, sag­te Herr Groll dann. „Sie hat eini­ge Din­ge in mei­nem Kopf wie­der gera­de gerückt.“

„Ich weiß zwar nicht wie und wodurch …“ stam­mel­te der Sozio­lo­ge. „Aber wenn es gehol­fen hat, dann freue ich mich.“

„Es hat gehol­fen, glau­ben Sie mir. Ich sehe die Din­ge jetzt kla­rer.“

Nun warf auch der Dozent ein Stück Holz ins Was­ser. Nach eini­gem Krei­sen wur­de es vom Stru­del in die Tie­fe gezo­gen. Auf Höhe der Schwal­ben­in­sel hat­te Groll einen lang­sam berg­wärts fah­ren­den Schub­ver­band aus­ge­macht. Er hol­te sein Fern­glas aus dem Roll­stuhl­netz.

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Erwin Riess, geb. 1957 in Wien, auf­ge­wach­sen in Krems, Stu­di­um der Poli­tik- und Thea­ter­wis­sen­schaft in Wien, Akti­vist der Inde­pen­dent Living Bewe­gung behin­der­ter Men­schen, län­ge­re Auf­ent­hal­te an der NYU/New York, schreibt Thea­ter­stü­cke, zuletzt: „Das Tscher­no­byl-Expe­ri­ment“, Hin und Weg­thea­ter­fes­ti­val Lit­schau 2019, „Herr Grill­par­zer fasst sich ein Herz und fährt mit einem Donau­damp­fer ans Schwar­ze Meer“, Wort­wie­ge Kase­mat­ten Wie­ner Neu­stadt ab 24.2.2022. Roma­ne, zuletzt: Herr Groll und die Wöl­fe von Salz­burg, Otto Mül­ler Ver­lag, (der ach­te Groll-Roman) 2021 sowie Essays und Kurz­ge­schich­ten vom Herrn Groll u. a. für Kon­kret, Jun­ge Welt, Augus­tin, Die Pres­se etc.

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Mit dem hier publi­zier­ten Bei­trag soll­te die Rei­he Hier und Heu­te ursprüng­lich enden. Gedacht war sie als eine ein­mal wöchent­li­che lite­ra­ri­sche Inter­ven­ti­on zur bes­se­ren Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se. Kon­zi­piert war sie für ein Jahr, danach soll­te der Lite­ra­tur­be­trieb wie­der in gewohn­ter Wei­se funk­tio­nie­ren. Das ist nicht der Fall. Soeben wur­de die Leip­zi­ger Buch­mes­se das drit­te Mal in Fol­ge abge­sagt. Wir set­zen daher die Rei­he fort, und zwar bis zur Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023, die Öster­reich zum Län­der­schwer­punkt hat.

Online seit: 18. Febru­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 18. Feb. 2022