Das Ein-Mann-Zelt

Von Simo­ne Hirth. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 50
Simone Hirth © A. Königsecker

Simo­ne Hirth. Foto: A. Königs­ecker

Will­kom­men in der Tier­ecke!
Das ist alles noch sehr neu hier für mich. Bis vor Kur­zem habe ich mich in einem ganz ande­ren Bereich bewegt. Sie ken­nen mich sicher. Daher gleich zu Beginn eine Bit­te: Ver­ges­sen Sie mich! Ver­ges­sen Sie alles!

(Manch­mal, nachts, wenn ich in mei­nem Zelt lie­ge, und nichts zu hören ist außer dem
ent­fern­ten Rau­schen der Auto­bahn, den­ke ich: Es ist viel­leicht nicht der Ver­kehr, der
da rauscht. Es ist viel­leicht ein bis­her unbe­kann­ter Wind.)

Ich wer­de mich ab jetzt die­sen nied­li­chen Geschöp­fen wid­men. Nichts mehr. Und nichts weni­ger. Ich wer­de sie Ihnen vor­stel­len, eins nach dem ande­ren, so ehr­lich wie mög­lich. Ich möch­te nicht an Ihr Herz appel­lie­ren, son­dern an Ihren Ver­stand. Über­le­gen Sie gut, bevor Sie sich etwas ins Haus holen, das dann bleibt. Ich weiß, wovon ich spre­che. Ich habe erst kürzlich mein Haus ver­kauft. Mit allem drum und dran. Ich bin noch immer nicht alles los, was ein­mal mit mir dar­in wohn­te. Eini­ges davon zog unge­fragt mit mir in das Ein-Mann-Zelt, in dem ich jetzt lebe. Ich kann nur hof­fen, dass der Win­ter kalt und das Leben im Zelt dann ungemütlich wird. Dann erst wer­de ich allein sein, allein aus­har­ren, mich ein­rich­ten in Gram und Ver­derb­nis, und end­lich auf­at­men. Zum Teu­fel mit der Gast­freund­schaft!
Aber das ist ein ande­res The­ma. Und auf kal­te Win­ter ist kein Ver­lass mehr. Das ist ein viel zu wei­tes Feld. Ich gebe zu, ich habe den Bau­er besto­chen, damit ich mein Zelt dar­auf stel­len kann. Der Bau­er wird das Feld ver­kau­fen, denn des­sen Bewirt­schaf­tung ren­tiert sich nicht mehr. Und Effi würde mit den Ohren schla­ckern, wenn sie wüsste, wie es zugeht, wie es zuge­hen kann, in ande­ren Ehen, in ande­ren Bezie­hun­gen, heut­zu­ta­ge, und wohin man schaut.

Will­kom­men in der Tier­ecke!
Begin­nen wir mit die­sem nied­li­chen Lämm­chen. Effi hät­te ihre Freu­de damit. Das Lämm­chen ist aus­ge­ris­sen. Ich sam­mel­te es auf dem Pan­nen­strei­fen der Auto­bahn ein. Ich war auf dem Weg zum U‑Ausschuss, Sie haben sicher davon gehört, wegen die­ser unan­ge­neh­men Sache, alle wis­sen ja eigent­lich davon, nur eben die Leu­te im Par­la­ment nicht, oder nicht so genau, und des­halb gibt es jetzt einen U‑Ausschuss.
Das Lämm­chen stand auf dem Pan­nen­strei­fen und war im Begriff, die Fahr­bahn zu betre­ten. Ich leg­te eine Voll­brem­sung ein. Kam ein Stück wei­ter auf dem Pan­nen­strei­fen zum Ste­hen, riss die Autotür auf, sprin­te­te zurück und schnapp­te das Tier.
Erst im Auto sahen wir uns an. Und wir erkann­ten uns.
Wir woll­ten bei­de nicht geschlach­tet wer­den. Wir woll­ten auch nicht hei­ra­ten. Und Freun­de wer­den woll­ten wir auch nicht.
Wir woll­ten Geld. Und eine neue Unschuld.
Ich fuhr bei der nächs­ten Gele­gen­heit von der Auto­bahn ab und hielt an einer Wie­se. Es ist eine Wie­se ja heut­zu­ta­ge längst kei­ne Wie­se mehr, son­dern meis­tens Pri­vat­grund. Es war also klar: Wir konn­ten hier nicht lan­ge blei­ben. Schon gar nicht gra­sen. Wir brauch­ten einen Plan.
Was für ein Blöd­sinn, wer­den Sie jetzt den­ken. Sie haben Recht. Und das ist der Punkt. Das Lämm­chen und ich, wir lach­ten. Weil es Blöd­sinn ist, und weil es kei­nen Plan geben kann. Und weil alle irgend­wann geschlach­tet wer­den, oder ans Hei­ra­ten
den­ken, oder Freund­schaft schlie­ßen, oder zu wei­nen begin­nen und zuse­hen, dass sie ver­schwin­den.
Wir lach­ten so lan­ge, bis wir Bauch­schmer­zen beka­men. In all den Jah­ren im Par­la­ment habe ich nie­mals so viel gelacht. Beim Lachen bin ich nackt, und die Nackt­heit hät­te mich ver­ra­ten. Nackt hat man im Par­la­ment nichts ver­lo­ren. Und lachend kann man kei­ne Anspra­che hal­ten. Ich war immer ein ordent­li­cher Par­la­men­ta­ri­er. Und Schnaps trank ich nur im Urlaub, auf Mit­tel­meer­in­seln, im frei­en Fall. Effi hat mich immer wie­der dar­an erin­nert, dass es nicht gut sei. Für den Kreis­lauf nicht, und auch nicht für den Geist. Effi sieht immer überall Geis­ter. Sie ver­fällt mit­un­ter der Eso­te­rik. Ich neh­me sie daher meis­tens nicht ernst. Das Lämm­chen und ich, wir lach­ten, bis uns die Luft aus­blieb. Erst dann besan­nen wir uns, stie­gen wie­der ins Auto und fuh­ren zu einem Out­door­ge­schäft, um ein Zelt zu kau­fen. Ich habe das Zelt ja bereits erwähnt. Es ist ein Ein-Mann-Zelt. Es taugt
nicht zu einer Arche. Daher muss ich das Lämm­chen jetzt wie­der los­wer­den. Genug gelacht. Es muss wei­ter­ge­hen. Es war­ten noch ande­re Tie­re dar­auf, an die Rei­he zu kom­men.
Also: Wer kümmert sich um das Lämm­chen, bevor es geschlach­tet wird? Ich sage Ihnen, das wird teu­er.

Moment, jetzt ruft Effi an. Effi ruft immer öfter an, seit ich drau­ßen bin. Ich weiß nicht, was in sie gefah­ren ist. Sie glaubt anschei­nend, mir gut zure­den zu müssen. Sie behaup­tet neu­er­dings sogar, mei­ne Schwes­ter zu sein. Aber was soll ich mit ihrem wei­bi­schen Zuspruch. Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Frau­en. Aber ich habe kei­ne Schwes­ter. Und ich fin­de Effis Gefa­sel von feh­len­der Brüderlichkeit und unglei­chen Chan­cen nicht nur unan­ge­bracht, son­dern prä­po­tent
und läs­tig.
Ich will mich nicht mit Effi aus­ein­an­der­set­zen. Sie gehört in ihr Jahr­hun­dert und dort soll sie blei­ben. Ich will kei­ne Schwes­ter. Wenn ich eine Frau will, bestell ich mir eine her.
So, das wär das.

(Es ist viel­leicht ein Wind und kein Ver­kehr, den­ke ich, nachts, in mei­nem klei­nen Zelt lie­gend, ein ganz lei­ser, fast unhör­ba­rer Wind, schwach noch, und nicht imstan­de, an etwas zu rütteln. Ein Wind, der erst auf­kommt, der ledig­lich Luft holt, bevor er zukünftig bla­sen wird, der aber näher kommt, und, vor­erst nur ganz sanft, fast unmerk­lich, die ers­ten Gras­hal­me bewegt.)

Machen wir wei­ter mit dem Kätz­chen. Das Kätz­chen ist ein wirk­lich kom­pli­zier­ter Fall. Wenn Sie mich fra­gen, ist die­ses Kätz­chen ein­fach hys­te­risch. Es sind Kätz­chen ja bekannt dafür, ein wenig, nun, nen­nen wir es „eigen“ zu sein. Die­ses Kätz­chen ist nicht nur eigen, es nervt so rich­tig.
Ich fand das Kätz­chen maun­zend vor der Eingangstür zum Gericht. Ich hat­te dort an die­sem Tag einen Ter­min, wegen dem lei­di­gen U‑Ausschuss, bei dem kei­ner sich mehr aus­kennt, jeden­falls nie­mand aus dem Par­la­ment. Daher lan­det nun alles
diesbezüglich stän­dig bei Gericht. Sie ken­nen sich ver­mut­lich aus, ich erspa­re mir also, die­ses The­ma aus­zu­brei­ten.
Jeden­falls saß vor dem Gerichts­ge­bäu­de das strup­pi­ge Kätz­chen und woll­te hin­ein, um sich schei­den zu las­sen. Außer­dem woll­te es eine einst­wei­li­ge Verfügung gegen den zukünftigen Ex-Kater bean­tra­gen. Er habe nicht gebis­sen, aber er habe gefaucht, maunz­te das Kätz­chen.
Soweit ich weiß, tun Kater das bis­wei­len, sag­te ich.
Natürlich, sag­te das Kätz­chen, aber das heißt ja wohl nicht, dass ich das aus­hal­ten muss. Er hat mich ange­faucht. Und nicht gera­de lei­se. Er hat mich ange­se­hen, als wol­le er, als – ich traue es mich kaum zu sagen. Ich habe um mein Leben gebangt.
Und nur, weil kei­ner die­ses unmä­ßig lau­te Fau­chen gehört und kei­ner die­sen Blick gese­hen hat, und weil alle davon aus­ge­hen, dass Katern das eben manch­mal so pas­siert, ste­he ich jetzt hier wie der letz­te Depp.
Das Kätz­chen maunz­te immer lau­ter und höher. Wirk­lich unan­ge­neh­me Lau­te gab es von sich.
Ich schnapp­te es mir und mach­te kehrt. Die­ses Kätz­chen muss­te hier weg, bevor es in sei­ner Hys­te­rie das gan­ze Gericht auf­wir­bel­te. Und Schei­dung, also bit­te, das kann doch wohl heut­zu­ta­ge kein so gro­ßes Pro­blem mehr sein, dass man der­art maun­zen muss. Dass man mal den Fal­schen hei­ra­tet, weil das Hei­ra­ten einem pas­siert wie ein letz­tes Stam­perl Schnaps, das man eigent­lich ableh­nen soll­te, das weiß doch wirk­lich jeder in die­sem Jahr­hun­dert. Das ist noch lan­ge kein Grund, so ein Thea­ter zu ver­an­stal­ten. Wo leben wir denn?
Ich brach­te das Kätz­chen zu mei­nem Zelt und sperr­te es in mei­nen Schlaf­sack. Es maunz­te stun­den­lang, bis es ein­schlief.
Sehen Sie, es schläft noch! Nied­lich, nicht wahr?
Ich habe ihm das zer­zaus­te Fell nun ein wenig gekämmt, damit es nicht all­zu lie­der­lich aus­schaut. Ich habe es im Schlaf auch ent­floht und ent­wurmt. Kein Mensch braucht Para­si­ten, wenn er schon ein anstren­gen­des Kätz­chen auf­nimmt. Wer also möch­te das Kätz­chen bei sich auf­neh­men? Sie soll­ten jetzt schnell sein, bevor es auf­wacht und wei­ter sei­ne Lei­er von sub­ti­ler Gewalt, Unterdrückung und patri­ar­cha­ler Igno­ranz maunzt. Wenn Sie es dann bei sich haben, krau­len Sie es. Krau­len Sie es bis zum Geht­nicht­mehr, dann wird es irgend­wann, wenn Sie Glück haben, zahm sein und schnur­ren. Soll­te sich nie­mand mel­den, erträn­ke ich es im Tümpel.

A pro­pos Tümpel: Kom­men wir jetzt zu einem etwas weni­ger nied­li­chen Zeit­ge­nos­sen. Der Karp­fen!
Der Karp­fen reg­te sich nicht und starr­te mich an. Sei­ne Augen dreh­ten sich lang­sam mit, sobald ich mich zur Sei­te beweg­te. Zwei win­zi­ge Über­wa­chungs­ka­me­ras. Ich stand am Ran­de des Tümpels, weil ich nach­schau­en woll­te, ob der Stein, in den etwas bezüglich des läs­ti­gen U‑Ausschusses gemei­ßelt stand, auch tief genug ver­senkt wor­den war. Ich konn­te den Stein nicht erbli­cken, was bedeu­ten konn­te, dass er wirk­lich und ein für alle Mal im Tümpel ver­schwun­den war, oder aber, dass jemand
ihn gefun­den und wie­der mit­ge­nom­men hat­te. Ich kam nicht dazu, län­ger über den Stein nach­zu­den­ken, weil der Karp­fen nicht auf­hör­te, mich anzu­star­ren. Hast du nichts zu tun, frag­te ich den Karp­fen.
Er schüttelte lang­sam und schwei­gend den Kopf.
Sind da kei­ne ande­ren Karp­fen, mit denen du dich tum­meln kannst, frag­te ich wei­ter.
Der Karp­fen schüttelte den Kopf.
Ich ging einen Schritt zur Sei­te. Sei­ne Kame­ra­au­gen wan­der­ten mit, blie­ben auf mich gerich­tet.
Also was willst du, frag­te ich, zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas ner­vös.
Der Karp­fen schwieg.
Ich stieg ins Was­ser, er rührte sich nicht. Da pack­te ich ihn mit bei­den Armen und zog ihn her­aus. Ich woll­te jetzt wis­sen, ob er wirk­lich ein Fisch war oder eine gut ver­klei­de­te Droh­ne.
Er war defi­ni­tiv ein Fisch. Kein Reiß­ver­schluss, kei­ne Schrau­ben, kein Motor. Ich warf ihn zurück ins Was­ser, er schwamm nicht davon. Starr­te mich an. Ich ging. Ich ging zehn Schrit­te, dann blieb ich ste­hen. Den Karp­fen­blick im Nacken. Ich
konn­te nicht wei­ter.
Mit sei­nem stu­ren Blick hat die­ser fet­te Karp­fen mich gekriegt. Ich hiev­te ihn ein zwei­tes Mal aus dem Was­ser und nahm ihn mit. Jetzt liegt er hier neben mei­nem Zelt in einem alten Wasch­zu­ber. Der Wasch­zu­ber ist viel zu klein für das rie­si­ge Tier, es ist
nie ganz mit Was­ser bedeckt, sodass ich regel­mä­ßig mit der Gieß­kan­ne drüber muss. Als hät­te ich nichts Bes­se­res zu tun!
Daher: Wer will die­sen däm­li­chen Karp­fen? Er ist sehr anhäng­lich und treu, sehr still und eben ein biss­chen dumm, wie mir scheint. Aber er ist sicher ein guter Freund, wenn man einen haben will. Zur Not kann man auch mit ihm kuscheln, wenn man auf Glit­schi­ges steht. Ich will Ihre per­ver­sen Vor­lie­ben aber eigent­lich nicht wis­sen, ich will nur die­sen Fisch los­wer­den. Und ich gebe zu: Er ist mir noch immer nicht ganz geheu­er. Viel­leicht bin ich para­no­id. Wäre kein Wun­der, nach all dem Hick­hack mit
dem U‑Ausschuss. Aber das soll jetzt nicht Ihr Pro­blem sein! Neh­men Sie mir die­sen Karp­fen ab! Sie kön­nen ihn zur Not auch essen. Mir ist er zu fett.

Jetzt ruft schon wie­der Effi an. Klei­nen Moment.
Nein Effi, ich will nicht wis­sen, was die Leu­te reden. Woll­test du es wis­sen? Du hast doch nur den Mumm nicht gehabt, ein Leben wie ich zu führen. Dei­ner Epo­che wirk­lich den Rücken zu keh­ren. Sieh mich an, ich bin kon­se­quent! Ich lebe jetzt ein
Leben in der Zukunft, im Ein­klang mit der Natur, ohne Schnick­schnack. Zum Teu­fel mit dem Par­la­ment. Das ist ein Hau­fen ahnungs­lo­ser Idio­ten, die wis­sen nicht mal, wie man Feu­er macht. Das freie Leben, das ich jetzt führe, das hät­test du auch haben kön­nen. Erzähl mir nichts von Chan­cen­un­gleich­heit und Dis­kri­mi­nie­rung. Du bist und du bleibst ein nai­ves, ver­wöhn­tes Gör. Nie und nim­mer schaffst du es ins Par­la­ment. Bewirb dich doch an der Kunst­hoch­schu­le, mal was, oder, mei­net­we­gen, wer­de Poli­zis­tin oder Inge­nieu­rin oder von was du sonst glaubst, es könn­te dich gleich­stel­len. Aber bleib mir fern. Das Leben in einem Ein-Mann-Zelt, das hältst du nicht aus. Nie und nim­mer bist du mei­ne Schwes­ter. Und ich will wirk­lich kei­ne. Ich bin mir selbst genug.

(Es ist kit­schig, den­ke ich, nachts, allein, ich will sowas nicht den­ken jetzt, den­ke ich, in mei­nem Ein-Mann-Zelt, das gehört nicht hier­her. Die Auto­bahn bleibt die Auto­bahn, der Ver­kehr bleibt Lärm, und nichts wei­ter, den­ke ich, kei­ne frem­den Win­de, kei­ne unbe­kann­te Luft­be­we­gung, und wenn die Gras­hal­me sich bie­gen, dann aus ande­ren Gründen. Schluss mit dem Gesäu­sel jetzt, und schla­fen.)

Kom­men wir zum Schluss noch zum Hündchen. Ich sage Ihnen gleich: Es ist behin­dert. Es fehlt ihm ein Bein. Und das war kein Unfall.
Das Hündchen gehör­te einer aus­län­di­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin. Sie war jung, hübsch, intel­li­gent, zutiefst sozi­al­de­mo­kra­tisch und sehr beliebt. Den alten Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten um sie her­um gefiel das ver­mut­lich nicht beson­ders, aber was soll­ten sie machen. Kurz vor der Wahl ver­schwand das Hündchen der jun­gen Frau, an dem sie sehr hing. Das Hündchen kehr­te einen Tag spä­ter in einem Schuh­kar­ton und ohne das zwei­te Hin­ter­bein zu ihr zurück. Es trug außer­dem einen unfreund­li­chen Brief an einem gol­de­nen Band um den Hals. Noch am sel­ben Tag ver­schwand die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin und tauch­te nie wie­der auf.
Das Hündchen ist ziem­lich sicher trau­ma­ti­siert vom Ver­lust sei­nes Frau­chens. Oder sagen wir: Es ist total gestört. Es kläfft nicht, nie­mals. Es ist das stills­te Hündchen, das mir je unter­ge­kom­men ist. Aber es weint, und zwar pau­sen­los. Das Fell ist stän­dig nass und ver­klebt von den Trä­nen, die stumm aus die­sem win­zi­gen Wesen her­aus­kul­lern und nicht zu stop­pen sind. Außer­dem schnappt das Hündchen öfter uner­war­tet zu. Das heißt, es schnappt nicht nur, es beißt einem laut­los tief ins Fleisch. Sehen Sie nur, die­se eit­ri­ge Fleisch­wun­de an mei­nem Unter­arm! Was glau­ben Sie, woher die stammt?!
Sie wol­len wis­sen, wie ich zu dem Hündchen gekom­men bin? Über­le­gen Sie es sich gut, ob Sie das wirk­lich wis­sen wol­len.
Ja? Also gut: Es saß eines Mor­gens in einer Blut­la­che vor mei­nem Zelt. Mit dem Blut hat­te jemand auf mein Zelt geschrie­ben: Wir wis­sen alles. Du bist dran.
Ich muss dazu sagen: Das Hündchen pin­kelt und kackt Blut. Daher wohl die Lache. Und es pin­kelt und kackt alles und vor allem sich selbst an, weil es auf sei­nen drei Bein­chen kein Gleich­ge­wicht hat.
Schön war die­se ers­te Begeg­nung nicht. Sehen Sie, das Zelt ist noch immer nicht ganz sau­ber, obwohl ich es che­misch rei­ni­gen ließ.
Ich habe das Hündchen wegen der Blut­ex­kre­men­te und wegen des Bei­ßens und auch wegen dem ewi­gen Geheu­le immer in eini­gen Metern Ent­fer­nung von mei­nem Zelt ange­leint. Ich ertra­ge es nicht in mei­ner Nähe.
Also, wer ist bereit, es bei sich auf­zu­neh­men? Ich schaf­fe es nicht­mal, die­se arme Krea­tur zu töten. Zumal es sich ja auch um ein poli­ti­sches Hündchen han­delt. Ich muss jetzt sehr gut dar­auf Acht geben, wen ich töte und wen nicht. Ich bin lei­der doch noch lan­ge nicht ganz raus. Die Tier­ecke ist ein schlech­tes Ver­steck, wie ich nun fest­ge­stellt habe. Und mein Ein-Mann-Zelt eine wack­li­ge Ange­le­gen­heit, sobald der Wind über das wei­te, brach­lie­gen­de Feld fegt. Man müsste wohl selbst zum Tier wer­den, um sei­ne Ruhe zu haben. Nur – so ein Hündchen hier, das will doch kei­ner sein. Bit­te, hole es jemand ab!

Jetzt ist Effi doch tat­säch­lich gekom­men. Sitzt dort beim Lämm­chen und strei­chelt es. Liest dabei ver­son­nen in einem Buch. Ich kann die­ses eli­tä­re Getue nicht lei­den. Ver­mut­lich ist es auch nur ein Buch über Wei­ber­schnick­schnack. Fehlt nur noch, dass
sie hier bald ihre Schau­kel auf­stellt. Nicht mit mir.
Wenn du das Lämm­chen strei­chelst, musst du es auch mit­neh­men und dich dar­um kümmern, Effi.
Wie, du weißt nicht wohin? Geh doch stu­die­ren, das darfst du doch längst. Da darfst du das Lämm­chen sicher mit in den Hör­saal neh­men. Die sind doch heut­zu­ta­ge offen für alles. Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und allem ande­ren und so. Oder bist du jetzt nur noch kar­rie­re­geil? So kommt es ja meis­tens, plötz­lich sind die hilf­lo­sen klei­nen Geschöp­fe den Damen dann wurscht, wenn es ums Auf­stei­gen und Geld­ver­die­nen geht.
Das war jetzt wohl zu viel für Effilein. Weg ist sie, mit­samt dem Lämm­chen. Die wird sich noch wun­dern.
Aber gut, die Sache mit dem Lämm­chen wäre erle­digt. Blei­ben nur noch Kätz­chen, Karp­fen und Hündchen. Rufen Sie an! Aber beei­len Sie sich, denn der Bau­er hat das wei­te Feld um mich nun ver­kauft, wie ich hör­te, und bald rücken die Finanz­haie, Archi­tek­ten und Bau­ar­bei­ter an und zer­mal­men mit ihren spit­zen Zäh­nen, grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Bau­plä­nen und geleas­ten Bag­gern alles, was ihnen in die Que­re kommt. Ich wer­de mein Zelt abbau­en, es geht auf eine hand­li­che Grö­ße zusam­men, sodass ich ohne Pro­ble­me damit flüchten kann. Die­se nied­li­chen Geschöp­fe hier wer­de ich aber nicht zusätz­lich tra­gen kön­nen. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Ich habe sie ja immer­hin schon ein­mal geret­tet und unter wid­rigs­ten Umstän­den hier­her gebracht. Ich wer­de sie schwe­ren Her­zens zurücklassen müssen. Und dann wer­den die Tier­chen mit gro­ßer Sicher­heit ein unvor­stell­ba­res Leid erfah­ren. Wol­len Sie das wirk­lich? Sie kön­nen jetzt noch han­deln, bevor es zu spät ist. Sei­en auch Sie sich ihrer Ver­ant­wor­tung bewusst!

(Schla­fen, betäubt von Erschöp­fung, die unauf­halt­sam und schwer in alle Glied­ma­ßen dringt, einen nie­der­zwingt, nach einem lan­gen, anstren­gen­den Tag im Frei­en. Oder was als sol­ches bezeich­net wird. Ödnis. Blöd­sinn. Hän­de run­ter und kei­ne Bewe­gung. Da sind kei­ne Gras­hal­me. Kein Lärm vor dem Sturm. Da ist und bleibt nur ben­zin­be­trie­be­nes Rau­schen.)

Hier sind wir für heu­te am Ende. Ich muss noch kurz Wer­bung machen für die­sen vega­nen Wackel­pud­ding. Irgend­wie muss die­se Sen­dung ja fürs Ers­te finan­ziert wer­den. Die­ser Wackel­pud­ding schmeckt außer­ge­wöhn­lich, ist zucker­re­du­ziert, ohne
Farb­stof­fe und durch und durch vegan! Er ist das Pro­dukt eines U‑Ausschusses. Kos­ten Sie selbst, Sie wer­den erstaunt sein! Die­ser Wackel­pud­ding wird Sie ver­än­dern. Schau­en Sie mich an, ich bin auf dem bes­ten Weg, ein ande­res Wesen zu wer­den. Der Wackel­pud­ding beglei­tet mich. Er ist nicht nur ess­bar, er ist viel­sei­tig ein­zu­set­zen. Ich benut­ze ihn sogar zum Stop­fen der Löcher in mei­nem Zelt. Er ist wet­ter­fest. Er lässt abso­lut nichts durch.

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Simo­ne Hirth, gebo­ren 1985 in Freu­den­stadt­/­Ba­den-Würt­tem­berg, stu­dier­te am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig und lan­de­te nach diver­sen Umzü­gen, Umwe­gen und Aus­hilfs­jobs schließ­lich in Wien und dann in Kirchstetten/Niederösterreich. Dort lebt sie heu­te als frei­schaf­fen­de Autorin. Sie erhielt diver­se Prei­se und Sti­pen­di­en. Zuletzt den Rein­hard-Priess­nitz-Preis 2021. Ihr Brief­ro­man Das Loch erschien 2020 im Ver­lag Kre­mayr & Sche­ri­au in Wien, wo auch bereits ihre bei­den ande­ren Roma­ne Bana­na­ma (2018) und Lied über die geeig­ne­te Stel­le für eine Not­un­ter­kunft (2016) erschie­nen sind. Zuletzt erschien: 365 Tas­sen Kaf­fee mit der Poe­sie, Minia­tu­ren, Lite­ra­ture­di­ti­on Nie­der­ös­ter­reich, St. Pöl­ten 2021.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 28. Janu­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 28. Jan. 2022