Gedichte

Von Patri­cia Brooks. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLVII
Patricia Brooks © Daniela Beranek

Patri­cia Brooks. Foto: Danie­la Bera­nek

 

Les beaux et les bel­les
au bois dor­mant

woher weht der kal­te Wind
frag­ten wir an dem Tag
als die Welt ein­fror
und auch wir
blie­ben ste­hen
gezwun­ge­ner­ma­ßen
hiel­ten den Atem an
steck­ten fest
in den engen Räu­men
dunk­ler Träu­me
befreit uns
küsst uns auf den Mund
haucht uns Atem ein
und holt uns zurück!
sum­men wir lei­se
Schat­ten­bot­schaf­ten
dabei schla­fen wir
wei­ter und wei­ter
ver­schla­fen das War­ten
bis wir nicht mehr
so genau wis­sen
wor­auf wir war­ten
und all­mäh­lich ver­ges­sen
wie es ist wach zu sein

 

Fla­schen­post

In den Nebel­wo­chen
geht der Wind unter
Mal­ven­stim­men geis­tern
die Küs­te ent­lang
rauf und run­ter
der Gesang
wäscht das Knis­tern
des Som­mers
aus den Gesich­tern
was für ein Tag
ist heu­te fra­gen wir
zu viel Grau
ver­tra­gen wir nicht
schwa­ches Licht und
es wird früh dun­kel
schwär­zer jeden Abend
in den Bet­ten mur­melt es
schlaf­trun­ken
mit ver­bun­de­nen Augen
nie­mand beschwört
nie­mand erlöst
die Nebel­wo­chen

Noc­turne

Lady Anguil­la erscheint
im knis­tern­den Kleid
auf klap­pern­den Absät­zen
die uns wach­hal­ten
unse­re andäch­ti­gen Bli­cke
fol­gen sei­nen Schrit­ten
auf und ab
forsch und schwung­voll
schla­gen sie an
wie die Tas­ten eines Kla­viers
Die Kunst mag ver­gäng­lich sein
aber das Herz spielt
noch stun­den­lang bevor
es sich zum Schla­fen legt

Der Wind in den Segeln

1
unse­re Gespens­ter
wan­dern und wan­dern mit
blin­de Pas­sa­gie­re
an Bord
all­zeit bereit
zu sprin­gen
huschen sie
wie Schat­ten
die Wän­de ent­lang
wir haben uns
an sie gewöhnt
tür­men unser Haar
hoch hoch auf
tra­gen Lid­strich
und reden schwung­voll
in Ellip­sen
so shi­ny shi­ny
bei Tag und bei Nacht
wol­len wir glück­lich sein
und hören damit erst auf
wenn wir es sind

2
und dann
manch­mal so schläf­rig
die Stun­den des frü­hen Abends
so ein dazwi­schen
kein Ort
den es wirk­lich gibt
eine Glas­ku­gel
die wir befra­gen
schlüpf­rig der Augen­blick
den wir in See­manns­garn wickeln
in Muschel­kin­der­spra­che
in Stra­ßen­trom­meln
und Wind­ge­dich­ten ver­streu­en
kein Som­mer ist für immer

3
da wo nichts geschieht
zieht Dun­kel­heit auf
da wächst der Regen
wie Gift in den Wur­zeln
und Spinn­we­ben hän­gen
an den Fens­tern
mur­meln Ver­wün­schun­gen
selbst der Kapi­tän
bekommt Heim­weh
wenn die Tage
still­ste­hen
und die Näch­te
end­los schei­nen
in der dunk­len Atmo­sphä­re
ist es viel zu kalt
also wickeln wir uns
in Man­tel und Schal
leh­nen uns an die Reling
und atmen
in unse­re Hän­de
alles gut sagen wir
der Fins­ter­nis zum Trotz
wir hal­ten Kurs auf Süden

 

Unter dem Hori­zont

die Mathe­ma­tik des Schla­fes
lau­nisch wie Regen­trop­fen
in einer Juli­nacht
die sich ver­lie­ren
dort wo der Wind pfeift
fei­ern die Fische
in unter­ir­di­schen Gär­ten
hel­les Geläch­ter
und Gezwit­scher
traum­grau die Tin­te
auf der Zun­ge
leckt ans Ufer
den zir­pen­den Gesang
scht scht …
kannst du sie hören?
wie die Wel­len zer­rin­nen
wie die Was­ser­trop­fen tau­chen
dort wo alles beginnt
wo die Fische
ihre blas­sen Bäu­che
strei­cheln
die Muscheln
ihre klei­nen Füße
waschen
die Gold­grä­ber
den Sand sie­ben
dort sind wir zuhau­se
in den krum­men Räu­men
mit den schie­fen Trep­pen
und der Aus­sicht
über die Alpen und das Meer
in der Fisch­au­gen­per­spek­ti­ve
da schla­fen wir ruhig
und erfin­den uns selbst

 

* * *

Patri­cia Brooks, geb. 1957 in Wien, schreibt Roma­ne, Lyrik, Hör­spie­le und Radio­stü­cke. Zuletzt erschie­nen: Der Flü­gel­schlag einer Möwe, Roman, Ver­lag Wort­reich 2017, Reis­sa­lon, Erzäh­lun­gen, edi­ti­on taschen­spiel, 2017, Das inne­re Leuch­ten der Wor­te, Lyrik, Podi­um Por­trät 2018. Idee, Kon­zept und künst­le­ri­sche Lei­tung der inter­dis­zi­pli­nä­ren Per­for­mance-Rei­he „Radio rosa“, die 2008 gegrün­det wur­de, und von der bereits 15 Fol­gen in unter­schied­li­cher Beset­zung auf­ge­führt wur­den. Web­sei­te: http://patricia-brooks.marp.at

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 7. Jän­ner 2022

Zuletzt geän­dert: 7. Jan. 2022