Ein Antrag – einer unter vielen

Von Mar­ko Dinić. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLVI

Der hage­re Mann, der vor ihm saß, dreh­te sich um und bat ihn um Hil­fe. Mit einem kur­zen Blick unter die Bril­len­rän­der las Ivan Ras die Abfol­ge G‑024 auf dem Zet­tel, den der ande­re in sei­ner Hand hielt – die Anzei­ge über ihnen rief gera­de die Num­mer G‑033 auf, in Zim­mer 9 zu kom­men. „Hel­fen Sie mir“, sag­te der Mann, des­sen Gesichts­zü­ge den Anstrich auf­rech­ter Ver­zweif­lung tru­gen: „Hel­fen Sie mir“ noch ein­mal – ein wei­te­res Mal. Schon lan­ge hat­te sich Ras das Mit­leid gegen­über Antrag­stel­lern ver­bo­ten, und über in Abwehr­hal­tung gebrach­te Hän­de und ein gleich­gül­ti­ges Tut mir leid ging sei­ne Ant­wort auch nicht hin­aus, wor­auf­hin der ande­re sich wie­der der Anzei­ge zuwand­te und nun eine mit Akten­ord­nern bela­de­ne Frau im Vor­über­ge­hen um Hil­fe bat. Sei­ne gan­ze jäm­mer­li­che Art wider­te Ivan Ras an. Er hat­te die Num­mer G‑074.

Marko Dinić © Mark Prohaska

Mar­ko Dinić. Foto: Mark Pro­has­ka

Die Luft im War­te­saal war sti­ckig. Die Ses­sel waren wie bei der Pre­mie­re eines gro­tes­ken Stücks bis auf die letz­ten Rei­hen belegt. Drum­her­um stan­den noch­mal so vie­le Leu­te – ihre Kör­per kurz vor Auf- oder Ein­bruch. In der hin­ters­ten Ecke des Saals gestand die Stadt Wien den Kin­dern des zusam­men­ge­pferch­ten Viehs ein wenig Hart­plas­tik zum Spie­len zu. Auf Ras´ Schoß lag ein Bün­del Papie­re, die er für sei­nen schon vor acht Wochen abge­ge­be­nen Antrag nach­rei­chen muss­te. Obwohl unge­wöhn­lich viel Zeit seit der Abga­be ver­stri­chen war und bei jedem ande­ren in der­sel­ben Lage sich mitt­ler­wei­le Unru­he breit­ge­macht hät­te, ver­lor Ivan Ras kei­nen Gedan­ken dar­an.

Er spiel­te das Spiel schon lan­ge. Und er ließ auch kei­ne Regung über sein Gesicht huschen, der Antrags­blick, wie er ihn nann­te, eine Mie­ne aus Gra­phit, der zwei­ten, dicke­ren Haut geschul­det, die er sich vor Jah­ren mal aus Not hat­te wach­sen las­sen, um sich nicht an alles Typi­sche hier anpas­sen zu müs­sen. Manch­mal, schau­te er in den Spie­gel sei­nes win­zi­gen Bade­zim­mers, konn­te er nicht genau sagen, wer die­ser zum ewi­gen Links­hän­der­tum Ver­damm­te war, der ihn da ansah – in der Manier alter Wes­tern­strei­fen ein Row­dy ohne Pferd, des­sen schnel­ler Schuss ledig­lich dazu dien­te, die rau­en Win­ter in einer ihm feind­lich gesinn­ten Umge­bung zu über­ste­hen. Das Gefühl Cor­buc­cis Il Gran­de Silen­zio sehen zu wol­len, ja in dem­sel­ben Augen­blick auf­zu­ste­hen und ihn sehen zu müs­sen, über­mann­te ihn. Er blieb auf dem knall­gel­ben Magis­trats­ses­sel sit­zen und schau­te auf die Uhr.

Ein paar Sit­ze neben ihm heul­te ein Säug­ling im Arm eines Jun­gen auf, der bei nähe­rer Betrach­tung nicht der Vater des Kin­des sein konn­te. Er hielt das Stoff­bün­del steif im Arm, als müss­te er Schicht schie­ben für eine erbar­mungs­lo­se Mut­ter, die kei­ne Anstal­ten mach­te, jemals wie­der zurück­zu­keh­ren – zu wem auch immer. Der längst ent­rück­te Wunsch, selbst ein­mal ger­ne Vater gewe­sen sein zu wol­len, streif­te Ras´ Gedan­ken.

Er stand auf und ging auf die Toi­let­te, wo er mit einem selbst­ge­schnit­te­nen Plas­tik­röhr­chen eine Line zog. Es knis­ter­te kurz. Sein Spie­gel­bild, das schwar­ze Pünkt­chen vor sei­nen Augen aus­ein­an­der zu rei­ßen droh­ten, setz­te sich schlag­ar­tig wie­der zusam­men und ihm wur­de warm ums Genick. Lei­se Weh­mut erfass­te ihn. Er erin­ner­te sich an einen alten Schul­freund zuhau­se, mit dem er vor eini­gen Tagen tele­fo­niert hat­te. Die­ser hat­te Ras vom Herbst erzählt, der in gro­ben Schwün­gen sei­ne Hei­mat­stadt von einem Tag auf den ande­ren in sat­te Far­ben getränkt hat­te. In Wien, wo Ras seit über sie­ben Jah­ren hin­ter dem Herd eines Bal­kan-Grills aus­dörr­te, hat­ten nur die nas­sen Stra­ßen­zü­ge vom Umschwung des Wet­ters gekün­det. Der Rest war eine Stuck- und Beton­wüs­te, deren Pracht­bau­ten und zurecht­ge­stutz­te Parks nichts an der Tat­sa­che ändern konn­ten, dass Ivan Ras für ein auf­rich­ti­ges Leben einen auf­rich­ti­gen Herbst brauch­te. Nichts konn­te die Unrast glät­ten, die sich seit eini­ger Zeit wie­der in ihm auf­ge­bauscht hat­te und auf gräss­li­che Art jener Unrast glich, die ihn einst zum Aus­wan­dern bewegt hat­te.

Denn viel mehr als sein hart erar­bei­te­tes, für das Ohr durch ein weich-rol­len­des R unge­mein ange­neh­mes, bei­na­he akzent­frei­es Deutsch und eine Amphet­amin­sucht hat­te er nach all den Jah­ren auch nicht vor­zu­wei­sen: zwei für den all­jähr­li­chen Antrag ali­bi­mä­ßi­ge, in Sand gesetz­te Stu­di­en­gän­ge; die Bezie­hung mit Dun­ja, die in einem sechs­mo­na­ti­gen Gefäng­nis­auf­ent­halt gegip­felt war; die Arbeit, für die er nur mehr Ekel emp­fand, von der er täg­lich durch­schwitzt und dre­ckig und fet­tig und rußig und stin­kend nach­hau­se kam, in jenen Ver­schlag, den er sich mit zwei Arbei­tern aus Polen teil­te; letzt­lich der Antrag, der jedes Jahr aufs Neue jed­we­de Hoff­nung auf eine Ver­än­de­rung sei­nes Sta­tus’ im Vor­hin­ein erstick­te, ihn immer mehr abstump­fen ließ – sei­ne bis­he­ri­gen Wie­ner Jah­re hin­durch war Ivan Ras zum Kriech­tier gewor­den. Er schau­te erneut auf die Uhr.

Wie­der im War­te­saal stell­te Ras sich neben eine der Säu­len und beob­ach­te­te das Trei­ben: drei Frau­en, deren Schlei­er unterm küh­len Neon­licht schim­mer­ten – lach­ten bei­na­he gleich­zei­tig auf; ein Kind in der Spiel­ecke, das einen Plas­tik­ball in den Hän­den hielt und hin­ein­biss, nur um dar­auf­hin ver­wun­der­ten Bli­ckes im Raum nach einem Erwach­se­nen zu suchen; ein Jun­ge, der, mit Stöp­sel im Ohr, auf den Bild­schirm sei­nes Han­dys starr­te und den Kopf eben­mä­ßig zu einem Rhyth­mus wipp­te; vor dem Kopier­ge­rät: eine Schlan­ge war­ten­der, gelang­weil­ter Gesich­ter, und dahin­ter: wei­te­re gelang­weilt war­ten­de Gesich­ter, und dahin­ter …; ein nach allen Sei­ten hin aus­sche­ren­der Kaf­fee­fleck unter Ras´ Soh­le; zwei Män­ner in Arbeits­mon­tur, die sich leb­haft auf Tür­kisch unter­hiel­ten, das Tür­ki­sche wie­der­um, das nicht mehr so fremd klang wie damals, beim ers­ten Antrag, als Ras nur sei­ne Mut­ter­spra­che und die weni­gen Fet­zen Deutsch im Gepäck hat­te; von irgend­wo ver­ebb­te auch ein mar­ki­ger ara­bi­scher Dia­lekt an sei­nem Ohr; dann Ser­bisch, Kroa­tisch, Bos­nisch – oder alle drei zusam­men; und schließ­lich, wie aus dem Hin­ter­halt, gera­de­zu fehl am Platz, als hät­te es jemand hier ver­ges­sen und nun in Eile wie­der abge­holt, selbst für Ivan Ras über­ra­schend: ein fran­zö­si­sches Wort – mitt­ler­wei­le konn­te er sie alle aus­ein­an­der­hal­ten, die ver­trau­ten Zun­gen unter sich. Der Mann, der vor ihm geses­sen hat­te, Num­mer G‑024, wenn ihn nicht alles täusch­te, saß immer noch an sei­nem Platz – die Anzei­ge rief gera­de die Num­mer G‑034 auf, in Zim­mer 11 zu kom­men.

Kurz dar­auf schien es so, als wür­de Ivan Ras in ein Gespräch ver­wi­ckelt wer­den: Eine Frau in unge­fähr sei­nem Alter erzähl­te ihm leb­haft von einem bizar­ren Umstand, dem zufol­ge sie im Besitz eines Schlüs­sels zum Haus ihrer Eltern war, das Haus wie­der­um im Krieg zer­stört und im Som­mer die­ses Jah­res abge­tra­gen wor­den war. Sie besaß also, erklär­te sie ohne einen Fun­ken Weh­mut in der Stim­me, den Schlüs­sel zu einem Haus, das es eigent­lich nicht mehr gab, in einem Land, das es heu­te auch nicht mehr in der Form gab, in der sie es noch in Erin­ne­rung behal­ten hat­te. Wie berauscht umriss sie kur­ze Epi­so­den ihrer Jugend: die schwe­re Hand ihrer Mut­ter, die durch­tanz­ten Näch­te im Dorf­klub, die Hit­ze im Som­mer, die Mil­de des Win­ters, die glei­ßen­den Lich­ter der Vor­städ­te, damals, als sie zum ers­ten Mal die Haupt­stadt besuch­te, die Kinos, die damals noch nicht ver­bo­ten waren – und nicht zuletzt die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die heu­te kei­ne mehr waren. Wäh­rend die jun­ge Frau ihre Geschich­te erzähl­te, mehr zu sich selbst redend als zu Ivan Ras, fixier­te die­ser wie betört ihre zar­te, von blas­sen Ader­strän­gen durch­blu­te­te Hand, die einen Zet­tel mit der Abfol­ge G‑073 umklam­mert hielt. Er schmun­zel­te über die ver­meint­li­che Nähe zu sei­ner Zah­len­ab­fol­ge – die­se gleich­gül­ti­ge Nähe, die auf son­der­ba­re Wei­se die räum­li­che wie zeit­li­che Distanz zwi­schen ihnen bei­den absteck­te, die Zunei­gung Ras´ ihr und ihrem durch­ein­an­der­ge­zwir­bel­ten Haar gegen­über, den apfel­grü­nen Augen, und ihrer Stim­me, die von einer ernst­zu­neh­men­den Ziga­ret­ten­sucht zu zeu­gen schien –, wäh­rend die Anzei­ge über ihnen die Num­mer G‑036 auf­rief, in Zim­mer 12 zu kom­men, ohne dass er ein­mal auf die Uhr geschaut hät­te.

Um sie her­um gerann die war­ten­de Mas­se immer mehr zu einem Knäul: Geräu­sche von zer­knüll­tem Papier, Rascheln, das Fie­pen lee­rer Kopier­ge­rä­te, der Gestank von voll­ge­schis­se­nen Win­deln ver­mischt mit Talg; ein Ivan Ras aus dem Hin­ter­halt packen­der Graus; der Duft der jun­gen Frau vor ihm: Moschus, Schweiß, Früh­stücks­res­te im Ver­dau­ungs­trakt; zähe War­te­zeit für besorg­te Gesich­ter, ängst­li­che Gesich­ter, Kör­per an Kör­per, der­art gedrängt, dass ein Auf­ruf einer klei­nen Erlö­sung glich; dazu das Kin­der­ge­schrei, tie­fe Seuf­zer, Stim­men­ge­wirr, Spra­chen über Spra­chen, die sich wie­der­holt vor ande­re Spra­chen scho­ben, nur um hin­ter ande­ren Spra­chen zu lan­den – Sprach­sta­pel, ‑tür­me, ‑trüm­mer, ‑ver­wir­rung.

Ivan Ras kniff die Arsch­ba­cken zusam­men, wäh­rend die jun­ge Frau ihre Aus­füh­run­gen mit einer Fra­ge und gro­ßen, auf Ant­wort war­ten­den Augen abschloss. Der Gedan­ke, sich im nächs­ten Moment über­ge­ben zu müs­sen, kam ange­sichts der noch abzu­sit­zen­den Zeit einer Erleich­te­rung gleich. Im nächs­ten Augen­blick jedoch spür­te er einen ange­neh­men Druck an den Schlä­fen. Und als wür­den Wel­len ihn umspü­len, über­ließ er sich dem gut­be­kann­ten Gefühl: Sein Kie­fer ver­selbst­stän­dig­te sich, nichts als Luft und Zäh­ne, auf denen er zu kau­en hat­te – der Stoff setz­te ihm jetzt ordent­lich zu, was er mit einem Grin­sen gou­tier­te, das sein Gegen­über ver­stoh­len erwi­der­te. Schweiß und Schan­de über Ivan Ras! Und kaum hat­te er sich einen Lid­schlag lang zusam­men­ge­ris­sen, schon ließ auch eine eher unge­len­ke Bemer­kung sei­ne Gesprächs­part­ne­rin wie vor Schreck erstar­ren. Nur ein unwir­sches Hmm ent­floh ihrem Mund, da war sie bereits am ande­ren Ende des Rau­mes und erzähl­te, den ver­trau­ten Bewe­gun­gen nach zu urtei­len, einem jun­gen, Ivan Ras nicht unähn­lich aus­se­hen­den Mann die Geschich­te eines Schlüs­sels ohne Heim. Die Anzei­ge über den Köp­fen der Anwe­sen­den war zu die­sem Zeit­punkt für eini­ge Sekun­den aus­ge­fal­len, ohne dass die­se oder jene War­ten­den, oder gar Ivan Ras selbst es bemerkt hät­ten. Er schau­te auf die Uhr.

Es soll­te alles nicht sein, dach­te Ras sich – und der Mann, der, wie Ivan Ras den War­te­saal des Wie­ner Magis­trats heu­te mor­gen gegen halb neun betre­ten hat­te und einen frei­en, knall­gel­ben Ses­sel fand, auf den er sich sogleich setz­te, das Bün­del an nach­zu­rei­chen­den Papie­ren unter sei­nem Arm – der Mann, der vor ihm geses­sen hat­te und ihn in einem unschein­ba­ren Augen­blick, den Anstrich auf­rech­ter Ver­zweif­lung in der Mie­ne tra­gend, um Hil­fe bat? Er saß immer noch dort!
G‑035 in Zim­mer 8.

Kein Fun­ken Trost lag in der Sze­ne­rie – dem gro­tes­ken Stück wür­de kei­ne Auf­füh­rung wider­fah­ren. Das Par­kett war leer. Ledig­lich hin­ter dem Vor­hang sta­pel­ten sich die Sta­tis­ten, erstick­ten bei­na­he in die­sem Raum, dem mit jedem wei­te­ren, fla­chen Atem­zug der Anwe­sen­den der Sau­er­stoff ent­wich. Und Ivan Ras? Den Leu­ten um ihn her­um war er egal, auch wenn sie ihm auf eine son­der­ba­re Wei­se nicht egal waren – so dach­te er zumin­dest. Die­ser Wider­spruch zer­riss ihn inner­lich so sehr, dass er gar nicht umhin­kam, tag­ein tag­aus zu den­ken, er sei ein Stück Aas gewor­den, das nur in einem abge­steck­ten Rah­men leben und funk­tio­nie­ren durf­te. Die­sen Rah­men gab stets der Antrag vor. Nur ihm hat­te die gesam­te Auf­merk­sam­keit des jewei­li­gen Antrag­stel­lers zu gel­ten: die jähr­lich abzu­ge­ben­de Papie­ro­lo­gie, die Geburts­ur­kun­den und Aus­wei­se, der Pass und das Foto, auf dem meist ein mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen erschreckt drein­bli­cken­des Ant­litz prang­te, die beglau­big­ten Urkun­den und Über­set­zun­gen der­sel­ben, Schul­zeug­nis­se, Bestä­ti­gun­gen, Straf­re­gis­ter- und Kon­to­aus­zü­ge, Emp­feh­lungs­schrei­ben und gefälsch­te Bürg­schaf­ten – sie alle waren von die­ser Ent­fer­nung aus betrach­tet nur das Bei­werk des gerech­ten Lebens, von dem die meis­ten hier War­ten­den nachts träum­ten.

Der Trost – er war nichts, was Ivan Ras ein­fach so auf den Stra­ßen die­ser ihm nach wie vor zutiefst frem­den Stadt hät­te fin­den kön­nen, geschwei­ge denn in den Gesich­tern und Geschich­ten jener Men­schen, die, sei­nem Gesicht und sei­ner Geschich­te gleich, sich auf­ge­macht hat­ten, anders­wo will­kom­men gehei­ßen zu wer­den. Nie­mand hat­te sie will­kom­men gehei­ßen! Sie waren kei­ne Gäs­te gewe­sen, das wuss­te Ras. Sie waren der gesichts­lo­se Trupp, der jedes Jahr von Neu­em den Antrag brauch­te, um den Herrschaften die Büros und Toi­let­ten zu put­zen, ihnen das Essen zu ser­vie­ren, ihre Häu­ser zu bau­en, Waren über den Laser zu zie­hen, schwe­res Gerät zu fah­ren, oder ihren Müt­tern im Alten­heim den Arsch abzu­wi­schen.

Trost fand Ras in der Erin­ne­rung an den red­li­chen Herbst sei­ner Hei­mat­stadt und zwi­schen den Wän­den sei­nes unweit vom Magis­trat gele­ge­nen Wohn­hau­ses: Trost in den Piss­spu­ren am Ein­gangs­tor, über die der Haus­wart immer­zu ver­zwei­felt fluch­te, wobei Ivan Ras nie­mals genau wuss­te, ob der Geruch der abge­stan­de­nen Pis­se oder die Flü­che ihn zufrie­de­ner stimm­ten; Trost in den unzäh­li­gen, leer­ge­sof­fe­nen Ener­gy­drink-Dosen, die täg­lich die Fens­ter­sim­se des Stie­gen­hau­ses schmück­ten, und von denen kei­ner genau wuss­te, woher sie stamm­ten; Trost in der Dich­te an im Papier­müll ver­schlos­sen weg­ge­wor­fe­nen Gerichts­vor­la­dun­gen; Trost im plötz­lich auf­heu­len­den Gesang sei­ner Nach­ba­rin Alma, die am Abend immer ger­ne mit ihrer Toch­ter bei offe­nem Fens­ter reli­giö­se nige­ria­ni­sche Lie­der sang, wäh­rend Ivan Ras, als wür­de er lau­ern, vor dem offe­nen Fens­ter sei­ner Küche rau­chend auf einem Hocker saß und bei­na­he andäch­tig den sin­gen­den Fra­gen und Ant­wor­ten, die die bei­den ein­an­der lie­be­voll zuwar­fen, lausch­te; Trost in der Tat­sa­che, mit nie­man­dem im Haus Deutsch reden zu müs­sen – sein wun­der­schö­nes, nutz­lo­ses Deutsch, das er nur mehr wie einen gehei­men Gar­ten pfleg­te, sich mitt­ler­wei­le sogar ver­stell­te, wenn ihm jemand zufäl­lig auf der Stra­ße auf Deutsch eine Fra­ge stell­te. Ivan Ras war ein Kriech­tier, Ivan Ras schau­te auf die Uhr – nein!, er schau­te auf die Anzei­ge über ihm, die gera­de die Num­mer G‑079 auf­rief, in Zim­mer 12 zu kom­men.

Wie vom Alb­traum gesto­chen war er zu den grau­en Zim­mer­tü­ren vor­ge­prescht, allem Trost zuwi­der. Die Angst, end­gül­tig sei­ne Gele­gen­heit ver­passt zu haben, pack­te ihn unsanft am Kra­gen. Krampf­haft umschlos­sen sei­ne Fin­ger das nach­zu­rei­chen­de Papier­ge­wirr in sei­ner Rech­ten – der­weil sei­ne Lin­ke lang­sam den Zet­tel mit der Num­mer G‑074 zu einem feuch­ten Bäll­chen form­te. Und ste­chend auch der Schreck, den er bekam, als er im Augen­win­kel die vie­len auf ihn gerich­te­ten Gesich­ter bemerk­te. Er dreh­te sich um und erblick­te eine starr­hal­si­ge Mas­se, wie sie gebannt auf die­sen einen Punkt ihre gesam­te Auf­merk­sam­keit rich­te­te – als hät­te der Vor­hang sich end­lich gelich­tet, mit Ras höchst­per­sön­lich als Hel­den die­ses Stü­ckes ohne Anfang und ohne Ende. Doch er hat­te sich getäuscht: Nicht auf ihn waren die wil­den, erwar­tungs­vol­len Bli­cke gerich­tet, son­dern auf die Anzei­ge, unter der Ras nun wie ein­ze­men­tiert stand und sich allen­falls wun­der­te. Die­se unse­li­ge Anzei­ge, die ihn ein­fach über­sprun­gen… und die Zeit, die ihn ein­fach ver­ges­sen… und das schwar­ze Loch, aus dem er nun lang­sam her­vor­kroch: Hat­te er die­ses Loch nicht höchst­per­sön­lich gegra­ben, die Pass­form im Vor­hin­ein abge­steckt? Was hat­te er mit all­dem hier zu tun – und all das mit ihm? War er wie­der im Gefäng­nis gelan­det? Und über­haupt: Wie­so ver­beug­te Ivan Ras sich nicht? Ein Schlä­fen­zucken weck­te ihn aus sei­nem Brü­ten, die­sem bei­na­he trot­zi­gen Eigen­bröt­ler­tum. Er schau­te auf die Uhr – und als kenn­te er den land­läu­fi­gen nume­ri­schen Aber­glau­ben nicht, stürz­te er durch die Tür mit der Num­mer 13, ohne dazu auf­ge­for­dert wor­den zu sein oder etwa ange­klopft zu haben. Kurz ver­mein­te er, Stim­men des Pro­tes­tes hin­ter sich auf­heu­len zu hören, schon fiel die Tür unsanft hin­ter ihm zu.

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Mar­ko Dinić, * 1988 in Wien, auf­ge­wach­sen in Bel­grad, 2008 Über­sied­lung nach Öster­reich, Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Jüdi­schen Kul­tur­ge­schich­te. Ab 2012 lite­ra­ri­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen in Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien, u.a. bei Wall­stein, kook­books und Jung und Jung. Diver­se Aus­zeich­nun­gen, zuletzt: För­de­rungs­preis der Stadt Wien für Lite­ra­tur 2021. Mit­be­grün­der des Kunst­kol­lek­tivs Bureau du Grand Mot sowie Orga­ni­sa­tor des INTER­LAB-Fes­ti­vals für trans­dis­zi­pli­nä­re Kunst und Musik. Roman: Die guten Tage, Zsol­nay Ver­lag, Wien 2019.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 31. Dezem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 2. Jan. 2022