Bis der Bach gegen den Strom schwimmt

Von Tan­ja Paar. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLV

Bewe­gung als Motiv und Meta­pher. Ein Movens, das sei­nen Aus­gang nimmt in einem Rea­len: einem Schul­aus­flug mit Volks­schul­kin­dern, einem unge­lieb­ten, aber bes­ser, als auf dem Ses­sel hocken. Kein Gip­fel wird gestürmt, mitt­le­re Höhen sol­len für alle bewäl­tig­bar sein und da ist es, das stun­den­lan­ge Gehen auf Forst­stra­ßen. Kei­ne Fern­sicht, kein Aus­blick, bloß Durch­hal­ten, wei­ter Mar­schie­ren.

Tanja Paar © Pamela Russmann

Tan­ja Paar. Foto: Pame­la Russ­mann

Aus dem Zwei­er­ge­spräch öff­net sich der Fluss einer Erzäh­lung, zieht die ande­ren mit sich, leckt an ihren Bei­nen, schiebt sie her­an und wei­ter. In der Geschich­te öff­net sich erst der Weg, lässt die müden Bei­ne ver­ges­sen. Vie­le wol­len Schritt hal­ten, um kein Wort zu ver­pas­sen. In Wel­len geht es vor und zurück, nicht am stei­ni­gen Weg, son­dern in der Worte­welt. Noch eine wol­len sie und noch eine. Und da ist sie, die Lust am Erzäh­len, sie wei­ter gehen machen. Sie die Müdig­keit ver­ges­sen las­sen. Sie ent­füh­ren. Woan­ders hin, mit Aus­blick, den der öde Weg nicht bot.

Ein­mal dar­an geleckt, wird es eine Sucht. Aber die­ses unver­stell­te, kind­li­che Erzäh­len, das da war schon vor der Schrift, es wur­de ver­baut von der Schu­le. Von Ord­nun­gen, wie es zu sein habe. Mit Zier­rand und einem „und dann und dann“. Nichts durch­ein­an­der­brin­gen, nicht aus­ufern, kein Strö­men und Flo­cken, kein Damp­fen und Nebeln, kei­ne Kas­ka­den, kei­ne Sprün­ge. Chro­no­lo­gie. Der ticken­de Zei­ger der Uhr. Alles in Por­tio­nen ver­packt, vor­ge­kaut her­un­ter wür­gen, die Essens­zei­ten ein­hal­ten. Kein lust­vol­les von Stein zu Stein Hop­sen über den Fluss. Ja, der Gefahr hin­ein zu plump­sen gewahr, aber was könn­te Schlim­me­res pas­sie­ren als nas­se Füße? Das Expe­ri­ment gründ­lich abge­wöhnt. Wis­sens­wie­der­ga­be. Auf­trä­ge erfül­len, auch im Text. Ver­ständ­lich­keit, Kür­ze, allen­falls noch Poin­tiert­heit.

Wie leicht ist es, wenn klar ist, wohin die Rei­se geht. Fluss­ab­wärts natür­lich, immer dem Meer zu. Aber wo ver­lau­fen sie, die Was­ser­schei­den des Aus­drucks? Da oder dort? Ein Wag­nis ein­ge­hen. Die Regu­lie­rung muss erst rück­ge­baut wer­den, bevor der Bach gegen den Strom schwimmt.

Gedächt­nis ist Aus­wahl. Aber irgend­et­was in ihm ver­wei­ger­te sich der Prio­ri­tä­ten­set­zung. Es war ein Fun­dus, in dem er jeder­zeit kra­men, ein­mal die­se Bund­fal­ten­ho­se, ein­mal jenen Stroh­hut anpro­bie­ren und wie­der weg legen konn­te. Ob Hose und Hut pass­ten, war nicht die Fra­ge. Es war ein Spiel, eine Mög­lich­keit. Es war Mate­ri­al, aber es war nicht bloß Füll­stoff, es war ihm lieb und leben­dig. Bil­der und Gesich­ter und Melo­dien und der Geruch von Moos.

Das waren glück­li­che Momen­te, die ihm als Erwach­se­nem abhan­den gekom­men waren. Er hat­te eine ande­re Rich­tung ein­ge­schla­gen und über die Jah­re ver­ges­sen, was da gewe­sen war: Das Glück des Erzäh­lens. Der pure Moment des Sich-Ergöt­zens dar­an, dass er nicht wuss­te, wie es wei­ter geht, es aber schon in weni­gen Augen­bli­cken wis­sen wür­de, wenn er sich der Geschich­te nur hin­gab. Es war leicht. Es war ein Kin­der­spiel.

Nach dem Erzäh­len kam das Vor­le­sen und mach­te ihm den Platz strei­tig. An allen Aben­den um die­sel­be Zeit, schon im Bett, aber bereit, um jede Minu­te zu kämp­fen. Es war der Groß­va­ter, er war der Hüter des geschrie­be­nen Wor­tes. Der Geruch der grü­nen Ein­bän­de, er durf­te sie noch nicht selbst anfas­sen. Immer ein Kapi­tel. Nie wäre es ihm ein­ge­fal­len, dabei ein­zu­schla­fen. Es waren kei­ne Ein­schlaf­ge­schich­ten, es waren Auf­wach­ge­schich­ten. Auch nicht für Kin­der geschrie­ben, schon gar nicht für einen Fünf­jäh­ri­gen. Er ver­stand nicht alles und der Groß­va­ter erklär­te nichts. Er las vor.

Die Stim­me des Groß­va­ters erschuf Wel­ten, die alles über­tra­fen, was er kann­te. Bären kamen dar­in vor und muti­ge Män­ner und fei­ge. Er konn­te sich nicht erin­nern, dass Frau­en dar­in vor kamen. Doch, eine, aber das war spä­ter. Die Geschich­ten zogen sich über Wochen und Mona­te, denn es gab vie­le Bän­de, die in gol­de­ner Schnör­kel­schrift am Buch­rü­cken durch­num­me­riert waren. Da er schon zäh­len konn­te, fiel ihm auf, dass sie ihm der Groß­va­ter nicht der Rei­he nach vor­las. So kehr­ten Per­so­nen wie­der, nach­dem sie ver­stor­ben waren, trenn­ten sich und lern­ten ein­an­der danach ken­nen, quick­le­ben­dig als Tote, Zeit und Raum außer Kraft gesetzt, so mäch­tig waren die­se Geschich­ten.

Das Kind war froh, auch, wenn jemand starb. Nie konn­te es sicher sein, ob nicht einer, obwohl bereits skal­piert und am Mar­ter­pfahl, nicht wie­der in der nächs­ten Schlucht um die Ecke ritt. Sehr weit kam das Kind so, in Ver­gan­gen­hei­ten und Zukünf­te und steck­te doch nur mit sei­nem Groß­va­ter unter einer Decke. Es woll­te ihn nicht gehen, die Geschich­ten nicht enden las­sen. Band ihn fest mit dem Gür­tel sei­nes Schlaf­rocks an sei­nem Hand­ge­lenk. Und jeden Mor­gen erwach­te es über­rascht, wie es der Groß­va­ter wie­der geschafft hat­te, den Zau­ber­kno­ten zu lösen und zu ent­kom­men.

Begie­rig war es also, das Kind, selbst lesen zu ler­nen und ent­täuscht über die Geschich­ten, die ihm ange­bo­ten wur­den. Mama geht ins Haus. Mimi hilft Mama. Oma kauft Erb­sen. Was war das gegen die Wei­ten des Lesens, die er bereits ken­nen gelernt hat­te? Dem Kind wur­de das Skal­pie­ren abge­wöhnt. Aber es konn­te sich erin­nern. Es hat­te an der wil­den Kraft der Spra­che geleckt, an ihren Wie­der­gän­gern, an dem Stru­del aus Vor­her und Nach­her, in des­sen Auge sich alle tref­fen. Es hat­te gehört, was mög­lich war.

Und da war auch eine Angst, denn was war, wenn alles kei­ne Rei­hen­fol­ge hat­te und kei­ne Ord­nung? Es war ein mäch­ti­ger Zau­ber, zu mäch­tig für ein Kind. Und es ver­gaß.

Zau­ber

Bewe­gung als Vor­aus­set­zung für das Schrei­ben. Freie Bewe­gung. Rich­tungs­lo­se, nicht ziel­ge­rich­te­te. Mehr einer Ahnung fol­gend, einer Neu­gier, einer Fra­ge, einem Nicht-Wis­sen. Non­sens. In eine Lacke sprin­gen. Sich nass machen. Nunc stans. Das rei­ne Hier und Jetzt. Ein Risi­ko ein­ge­hen. Eine Ver­let­zung. Eine Ent­täu­schung. Ein Ver­rat. Eine Über­ra­schung. Ein Geheim­nis. Eine Mau­er. Ein Hin­der­nis.

Dage­gen anschrei­ben, anren­nen. Sich das Knie anschla­gen. Ste­hen blei­ben. Ver­schnau­fen. Sich das Pro­blem bese­hen. Es umkrei­sen, belau­ern, beschnüf­feln, bele­cken. Weg lau­fen, Angst haben. Wie­der keh­ren. Wei­ter machen. Ste­hen blei­ben. Nunc stans. Blo­ße, im Jetzt ver­har­ren­de Gegen­wart. Nicht als mor­ti­fi­zie­ren­de Ein­frie­rung gedacht, son­dern als Öff­nung auf alle ver­gan­ge­nen und zukünf­ti­gen Zei­ten hin. Als Augen­blick der Ewig­keit, in dem der Sprung aus einem line­ar-homo­ge­nen Zeit­fluss mög­lich wäre. Die müh­sa­me, suk­zes­si­ve Ord­nung des Vor­her und Nach­her in der Erzäh­lung gebor­gen in einer Öff­nung kom­ple­xer Sinn­fül­le.

Krei­sen

Arthur’s Seat ist ein Vul­kan­ke­gel. Ein som­mer­spros­si­ger Berg mit schüt­te­rem, grü­nem Haar, kurz rasiert von den Ost­win­den, die von der See her­sprin­gen. Gut­mü­tig, wie er ist, hat er die Stadt nicht abge­schüt­telt. Wir unter­schät­zen ihn gern, und bemer­ken erst vorn­über­ge­beugt in dem roten Geröll sei­ner Flan­ken, wie steil er ist.

Aus­sicht gewährt er, mehr doch fängt den Blick der jun­ge Asia­te, der mit geschlos­se­nen Augen über der Stadt medi­tiert. Regen­schwa­den zie­hen graue Vor­hän­ge über die Vier­tel und die, die gera­de noch im Gän­se­marsch zum Gip­fel­sturm sich ein­reih­ten, stie­ben aus­ein­an­der und suchen den schnells­ten Weg hin­ab. Vie­le Rin­nen hat das Was­ser gewählt und wir hop­sen eine davon ent­lang, plötz­lich fröh­lich, da es sicher ist, dass wir nicht tro­cken blei­ben.

Auf ein­mal führt der Weg wie­der berg­an, über­ra­schend nach einer Bie­gung hin­auf. Und die Ver­wun­de­rung weicht dem Bild von „Gödel, Escher, Bach“, einem Berg-Para­do­xon, des­sen Wege auf unmög­li­che Wei­se sich ins Unend­li­che ver­zwei­gen. Und mit einem Schritt ist es ver­lo­ckend sich vor­zu­stel­len, für immer an die­sem Berg gefan­gen zu sein, ihn zu umrun­den wie einen Stu­pa. Sich nie­der­wer­fend und wie­der­auf­ste­hend, krei­send, im Uhr­zei­ger­sinn oder auch anders­rum. Für alle Ewig­keit gehend, schrei­bend, gehend, schrei­bend.

* * *

* * *

Tan­ja Paar, gebo­ren in Graz, schreibt Pro­sa, Stü­cke und Essays, stu­dier­te Phi­lo­so­phie, Ger­ma­nis­tik und Geschich­te in Lau­sanne und Wien, wo sie heu­te als Schrift­stel­le­rin lebt. Sie arbei­te­te am Thea­ter und für diver­se Medi­en. Für ihr Werk erhielt sie zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen und Prei­se, dar­un­ter das Wie­ner Dra­ma­tik Sti­pen­di­um 2021. Über ihr Stu­di­um der Infor­ma­tik schrieb sie den Blog „Mama geht stu­die­ren“. Sie arbei­tet inter­dis­zi­pli­när und mul­ti­me­di­al. 2021 wur­de sie für ihr Roman­pro­jekt Der Zie­gen­zir­kus mit dem Robert Gern­hardt-Preis aus­ge­zeich­net. Roma­ne: Die Unver­sehr­ten 2018 und Die zit­tern­de Welt 2020, bei­de Hay­mon Ver­lag. Web­sei­te www.tanjapaar.at

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 24. Dezem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 26. Dez. 2021