Die deutsche Mathematik

Von Eli­as Hirschl. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLIV

Lud­wig Bie­ber­bach ließ sei­ne Ziga­ret­te sin­ken, als es klopf­te. Er stieß die über­flüs­si­ge Asche mit einem Ruck ab und ver­an­ker­te die gera­de erst ange­rauch­te Kip­pe in einer der drei Ein­fas­sun­gen des Por­zel­lan-Aschen­be­chers mit dem kon­zen­tri­schen Logo der Uni­ver­si­tät zu Ber­lin dar­auf, wo sie knis­ternd wei­ter brann­te. Er stand von sei­nem Schreib­tisch auf, brach­te sei­ne Noti­zen in Ord­nung, rich­te­te sein Jackett, ent­schied sich nach kur­zem Über­le­gen dage­gen zu lüf­ten (der Dekan ver­such­te neu­er­dings eher erfolg­los die Anti-Rau­cher-Geset­ze der Par­tei durch­zu­set­zen) und öff­ne­te Theo­dor Vah­len die Tür zu sei­nem Büro. Sie begrüß­ten sich zeit­ge­mäß und Vah­len betrat mit einer schwe­ren Tasche bela­den das Zim­mer. Es hat­te offen­bar mehr Ein­sen­dun­gen gege­ben als letz­tes Mal. Vah­len hol­te gleich meh­re­re Sta­pel her­aus und brei­te­te die etwa 500 Sei­ten auf Bie­ber­bachs Schreib­tisch aus. Bie­ber­bach nahm noch einen Zug von sei­ner Ziga­ret­te, dann mach­ten sie sich gemein­sam an die Arbeit.

Elias Hirschl. Foto: Leonhard Hilzensauer / Zsolnay

Eli­as Hirschl. Foto: Leon­hard Hil­zen­sauer / Zsol­nay

Alfred Man­dl leg­te die Füll­fe­der weg, als er den Brief an sei­nen Sohn signiert hat­te. Er ord­ne­te die losen Blät­ter zu einem klei­nen Sta­pel und ließ sie in der Mit­te sei­nes Schreib­tischs ruhen, mit der Feder oben auf­lie­gend. Dane­ben, als Ver­län­ge­rung der obe­ren und unte­ren Brief­kan­te, leg­te er eben­falls fein­säu­ber­lich geord­net eine Abschrift sei­ner unvoll­ende­ten letz­ten Arbeit. Einen Teil davon hat­te er so gut wie mög­lich zu einem Abschluss gebracht und in einem fran­kier­ten A4-Kuvert an sein ehe­ma­li­ges Insti­tut geschickt – nicht aus Trotz, nicht aus Hoff­nung, son­dern weil es das war, was er immer getan hat­te. Den Rest ließ er auf sei­nem Schreib­tisch lie­gen. Die meis­ten Noti­zen hat­te er zer­ris­sen und weg­ge­wor­fen.

Aus den Ein­sen­dun­gen bil­de­ten Bie­ber­bach und Vah­len zuerst zwei Men­gen: Die noch unbe­kann­ten und die bereits bekann­ten. In der Men­ge der bereits bekann­ten sam­mel­ten sich sogleich die Namen eini­ger Autoren an, die alle schon mehr­mals in den Aus­ga­ben der ver­gan­ge­nen 6 Jah­re publi­ziert hat­ten: Kubach, Weber, Teich­mül­ler, Schön­hardt, Dör­ge, Krafft, Schulz, Tor­nier … Bie­ber­bach kann­te ihre Arbei­ten bereits und wuss­te, dass man sie getrost ohne wei­te­re Prü­fung abdru­cken konn­te. Die Unbe­kann­ten glie­der­ten sie hin­ge­gen noch ein­mal in zwei Grup­pen, wobei sie nach ein­ge­hen­der Betrach­tung immer wie­der Kor­rek­tu­ren vor­nah­men, die eine oder ande­re Arbeit doch noch ein‑, zwei­mal in eine ande­re Grup­pe und wie­der zurück ver­scho­ben, je nach Ein­schät­zung und immer in gemein­sa­mer Abspra­che.

In den letz­ten Mona­ten waren die Mel­dun­gen immer dras­ti­scher gewor­den, die Emp­feh­lun­gen und Bit­ten sei­ner im Aus­land leh­ren­den Bekann­ten immer drän­gen­der. Vor eini­gen Wochen hat­te er sei­ner Frau Mari­ja noch ver­si­chert, dass er seit Jahr­zehn­ten an der Uni­ver­si­tät ange­stellt sei. Man ken­ne ihn hier. Man wer­de ihn hier nicht so schnell weg­schi­cken. Er sei ein uner­setz­li­ches Mit­glied des aka­de­mi­schen For­schungs­stabs.

Die Arbeit eines gewis­sen Koz­low­ski fing zuerst Bie­ber­bachs Blick. In sei­ner Ein­lei­tung hat­te er die unna­tür­li­che Landau’sche Defi­ni­ti­on von π als die Dop­pe­lung der kleins­ten posi­ti­ven Null­stel­le der Cosi­nus­funk­ti­on ver­wen­det, anstatt die nor­ma­le und weit­aus intui­ti­ver erfass­ba­re Beschrei­bung als Ver­hält­nis von Kreis­um­fang zu Kreis­durch­mes­ser zu ver­wen­den. Bie­ber­bach zeig­te Vah­len schmun­zelnd die betref­fen­de Stel­le, der nur kurz den Kopf schüt­tel­te und die 70-Sei­ten lan­ge Arbeit seuf­zend in den Papier­korb warf.

Er hat­te sich immer ein klei­nes Haus am Strand vor­ge­stellt. Wo er mit sei­ner Frau und sei­nem Sohn leben wür­de. Ein Haus an der Nord­see, Schilf, Möwen, Salz. Er wür­de mit den bei­den spa­zie­ren gehen, den Strand auf und ab und die Fuß­ab­drü­cke wür­den hin­ter ihnen im nas­sen Sand ver­blas­sen. Sein Sohn wür­de bis zum Hori­zont sehen und sich fra­gen, wie lang wohl die Küs­te war.

Theo­dor Vah­len fiel die Arbeit eines Herrn Lei­ter­mey­er in die Hän­de, der die unge­sun­de Ange­wohn­heit ent­wi­ckelt hat­te, nach fran­zö­si­scher Metho­de zu abs­tra­hie­ren, ohne eine prak­ti­sche phy­si­ka­li­sche, mecha­ni­sche oder mili­tä­ri­sche Anwen­dung für sei­ne Über­le­gun­gen auf­zu­zei­gen oder auch nur eine ein­zi­ge ande­re prag­ma­ti­sche Appli­ka­ti­on sei­ner Arbeit anzu­deu­ten. Nicht nur hat­te er ver­sucht, die Rie­mann-Zeta-Funk­ti­on – eine Funk­ti­on die so vie­le nütz­li­che, phy­si­ka­li­sche Anwen­dun­gen besaß! – als blo­ßes Werk­zeug zur Erfor­schung der Gold­bach­schen Ver­mu­tung zu benut­zen, was laut Bie­ber­bach das­sel­be war, als wür­de man mit Ham­mer und Sichel ein Zwölf­ton­stück diri­gie­ren, son­dern er hat­te auch immer wie­der Bezug auf die­sen unsäg­li­chen Schar­la­tan Sri­ni­va­sa Rama­nu­jan genom­men, der die bri­ti­schen Uni­ver­si­tä­ten schon seit Jahr­zehn­ten zum Nar­ren hielt und sich nun nach sei­nem Tod offen­bar auch noch im Deut­schen Reich ein­zu­schlei­chen ver­such­te. „Nicht mit mir“, mur­mel­te Vah­len und warf die Arbeit eben­falls weg.

Sie hat­ten den vier­jäh­ri­gen Otto vor einer Woche nach Bir­ming­ham geschickt. Zuerst auf der Rück­bank des Autos eines Bekann­ten und schließ­lich im Kof­fer­raum. Sie hat­ten so schnell wie mög­lich nach­kom­men wol­len. Doch die Gren­zen waren dicht. Der Befehl zur Umsie­de­lung war vor ein paar Tagen ein­ge­trof­fen. Er hat­te ihn mit der übri­gen Haus­post in die Woh­nung gebracht. Als ob sich der Teu­fel heim­lich in ihre Woh­nung geschli­chen hat­te. Er wünsch­te sich, er hät­te den Brief über­se­hen und ein­fach noch ein paar Tage in nai­ver Blind­heit ver­bracht. Er wünsch­te sich, er hät­te ihn zusam­men mit den Flug­blät­tern im Haus­müll ent­sorgt.

End­lich fiel Bie­ber­bach ein Manu­skript in die Hän­de, das er nicht sofort in den Müll­ei­mer fal­len ließ. Ein gewis­ser Herr Loth­mann hat­te einen Ent­wurf einer neu­en Arith­me­tik, oder viel­mehr einer neu­en mathe­ma­ti­schen Meta­phy­sik ein­ge­reicht, die die anglis­ti­schen und fran­zö­si­schen Abs­trak­ta zurück­wies und eine völ­lig neue Art vor­schlug, mit den mathe­ma­ti­schen Instru­men­ten umzu­ge­hen. Loth­mann dach­te an, sämt­li­che Rechen­vor­gän­ge in der gan­zen mathe­ma­ti­schen For­schung und dar­über hin­aus, auf die ger­ma­ni­schen Urzei­chen zurück­zu­füh­ren, spe­zi­fisch, auf die anti­ken ger­ma­ni­schen Runen, in denen der ers­te ari­sche Gebrauch von Zahl­zei­chen begrün­det war. Bei jedem Rechen- oder Zähl­vor­gang soll­te die­se Metho­de Anwen­dung fin­den. Woll­te man bei­spiels­wei­se fest­stel­len, ob man es mit exakt 100 Stück eines Gegen­stan­des zu tun hat­te, so muss­te man die ger­ma­ni­sche Urhun­dert kon­so­li­die­ren, die auf den sagen­um­wo­be­nen Runen-Stei­nen von Helnæs auf Fünen in Däne­mark ein­ge­mei­ßelt waren. Da die 100 Stri­che auf den Stei­nen die ers­te beleg­te Dar­stel­lung der Zahl 100 sei, müs­se sich jede wei­te­re Ver­wen­dung der Zahl an die­sem ers­ten Prä­ze­denz­fall mes­sen. So sei jeder mathe­ma­ti­sche Vor­gang ein direk­tes Zitat der ger­ma­ni­schen Vor­fah­ren und habe somit bereits eine intrin­si­sche Beweis­kraft, die kein ande­rer Rechen­vor­gang haben kön­ne. Loth­mann bit­te das Mathe­ma­ti­sche Insti­tut hier vor allem um beträcht­li­che Kost- und Logis-Zuschüs­se für die geplan­ten Rei­sen nach Däne­mark, um jede getä­tig­te Rech­nung mit den Stri­chen auf den Stei­nen von Helnæs abzu­glei­chen. Erhielt ein Mathe­ma­ti­ker auf eine Rech­nung bei­spiels­wei­se das Ergeb­nis 27, so muss­te er in den Zug nach Kopen­ha­gen stei­gen, von dort eine Fäh­re nach Fünen neh­men und eini­ge Kilo­me­ter zu Fuß an der Küs­te ent­lang lau­fen, bis er schließ­lich, an den Stei­nen von Helnæs ange­kom­men, über­prü­fen konn­te, ob sei­ne 27 der ger­ma­ni­schen Ur-27 ent­sprach.
Es wür­de eini­ges an Zeit und vor allem Geld in Anspruch neh­men, so Loth­mann, doch er wür­de die Mühen als auf­rech­ter Patri­ot für das Heil des deut­schen Vater­lan­des ertra­gen und jede ein­zel­ne Rech­nung per­sön­lich auf ihren ari­schen Wahr­heits­ge­halt über­prü­fen.
End­lich ein sinn­vol­ler Vor­schlag! Bie­ber­bach nick­te aner­ken­nend, wäh­rend er das Paper über­flog und leg­te es schließ­lich zu den Ent­wür­fen für das neue Maga­zin.
Die Arbeit eines Herrn Rosen­berg ließ Vah­len unter­des­sen schon im Müll­ei­mer ver­schwin­den noch ehe er über das Deck­blatt hin­aus war.

Das Para­dox der Küs­ten­li­nie hat­te Alfred Man­dl Zeit sei­nes Lebens nicht los­ge­las­sen. Es war das, was ihn in ers­ter Linie zur Mathe­ma­tik gebracht hat­te. Ein Sta­tis­ti­ker namens Lewis Richard­son hat­te es vor cir­ca drei­ßig Jah­ren durch puren Zufall ent­deckt. Er hat­te ver­mu­tet, dass sich Krie­ge durch blo­ße Zah­len erklä­ren lie­ßen, durch die Anzahl der Spra­chen die eine Grup­pe von Län­dern sprach, durch die Anzahl der ver­schie­de­nen Reli­gio­nen und Völ­ker­grup­pen inner­halb eines Staa­tes, durch die Anzahl und Ver­tei­lung der Ein­woh­ner im Ver­hält­nis zur Flä­che. Durch die Anzahl und Län­ge der Gren­zen, die mit ande­ren Staa­ten geteilt wur­den. Man­dl hat­te Richard­sons Auf­satz als Stu­di­en­as­sis­tent durch puren Zufall ent­deckt, als ihn die Uni­ver­si­täts­bi­blio­the­ka­rin dar­um gebe­ten hat­te, ihr zu sagen, wel­che Bücher sie weg­wer­fen kön­ne.
Richard­son hat­te fest­ge­stellt, dass ver­schie­de­ne Staa­ten völ­lig wider­sprüch­li­che Infor­ma­tio­nen über die Län­ge ihrer Gren­zen hat­ten. Sie wichen von Sta­tis­tik zu Sta­tis­tik kom­plett von­ein­an­der ab. In der Tat war anzu­neh­men, dass das Deut­sche Reich kei­ne Ahnung hat­te, wie lang sei­ne stän­dig wach­sen­den Gren­zen waren. Und schließ­lich hat­te Richard­son den Grund dafür gefun­den: Je fei­ner man die Gren­zen eines Lan­des maß, je klei­ner der Maß­stab war, den man wie­der­holt an sei­ne Rän­der leg­te, je mehr klei­ne Fein­hei­ten, Land­zun­gen und Buch­ten man berück­sich­tig­te, des­to län­ger wur­de die Stre­cke. Ja in der Tat gab es kei­ne Ober­gren­ze. Je nach Wahl des Län­gen­ma­ßes war die Küs­ten­li­nie einer Insel belie­big lang. Das Ergeb­nis wur­de von der Mes­sung bestimmt.

End­lich stieß Bie­ber­bach auf eine Arbeit, die als Titel­ge­schich­te in Fra­ge kam. Der Nume­ri­ker und Wis­sen­schafts­phi­lo­soph Vik­tor Hart­mann mach­te bereits im Vor­wort klar, dass er der­art absur­de fran­zö­si­sche und jüdi­sche Vor­stel­lun­gen einer unab­hän­gig vom mensch­li­chen Ver­stand exis­tie­ren­den Zah­len­welt strikt ableh­ne. In sei­ner Arbeit wol­le er des­halb ganz im Deut­schen Geis­te die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Mathe­ma­tik und Phre­no­lo­gie unter­su­chen. Hier­zu habe er auf his­to­ri­schen Bild­nis­sen berühm­ter Mathe­ma­ti­ker wie etwa Gauß, Bol­za­no, Möbi­us, Rie­mann oder Can­tor die Schä­del­for­men unter­sucht und deren wis­sen­schaft­li­che und poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen mit der Inte­gra­ti­ons­ty­po­lo­gie des Psy­cho­lo­gen Erich Rudolf Jaensch abge­gli­chen, sodass man in Zukunft womög­lich intui­tiv-mathe­ma­ti­sche Genies und abs­tra­hie­rend-volks­feind­li­che Kom­mu­nis­ten und Ver­rä­ter schon allein anhand ihrer Stirn­hö­he iden­ti­fi­zie­ren kön­ne. Dies sei vor allem für die Ein­tei­lung in den unter­mensch­li­chen, intel­lek­tu­ell infe­rio­ren S‑Typus und den über­le­ge­nen ari­schen J‑Typus des mathe­ma­ti­schen Den­kens von beson­de­rer Wich­tig­keit und könn­te dem Deut­schen Reich letzt­end­lich zu wis­sen­schaft­li­cher und auch mili­tä­ri­scher Vor­herr­schaft ver­hel­fen, spe­zi­fisch in Hin­sicht auf die Ent­wick­lung einer mög­li­chen Wun­der­waf­fe, wie es die Visi­on des Füh­rers sei.
Bie­ber­bach nick­te aner­ken­nend und mach­te einen Ver­merk, dass man die Titel­ge­schich­te für die nächs­te Aus­ga­be der Deut­schen Mathe­ma­tik gefun­den habe. Vah­len, der eben­falls beein­druckt, ja direkt von Stolz erfüllt lächel­te, trug den Namen des Autors in eine Lis­te mit Vor­schlä­gen zur Sti­pen­di­ums- und För­der­mit­tel­ver­ga­be der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft ein.

Vor drei Wochen war Man­dls Vor­le­sung zu ite­ra­ti­ven Vek­to­ren­räu­men von Mit­glie­dern des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des gestürmt wor­den und er war nur um ein Haar einem faust­gro­ßen Stein ent­gan­gen, den ein nicht ein­mal 20jähriger Jun­ge mit einem inbrüns­ti­gen Schrei nach ihm gewor­fen hat­te. Ange­sta­chelt hat­te sie Oswald Teich­mül­ler, ein Mann, von dem selbst Man­dl sagen muss­te, dass es sich bei ihm zwei­fels­oh­ne um ein mathe­ma­ti­sches Genie han­del­te, aber noch viel mehr um einen kriegs­fa­na­ti­schen Faschis­ten. Er war gera­de erst von der Inva­si­on in Nor­we­gen wie­der­ge­kehrt und das ers­te was er tat, war ame­ri­ka­ni­sche Ver­schlüs­se­lun­gen zu ent­zif­fern und Rie­manns Theo­rien zu leh­ren, ohne ein ein­zi­ges Mal Rie­manns Namen zu erwäh­nen. Er sprach von Teich­mül­ler­räu­men, von Teich­mül­ler­flä­chen. Von einem Teich­mül­ler­uni­ver­sum.
In den fol­gen­den Wochen ver­schwand neben „Rie­mann“ auch der Name „Man­dl“ aus den Vor­le­sun­gen, genau wie aus den Archi­ven. Rie­manns Name soll­te wie­der auf­tau­chen. Man­dls nicht.

Der Stein, den der Stu­dent nach ihm gewor­fen hat­te, war für ihn der letz­te Beweis gewe­sen, dass es ihn an der Uni­ver­si­tät gege­ben hat­te. Er war an sei­nem Ohr vor­bei­ge­rauscht und hat­te eines der Fens­ter in der Sei­ten­wand des Hör­saals ein­ge­ris­sen. Die Scher­ben waren erst nach eini­gen Sekun­den auf dem Bür­ger­steig auf­ge­schla­gen und das Auf­pral­len ein­zel­ner Bruch­stü­cke auf den Well­blech­dä­chern der par­ken­den Autos hat­ten sich ange­hört wie ein plötz­li­cher Hagel­schau­er.
Vor einer Woche hat­te er erfah­ren, dass das mathe­ma­ti­sche Gre­mi­um der Har­vard Uni­ver­si­ty sein Ansu­chen um ein For­schungs­sti­pen­di­um abge­lehnt hat­te.

Beim letz­ten ein­ge­sand­ten Manu­skript han­del­te es sich um die mathe­ma­tisch-phy­si­ka­li­sche Arbeit eines gewis­sen Herrn Man­dl über die Impli­ka­tio­nen neu­er Ent­wick­lun­gen in der Geo­me­trie. Der Autor ver­trat dar­in die völ­lig absur­de Idee, dass es mög­lich sei, die Rela­ti­vi­täts­theo­rie mit der Quan­ten­phy­sik zu ver­ei­nen, wenn man die Phy­sik als Wis­sen­schaft auf ein Gerüst aus beweg­li­chen, selbst­re­fe­ren­ti­el­len, dyna­misch-flui­den Koor­di­na­ten­sys­te­men stütz­te, die gleich­zei­tig eine zu beschrei­ben­de Natur­kraft und ihr eige­ner, sich selbst beschrei­ben­der Refe­renz­rah­men sei­en. Er schwa­fel­te von einer sich selbst krüm­men­den Raum­zeit, die gleich­zei­tig ihr eige­nes quan­ti­fi­zier­tes Koor­di­na­ten­sys­tem bil­de­te. Die­ser Mann ver­such­te nichts Gerin­ge­res, als einen uni­ver­sa­len Pro­jek­tor zu bau­en, der gleich­zei­tig das Bild war, das er pro­ji­zier­te. Ein Raum, der sich selbst erschuf, was so ziem­lich das welt­frem­des­te war, was den bei­den Dozen­ten jemals unter­ge­kom­men war.

Man­dl wuss­te, dass das, was sich vor sei­nem Fens­ter abspiel­te, in ers­ter Linie ein Bedeu­tungs­wan­del war. Das Wort „Mensch“ hat­te sich ver­än­dert. Das Wort „Volk“ hat­te sich ver­än­dert. Sehr vie­le Wör­ter hat­ten sich rasend schnell ver­än­dert. Was ihn am aller­meis­ten wun­der­te, war daher die­se abstru­se Wei­ge­rung sei­ner Kol­le­gen, anzu­er­ken­nen, dass sich die wis­sen­schaft­li­chen Wör­ter eben­falls änder­ten. Die Wör­ter für Raum und Zeit. Die Wör­ter für Mas­se und Ener­gie. Die Wör­ter für Ort und Moment, für Län­ge und Umfang.
Was sich hier ereig­ne­te, war nicht der Ver­such, eine neue Welt zu erschaf­fen, son­dern der Ver­such, die gan­ze Welt aus­zu­schlie­ßen. Man woll­te sich von allen Ent­wick­lun­gen außer­halb des eige­nen Rei­ches iso­lie­ren und sie sich para­do­xer­wei­se den­noch voll­stän­dig aneig­nen.
Im gan­zen Deut­schen Reich hat­te man, ohne es aus­zu­spre­chen, beschlos­sen, dass man kei­ne Wis­sen­schaft mehr betrei­ben woll­te. Auch das war ein Bedeu­tungs­wan­del. Soll­ten die Objek­te, die man sich wei­ger­te anzu­er­ken­nen, eines Tages aus dem Him­mel fal­len, so wür­de es kei­ne Namen dafür geben. Denn was da her­un­ter­fiel und alles Leben in Reich­wei­te auf einen Schlag aus­lösch­te, konn­te und durf­te nicht exis­tie­ren.

Man­dls Arbeit wur­de abge­lehnt. Einer­seits auf­grund ihrer völ­lig unrea­lis­ti­schen, abs­trak­ten, undeut­schen, ja gar volks­feind­li­chen Annah­men, die die Geset­ze der klas­si­schen Mathe­ma­tik und Phy­sik in Fra­ge stell­ten, die Vor­stel­lung eines unna­tür­li­chen, kon­train­tui­ti­ven, imma­te­ri­el­len Uni­ver­sums pro­pa­gier­ten und nicht zuletzt auch wegen den diver­sen Ver­wei­sen auf einen Phy­si­ker namens Ein­stein. So etwas hat­te kei­nen Platz in der Mathe­ma­tik. Die­se abs­trak­ten, irre­füh­ren­den Ideen waren Ideo­lo­gien des Fein­des, die das Deut­sche Volk dar­an hin­dern woll­ten, an prak­tisch nutz­ba­ren Phä­no­me­nen zu for­schen. Sie woll­ten die deut­schen Wis­sen­schaft­ler ver­wir­ren und auf eine fal­sche Fähr­te locken, damit sie im Stil­len an ihren eige­nen Waf­fen arbei­ten konn­ten. Aber die Deut­sche Mathe­ma­tik wür­de das ändern. Die Deut­sche Mathe­ma­tik wür­de die wis­sen­schaft­li­che For­schung im Groß­deut­schen Reich wie­der auf den Boden der Tat­sa­chen, auf ein Fun­da­ment aus Erde, Blut und Stahl holen. Sie wür­de die Wis­sen­schaft nach Jah­ren der fran­zö­si­schen, bri­ti­schen und jüdi­schen Auf­wei­chung end­lich wie­der tief in der Ver­gan­gen­heit der ari­schen Ras­se ver­wur­zeln und die Deut­sche For­schung wür­de zu ihrem ursprüng­li­chen Glanz zurück­keh­ren. Nur so konn­te man den Krieg gewin­nen. Nur so konn­te man die Zukunft des Rei­ches sichern.

Man­dls Traum war es gewe­sen, die gesam­te Wis­sen­schaft auf einen neu­en phi­lo­so­phi­schen Boden zu stel­len, der von der völ­li­gen Lee­re der Welt aus­ging. Zu die­ser Vor­stel­lung ließ er sich laut einem Brief­freund nicht nur von den kon­tem­po­rä­ren Ent­wick­lun­gen in der Kos­mo­lo­gie beein­flus­sen, son­dern eben­falls von den bud­dhis­ti­schen Vor­stel­lun­gen des Jen­seits, die Mit­te des 20. Jahr­hun­derts nach und nach Ein­zug in den kul­tu­rel­len Wes­ten fan­den und über Scho­pen­hau­er letzt­lich auch in Man­dls Lek­tü­re. Für Man­dl bestand kein Wider­spruch in der Tat­sa­che, dass nichts exis­tie­re. Für Man­dl bestand kein grund­le­gen­der Feh­ler in der Aus­sa­ge „1≠1“. Eine Küs­te hat­te kei­ne Län­ge. Ein Gegen­stand hat­te kei­ne Form. Aus Man­dls Sicht bestand zwi­schen all den Stof­fen, aus denen sich das Uni­ver­sum zusam­men­setz­te, kein nen­nens­wer­ter qua­li­ta­ti­ver Unter­schied.

Letz­te Nacht hat­te er geträumt, er ste­he in einer wei­ßen Land­schaft. Sie war flach, voll­stän­dig kon­tur­los und ver­lief in alle Rich­tun­gen, soweit das Auge sehen konn­te. Er schritt die Flä­che in meh­re­re Rich­tun­gen stun­den­lang ab und konn­te nicht fest­stel­len, dass sich irgend­et­was an ihr ver­än­der­te. Der Boden unter sei­nen Schu­hen war hart wie ein Bür­ger­steig, aber auch dort konn­te er kei­ne For­men erken­nen. Der Boden hat­te abso­lut kei­ne Eigen­schaft.
Mit­ten in der Nacht war er schweiß­durch­weicht auf­ge­schreckt und hat­te panisch nach einem Blatt Papier und einem Blei­stift gegrif­fen. Inner­halb weni­ger Minu­ten hat­te er sei­ne Theo­rie der selbst­re­fe­ren­ti­el­len Koor­di­na­ten­sys­te­me notiert. Eine Onto­lo­gie von Gegen­stän­den, die ihren eige­nen Bezugs­rah­men dar­stell­ten. Eine Welt von Objek­ten, die alle flui­de inein­an­der über­gin­gen, sich gegen­sei­tig beein­fluss­ten und sich dabei selbst in jeder Ein­zel­heit beschrie­ben. Nach­dem er zehn Sei­ten voll­ge­schrie­ben hat­te, ließ er den Stift fal­len und schlief völ­lig erschöpft ein.
Am nächs­ten Mor­gen las er sich die Sei­ten durch, schüt­tel­te den Kopf und zer­riss das Papier in klei­ne Fet­zen. Er stand auf, trank einen Kaf­fee und ging zu sei­nem Haus­arzt, dem er erklär­te, dass er seit Wochen unter Schlaf­pro­ble­men lei­de, was nicht ein­mal gelo­gen war. Er stell­te ihm ein Rezept für ein Fläsch­chen Bar­bi­tal-Tablet­ten aus. Die Apo­the­ke­rin, bei der er das Medi­ka­ment hol­te, hat­te ihn mit­lei­dig ange­se­hen und ihm gute Bes­se­rung gewünscht. Sie hat­te ihm beim Ver­ab­schie­den zuge­lä­chelt als wür­de sie sei­nen Namen ken­nen.

Bie­ber­bach nahm einen letz­ten Zug von sei­ner Ziga­ret­te, blies den Rauch genüss­lich über sein Werk und drück­te den glim­men­den Stum­mel in der Con­clu­sio von Man­dls Arbeit aus, wo sie ein tie­fes Brand­loch in den theo­re­ti­schen Grund­la­gen zur Her­stel­lung einer uran­frei­en Atom­bom­be hin­ter­ließ. Dann mach­te er das Fens­ter auf und ließ die Wär­me der Mai­son­ne und den Duft der Sil­ber­lin­den in sei­ne Gar­çon­niè­re. Die Aus­wahl für die letz­te Aus­ga­be des Maga­zins Deut­sche Mathe­ma­tik war abge­schlos­sen.

Barbital, Elias HirschlIn einem sei­ner alten Lehr­bü­cher für che­mi­sche Mathe­ma­tik hat­te Man­dl die Struk­tur­for­mel von Bar­bi­tal nach­ge­schla­gen und fest­ge­stellt, dass es eine per­fek­te Rechts-Links-Sym­me­trie hat­te. Der zen­tra­le hexa­go­na­le Kar­bon­ring wur­de von zwei Stick­stoff­ato­men flan­kiert, drei dop­pelt gebun­de­ne Sau­er­stoff­ato­me umkreis­ten ihn als per­fek­tes gleich­sei­ti­ges Drei­eck und zwei abste­hen­de Kar­bon­grup­pen mit je drei Was­ser­stoff­ato­men lagen zu sei­nen Füßen. Etwas an dem har­mo­ni­schen Auf­bau und der nai­ven Vor­stel­lung von klar getrenn­ten, ewi­gen Ein­hei­ten mit homo­ge­nen, abso­lu­ten Bin­dun­gen zwi­schen sich, wirk­te auf ihn beru­hi­gend und sei­ne Hän­de zit­ter­ten ein klei­nes biss­chen weni­ger, als er damit begann, die wei­ßen Tablet­ten mit der Rück­sei­te eines Löf­fels zu zer­klei­nern, ehe er das Pul­ver auf zwei Glä­ser ver­teil­te.
Sein Sohn hat­te ihn nie gefragt, wie lang die Küs­te war.
Er hat­te ihn gefragt, wie weit Bir­ming­ham von Ber­lin ent­fernt ist.
Es sind 982 Kilo­me­ter.

Es war der 17. Mai des Jah­res 1942. Die Welt war drei­di­men­sio­nal. Raum und Zeit waren unver­än­der­li­che Fel­sen in der Bran­dung. Das Expe­ri­ment ging stets der Theo­rie vor­aus. Der Welt­raum bestand aus Eis, Metall und Äther. Alle Vor­gän­ge in der Welt waren kon­stant und konn­ten kau­sal, phä­no­me­no­lo­gisch und intui­tiv vom mensch­li­chen Geist erfasst wer­den. Der Mensch war ein blon­der, blau­äu­gi­ger, blut­rei­ner, nor­di­scher Mann. Das öffent­li­che Leben in Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki ver­lief den Umstän­den ent­spre­chend nor­mal und das Deut­sche Reich wür­de 1000 Jah­re lang bestehen.

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Eli­as Hirschl wur­de 1994 in Wien gebo­ren, ist Roman­au­tor, Slam Poet, Musi­ker und schreibt fürs Thea­ter. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Salon­fä­hig (Zsol­nay 2021) und Hun­dert schwar­ze Näh­ma­schi­nen (Jung und Jung, 2017). 2014 wur­de er öster­rei­chi­scher Meis­ter im Poet­ry Slam und ist seit meh­re­ren Jah­ren erfolg­reich mit Spo­ken Word-Tex­ten auf Büh­nen in ganz Euro­pa unter­wegs. Er schrieb Tex­te für die Thea­ter­stü­cke Swing – Dance to the right und Die wun­der­ba­re Zer­stö­rung des Man­nes vom Akti­ons­thea­ter Ensem­ble und tour­te 2017 und 2019 zusam­men mit dem Wie­ner Musi­ker Jim­my Brain­less lesend und sin­gend durch Ost­asi­en. Im Som­mer 2018 war er Sti­pen­di­at am Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um Ber­lin. 2020 wur­de er für sein bis­he­ri­ges Schaf­fen mit dem Rein­hard-Priess­nitz-Preis für Lite­ra­tur aus­ge­zeich­net. Zusam­men mit dem Rap­per Selbst­laut bil­det er das Musik­duo „Ein Gespenst“ Eli­as Hirschl lebt in Wien.

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 17. Dezem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 9. Feb. 2024