Gedichte

Von Micha­el Sta­va­ric. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLII
Michael Stavaric © Yves Noir

Micha­el Sta­va­ric. Foto: Yves Noir

1.

Wir haben eine Juke­box zum Strand getra­gen und Muschel­geld ein­ge­wor­fen, Pfahl­mu­scheln schie­nen dafür am Wenigs­ten geeig­net. Die Gischt ließ schon bald

alle Anzei­gen ver­schwim­men, wäh­rend wir her­um­lie­fen, um mög­lichst run­de Muscheln auf­zu­he­ben, Flach­schne­cken, wie du sie riefst. Aus der Fer­ne sahst du

wie eine der Möwen aus, die im Rhyth­mus der Bran­dung auf das Meer zu und von ihm weg lief. Wir summ­ten Lie­der, die wir eigent­lich der Juke­box hät­ten ent­lo­cken

wol­len. Wir nah­men an, dass bei Ebbe ganz auto­ma­tisch etwas Flau­te herrscht in den Kas­sen des Oze­ans. Das Leucht­feu­er der nahen Land­zun­ge beschwor ein

hyp­no­ti­sches Schau­spiel. Alle Insek­ten der Gegend waren Par­ty. Du stol­per­test über ein altes Schrapnell­ge­schoss, das wie ein Ein­sied­ler­krebs aus

sei­nem Bau lug­te. Spä­ter lasen wir, dass sol­che Artil­le­rie­gra­na­ten mit Metall­ku­geln gefüllt wären. Für die Juke­box wäre das uner­heb­lich, doch hät­ten

wir den Flip­per­au­to­ma­ten füt­tern kön­nen. Die lee­ren, nach den Kugel­wol­ken ein­schla­gen­den Schrapnell­hül­sen wer­den auch Hohl­blä­ser genannt,

es blieb unser Satz des Monats Mai. Wir fan­den schließ­lich eine alte Mün­ze vol­ler See­po­cken, sie pass­te gera­de so durch den Schlitz. Die Luft wim­mel­te nur vor

Anzüg­lich­kei­ten.

2.

Dein Atem roch nach Tequi­la und einer ande­ren Sache, bei der ich mir frei­lich nicht sicher war. Zeit­ge­nös­si­sche Kunst schien mir noch die pas­sends­te

Zuschrei­bung dar­zu­stel­len. Den Alko­hol hat­test du mit Zimt gar­niert, mit einem Biss in ein Oran­gen­stück besie­gelt. Beschwipst hast du her­um­po­saunt, ich sei

eine Amei­se, die gleich über den Mund einer Göt­tin krab­belt. Aus dem Was­ser­hahn im Zim­mer neben­an ström­te der Oze­an. Ich dür­fe nie­mals ver­ges­sen,

ihn ordent­lich zuzu­dre­hen, sonst wäre es mit dem gere­gel­ten Leben in die­ser Stadt schlag­ar­tig vor­bei. Ein­mal nur hät­test du es ver­ab­säumt, wärst in der

Bade­wan­ne ein­ge­pennt. Bis dich die ers­ten Wel­len auf­schreck­ten. Selt­sam anmu­ten­de Fische schwam­men zwi­schen dei­nen Bei­nen, klei­ne Flun­dern und

noch klei­ne­re Zacken­bar­sche. Ein Kra­ken­arm schoss plötz­lich aus dem Abfluss her­vor und saug­te sich an einem der Unter­schen­kel fest. Du hät­test auf­ge­lacht,

weil es kit­zel­te. Du hör­test Geräu­sche in den Wän­den, als wür­den sich Riff­haie durch die alten Roh­re zwän­gen, im Haus wur­den unver­züg­lich Rufe nach

Instal­la­teu­ren laut.

3.

Ich fuhr mehr­mals im Monat an die Küs­te, um nach einer Woh­nung mit Meer­blick Aus­schau zu hal­ten. Die Stra­ßen­schil­der waren unles­bar, löch­rig, sie ver­deck­ten

nicht den kleins­ten Teil des Him­mels. Man konn­te den Flug­rost förm­lich schme­cken, das Salz macht kei­ne Gefan­ge­nen. Kam etwas in Fra­ge, band ich eine

Nylon­schnur an die erst­bes­te Klin­ke, Fischer­kno­ten, von Nylon­schnü­ren hat­te ich reich­lich. 0,50 Mil­li­me­ter gefloch­te­nen Nylons für die rich­tig gro­ßen Fische,

Häu­ser zäh­len dazu. Ich lief mit einer dicken Spu­le los, die Schnur zog ab, als hät­te ich einen Mar­lin gehakt. Ich muss­te an Heming­way den­ken, der alte Mann sei jetzt

end­gül­tig und ein­deu­tig salao, was die schlimms­te Form von Glück­lo­sig­keit
dar­stel­le. Es blieb unser Satz des Monats Juni. Natür­lich konn­te ich

mir kein sol­ches Haus leis­ten, es wür­de schon bald wie­der mit dem Strand aus mei­nem Leben ver­schwin­den. Ich beeil­te mich, als hät­te ich nicht bloß eine Tür

(die an einem Haus fest­hing) an der Lei­ne, viel­mehr und eigent­lich den Oze­an. Ich band die Schnur schließ­lich um einen der Eck­pfei­ler dei­ner Veran­da, mal­te mir

aus, dass fort­an kei­ner von uns, selbst in den stärks­ten Stür­men, vom Weg abkä­me. Alle hun­dert Meter wür­de ich ein Glöck­chen anlei­nen, damit du mich

auch in fins­ters­ter Nacht an mei­ner neu­en Adres­se auf­su­chen könn­test. In den Gedan­ken schep­per­te es melo­disch, wenn auf­lan­di­ger Wind durch die Stra­ßen

toll­te, Kur­gäs­ten wur­de die­ser sogar zur Hei­lung emp­foh­len.

5.

Mit dem Tod ließ das Gedächt­nis nach, wir unter­hiel­ten uns nur noch über die nahe­lie­gends­ten Din­ge. Die Abwasch. Den Ein­kauf. Das Gefü­ge (was alles sein

konn­te). Wir zweig­ten Was­ser im Bach hin­ter dei­nem Haus ab, und lie­ßen die dar­in ent­hal­te­ne Strö­mung unse­re Tel­ler spü­len. Das schlaff gewor­de­ne Was­ser

ent­sorg­ten wir durch die Toi­let­te. Wir ver­lie­ßen uns auf Amei­sen­ko­lon­nen, um unse­re Nah­rung her­bei­zu­schaf­fen, zum Glück hiel­ten sie uns bei­de für ihre

Müt­ter. Ich habe kei­ne Bücher mehr gele­sen, du hast kei­nen Wein mehr getrun­ken, wir haben ein­an­der nicht mehr in die Augen gese­hen. Staub­mil­ben

beweg­ten sich mit größ­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit durch die Flu­re. Ich woll­te Unkraut jäten, hat­te aber den Unter­schied ver­ges­sen, wie man die­ses von Blu­men

unter­schied. Der Bach mün­de­te gleich hin­ter der nächs­ten Anhö­he in einen Fluss, der sich nord­wärts ins Lan­des­in­ne­re auf­mach­te. Absurd. Der Oze­an lag in

süd­li­cher Rich­tung, man hät­te ihn auch für eine Auto­bahn hal­ten kön­nen.

(das voll­stän­di­ge Pro­jekt wird 2023 im Lim­bus-Ver­lag erschei­nen)

 

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Micha­el Sta­va­ric wur­de 1972 in Brno (CSSR) gebo­ren, er lebt heu­te als frei­er Schrift­stel­ler, Über­set­zer und Dozent in Wien. Stu­di­um der Bohe­mis­tik, Publi­zis­tik und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft. Ste­fan Zweig Poe­tik­do­zen­tur an der Uni­ver­si­tät Salz­burg, Lite­ra­tur­se­mi­na­re an den Uni­ver­si­tä­ten Bam­berg, Wien, Mün­chen, Prag, Oll­mütz, Ostrau, Brünn, Braun­schweig, Würz­burg, New York u.a. Prei­se: Öster­rei­chi­scher Staats­preis für Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur, Hohen­em­ser Lite­ra­tur­preis, Lite­ra­tur­preis Wart­holz, Adel­bert-von-Cha­mis­so-Preis u.a. Publi­ka­tio­nen, zuletzt: Frem­des Licht. Luch­ter­hand, Mün­chen 2020, Bal­tha­sar Blut­berg. Luft­schacht, Wien 2020, zu bre­chen bleibt die See. Czern­in Ver­lag, Wien 2021, Fas­zi­na­ti­on Kra­ke. Ley­kam-Ver­lag, Wien 2021.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 3. Dezem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 3. Dez. 2021