Vor Ort

Von Peter Henisch. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XL
Peter Henisch © Eva Schobel

Peter Henisch. Foto: Eva Scho­bel

Die Ver­su­chung, eine Geschich­te zu schrei­ben, in der einer träumt, er wür­de K ent­füh­ren. K und sei­ne Klo­ne (Klon*innen) in einem Klein­bus. Seid ich alle da? Ja? Also passt auf, wir fah­ren jetzt vor­erst ein­mal nach Moria. Da sit­zen sie alle im sel­ben Bus oder ist es ein Boot, ach ja, eher ein Boot, viel­leicht ein Trag­flü­gel­boot, das Schif­ferl schwingt sich dau­ne vom Land / ade / jetzt fah­ren wir nach Grie­chen­land / ade, Moria, das ist eine Super-Desti­na­ti­on, Schlamm­bä­der mit Kin­der­chor im Hin­ter­grund, ver­en­den­de Kin­der, die sin­gen beson­ders rüh­rend, aber da darf man nicht emo­tio­nal wer­den, nicht sen­ti­men­tal wer­den, wir müs­sen wei­ter, wei­ter, immer wei­ter, wir fah­ren übers wei­te Meer, wo die Flücht­lings­boo­te ver­senkt wer­den / mein Schat­zerl seh i nim­mer­mehr / ja, das ist trau­rig , aber alter­na­tiv­los, die Küs­ten­wa­chen und Fron­tex, die machen nur ihren Job, ein paar Uns­ri­ge, ver­sier­te Schif­ferl­ver­sen­ker, sind womög­lich auch dabei, aber das sehen wir nur von fern, von oben, denn unser Boot hat sich erho­ben, fliegt, erstaun­lich, oder nein, jetzt sit­zen wir – ist ja eben ein Traum – jetzt sit­zen wir plötz­lich in einem Flug­zeug, unter lau­ter Afgha­nen, die bis auf wei­te­res nicht abge­scho­ben wer­den dür­fen, aber was solls, wir schie­ben ab, stolz­drauf, da flie­gen sie, da flie­gen wir, unten, wie auf einer Land­kar­te, Tür­kei, Syri­en, Irak, der Euphrat, der Tigris, Iran, dann Afgha­ni­stan, Ber­ge, Ber­ge, in die Berg bin i gern, da gfreut si mei Gmüat, man ver­steht gar nicht, war­um die­se Men­schen nicht in ihrem Land blei­ben wol­len, sehen Sie doch, sagt K zu den Afgha­nen, wie hübsch Sie es da unten haben, und ja, die Rei­se­grup­pe aus der Alpen­re­pu­blik könn­te sich da auch recht ange­hei­melt füh­len, Alm­rö­serln, Enzi­an, stimmt, die weib­li­chen Klo­ne wer­den die Bur­ka tra­gen müs­sen, aber wahr­schein­lich nur vor­über­ge­hend, es wird nicht so heiß geges­sen, wie gekocht wird, nach und nach wird sich alles beru­hi­gen, stimmt, in Kabul explo­diert hier und da noch etwas, und da und dort auf dem Land gibt es noch Schar­müt­zel, aber das legt sich, auch die Ami-Droh­nen fal­len von Tag zu Tag weni­ger dicht, Afgha­ni­stan ist schön, komm und bleib, grüß Gott, sagen die Tali­ban, aber nein, das ist ein Miss­ver­ständ­nis, sagt K, holt mich hier raus, ruft er in sein Smart­phone, aber die Ver­bin­dung ist schlecht, man hört ihn kaum.

Ich habe nie­mals nicht die Unwahr­heit gesagt, sagt er. Nie­mals nicht vor­sätz­lich. Ich habe die Bal­kan­rou­te gesperrt. Ich bin der Ver­tei­di­ger unse­rer abend­län­di­schen Wer­te. Ich habe den Papst heim­ge­sucht, der Hei­li­ge Vater hat Ver­ständ­nis für unse­ren spe­zi­el­len Umgang mit der Flücht­lings­the­ma­tik. Oder war das Trump. Oder war das mein lie­ber Freund Orban.
Holt mich hier raus! Jetzt wird es all­mäh­lich unge­müt­lich … Was tut Ihr denn ohne mich? Ihr wollt mich doch zurück­ha­ben – oder? … Oder doch nicht? … Hab ich da etwas nicht mit­ge­kriegt? Das darf doch nicht wahr sein!
Mas­hal­lah, sagen die Tali­ban.

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Peter Henisch, gebo­ren am 27.8.1943 in Wien. Nach­kriegs­kind­heit, Wie­der­auf­bau­pu­ber­tät, Stu­di­um (Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie, Geschich­te, Ger­ma­nis­tik) in den 60er Jah­ren. Um 1965/66 in der Lokal­re­dak­ti­on der Wie­ner ARBEITERZEITUNG, 1969 Mit­be­grün­der der Lite­ra­tur­zeit­schrift WESPENNEST, ab 1972 Lite­ra­tur­re­dak­teur der Zeit­schrift des Thea­ters der Jugend NEUE WEGE. Seit etwa 1975 frei­schwe­ben­der Schrift­stel­ler. Gedich­te (Das ist mein Fens­ter), LPs & CDs (u.a. Alles in Ord­nung, Blues Plus) und zahl­rei­che Roma­ne (u.a. Die klei­ne Figur mei­nes Vaters, Schwar­zer Peter, Vom Wunsch India­ner zu wer­den, Mor­ri­son Ver­steck, Der ver­irr­te Mes­si­as, Eine sehr klei­ne Frau, Such­bild mit Kat­ze. Zuletzt, 2021: Der Jahr­hun­der­t­ro­man, Resi­denz Ver­lag).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 19. Novem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 21. Nov. 2021