Das Hintergrundrauschen

Über Zufäl­le, die kei­ne sind. Von Chris­toph Janacs. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXVII

Es gibt Ereig­nis­se, die fal­len einem ein­fach zu oder buch­stäb­lich auf den Kopf und ver­än­dern oder been­den gar eines Men­schen Leben. Man mag sie Zufall nen­nen oder Schick­sal, da einem die Hin­ter­grün­de und Zusam­men­hän­ge nicht bekannt sind – war­um sich bei­spiels­wei­se aus­ge­rech­net jetzt ein mor­scher Ast vom Baum löst und den dar­un­ter Ste­hen­den erschlägt –, erklä­ren las­sen sie sich wahr­schein­lich nicht oder nur unzu­rei­chend. Und dann gibt es Zufäl­le, die kei­ne sind, weil das Unter­be­wußt­sein (das bekann­ter­ma­ßen mehr weiß als das Bewußt­sein) sei­ne Hän­de (mit­un­ter wört­lich zu neh­men!) im Spiel hat und die Gescheh­nis­se bezie­hungs­wei­se das eige­ne Ver­hal­ten steu­ert und einem dadurch die Gele­gen­heit zu unge­ahn­ter Erkennt­nis oder Lebens­zu­sam­men­hän­gen bie­tet. Von drei sol­cher Fäl­le soll hier die Rede sein.

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Christoph Janacs

Chris­toph Janacs

Ich schrei­be seit län­ge­rer Zeit an einer Erzäh­lung über mei­ne Tan­te, genau­er: über eine Epi­so­de in ihrem Leben, als sie wäh­rend der NS-Zeit als Jung­leh­re­rin arbei­te­te, weit weg in der süd­böh­mi­schen Pro­vinz, in einem grenz­na­hen Dorf, das nur nach einem lan­gen Fuß­marsch von der nächs­ten Bahn­sta­ti­on aus zu errei­chen war, wes­halb sie nur sel­ten (wahr­schein­lich zu den sprich­wört­li­chen hei­li­gen Zei­ten) ihren Vater (die Mut­ter war schon gestor­ben) und ihre Schwes­ter (mei­ne Mut­ter) in Linz besu­chen konn­te, sich unend­lich ein­sam fühl­te und wohl des­halb eine für sie unglück­lich enden­de Bezie­hung zu einem deut­schen Offi­zier ein­ging, eine Liai­son, der ein Kind ent­sprang, von dem sich des­sen Erzeu­ger distan­zier­te, der mei­ne Tan­te sogar unter Druck setz­te, sei­nen Namen nir­gend­wo zu erwäh­nen oder gar amt­lich bekannt zu geben, so daß sie gezwun­gen war, als Allein­er­zie­he­rin und Leh­re­rin den Sohn groß­zu­zie­hen, und das zu jener Zeit und in einer erz­ka­tho­li­schen Fami­lie. Seit ich an dem Text arbei­te, geht mir eine Melo­die nicht aus dem Kopf; sie beglei­tet mich schier täg­lich, vor allem wenn ich mich hin­set­ze und zu schrei­ben ver­su­che; sie ist das Hin­ter­grund­rau­schen der letz­ten Wochen, und so sehr ich mich bemü­he, die paar Tak­te zu iden­ti­fi­zie­ren und einem Werk (es muß ein klas­si­sches sein) zuzu­ord­nen, es will und kann (oder darf?) mir nicht gelin­gen.

Mei­ne Tan­te habe ich in Erin­ne­rung als eine gebil­de­te (sie ver­füg­te über eine Pri­vat­bi­blio­thek und eine Plat­ten­samm­lung, alles, was mei­ne Fami­lie nicht besaß) und gleich­zei­tig sehr emo­tio­na­le Frau, die, wie man so tref­fend sagt, nah am Was­ser gebaut war. Wenn sie gewis­se Plat­ten auf­leg­te, wur­de sie sehr schnell gerührt und hat­te Trä­nen in den Augen. Als Kind begriff ich die Zusam­men­hän­ge nicht; ich fühl­te nur die hohe Emo­tio­na­li­tät, daß da etwas für mei­ne Tan­te ganz Wich­ti­ges vor sich ging, etwas Tra­gi­sches, das mei­nen Hori­zont über­stieg und weit über das Zim­mer, ja viel­leicht sogar die Stadt oder gar das Land hin­aus reich­te. Vor allem Schu­bert hat­te es ihr ange­tan, die Unvoll­ende­te und ganz beson­ders die bei­den Zyklen Die schö­ne Mül­le­rin und die Win­ter­rei­se. Wenn sie eine die­ser Plat­ten auf­leg­te, dann sang sie so lan­ge lei­se mit, bis ihre Stim­me ver­sag­te und sie mit wäß­ri­gen Augen ver­stumm­te. Daß das mit ihrer Geschich­te zu tun hat­te, erfuhr ich erst viel spä­ter (aber da war sie schon ver­stor­ben), eben­so war­um unse­re gemein­sa­men Wochen­end­aus­flü­ge oft an die Gren­ze zwi­schen Ober­ös­ter­reich und der dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei führ­ten, wo wir dann immer einen Aus­sichts­turm bestie­gen, um hin­über, in das ande­re, feind­li­che Land zu bli­cken, was mich als Kind auf ganz selt­sa­me Wei­se berühr­te, die­se Rät­sel­haf­tig­keit der Gren­ze, die, unsicht­bar, eine der­art schö­ne Land­schaft ent­zwei­schnitt und ver­hin­der­te, daß man hin­über und her­über gelan­gen konn­te, oder wenn, dann nur unter auf­wän­di­gen Auf­la­gen und Kon­trol­len, und wenn die Tan­te aus­gie­big durch den Feld­ste­cher geblickt und die Land­schaft nach ihrem Dorf abge­sucht hat­te und ihn an mich wei­ter­reich­te, hat­te sie jedes Mal wie bei den Plat­ten einen ver­schlei­er­ten, feuch­ten Blick und schwieg für län­ge­re Zeit.

Jetzt also schrei­be ich über sie, weiß mehr von ihrem Schick­sal als damals, tau­sche mich, vor­sich­tig, um ihn nicht zu ver­let­zen, mit ihrem Sohn aus, und bin den­noch ahnungs­los. Wie sonst könn­te es mir pas­sie­ren, daß ich durch die Stadt gehe, in deren Nähe ich woh­ne, immer im Geis­te an dem Text arbei­tend, an For­mu­lie­run­gen fei­lend und sie memo­rie­rend, um sie schließ­lich zu Hau­se auf­zu­schrei­ben, stets beglei­tet von der Melo­die, die mir so bekannt vor­kommt und die ich nicht und nicht iden­ti­fi­zie­ren kann? Wie ist es mög­lich, mich wochen­lang mit dem Leben mei­ner Tan­te zu beschäf­ti­gen und das Nahe­lie­gen­de nicht zu sehen, ja nicht ein­mal in Erwä­gung zu zie­hen? Weil mein Bewußt­sein noch nicht reif dazu ist? Oder weil sich etwas in mir wehrt gegen eine Erkennt­nis, ein tie­fe­res Ver­ste­hen, das weit über das Zim­mer, ja viel­leicht sogar die Stadt oder gar das Land hin­aus reicht und sogar mit mir zu tun hat?

Es ist die Zeit des zumin­dest momen­ta­nen Sie­ges­zugs der CD. Ich habe mich lan­ge gesträubt, von Plat­te auf CD umzu­stei­gen, ver­fech­te die Ansicht, die Musik klin­ge auf CD viel fla­cher, die Dyna­mik einer Plat­ten­ein­spie­lung wür­de nie erreicht wer­den, aber als auf einer neu gekauf­ten und erst weni­ge Male abge­spiel­ten Plat­te Glenn Gould bei sei­ner Inter­pre­ta­ti­on von Bachs Gold­berg Varia­tio­nen von einem unüber­hör­ba­ren Knis­tern und Knack­sen beglei­tet wird, das schnell schlag­zeug­ar­ti­gen Cha­rak­ter annimmt, ist mein Wider­stand gebro­chen und ich erste­he mei­nen ers­ten CD-Play­er. Aber zu einem CD-Play­er gehö­ren auch abspiel­ba­re CDs; also betre­te ich einen Plat­ten­la­den, der wenig spä­ter einem Mode­ge­schäft wei­chen wird müs­sen, und bin von dem Ange­bot über­wäl­tigt und über­for­dert. Ich könn­te natür­lich Goulds Ein­spie­lung auf CD kau­fen, um Bachs Musik stö­rungs­frei genie­ßen zu kön­nen, aber irgend­et­was in mir sträubt sich dage­gen, und so bege­be ich mich auf die Suche nach etwas, von dem ich kei­ne genaue Vor­stel­lung habe, blät­te­re in den Rega­len, zie­he CD um CD her­vor und ste­cke sie wie­der zurück, kann aber den Laden doch nicht unver­rich­te­ter Din­ge ver­las­sen, neh­me des­halb eine CD aus der Schüt­te mit Ange­bo­ten und ersu­che die Ver­käu­fe­rin, mich pro­be­hö­ren zu las­sen.

Was dann geschieht, ist einer jener rät­sel­haf­ten Momen­te, die mir in mei­nem Leben immer wie­der zusto­ßen wie Zufalls­be­kannt­schaf­ten, die sich zu bes­ten Freund­schaf­ten wan­deln, oder eine einer Lau­ne geschul­de­te Kurs­än­de­rung einer Auto­rei­se, die mich uner­war­tet und beglü­ckend in schöns­te Land­schaf­ten bringt. Ein­ein­halb Tak­te genü­gen, um das Musik­stück zu erken­nen und als jenes zu iden­ti­fi­zie­ren, das mich als Grund­rau­schen seit Wochen beglei­tet und bedrängt hat. Ich brauch­te gar nicht auf den Ein­satz des Sän­gers zu war­ten, um zu wis­sen, was er sin­gen wird: Fremd bin ich ein­ge­zo­gen, / Fremd zieh ich wie­der aus. Es ist das Lied Gute Nacht, das ers­te Stück aus Schu­berts Win­ter­rei­se, und in genau jener Inter­pre­ta­ti­on, die mei­ne Tan­te auf Plat­te besaß: Diet­rich Fischer-Die­skau, auf dem Kla­vier beglei­tet von Gerald Moo­re. Und schlag­ar­tig eröff­nen sich mir Zusam­men­hän­ge und begrei­fe ich, daß mei­ne Tan­te die­se bei­den Vers­zei­len als ihr Lebens­mot­to begriff und war­um sie beim Hören der Plat­te und beim Blick in den Böh­mer­wald wein­te.

2

Etwa zwei Jahr­zehn­te frü­her. Da sit­zen zwei Jugend­li­che im mit viel zu gro­ßen und dunk­len Möbeln voll­ge­stopf­ten Wohn­zim­mer des einen und lau­schen der Musik, die aus den Boxen der Ste­reo­an­la­ge dringt. Immer wenn sie ein­an­der tref­fen, legt der eine von ihnen die neu­es­ten Plat­ten oder Alt­be­kann­tes auf, sie dis­ku­tie­ren die Tex­te und Cover, und der ande­re, der mitt­ler­wei­le leid­lich gut Gitar­re spielt, erläu­tert die Musik, die Raf­fi­nes­sen der Kom­po­si­tio­nen, die Riffs und das Fin­ger­pi­cking der ver­ehr­ten Musi­ker. Cat Ste­vens’ Mona Bone Jakon war gera­de dran, einer ihrer Göt­ter, nun die neu­es­te Errun­gen­schaft: Dono­vans Sin­gle Celia of the Seals, ein trau­ri­ger Song über das Abschlach­ten von Rob­ben. Dann die Rück­sei­te: The Song of Wan­de­ring Aen­gus. Sie sche­ren sich nicht dar­um, wer die­ser Aen­gus ist, sie geben sich ein­fach der Musik hin, der metal­lisch klin­gen­den Akus­tik­gi­tar­re und Dono­vans äthe­ri­schem Gesang. Am Ende, kurz vor den letz­ten Tak­ten, springt der eine elek­tri­siert auf. Was da Dono­van gesun­gen habe? Kei­ne Ahnung, sagt der ande­re und hebt den Ton­arm ein paar Ril­len davor auf die Plat­te. Jetzt, wo sie kon­zen­triert hin­hö­ren, ist der Text klar ver­ständ­lich: And pluck till time and times are done, / The sil­ver app­les of the moon, / The gol­den app­les of the sun. Das kennt der eine, glaubt aber immer noch, sich zu täu­schen. Wer der Autor des Tex­tes sei? Die bei­den Jugend­li­chen lesen auf dem Plat­ten­auf­druck nach, suchen, fin­den: Wil­liam But­ler Yeats. Der eine der bei­den ist aus dem Häus­chen. Das dür­fe doch nicht wahr sein!
Schnitt. Ein gutes hal­bes Jahr davor war besag­ter Jugend­li­cher im Buch­ge­schäft, das nur weni­ge hun­dert Meter von dem Gym­na­si­um ent­fernt lag, das bei­de besuch­ten, und frag­te den ein­äu­gi­gen Buch­händ­ler (einen freund­li­chen, unge­mein bele­se­nen älte­ren Herrn, der ger­ne beriet, über des­sen Ver­lust des Auges aber nie etwas zu erfah­ren war, wes­halb ihn immer etwas Geheim­nis­vol­les umweh­te) nach einem Buch, in dem jene Geschich­te zu fin­den sei, die er ein paar Wochen zuvor in einer Antho­lo­gie gefun­den hat­te und die ihn so begeis­ter­te, daß er das Ori­gi­nal­buch unbe­dingt haben woll­te. Das Buch war nicht lagernd, aber ein ande­res des­sel­ben Autors, der Roman Fah­ren­heit 451. Ob er das schaf­fen kön­ne? Immer­hin hand­le es sich um ein eng­lisch­spra­chi­ges Buch, und er, der Jugend­li­che, sei nicht gut in der Schu­le. Wenn er sich bemü­he und Geduld auf­brin­ge, sehr wohl, war die Ant­wort. Der Jugend­li­che kauf­te das Buch, bestell­te aber zugleich das gesuch­te, das ein paar Wochen spä­ter ein­lang­te und wie der Roman acht­zehn Schil­lin­ge und vier­zig Gro­schen kos­te­te. Zusam­men war das fast das Taschen­geld eines Monats; aber das war es ihm wert. Bei­de Bücher avan­cier­ten zu sei­ner Lieb­lings­lek­tü­re und soll­ten ihn spä­ter in sei­nem eige­nen Schrei­ben nach­hal­tig prä­gen. Der Titel des Erzähl­ban­des: The Gol­den App­les of the Sun. Sein Autor: Ray Brad­bu­ry. Der Buch­ti­tel war einem Gedicht ent­lehnt, das auf einer der ers­ten Sei­ten als Mot­to prang­te: And pluck till time and times are done, / The sil­ver app­les of the moon, / The gol­den app­les of the sun.

Das erzählt nun der Jugend­li­che sei­nem Freund. Wenn ich mich recht erin­ne­re, haben sie den Song noch meh­re Male ange­hört und dar­über gerät­selt, wie es kom­men konn­te, daß Brad­bu­ry eine Vers­zei­le eines Gedichts von Yeats als Buch­ti­tel neh­men und Dono­van just die­ses Gedicht ver­to­nen konn­te, das dann als B‑Seite einer Sin­gle erschien, die ein öster­rei­chi­scher Jugend­li­cher in einer Plat­ten­schüt­te fand und kauf­te, um sie eines Nach­mit­tags sei­nem Freund vor­zu­spie­len, der gera­de Brad­bu­rys Erzähl­band gele­sen hat­te. Das Rät­sel konn­ten sie bis dato nicht lösen.

3

Schau­platz­wech­sel. Schon seit Stun­den durch­strei­fe ich zu Fuß die Innen­stadt und die angren­zen­den Vier­tel von Mexi­ko, gebe mich den Far­ben und Gerü­chen und Geräu­schen hin, besu­che zum wie­der­hol­ten Mal die Märk­te La Mer­ced, Ciu­da­de­la und Sono­ra und mute mir einen Sin­nes-Over­kill zu, ich habe wehe Füße, mein Kopf dröhnt, aber ich muß wei­ter und wei­ter. Ich bin hier, um für mei­nen in Pla­nung befind­li­chen (und sich letzt­lich völ­lig anders gestal­ten­den) Roman Azte­ken­som­mer zu recher­chie­ren und kann dies tun wegen eines Prei­ses und eines Sti­pen­di­ums, so daß ich mich für ein Jahr von mei­nem Brot­be­ruf frei­ma­chen kann und nun schon meh­re­re Mona­te hier bin. Noch immer ent­de­cke ich Neu­es, und das wird auch noch in Mona­ten und Jah­ren so sein: Mexi­ko ist nicht aus­zu­lo­ten, wahr­schein­lich nicht ein­mal für sei­ne eige­nen Bewoh­ner.

War­um gera­de Mexi­ko? Das ist nicht leicht zu beant­wor­ten, zu vie­le Din­ge spiel­ten und spie­len noch immer mit, und ich bin mir nicht ein­mal sicher, ob mir selbst alle Aspek­te bewußt sind. Da sind auf jeden Fall die Karl May-Roma­ne, allen vor­an die fünf in Mexi­ko spie­len­den mit dem Dok­tor Stern­au als zen­tra­ler Figur und die bei­den Ver­fil­mun­gen Der Schatz der Azte­ken und Die Pyra­mi­de des Son­nen­got­tes, völ­lig miß­glück­te Adap­tio­nen mit zahl­lo­sen Feh­lern und einer ziem­lich ver­wor­re­nen Hand­lung, die mich aber als Kind unge­mein beein­druck­ten. Da sind die vie­len Wes­tern, in denen die Mexi­ka­ner zwar oft schlecht weg­kom­men und meist als Böse­wich­te, zumin­dest aber als frag­wür­di­ge Figu­ren auf­tre­ten (wie zum Bei­spiel in dem Klas­si­ker Die glor­rei­chen Sie­ben), Mexi­ko hin­ge­gen aber als Sehn­suchts­land fun­giert, als Land der Frei­heit, der Frei­en, Unge­bun­de­nen, und damit dem in engen Fami­li­en­ver­hält­nis­sen auf­wach­sen­den Kind und Jugend­li­chen eine Folie für sein Fern­weh abgibt. Da ist die Radio­sen­dung Musik aus Latein­ame­ri­ka zu nen­nen, die die begna­de­te Mode­ra­to­rin Eri­ca Vaal mit ihrer rau­chi­gen Stim­me mode­rier­te und einer­seits die­ses Fern­weh schür­te, indem sie hier­orts unbe­kann­te Sän­ge­rin­nen, Sän­ger und Grup­pen vor­stell­te, und ande­rer­seits Fort­bil­dung betrieb, indem sie Lied­tex­te vor­trug und gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Hin­ter­grün­de erläu­ter­te. Hier hör­te ich zum ers­ten Mal Guan­tan­ame­ra, das mir zum Syn­onym für Latein­ame­ri­ka und die Lebens­freu­de sei­ner Men­schen wur­de und mein Fern­weh befeu­er­te, und auch La Palo­ma, das angeb­lich bei der Aus­schif­fung des Sar­ges von Kai­ser Maxi­mi­li­an von Mexi­ko in Mira­ma­re gespielt wur­de. Da ist die Fas­zi­na­ti­on des Her­an­wach­sen­den für die mys­ti­schen Kul­tu­ren der Azte­ken, Maya und Inka und schließ­lich jene Aus­stel­lung über das anti­ke Mexi­ko, die im Lin­zer Schloß statt­fand und Aus­lö­ser für mei­ne ers­te Mexi­ko­rei­se war.

Nun also bin ich hier und wer­de nicht satt von die­sem Land, bege­be mich auf wag­hal­si­ge Wan­de­run­gen durch nicht unge­fähr­li­che Stadt­rand­sied­lun­gen, wo die para­cai­di­stas, die Fall­schirm­sprin­ger genann­ten ille­ga­len Land­flücht­lin­ge ihre ers­te und oft auch ein­zi­ge Unter­kunft fin­den, wo Kri­mi­na­li­tät und Dro­gen­kon­sum hoch sind und so man­cher spur­los ver­schwin­det, oder stö­be­re wie gera­de jetzt in der Libre­ría Gan­dhi in mei­nem Lieb­lings­stadt­vier­tel Coyoacán, einer 1971 gegrün­de­ten Buch­hand­lung, von der es mitt­ler­wei­le fast sieb­zig Able­ger im gan­zen Land gibt. Hier fin­de ich, was ich suche und vor allem was ich nicht suche. Hier ver­brin­ge ich Stun­den, pau­sie­re im dazu­ge­hö­ri­gen Café, bestel­le einen Mok­ka und ein pas­tel und schmö­ke­re wei­ter. Soeben durch­fors­te ich die Musik­ab­tei­lung auf der Suche nach authen­ti­scher mexi­ka­ni­scher Musik. CDs sind mir für Zufalls­fun­de zu teu­er, also stö­be­re ich unter den Musik­kas­set­ten und sto­ße auf Ein­spie­lun­gen von Tri­os aus den 1950er und 1960er Jah­ren. Die Namen sagen mir nichts, also ver­las­se ich mich auf mein Gespür und kau­fe eine von den Los Pan­chos: Drei Her­ren sind da abge­bil­det in Schwarz-Weiß, mit Anzug, Kra­wat­te und Kurz­haar­schnitt, alle drei spie­len Gitar­re, sin­gen, schau­en aber nicht in die Kame­ra, son­dern ein­an­der an und lächeln. Das Pho­to wirkt alt­mo­disch, wie ein Echo aus einer längst ver­gan­ge­nen Epo­che; aber es spricht mich an, viel­leicht gera­de des­halb.

Im Hotel­zim­mer lege ich die Kas­set­te in das mit­ge­brach­te Abspiel­ge­rät ein, und wie­der ist es schon das ers­te Lied, sind es die ers­ten paar Tak­te, ist es eigent­lich das Vor­spiel, bevor das Lied wirk­lich beginnt, was mich – ich fin­de kein pas­sen­de­res Wort – erschüt­tert und gleich­zei­tig beglückt und einen wei­ten, über Kon­ti­nen­te und vie­le Jah­re rei­chen­den Bogen spannt: die hohen Män­ner­stim­men, die hoch­ge­stimm­te Lead­gi­tar­re, der typi­sche drei­stim­mi­ge Gesang – das alles klingt unge­mein ver­traut, als hät­te ich es erst ges­tern gespielt, obwohl ich es seit über drei Jahr­zehn­ten nicht mehr gehört habe, zuletzt jeden­falls in Eri­ca Vaals Musik­sen­dung. Per­fi­dia heißt das Lied, und die ers­ten Ver­se lau­ten: Nadie com­pren­de lo que suf­ro yo. /Canto pues ya no puedo sol­lo­zar. Was so viel bedeu­tet wie: Nie­mand ermißt, was ich zu lei­den habe. /Ich sin­ge, weil ich nicht mehr wei­nen kann. Ich sit­ze da, gerührt, ver­wun­dert, und lau­sche den Lie­dern der längst ver­stor­be­nen Musi­ker.

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Chris­toph Janacs, * 1955 in Linz, lebt in Niederalm/Salzburg, ver­öf­fent­lich­te bis­lang zwei Roma­ne, sie­ben Erzähl­bän­de und an die zwan­zig Gedicht­samm­lun­gen, zuletzt erschie­nen Hau­fen­wei­se Toten­köp­fe (Erzäh­lun­gen 2018), im Zwei­strom­land (Gedich­te 2019), Spät­le­se (CD 2020), Unter den Him­meln Mexi­kos (CD 2021), Ansichts­kar­ten vom Meer (Gedich­te 2021).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 29. Okto­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 29. Okt. 2021