In Fünferschritten. Oder: Sich neue Bilder aus alten machen

Von Lud­wig Laher. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXIII
Ludwig Laher © Reinhard Winkler

Lud­wig Laher. Foto: Rein­hard Wink­ler

Ich bin jetzt fünf­und­sech­zig. Pen­si­ons­reif, heißt das in der Welt da drau­ßen. In weni­gen Wochen wird ein umfang­rei­cher Band über mein Werk und – bis zu einem gewis­sen Grad – den Men­schen dahin­ter erschei­nen. Es mag ein Zufall sein, aber mir passt das ins Bild, das mir nicht so recht pas­sen will: Bilanz wird gezo­gen. Zwi­schen­bi­lanz, wider­spricht man mir auf­mun­ternd.

Soll­ten auch Sie bereits über eine erkleck­li­che Zahl an Jah­res­rin­gen ver­fü­gen, ken­nen Sie das sicher­lich: Dimen­sio­nen ver­än­dern sich, Zeit­ebe­nen schie­ben sich inein­an­der, manch ein bio­gra­phi­scher Stein hat es satt, auf dem ande­ren zu blei­ben. Die Wege der Kind­heit, so noch vor­han­den, sind viel kür­zer als beharr­lich gespei­chert. Wenn ich län­ger zurück­lie­gen­de Ereig­nis­se spon­tan zeit­lich ein­ord­nen soll, irre ich mich mitt­ler­wei­le nicht sel­ten um ein gan­zes Jahr­zehnt oder mehr. Mein vom Krebs aus­ge­mer­gel­ter, grau­haa­ri­ger Vater in sei­nen Vier­zi­gern mit den gelb­fal­ti­gen Hän­den, ein Greis für sein klei­nes Kind, wird dem­nächst von mei­nem sport­li­chen, jugend­lich aus­se­hen­den Sohn alters­mä­ßig ein­ge­holt wer­den. Ich war fas­sungs­los, als mir das neu­lich in den Sinn kam, und ich glau­be es immer noch nicht ganz.

Mit zehn war ich fel­sen­fest davon über­zeugt, dass im Prin­zip alles erfun­den sei. Gut, die Autos und die Fern­se­her sahen etwas ecki­ger aus als noch ein paar Jah­re zuvor, die Astro- und die Kos­mo­nau­ten wür­den sich bald wei­ter ins Welt­all hin­aus­trau­en, und der nahe Eiser­ne Vor­hang dürf­te tech­nisch wei­ter auf­ge­rüs­tet wer­den, um bis zum Sankt Nim­mer­leins­tag gute Diens­te zu leis­ten. Aber das alles gab es bereits, ich konn­te mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len, dass da noch etwas fehl­te. Die Gren­zen schie­nen end­gül­tig gezo­gen, auch in mei­nem klei­nen Kopf.

Sci­ence fic­tion war nie mein Ding. In der schwer text­las­ti­gen Kin­der­zeit­schrift Wun­der­welt fand sich neben den reich bebil­der­ten, betu­lich gereim­ten Aben­teu­ern Zwerg Bumstis, der immer­hin eine leib­haf­ti­ge Maus zur Gat­tin genom­men hat­te, mit der er zufrie­den in einem Pilz­haus wohn­te, sogar ein Comic­strip. Der hat­te einen Erfin­der zum Gegen­stand. Durch Dut­zen­de Fol­gen werk­te der gute Mann Mit­te der Neun­zehn­sech­zi­ger mit vie­len Rück­schlä­gen an dem, was heu­te auto­no­mes Fah­ren heißt. Ich sehe noch die Bil­der vor mir: Sei­ne Kin­der hin­ten im Fahr­zeug, nie­mand am Steu­er. Ers­tens völ­lig irre­al, zwei­tens: Wozu um alles in der Welt? So dach­te der Zehn­jäh­ri­ge.

Der Fünf­zehn­jäh­ri­ge besuch­te mit Freu­de das Frei­fach Lite­ra­tur­pfle­ge, in wel­chem uns ein kurz vor sei­ner Pen­sio­nie­rung ste­hen­der Gym­na­si­al­leh­rer, der, wie ich viel spä­ter erst erfuhr, das KZ über­lebt hat­te, unter ande­rem mit Anti­kriegs­li­te­ra­tur bekannt­mach­te, auch mit Wolf­gang Bor­cherts Lese­buch­ge­schich­ten. Von Bor­chert und die­sen Tex­ten hat­te ich noch nie etwas gehört, aber eine sei­ner Kür­zest­ge­schich­ten erst Wochen davor selbst geschrie­ben, zumin­dest was den Inhalt mit sei­ner Poin­te anlang­te. Der Weiß­haa­ri­ge mit dem auf­fäl­lig roten Gesicht, von den Schü­lern als Glüh­bir­ne titu­liert, mein­te auf mei­ne schüch­ter­ne Fra­ge, wie das mög­lich sein konn­te, ent­spannt, die Idee von den bei­den ver­fein­de­ten Sol­da­ten, durch deren benach­bar­te Grä­ber sich spä­ter der­sel­be Wurm frisst, ohne einen Unter­schied zu bemer­ken, habe Bor­chert nicht für sich gepach­tet, sie sei einem ande­ren sen­si­blen Gemüt durch­aus eben­falls zuzu­trau­en. Und der Pro­fes­sor woll­te mei­ne Tex­te lesen und er hielt sie für gut und er über­re­de­te mich, eini­ge davon im Jah­res­be­richt zu publi­zie­ren. Und er riet mir, ande­re für ein Antho­lo­gie­vor­ha­ben jun­ger Lite­ra­tur an einen Ver­lag zu schi­cken, und ich wur­de auch dort gedruckt, und viel­leicht ver­dan­ke ich Glüh­bir­ne alles, ganz sicher aber den Mut, mich mit mei­nen Geschich­ten und Gedich­ten hin­aus­zu­wa­gen aus der Schreib­tisch­la­de.

Ladies of the Can­yon hör­te ich noch nicht mit fünf­zehn, als Joni Mit­chells gran­dio­ses Album erschien. Mit Big Yel­low Taxi dar­aus mach­te mich etwas spä­ter viel­mehr Bob Dylan bekannt, und die bit­ter-iro­ni­sche Refrain­zei­le They paved para­di­se and put up a par­king lot die­ser frü­hen öko­lo­gi­schen Hym­ne mit dem sar­kas­ti­schen pri­va­ten Anhäng­sel einer geschei­ter­ten Bezie­hung gehör­te zu den ers­ten nach­hal­ti­gen Ein­drü­cken, die neben der stets dräu­en­den Gefahr des Atom­kriegs mein Grund­ge­fühl, an der Ver­bes­se­rung der Welt wer­de trotz Viet­nam an vie­len Ecken und Enden mit Elan gear­bei­tet, ein wenig ins Wan­ken brach­ten. Aber, wie hieß es doch gleich­zei­tig aus dem Mun­de der Spon­tis opti­mis­tisch: Unter dem Pflas­ter liegt der Strand.

Heu­te ste­he ich ver­lo­ren auf die­sem unsäg­li­chen Park­platz, der längst bis an den Hori­zont reicht, unter mir der glut­hei­ße Asphalt und unter ihm das gestran­de­te Para­dies, an das ich ohne­hin nie glaub­te. Von dort kam, als ich zwan­zig war, ein vazie­ren­der Stu­dio­sus auf den Hof und um eine mil­de Gabe ein. Die Bäue­rin, allein daheim, ließ er wis­sen, er käme von weit her, näm­lich von Paris, was ihr nichts sag­te, wes­we­gen sie glaub­te, das ihr ver­trau­te Wort Para­dies ver­nom­men zu haben. Vor­sich­tig frag­te sie nach, ob er dort zufäl­lig ihren früh ver­stor­be­nen ers­ten Mann getrof­fen habe. Sie muss­te ihn nur sehr ober­fläch­lich beschrei­ben, und der jun­ge Mann war sich ganz sicher. Dem wür­de es dort lei­der elend gehen, er fris­te sein ewi­ges Leben im alten Lei­chen­hemd, immer noch habe er es weder zu einer Hose noch zu Schu­hen gebracht. Trotz der wei­ten Wan­de­rung, die ihm bevor­stün­de, bevor er zurück ins Para­dies käme, erklär­te sich der Stu­dent bereit, sich mit tadel­lo­ser Klei­dung voll­pa­cken zu las­sen und sie dem dar­ben­den Ver­bli­che­nen samt einem hüb­schen Sümm­chen Bares aus­zu­hän­di­gen. Sol­cher­ma­ßen aus­ge­stat­tet, zog er von dan­nen. Beglückt erzähl­te die Bäue­rin ihrem heim­ge­kehr­ten zwei­ten Mann die unglaub­li­che Geschich­te, wor­auf der flugs aufs Pferd sprang und dem Kerl mit dem auf­fäl­li­gen gel­ben Hals­tuch und dem schwe­ren Gepäck sporn­streichs nach­jag­te. Der Stu­dio­sus sah ihn schon von wei­tem kom­men, ver­steck­te die Bün­del samt Hals­tuch in einer Dor­nen­he­cke und schick­te den Bau­ern ins Unter­holz, wohin sich der Gesuch­te mit Bla­sen an den Füßen und vom Gewicht des Mit­ge­schlepp­ten außer Atem ver­zo­gen habe. Ger­ne wol­le er der­weil auf das Pferd schau­en. Spät erreich­te der ins Bocks­horn gejag­te Land­mann auf Schus­ters Rap­pen den hei­mat­li­chen Hof. Sei­ner Frau erklär­te er, dem Para­dies­bo­ten auch noch das bes­te Pferd über­las­sen zu haben, damit der schnel­ler dort­hin gelan­gen und sei­nen bet­tel­ar­men Vor­gän­ger belie­fern kön­ne. Sie aber sol­le unbe­dingt Still­schwei­gen über die Geschich­te bewah­ren. Doch das war der Bäue­rin nicht mehr mög­lich, hat­te sie doch bereits das gan­ze Dorf unter­rich­tet.

Ich las Hans Sachs‘ Fast­nachts­spiel aus 1550 wäh­rend mei­nes Ger­ma­nis­tik­stu­di­ums und fand es mäßig erhei­ternd. Als Autor mit der Schlicht­heit von Men­schen Scha­ber­nack trei­ben, das woll­te sich mit mei­nen dama­li­gen mora­li­schen Ansprü­chen nicht recht ver­ein­ba­ren las­sen, auch wenn das Gesche­hen im fer­nen sech­zehn­ten Jahr­hun­dert zu ver­or­ten war. Wenigs­tens war 1976 hof­fent­lich nie­mand mehr so gren­zen­los dumm.

Und heu­te? Jeden Tag las­sen sich im Netz Zeit­ge­nos­sin­nen und Zeit­ge­nos­sen in gro­ßen Stück­zah­len nicht nur mit den hirn­ris­sigs­ten Ver­schwö­rungs­theo­rien anste­cken, son­dern auch auf die aber­wit­zigs­te Wei­se abzo­cken. Und das gan­ze glo­ba­le Dorf wei­det sich an ein­schlä­gi­gen Berich­ten, nicht sel­ten von den exhi­bi­tio­nis­ti­schen Opfern selbst online gestellt, die zwar die digi­ta­len Seg­nun­gen des Binär­codes vir­tu­os anzu­wen­den wis­sen, aber eins und eins nicht zusam­men­zäh­len kön­nen. Der uralte, ver­staub­te Hans Sachs hat sich also gegen alle Wahr­schein­lich­keit zum Pro­phe­ten gemau­sert, zum hoch­ak­tu­el­len Kom­men­ta­tor einer gesell­schaft­li­chen Dyna­mik, die unter ande­rem hun­dert­tau­sen­de anspruchs­freie Kids drö­ge Influen­ce­rin­nen anbe­ten lässt und selb­stän­di­ges Den­ken de fac­to aus dem Bil­dungs­ka­non eli­mi­niert.

Dem Zwan­zig­jäh­ri­gen wäre solch ein Blick in die Zukunft genau­so unwirk­lich vor­ge­kom­men wie dem Fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­gen im ers­ten Moment die bit­te­re Erfah­rung der dama­li­gen Gegen­wart, dass ihn die gelieb­te Frau mir nichts dir nichts ver­lässt, unwirk­lich vor­ge­kom­men ist. Doch schon mit drei­ßig hat­te ich ganz plötz­lich zwei groß­ar­ti­ge Kin­der im Haus, eines davon als ele­men­ta­rer Bestand­teil des Dop­pel­packs, des­sen ande­rer Teil mein Lebens­mensch gewor­den ist, mein Kraft­spen­der, und ich der ihre.

Als ich dann fünf­und­drei­ßig war, raun­te man mir von aller­lei Sei­ten das Wort vom Ende der Geschich­te zu. Mit der uner­war­te­ten Implo­si­on des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus in Euro­pa wür­de das Para­dies aus­bre­chen. Schon wie­der das Para­dies. Ich war mir gleich sicher, das gel­te ein­zig und allein für den Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, der die Asphal­tie­rungs­ar­bei­ten des Park­plat­zes ab sofort mas­siv beschleu­ni­gen wür­de, und soll­te wenig über­ra­schend Recht behal­ten. Inzwi­schen war ich mir auch längst bewusst gewor­den, dass doch noch nicht alles erfun­den war. Mit fünf­und­drei­ßig leis­te­te ich mir den ers­ten PC, schlepp­te die Kugel­kopf­schreib­ma­schi­ne in den Kel­ler, ledig­lich einer ihrer Köp­fe durf­te es sich auf dem Schreib­tisch unter dem Bild­schirm zum Andenken bequem machen.

Ach ja, natür­lich, ich schrieb. Schrieb, seit ich sie­ben war. Vor­erst immer noch neben dem anstren­gen­den Brot­be­ruf als Leh­rer, aber mit vier­zig war mir klar, jetzt war es höchs­te Zeit umzu­sat­teln, wenn ich denn noch das eine oder ande­re Buch vor­le­gen woll­te, das ich mir nicht neben allem ande­ren müh­se­lig abge­run­gen, son­dern mit vol­ler Kon­zen­tra­ti­on und auf­wen­di­ger Recher­che zu Papier gebracht haben wür­de.

Ich nahm Ver­bin­dung mit unter­schied­li­chen Ver­gan­gen­hei­ten auf und fand bestä­tigt, was ich schon eine Zeit­lang ver­mu­tet hat­te: So ver­gan­gen war das alles nicht, dass sich kei­ne trag­fä­hi­gen Brü­cken dahin schla­gen lie­ßen. Heu­te wür­de ich unter ande­rem auch den Kol­le­gen Hans Sachs dafür in den Zeu­gen­stand bit­ten. Die Ver­gan­ge­nen, sogar die Ver­ges­se­nen hin­ter­lie­ßen oft erstaun­li­che Spu­ren, und ich bil­de­te mir ein, für mich waren sie sogar manch­mal bereit, wie­der leben­dig zu wer­den.

Fünf­und­vier­zig, Mit­te des Lebens, wenn’s gut geht. Für mei­nen Vater war die­ses Alter schon fast der End­punkt gewe­sen. Jetzt war ich haupt­be­ruf­lich Schrift­stel­ler, jedes neue Buch ver­kauf­te sich vor­läu­fig ent­schie­den bes­ser als das vor­he­ri­ge. Ich hat­te mich im frü­hen neun­zehn­ten Jahr­hun­dert umge­tan und in der Zeit­ge­schich­te bis unmit­tel­bar vor mei­ner Geburt. Jetzt, da ich Vaters kur­ze Lebens­span­ne bald hin­ter mir las­sen wür­de, woll­te ich jene ers­ten fünf­zehn Jah­re mei­nes eige­nen Lebens, an denen ich lan­ge zu kie­feln hat­te, in einem Roman besich­ti­gen und wähl­te trotz des Umstands, dass er nur die ers­ten sechs davon da gewe­sen war, den Vater als Ansprech­part­ner dafür. Und sie­he da, was beim jüngs­ten Sohn Mozarts funk­tio­nier­te und bei den Struk­tu­ren der Bar­ba­rei im NS-Staat, gelang auch auf der pri­va­ten Ebe­ne. Der Vater ließ sich tat­säch­lich über­re­den, wir durch­streif­ten gemein­sam wie­der die Spa­zier­we­ge mei­ner frü­hen Kind­heit, die ich in Tei­len sogar umschrei­ben muss­te, denn man­ches ver­hielt sich in Wirk­lich­keit ganz anders, als er und die Mut­ter mir zu ihren Leb­zei­ten weis­ge­macht hat­ten. Zor­nig mach­te mich das gar nicht, es war ja alles so lan­ge her und gleich­zei­tig so gegen­wär­tig, dass ich statt­des­sen bloß ins Stau­nen geriet.

Mit dem Älter­wer­den wur­den in mir also nicht nur die Linea­ri­tät und Ein­deu­tig­keit chro­no­lo­gi­scher Abläu­fe ordent­lich durch­ge­rüt­telt. Auch eini­ges von dem, was ich als mei­ne per­sön­li­che Geschich­te gespei­chert hat­te, wur­de in sei­nen Grund­fes­ten erschüt­tert. Außer­dem lagen, als ich fünf­und­vier­zig war, die Eltern und die Schwie­ger­el­tern bereits voll­zäh­lig auf dem Fried­hof, mei­ne Frau und ich fan­den uns all­zu früh an die Spit­ze der fami­liä­ren Alters­py­ra­mi­de gestellt. Manch­mal hat­te ich das Gefühl, die­ser Umstand mach­te uns ein wenig älter, als wir waren.
Mein Ver­trau­en in einen ste­ten gesell­schaft­li­chen Wan­del zum Bes­se­ren hin war gründ­lich aus­ge­höhlt, und doch began­nen für mich – auch jenen grim­mi­gen mor­gen­län­di­schen Män­nern zum Trotz, die soeben eine prak­ti­sche Abkür­zung ins jung­frau­en­ge­sät­tig­te Para­dies ihrer Ein­bil­dung über bis­lang gehei­me Ein­gän­ge in den New Yor­ker Twin Towers und im Pen­ta­gon fan­den – nun die bei­den sta­bils­ten Dez­en­ni­en, Vor­aus­set­zung für kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit mit reich­lich Ertrag auf einem Fun­da­ment per­sön­li­chen Glücks. Glück: ein Wort, das ich immer noch nicht leicht über die Lip­pen brin­ge.

Der Fünf­zig­jäh­ri­ge schlug einem Dut­zend Men­schen, die ihm viel bedeu­te­ten oder zumin­dest ein­mal bedeu­tet hat­ten, vor, ihn je eine Etap­pe einer anspruchs­vol­len Weit­wan­de­rung zu beglei­ten. Täg­lich um etwa acht­zehn Uhr fand der Wech­sel statt. Ich woll­te es nach eini­gem Zögern ris­kie­ren, auch aus den Augen ver­lo­re­ne ehe­mals eng ver­trau­te Frau­en und Män­ner ein­zu­la­den. Sie kamen alle und bescher­ten mir zwei Wochen höchs­ter Inten­si­tät. Nicht alle blie­ben seit­her in mei­nem Leben, denn zwei oder drei gehör­ten, wie sich her­aus­stell­te, tat­säch­lich unwi­der­ruf­lich mei­ner Ver­gan­gen­heit an. Doch auch das stimmt nur bis zu einem gewis­sen Grad, denn schließ­lich bin ich das noch höchst gegen­wär­ti­ge Resul­tat einer kom­ple­xen Sozia­li­sa­ti­on, an der gera­de auch sie ent­schei­den­den Anteil hat­ten.

Mit fünf­und­fünf­zig konn­te ich einem sehr neu­en, gleich­zei­tig sehr alten Freund die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be sei­ner Auto­bio­gra­phie zum Geschenk machen, die mei­ne Toch­ter – war sie nicht gera­de erst auf die Welt gekom­men? – mit mir über­setzt hat­te. Dar­in beschrieb er auch sei­ne schein­bar aller­letz­te Bestei­gung eines öster­rei­chi­schen Gip­fels mit dem Vater kurz vor dem Ein­marsch Hit­lers, der ihm jüdi­sches Blut nicht nur nach­ge­sagt, son­dern es auch lie­bend gern ver­gos­sen hät­te. Jetzt leb­te der im letz­ten Moment Ent­kom­me­ne als ange­se­he­ner Ger­ia­ter in Kana­da, wo er mich nach einer Lesung in Otta­wa ange­spro­chen hat­te, als ich dort aus einem gleich­zei­tig auf Fran­zö­sisch und Eng­lisch erschie­ne­nen Roman von mir las. Eine uner­war­te­te letz­te inten­si­ve Bezie­hung zu einem trotz sei­nes Schick­sals lebens­fro­hen Men­schen mei­ner Eltern­ge­nera­ti­on ergab sich aus die­ser Begeg­nung, und ich ermun­ter­te den Fünf­und­acht­zig­jäh­ri­gen erfolg­reich, mit mir nach fast sieb­zig Jah­ren doch wie­der auf einen ordent­li­chen öster­rei­chi­schen Berg zu stei­gen. Mit län­ge­ren Rast­pau­sen gelang es, und es bedeu­te­te ihm viel. Sag nie­mals nie, wuss­te schon James Bond.

Über­haupt die Natur, das Gehen, ein Leben lang uner­setz­li­che Beglei­tung des Schrei­bens. In mei­nem sech­zigs­ten Lebens­jahr ver­sperr­ten mei­ne Frau und ich die Haus­tür und mar­schier­ten zu Fuß vom ober­ös­ter­rei­chi­schen Inn­vier­tel schnur­stracks nach Süden über alle Ber­ge, die sich in den Weg stell­ten, ans Meer nach Mon­fal­co­ne. Die Welt war weit, und unse­re Füße tru­gen. Endor­phi­ne ohne Ende. Dem Fünf­zehn­jäh­ri­gen dage­gen waren schon die fünf­zehn Kilo­me­ter berg­auf durch den Hasel­gra­ben unend­lich weit erschie­nen, als er sie sich das ers­te Mal vor­nahm.

Und jetzt das Pen­si­ons­al­ter der ande­ren. Wahr­schein­lich wäre es mir weit weni­ger bewusst gewor­den ohne die ande­ren, gewich­ti­ge­ren gleich­zei­ti­gen Zäsu­ren in mei­nem Leben: Hän­de­wa­schen, Abstand hal­ten, Mas­ke. Vor­sicht allent­hal­ben. Wann kommt die Imp­fung? Lan­ges Ban­gen wegen der mit Covid aus­ge­bro­che­nen lebens­be­droh­li­chen Krebs­er­kran­kung mei­ner Frau aus hei­te­rem Him­mel, die sie mit der ihr eige­nen Dis­zi­plin und Fokus­sie­rung inzwi­schen doch über­win­den konn­te. So ähn­lich ging es mir schon ein­mal mit fünf, als der Vater zuse­hends ver­fiel. Zum ers­ten Mal, seit ich den­ken kann, Mona­te ohne eine Zei­le Text­pro­duk­ti­on, voll­stän­di­ger Rück­zug wegen Coro­na und der hohen Vul­nerabi­li­tät mei­ner Pati­en­tin, Ein­kauf durch jun­ge Nach­barn. Pfle­ger mit fünf­und­sech­zig.

Ich schrei­be inzwi­schen wie­der, Kür­ze­res und Lan­ges. Die­ser Tage erreich­te mich die Anfra­ge eines bedeu­ten­den Muse­ums, ob ich eines der grau­en Schul­hef­te, die ich zwi­schen sie­ben und neun mit mei­nen selbst ver­fass­ten Roma­nen und Gedich­ten befüll­te, für eine Aus­stel­lung zur Ver­fü­gung stel­len und gleich auch einer digi­ta­len Fak­si­mi­lie­rung zustim­men wür­de, damit das Publi­kum dar­in blät­tern kön­ne. Ich hol­te Hen­ry, der Loko­mo­tiv­füh­rer her­vor und blät­ter­te selbst dar­in. Das ers­te Kapi­tel Ein komi­scher Gast beginnt mit den Wor­ten: Man schrieb das Jahr 1873. Irgend­wo im Wes­ten ertön­te der schril­le Pfiff einer Loko­mo­ti­ve und gleich dar­auf ein Zischen. Ein Jahr frü­her, 1872, wur­de mein Groß­va­ter gebo­ren.

In die­sem Som­mer traf mein zwei­tes Enkel­kind ein, und mei­ne Frau zer­schnei­det oben in ihrem Ate­lier alte Lein­wän­de von Bil­dern, die ihr nicht so gelan­gen, wie sie hoff­te. Noch hat sie nicht ganz die Kraft, wie­der zu malen, wie ihr kräf­ti­ger Strich es ver­langt. Statt­des­sen ver­blüfft sie mich mit ihrem neu­en Pro­jekt: Etli­che Frag­men­te der zer­stör­ten, an die Unge­gen­ständ­lich­keit strei­fen­den Groß­for­ma­te sind mit einem Mal per­fekt gelun­ge­ne klei­ne Gemäl­de, wir betrach­ten die Details und sehen ande­res in ihnen als vor­her.

Soll­ten auch Sie bereits über eine erkleck­li­che Zahl an Jah­res­rin­gen ver­fü­gen, ken­nen Sie das sicher­lich: Dimen­sio­nen ver­än­dern sich, Zeit­ebe­nen schie­ben sich inein­an­der, manch ein bio­gra­phi­scher Stein hat es satt, auf dem ande­ren zu blei­ben. Man macht sich neue Bil­der von alten. Und man staunt.

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Lud­wig Laher, gebo­ren Ende 1955, lebt und arbei­tet als Autor in St. Pan­ta­le­on und Wien. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Bit­ter (2014) und Über­füh­rungs­stü­cke (2016), der Gedicht­band was hält mich (2015), sei­ne kom­men­tier­te Neu­aus­ga­be gesam­mel­ter Wer­ke von Fer­di­nand Sau­ter Durch­ge­fühlt und aus­ge­sagt (2017), der Essay Wo nur die Wie­ge stand (2019) und die Pro­sa Schau­platz­wun­den. Über zwölf unge­wollt ver­knüpf­te Leben (2020). Für sein Werk, das auch Hör­spie­le, Film­essays und Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen umfasst, erhielt er zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 1. Okto­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 8. Okt. 2021