Was macht der Zauberer in Drohobycz?

Maxim Bil­ler arbei­tet sich seit vie­len Jah­ren an sei­ner Reiz­fi­gur Tho­mas Mann ab. Zu tun hat dies mit Bil­lers Selbst­ver­ständ­nis als jüdi­scher Autor in Deutsch­land. Von Kai Sina
Thomas Mann

Tho­mas Mann um 1900

Auf kaum einen Namen reagiert der Autor, Kri­ti­ker und Essay­ist Maxim Bil­ler so gereizt wie auf den Namen Tho­mas Mann. Einen Ein­druck von der Vehe­menz sei­ner Ableh­nung konn­te man in der Aus­ga­be des Lite­ra­ri­schen Quar­tetts vom Novem­ber 2015 gewin­nen. Gegen­stand der Debat­te war die erfolg­rei­che Fami­li­en­bio­gra­fie Die Manns des Lite­ra­tur­kri­ti­kers und His­to­ri­kers Til­mann Lah­me.

Begin­nend mit der Fest­stel­lung, Lah­mes Buch sei von des­sen Ver­lag nur in Auf­trag gege­ben wor­den, um die Kauf­be­reit­schaft für Tho­mas Manns im sel­ben Haus erschei­nen­de Wer­ke neu anzu­re­gen, wen­det sich Bil­ler dem bio­gra­fi­schen Ansatz des Ver­fas­sers zu, des­sen kon­sta­tier­te Ana­ly­se- und Refle­xi­ons­ver­wei­ge­rung er als „wirk­lich frus­trie­rend“ bezeich­net: „Heu­te Nobel­preis, mor­gen kein Stuhl­gang, über­mor­gen Nazis an der Macht und dann wie­der Schreib­blo­cka­de“ – Lah­mes Buch erge­he sich, kri­ti­siert Bil­ler, in der unin­spi­rier­ten Bei­ord­nung des Bedeut­sa­men und des Bana­len.

Schließ­lich, nach hef­ti­gen Ein­wän­den der Mit­dis­ku­tie­ren­den, kommt der Kri­ti­ker auf Tho­mas Mann selbst zu spre­chen – und, in einer kas­ka­den­ar­ti­gen Abrech­nung, auf des­sen poli­ti­sche Hal­tung, sei­ne Poe­tik, sei­nen Anspruch auf bür­ger­li­che Reprä­sentanz und sein Anse­hen in Deutsch­land: „Ein schlech­ter Schrift­stel­ler mit sei­ner schlech­ten Fami­li­en­ge­schich­te. […] Par­fü­mier­te, wort­rei­che, hand­lungs­ar­me Ideen­ro­ma­ne, die des­halb von den Deut­schen geliebt wer­den, weil die­ser Mann genau­so ein Heuch­ler war wie sie selbst: ein Schein­de­mo­krat und ein Clo­set-Schwu­ler. Und das ist es, was die­sen Mann zu einem Dich­ter­fürs­ten macht, zu einem Prae­cep­tor Ger­ma­niae.“

„Heu­te Nobel­preis, mor­gen kein Stuhl­gang, über­mor­gen Nazis an der Macht und dann wie­der Schreib­blo­cka­de.“

Man fragt sich, wel­che Grün­de Bil­lers Erreg­bar­keit in Sachen Tho­mas Mann hat, und hier­bei reicht es nicht aus, sei­ne wahr­schein­lich bewusst über­zeich­ne­te, wüten­de Ableh­nung bloß als medi­en­wirk­sa­mes State­ment abzu­tun, wie es der Mode­ra­tor des Quar­tetts, Vol­ker Wei­der­mann, nahe­legt: „Dafür sind Sie extra in die Sen­dung gekom­men, um das ein­mal vor gro­ßem Publi­kum zu sagen.“ Nein, wer ver­ste­hen will, war­um und in wel­cher Hin­sicht Tho­mas Mann zu einer sol­chen Reiz­fi­gur für Maxim Bil­ler wer­den konn­te, muss des­sen lite­ra­ri­sches und auto­bio­gra­fi­sches Werk, ja muss auch unver­öf­fent­lich­te Quel­len ein­be­zie­hen. Erst auf die­ser Grund­la­ge wird ersicht­lich, dass Bil­ler sich äußerst inten­siv – und zwar phi­lo­lo­gisch, lite­ra­risch und auto­bio­gra­fisch – mit Tho­mas Mann und des­sen Werk befasst hat, mehr noch, dass wesent­li­che Tei­le sei­nes Schaf­fens als kri­tisch-pro­duk­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem im Lite­ra­ri­schen Quar­tett so dra­ma­tisch geschol­te­nen „Prae­cep­tor Ger­ma­niae“ zu ver­ste­hen sind.

1.

Maxim Bil­lers ger­ma­nis­ti­sche Magis­ter­ar­beit, die er im April 1983 an der Mün­che­ner Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät ein­ge­reicht hat und deren Haupt­re­fe­rent Wolf­gang Früh­wald war, trägt den Titel Dar­stel­lung und Funk­ti­on des Juden­tums im Früh­werk Tho­mas Manns. So for­mel­haft der Titel die­ser Arbeit aus heu­ti­ger Sicht wir­ken mag, so bemer­kens­wert ist die­se The­men­wahl aus for­schungs­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve: Tho­mas Manns sich im Lebens­ver­lauf stark wan­deln­de Bezie­hung zu den Juden und zum Juden­tum wur­de in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft lan­ge Zeit weit­ge­hend über­gan­gen, ja eigent­lich wird sie erst seit den spä­ten Neun­zi­ger­jah­ren inten­siv und mit kri­ti­schem Impe­tus ver­han­delt. Mit sei­ner Magis­ter­ar­beit, die sich ent­spre­chend nur auf ver­ein­zel­te Auf­sät­ze stüt­zen kann, betritt der Ger­ma­nis­tik­stu­dent Maxim Bil­ler also durch­aus wis­sen­schaft­li­ches Neu­land.

Die 110 Sei­ten umfas­sen­de Arbeit folgt pein­lich genau den Regeln des wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens, sowohl in for­ma­ler, argu­men­ta­ti­ver als auch metho­di­scher Hin­sicht. Aus­ge­hend von einem not­wen­dig kurz aus­fal­len­den For­schungs­re­fe­rat wen­det sich Bil­ler Tho­mas Manns „Deter­mi­na­ti­on“ zu, also sei­ner selbst­er­klär­ten geis­ti­gen Her­kunft aus dem 19. Jahr­hun­dert. Mit beson­de­rem Fokus auf Manns 1907 erschie­ne­nen und bis heu­te umstrit­te­nen Essay Die Lösung der Juden­fra­ge befasst sich Bil­ler mit des­sen phi­lo­se­mi­ti­schen Aus­sa­gen zur Eman­zi­pa­ti­on der Juden in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, die frap­pie­ren­der­wei­se durch­setzt sind mit de fac­to anti­se­mi­ti­schen Kli­schees.

Biller Magisterarbeit © Maxim Biller Privatarchiv

Titel­ei von Bil­lers Magis­ter­ar­beit
Foto: Maxim Bil­ler Pri­vat­ar­chiv

Die sich in Manns Essay mani­fes­tie­ren­den Nega­tiv­ste­reo­ty­pe zeich­net Bil­ler sodann in aus­führ­li­chen Text­ana­ly­sen nach, wobei er sich auf den Roman Bud­den­brooks und die Erzäh­lung Wäl­sun­gen­blut kon­zen­triert: auf das typi­sier­te, den ein­schlä­gi­gen Ras­sen­theo­rien der Zeit ent­spre­chen­de