Präauer streamt: Gibraltar

Eine Kolum­ne von Tere­sa Prä­au­er

Gibral­tar: das liegt dort, wo das Mit­tel­meer mit dem Atlan­tik ver­bun­den ist und wo sich Euro­pa und Afri­ka geo­gra­fisch am nächs­ten sind. Die Ibe­ri­sche Halb­in­sel streckt ihre klei­ne Zun­ge in den Süden hin­un­ter, berührt aber den nord­afri­ka­ni­schen Hafen Ceu­ta nicht. Wäh­rend Gibral­tar nicht von Spa­ni­en, son­dern vom United King­dom regiert wird und auch nach dem ange­kün­dig­ten „Brexit“ ein Teil Euro­pas bleibt, gilt die Stadt Ceu­ta als „auto­no­me“ Exkla­ve, die nicht Marok­ko, son­dern Spa­ni­en unter­stellt ist. So viel vor­erst zu Tren­nung und Zuge­hö­rig­keit im geo­po­li­ti­schen Sin­ne, ohne dabei noch über Abschot­tungs­maß­nah­men gespro­chen zu haben wie einen 24 Kilo­me­ter lan­gen und sechs Meter hohen Grenz­zaun, der Ceu­ta von Marok­ko abschirmt. – Nein, Marok­ko von Ceu­ta und damit die afri­ka­ni­sche Ein­wan­de­rung in die Euro­päi­sche Uni­on. Viel Geschich­te steckt in die­sem Wort Gibral­tar, und sehr viel soge­nann­te Aktua­li­tät.

„Du sagst, du gehst nach Gibral­tar“, lau­tet eine Zei­le der Band Bil­der­buch in ihrem Song Gibral­tar, und ja, ich ver­lie­re mich in der Lan­des­kun­de und bin schon auf dem hal­ben Weg dort­hin. Zwei­ein­halb Minu­ten dau­ert das Vor­spiel auf den E‑Gitarren, ein x‑mal wie­der­hol­tes The­ma aus einer Abfol­ge von weni­gen Tönen, bis der Sän­ger, Mau­rice Ernst, über­haupt zu sin­gen anhebt: „Distanz.“ Und aus Gibral­tar, die­sem Ort voll tra­gi­scher, wirk­lich tra­gi­scher Bedeu­tung, wird in der zwei­ten Stro­phe ein­fach „Kana­da“. Ein­fach, weil es sich reimt, aus­tausch­bar reimt. Weil sich dar­auf auch die nächs­te Songzei­le rei­men lässt: „Du sagst, du gehst nach Kana­da. / Dann ist hier kei­ner da (…).“ Um in der drit­ten Stro­phe gleich wie­der mit „Gibral­tar“ anzu­tan­zen, gefolgt von einem drei­sil­bi­gen „Bla, bla, bla“. So lau­tet näm­lich die Ant­wort, nach­dem der gelieb­te Mensch sich vert­schüsst hat: Geh – wohin auch immer. Erzähl mir doch nichts. „Bla, bla, bla“: das ist die ver­ba­le Ges­te des Abtuns und Weg­scheu­chens.

Es gibt von die­sem Song Gibral­tar einen cir­ca sechs­mi­nü­ti­gen Mit­schnitt eines Kon­zer­tes vom Dezem­ber 2015 im „Docks“ in Ham­burg auf You­Tube, gefilmt von einem Besu­cher, der unter dem Nick­na­men „Fabjack Nor­dic­jack“ sein Video ins Inter­net gestellt hat.

Sehen ist eben auch Zuse­hen, Sich-Raus­hal­ten bei gleich­zei­ti­ger Auf­merk­sam­keit und Anspan­nung, und was Fabjack Nor­dic­jack uns hier zu sehen gibt, sind zwei jun­ge Män­ner, die im Gegen­licht des Büh­nen­schein­wer­fers – es ist bei­nah das Licht der auf­ge­hen­den Son­ne selbst – auf ihren Gitar­ren spie­len. Rund­her­um Dun­kel. Ein blond gefärb­ter Mann und einer mit dunk­len Zöpf­chen. Bei­de mit leicht gebo­ge­nen Nasen im Pro­fil. Bei­de hübsch, viel­leicht nicht zu hübsch. Bei­de so wahr, wie man es auf einer Büh­ne sein kann, auf der die Dra­ma­tur­gie oft genug durch­ge­spielt wor­den ist, die alten Ritua­le des Rock ’n’ Roll samt Schweiß und Nebel. Und trotz­dem ist etwas dar­an wirk­lich wahr oder berührt beim Zuse­hen: es ist die kör­per­li­che Annä­he­rung der bei­den, gespielt und nicht gespielt glei­cher­ma­ßen. Bei­nah berüh­ren sich ihre Wan­gen, Mau­rice legt sei­nen Kopf an den Hals des Gitar­ris­ten mit den dunk­len Zöpf­chen. Er lacht dabei kurz, ein biss­chen so, wie er immer lacht: amü­siert über die Situa­ti­on, froh­lo­ckend, arro­gant und ein wenig so, als habe er sich selbst bei einer Ges­te ertappt, die Zitat ist und doch auch, aktu­ell und momen­tan, Berüh­rung. Wie­der tropft eine Schweiß­per­le von sei­nem Gesicht, oder tropft sie vom Gesicht des Zöpf­chen­man­nes?, es ist nicht mehr zu unter­schei­den. Sie haben sich ein Hand­tuch geteilt und wis­sen: wir alle haben dabei zuge­se­hen.

„Das wird mir jetzt auch zu heiß hier, nä?“, hören wir jetzt, bei Minu­te 1:26 die­ses klei­nen Video­film­chens, eine Kon­zert­be­su­che­rin blaf­fen. Sie stört die Auf­nah­me, aber nicht zu sehr, denn es ist auch ihr nicht zu heiß, es ist auch ihr gera­de heiß genug. Die gesam­te Büh­nen­per­for­manz ist auf die­ses Spiel aus­ge­legt zwi­schen Nähe und Distanz, es ist eine Koket­te­rie mit homo­ero­ti­schem Begeh­ren, und es ist ein ganz bewuss­tes Antea­sen des Publi­kums – sich über soge­nann­te Geschlech­ter­rol­len hin­weg­set­zend, wie das der Pop schon immer getan hat. Und trotz­dem ent­hält die­se Sze­ne auch etwas Inti­mes, das nur zwi­schen den bei­den statt­zu­fin­den scheint, einen zärt­li­chen Moment von Freund­schaft, Mio, mein Mio. Und es gibt auch das Unge­len­ke, Schüch­ter­ne dar­in, das sich näm­lich ein Klop­fen auf die nack­te Brust, das Hemd bis zur Mit­te auf­ge­knöpft, vor­her so läs­sig aus­ge­malt hat – aber noch wirkt es pein­lich, weil es noch nicht ganz gelun­gen ist.

All das gefällt mir sehr gut. Es gefällt mir auch des­we­gen, weil es eben in kei­nem Moment ein­deu­tig ist. Es ist und ist nicht iro­nisch, es ist und ist nicht bedeut­sam, es sind und sind nicht die Acht­zi­ger, es ist und ist nicht neu. Man hält die Span­nung. Ich fin­de, die­se Band macht unglaub­lich gute Musik, die ihre Mit­tel kennt und ver­wen­det und aus­stellt. Glatt geschlif­fen und dabei mit fei­ner Klin­ge, sen­si­bel. Schalk­haft und schlau, manch­mal ober­schlau oder gar-zu-beredt, und all das gefällt mir sehr und ist mir, zumin­dest als Zuhö­re­rin und Zuse­he­rin, nah, ja, „rasend nah“, und all das ver­mit­telt sich auch über den matt schim­mern­den Bild­schirm mei­nes Lap­tops.

Erst etwa ab Minu­te 2:16 ent­lädt sich die musi­ka­li­sche Span­nung des Vor­spiels, die bei­den, Mau­rice und der Zöpf­chen­mann, er heißt übri­gens Micha­el Kram­mer, sprin­gen aus­ein­an­der, das blaue Licht weicht einem oran­ge-gelb-gefärb­ten, auch der gute Fabjack Nor­dic­jack lässt jetzt ab von sei­nem Zoom und erwei­tert den fil­mi­schen Blick in die Tota­le der Büh­nen­si­tua­ti­on mit ihren ins­ge­samt vier Prot­ago­nis­ten. Die Kon­zert­be­su­che­rin von Minu­te 1:26 hält für­der­hin still, sie hat sich tem­pe­ra­tur­tech­nisch akkli­ma­ti­siert, Mau­rice kann mit dem Gesang begin­nen: „Distanz. / Long Distanz. / Du sagst, du gehst nach Gibral­tar. // Distanz. / Du sagst, du gehst nach Kana­da, / Dann ist hier kei­ner da, / Der mit mir tanzt. // Distanz. / Fame, Distance. / Du sagst, du gehst nach Gibral­tar, / Bla, bla, bla. // Distanz. / Wir waren uns doch so rasend nah. // Du sagst, wir haben Inter­net. / Ich sage, was ist das – Inter­net? / Was ist dein Flüs­tern – ohne sei­nen Hauch? / Es ist aus, dafür Applaus!“ Bis zum „Applaus“ ist das der sehr knapp getex­te­te Dia­log einer Tren­nung, nein, es ist ein Mono­log, der dem ande­ren die Wor­te in den Mund legt, wo auch immer der sich nun bereits befin­den möge, Gibral­tar, Kana­da, nicht mehr da. Schluss­ma­chen in digi­ta­len Zei­ten mit­tels der oft und oft gesag­ten Beschwö­rungs­for­mel vom Lass-uns-in-Kon­takt-Blei­ben: „Du sagst, wir haben Inter­net.“ Die Ant­wort dar­auf ist lapi­dar, wie hei­ter, wie wahr: „Ich sage, was ist das – Inter­net?“

Gibral­tar, Kana­da, aus­tausch­bar? Könn­te man, indem man über Musik schreibt, auch über Lite­ra­tur geschrie­ben haben? Und welch’ Unge­wiss­heit wür­de das beim pro­fes­sio­nel­len Rezi­pi­en­ten aus­lö­sen? Denn wie lie­ßen sich fol­gen­de Fra­gen hin­rei­chend klä­ren: Wer geht hier nach Gibraltar/Kanada/Blablabla? Wie alt ist die­se Per­son? Was ist real, was fik­tiv, was auto­bio­gra­fisch? Zuge­ge­ben, die Ange­le­gen­heit ist, bei gleich­zei­tig repe­ti­tiv struk­tu­rier­ter Ein­fach­heit des vor­lie­gen­den Text­ma­te­ri­als, kom­plex. Ver­knap­pung, Ellip­se, Dada. Den­noch, es ist den Ver­such wert, denn was wäre euer Flüs­tern – ohne sei­nen Hauch?

Was ist das – Inter­net? Die­se Kolum­ne ist dem Seri­en­schau­en und Vide­os-Kli­cken im Inter­net gewid­met.

 

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Tere­sa Prä­au­er, Autorin und bil­den­de Künst­le­rin, sieht sich, auch im Real Life, gern die Män­ner an. Aktu­ell erschie­nen: Oh Schim­mi (Wall­stein, 2016).

Quel­le: Voll­text 3/2016

Online seit: 18. Febru­ar 2017

Online seit: 18. Febru­ar 2017

Zuletzt geän­dert: 18. Feb. 2017