Präauer streamt: B*tches in Bookshops

Eine Kolumne von Teresa Präauer

Online seit: 22. Januar 2016

Vor ein paar Jahren haben sich der amerikanische Rapper Kanye West und sein Blutsbruder Jay-Z ins Pariser Hotel Le Meurice eingemietet, um den Song „Niggas in Paris“, wahlweise auch verschriftlicht als „Ni**as in Paris“, gemeinsam aufzunehmen. Ins Le Meurice deshalb, weil es das teuerste Hotel war, das sie auf Anhieb im Lonely Planet finden konnten.

Wieder ein paar Jahre zuvor war das Le Meurice von Philippe Starck umdekoriert worden, als „Hommage an Dalí“, der dort zu Lebzeiten regelmäßig Gast gewesen sein soll und sich, so heißt es, „surrealistisch verhalten“ habe, indem er beispielsweise eine Herde Schafe geordert habe: an sein Bett. – Wer beispielsweise Starcks berühmte Zitronenpresse, ein silbernes Ungeheuer auf drei Spinnenbeinen, kennt, kann sich ausrechnen, was der Stardesigner, abgesehen von einer Schafherde, gestalterisch mit dem Surrealisten gemeinsam hat. Und „ball so hard“ singen Kanye und Jay-Z in Paris, denn die beiden wissen, wie man eine Zitrone presst.

Im ungefähr teuersten Hotel von Paris haben die beiden Rapper dann sechs Tage residiert, haben, in Gesellschaft von zänkischen Models, aus goldenen Flaschen getrunken und ihren Zitronensaft oder Armand de Brignac auf kranken Sneakers verschüttet, so will es die gesungene Mär.

All das ist ziemlich hart und ziemlich golden, wäre da nicht ein Rest an Selbstironie, der den zwei Freunden auf ihrem kerligen Trip nach Paris noch geblieben ist: „Doctors say I’m the illest / Cause I’m suffering from realness“, heißt es da, welch hübsch-unreiner Reim, so brauchbar für die Literaturkritik. „Got my niggas in Paris / And they going gorillas, huh!“ – ich weiß nicht mal, was das bedeutet, aber es ist provokativ.

‚Going ape‘ meint so etwas wie ‚ausflippen‘, demnach könnte ‚going gorillas‘ etwa heißen, jemand würde sich bewusst zum Affen machen, huh!, ist das Poesie? (Und soll ich hier einen Asterisk setzen, um meine als rhetorische Frage getarnte innerliterarische Anspielung zu markieren?) Und dann folgt das Sample eines filmischen Dialogs: „I don’t even know what that means. – No one knows what it means, but it’s provocative.“

Der Song wurde ein Welterfolg, Kanye hat sich davon saubere Schuhe kaufen können, und die Schriftstellerin und Filmemacherin Annabelle Quezada aus Brooklyn, LA, hat begonnen, „Niggas in Paris“ umzutexten, mit ihrer Kollegin La Shea Delaney einzusingen und, angeblich an einem einzigen Tag, ein Video zu drehen und online zu stellen. Das wurde dann im März 2012 in der Huffington Post publiziert, fand seine Verbreitung auf diversen Online-Plattformen und wurde sehr oft angeklickt, auch von meiner Freundin Margaux, die mir den Link weiterschickte, woraufhin ich nicht mehr loskomme von: „B*tches in Bookshops“.

„Ein Meisterwerk! *** Nie war ein Lied über Büchernarren, book nerds and geeks, lustiger, intelligenter, trickreicher – und fieser in seiner Parodie auf den Originalsongtext“, würde ich urteilen, würde man mich zum Schreiben von Blurbs verdonnern und würde ich meinen Vorbehalt gegen die Verbreitung der Zuschreibung „Meisterwerk!“ ablegen können. Dafür müssten aber vorher, huh!, noch einige Schafherden an meiner Bettstatt vorüberziehen, tandaradei.

„Read so hard librarians tryin’ ta fine me / They can’t identify me / Checked in with a pseudonym, so I guess you can say I’m Mark Twaining“, heißen die ersten Reime darin, dann folgt eine Aufzählung von Autorinnen und Autoren, Buchtiteln, Rezensionsplattformen im Internet, Buchhandlungen.

Die Rap-Formeln, die sich sprachlich aufplustern, um zu zeigen, wer hier ‚balls‘ hat, gehen bei den B*tches in Bookshops so: „No TV, I read instead, got lotsa Bills, but not bread: / Burroughs, Golding, Shakespeare – all dead“; und bei ‚all dead‘ dann die Macker-Geste für ‚Kopf ab‘ in die Kamera, als wäre Bill Shakespeare sowas wie der ältere Bruder von Tupac Shakur.

Annabelle Quezada rappt dann, ganz auf bling-bling, weiter: „This print’s rare.“ – Und im Stakkato: „Watch me spit, classic lit, epic poems that don’t rhyme / War and Peace? Piece of cake, read Tolstoy in 3 days.“

La Shea Delaney kontert mit der Beschreibung eines nicht sehr potenten Liebhabers: „He said ‚Shea, can we get married at the Strand?‘ / His Friday Reads are bad so he can’t have my hand / You ball so hard, OK you’re bowling / But I read so hard, I’m JK Rowling.“

Und in diesem Ton fort: „Nerdy boy, he’s so slow, Tuesday we started Foucault / He’s still stuck on the intro? He’s a no go.“ Und dann ereignet sich der Worst Case, Blamage!: „It’s sad I had to kick him out my house though / He mispronounced an author: Marcel Proust“ – wie schon bei ‚-noun-‘ melodisch vorweggenommen wird, parliert der junge Mann nicht wie einer von der Pariser Sorbonne, sondern wie ein unbelesener Amerikaner es unter Umständen täte: ‚Praust‘.

Und so geht es weiter in diesem Song, bis sich am Ende der territoriale Anspruch, den jeder Rapper zu markieren hat, als Beschwörungsformel auf das in Büchern als Lesezeichen gern verwendete ‚Post-it‘ bezieht: „I am now marking my place, don’t wanna crease on my page / Don’t let me forget this page, don’t let me forget this page / I may forget where I left off so I’ll use this little Post-It / I hope that it stays sticky, I hope it doesn’t fall out.“

Soweit vorerst zum Balzgehabe der lesenden Minderheit. Das Video findet sich auf vimeo.com. Und versuche einmal einer, mit dieser oben genannten Presse Zitronensaft in ein Glas zu befördern: I hope it stays sticky.

Watch so hard, write so hard. Diese Kolumne wird dem Serienschauen und Videos-Klicken im Internet gewidmet sein.

Teresa Präauer, Autorin und bildende Künstlerin, lebt aktuell in Iowa City. Zuletzt erschien ihr Roman Johnny und Jean (Wallstein, 2014).

Quelle: VOLLTEXT 3/2015