Das Nadelöhr der Anarchisten oder Die gestohlene Zeit

Von Wil­fried Stei­ner. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXVI
Wilfried Steiner © Bernhard Holub

Wil­fried Stei­ner. Foto: Bern­hard Holub

I

Am Anfang steht gleich ein schie­fes Bild. Und doch bin ich es nicht los­ge­wor­den. Eher geht ein Kamel durch ein Nadel­öhr als dass ein Rei­cher in das Reich Got­tes gelangt. Doch eher gelangt ein Rei­cher in das Reich Got­tes als drei Anar­chis­ten ins Wit­tels­ba­cher Palais. Das Nadel­öhr, es steht hier auch für das gerin­ge Aus­maß der Zeit, in der das Wun­der wirk­mäch­tig wer­den durf­te, näm­lich gera­de ein­mal sechs Tage. Vom 7. bis zum 13. April 1919. Ein klei­nes Loch in der Zeit also, durch das die drei staats­tra­gen­den Anar­chis­ten hin­durch­gin­gen, mit diver­sen unor­tho­do­xen Gefolgs­leu­ten in ihrem Wind­schat­ten. Eini­gen die­ser Men­schen bin ich hier auf ihren mäan­dern­den Wegen gefolgt, nicht immer im glei­chen Tem­po und nicht immer die glei­che Stre­cke lang; mehr einem per­sön­li­chen Magne­tis­mus gehor­chend, einer sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Anzie­hungs­kraft der Cha­rak­te­re – und ohne Anspruch auf Gerech­tig­keit, was ihre his­to­ri­sche Bedeu­tung betrifft.

II

„Hier kommt Land­au­er“, soll er fort­wäh­rend geru­fen haben, der Volks­be­auf­trag­te für Volks­auf­klä­rung, „wenn er durch den Palast stol­zier­te.“ Der Pazi­fist, Höl­der­lin­lieb­ha­ber, Walt-Whit­man-Ver­eh­rer Gus­tav Land­au­er, fast zwei Meter groß, hager, schma­les Gesicht mit weiß­drah­ti­gem Bart, die Haa­re wie Farn­ge­wäch­se vom Kopf abste­hend – wie gut kann man ihn sich so hoch­ge­mut schrei­tend vor­stel­len, wenn man ein­mal Bil­der von ihm gese­hen, Zei­len von ihm gele­sen hat. Doch die Quel­le ist nicht ganz zuver­läs­sig: der­je­ni­ge, der Land­au­er so beschreibt, ist Kor­re­spon­dent des Chi­ca­go Dai­ly Jour­nal und eben­so berühmt für sei­nen Erfin­dungs­reich­tum wie für sei­ne Zuga­ben zur Wahr­heit. Als Dreh­buch­ver­fas­ser für fast alle Kult­re­gis­seu­re des gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Kinos wird er spä­ter zur Hol­ly­wood-Legen­de. Sein Name: Ben Hecht. Sei­ne Zei­tung schick­te ihn 1919 nach Mün­chen, um über die unge­heu­ren Vor­fäl­le zu berich­ten.
Hecht behaup­tet, er habe Land­au­er täg­lich inter­viewt. „Jedes baye­ri­sche Kind im Alter von zehn Jah­ren ist dabei, Walt Whit­man aus­wen­dig zu ler­nen“, soll der Volks­be­auf­trag­te gesagt haben, „das ist der Eck­pfei­ler mei­nes neu­en Erzie­hungs­pro­gramms.“ Zwei­fel­los gab es auch ande­re: eine der ers­ten Amts­hand­lun­gen Land­au­ers war die Abschaf­fung der Prü­gel­stra­fe an Schu­len.

III

Mr. Hecht war nicht die ein­zi­ge unge­wöhn­li­che Ver­bin­dung Land­au­ers zur gla­mou­rö­sen Welt der Film­stu­di­os. Mike Nichols, Regis­seur von Klas­si­kern wie Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf, Die Rei­fe­prü­fung oder Haut­nah wur­de 1931 als Sohn von Bri­git­te Land­au­er gebo­ren. Und die­se Frau war die Toch­ter von Gus­tav Land­au­er und sei­ner zwei­ten Gat­tin Hed­wig Lach­mann.
Eine Lie­be, die wie ein Film begann. Als hät­te der Groß­va­ter einem Inter­view des Enkels gelauscht, das die­ser ein­hun­dert­neun Jah­re spä­ter gege­ben hat­te. „Man muss die Lie­be sei­nes Lebens fin­den!“ – die­se Maxi­me hat­te Mike Nichols Nina Reh­feld von der Ber­li­ner Zei­tung ver­kün­det.
Am 28. Febru­ar 1899, zwan­zig Jah­re vor dem Ende, begeg­ne­te Gus­tav Land­au­er in der Ber­li­ner Kunst­ga­le­rie Kel­ler und Rei­ner bei einer Ver­an­stal­tung mit dem Lyri­ker Richard Deh­mel einer Frau, deren Anblick ihn so gefan­gen­nahm, dass er es nicht wag­te, sie anzu­spre­chen. Hed­wig Lach­mann, eine zier­li­che Gestalt mit blau­glei­ßen­den Augen und fili­gra­nen, fast durch­sich­ti­gen Hän­den, war offen­bar Deh­mels Beglei­te­rin. Umringt von Bewun­de­rern, par­lier­te sie über jedes The­ma mit der glei­chen Ver­ve und Scharf­sich­tig­keit, sei es Poli­tik oder Reli­gi­on, Poe­sie oder der neu­es­te Stern am Thea­ter­him­mel. Noch in der glei­chen Nacht begann Land­au­er, ihr Brie­fe zu schrei­ben. Der ers­te ent­hielt eine unge­dul­di­ge Bot­schaft:
Wer­tes Fräu­lein, wer so ver­einsamt ist, wer sich so nach der See­le der Frau sehnt wie ich, wer eine so inni­ge Zunei­gung gefasst hat wie ich zu Ihnen beim ers­ten Blick in Ihre Augen, der will nicht war­ten. (…)
Ich bit­te Sie herz­lich: las­sen Sie’s nicht schlimm kom­men.
Das Pro­blem war nur: er wuss­te nicht, wohin er sei­ne Zei­len schi­cken soll­te. In einem Begleit­text an Hed­wig klag­te er:
Im Adress­buch waren Sie nicht zu fin­den, mei­ne hie­si­gen Bekann­ten haben den Kürsch­ner nicht, in den ver­schie­de­nen Ber­li­ner Cafés, die ich um des­sent­wil­len auf­such­te, liegt es auch nicht auf, und zur König­li­chen Biblio­thek war’s schon zu spät. Mor­gen gehe ich dahin, und fin­de ich Sie im Kürsch­ner nicht, so muss ich’s mit dem Ein­woh­ner-Mel­de-Amt ver­su­chen.
Erst Tage spä­ter erfährt er ihre Anschrift – aus­ge­rech­net von Richard Deh­mel selbst. Und so errei­chen sie Sät­ze wie die­ser:
Ich habe wie­der, end­lich wie­der einen Men­schen, für den ich gewach­sen sein will.
(1.März).
Tags dar­auf gesteht er ihr:
Mit einem Wort, wahr gespro­chen: ich möch­te Sie. Mit Ihnen reden und plau­dern, Ihr Auge sehen, mich an ihrer Fri­sche erfreu­en, Ihr Freund sein kön­nen. Und Ihnen etwas sein kön­nen.
Die welt- und sprach­ge­wand­te Frau – als Über­set­ze­rin von Alex­an­der Pet­ö­fi und Edgar Allan Poe hoch­ge­lobt – lässt sich vom Ton der Brie­fe ver­zau­bern, bleibt aber vor­sich­tig. Am 14. März kommt es zum ers­ten Tref­fen.
Land­au­er schreibt in der fol­gen­den Nacht:
Was soll ich noch mehr sagen? Ich weiß seit der Stun­de, wo ich Sie gese­hen habe, daß ich Sie und mich gräu­lich belo­gen habe. Ich wer­de um Ihret­wil­len alles las­sen, ob Sie sich mir nei­gen oder nicht. Ich wuss­te bis zu die­ser Nacht nicht, wie unreif ich war. Ich bin eine Stu­fe höher gestie­gen. Sie sind mit Leib und See­le mein Schick­sal.
Nur lang­sam nähert sich Hed­wig Lach­mann dem um vier Jah­re jün­ge­ren Mann an, der wegen sei­ner anar­chis­ti­schen Posi­tio­nen meist mit einem Fuß im Gefäng­nis steht und trotz der Zer­rüt­tung sei­ner Ehe for­mal auch noch ver­hei­ra­tet ist. Die patri­ar­cha­len Struk­tu­ren bei­der Fami­li­en und die gesell­schaft­li­chen Zwän­ge ver­hin­dern zunächst ein gemein­sa­mes Leben. Land­au­ers Zuver­sicht bleibt jedoch unge­bro­chen:
Das Wun­der­vol­le ist das letz­te Glück für mich, das höchs­te; soll es nicht sein kön­nen, dann begeh­re ich wahr­lich kei­nes mehr.
(…)
Ich habe das schö­ne Gefühl, weil Sie mir so sehr lieb sind, dass auch ich Ihnen tie­fes Glück wer­de brin­gen kön­nen. Wir sind kein Paar, wir sind Pares. Wir sind nicht zwei arm­se­li­ge Hälf­ten, denen nichts als die Lei­den­schaft gebie­tet, sich zu ver­ei­ni­gen, und die dann doch immer aus­ein­an­der­klaf­fen; wir sind zwei Eben­bür­ti­ge, die – so glau­be ich – zu ein­an­der wol­len, um zusam­men zu gehen.
(10. Mai)
Zwei Eben­bür­ti­ge, in der Tat. Land­au­er schickt ihr – dar­in ehr­gei­zi­gen Poe­ten von heu­te nicht unähn­lich – sehr bald eige­ne Wer­ke. Unver­langt ein­ge­sand­te Manu­skrip­te, wür­den es die Ver­le­ger in unse­rer Zeit wohl nen­nen.
Die Erwi­de­rung Hed­wigs ist ver­schol­len, aber der Ant­wort­brief Gus­tavs strotzt nur so vor schalk­haf­ten Necke­rei­en. Offen­bar hat die Novel­le, die er ihr hat zukom­men las­sen, der Gefähr­tin nur miss­mu­ti­ge Zei­len ent­lockt.
Land­au­er reagiert aber nicht belei­digt, son­dern in einer Wei­se auf­ge­kratzt, dass man mei­nen möch­te, jeg­li­cher intel­lek­tu­el­le Aus­tausch mit die­ser Frau sei ihm ein Fest:
Und nun kom­me ich nach Hau­se, fin­de Ihren Brief, und der ist so kratz­bürs­tig und unver­stän­dig, dass ich jubeln möch­te! Denn ich freue mich, dass die­ser Wider­streit mei­ner star­ken Ver­eh­rung vor ihrem gefes­te­ten, run­den, in sich geschlos­se­nen Wesen nicht das Min­des­te anha­ben kann, und mei­ner treu­en Anhäng­lich­keit – ich zwin­ge mich, mat­te Wor­te zu brau­chen – erst recht nicht.
Dar­aus spricht gleich­zei­tig eine Hin­ga­be an die geis­ti­gen Fähig­kei­ten sei­nes Gegen­übers als auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Selbst­be­wusst­sein. Ein paar Zei­len wei­ter heißt es:
Nun, hal­ten Sie’s nur nicht für Eitel­keit, wenn ich mich Ihrem Urteil ganz und gar nicht beu­ge.
Im Fol­gen­den zitiert Land­au­er Gleich­ge­sinn­te, die den frag­li­chen Tex­ten mehr abge­win­nen konn­ten, unter ande­ren Fritz Mauth­ner, und schlägt vor, Richard Deh­mel als Schieds­rich­ter ein­zu­set­zen. Aber es muss geheim blei­ben: Natür­lich wird kei­ner von bei­den ihm über die Ver­an­las­sung zu die­ser Bit­te etwas mit­tei­len. Ein­ver­stan­den?
Die­se Ver­spielt­heit, die den ande­ren auf die Schau­fel neh­men kann und trotz­dem jede kri­ti­sche Äuße­rung ernst­haft erör­tert, war eine der typi­schen see­li­schen Über­ein­künf­te zwi­schen den bei­den, eine geis­ti­ge Spiel­re­gel, die zu bre­chen eine Nie­der­la­ge bedeu­tet hät­te. Am Ende des Brie­fes hört man Land­au­er gera­de­zu seuf­zen:
Uns bei­den kann wirk­lich nichts hel­fen als unse­re Ehe!
(15. Mai)
Doch soweit ist es noch nicht. Im August 1899 muss Land­au­er eine halb­jäh­ri­ge Haft wegen ver­leum­de­ri­scher Belei­di­gung der Obrig­keit im Straf­ge­fäng­nis Tegel antre­ten. Aus der Anstalt schreibt er an Hed­wig:
… wie ich beglückt bin, dass Sie mir da sind. Wenn ich wie­der frei wer­de, wird es fast gera­de ein Jahr her sein, dass all mein Leben an Sie gebun­den ist.
Erst vie­le Mona­te nach dem Tod bei­der Väter, im Febru­ar 1901, ent­schei­det sich Hed­wig Lach­mann für eine Zukunft mit Gus­tav Land­au­er. In den Wäl­dern um Krum­bach schlie­ßen die bei­den ihr Her­zens­bünd­niß, das bis zu Hed­wigs Tod andau­ern soll­te. Für Gus­tav bis zu sei­nem eige­nen.

IV

1902 zieht das Paar nach Eng­land, fin­det eine Woh­nung in Brom­ley, etwa 30 km von Lon­don ent­fernt. Die Nach­bar­schaft ist schil­lernd: Peter Kro­pot­kin, Fürst und Anar­chist, wohnt ums Eck. Sei­ne Schrif­ten wird Land­au­er spä­ter über­set­zen. Zwei Häu­ser wei­ter lebt Fer­nan­do Tar­ri­da de Már­mol, eben­falls Anar­chist, der 1896 Spa­ni­en flucht­ar­tig ver­las­sen hat­te. Auch mit ihm freun­den sich Lach­mann und Land­au­er an. Die illus­tre Umge­bung inspi­riert bei­de; am Ende schei­tert das Pro­jekt Lon­don am Geld. Im Früh­jahr 1902 keh­ren sie nach Deutsch­land zurück.
Nach der Schei­dung von sei­ner ers­ten Frau hei­ra­tet Land­au­er Hed­wig Lach­mann am 18. Mai 1903. Ein rei­ches gemein­sa­mes Werk ent­steht, Über­set­zun­gen von Bal­zac, Rabin­dra­nath Tago­re, Sir Tomas Mal­ory. Lach­manns Nach­dich­tung von Oscar Wil­des Salo­me erscheint 1903. Richard Strauß inspi­riert die­se Fas­sung zu sei­ner gleich­na­mi­gen Oper. „Die Melo­dien rausch­ten in mir auf!“ schreibt er nach der Lek­tü­re. Am 9. Dezem­ber 1905 wird Salo­me an der Dresd­ner Sem­per­oper urauf­ge­führt.
Im sel­ben Jahr war auch Bri­git­te gebo­ren wor­den, die zwei­te Toch­ter von Hed­wig und Gus­tav. Die Fami­lie lebt in Herms­dorf, einem Vor­ort Ber­lins, in kar­gen Ver­hält­nis­sen. Land­au­er arbei­tet vor­über­ge­hend in einer Buch­hand­lung, ver­lässt jedoch bald die Stel­le, da er sie als mas­si­ve Ein­schrän­kung sei­ner Schrift­stel­ler­tä­tig­keit wahr­nimmt. Er ver­dingt sich als Salon­red­ner, was sein Freund Ste­fan Groß­mann so kom­men­tiert:
„Land­au­er, geschaf­fen zum gro­ßen Uni­ver­si­täts­leh­rer, muss­te die Fül­le sei­nes uni­ver­sel­len Wis­sens vor Damen aus­schüt­ten, die von Tee zu Tee klap­per­ten und plap­per­ten, wenn er mit Frau und Kin­dern nicht ganz ver­hun­gern woll­te.“
Doch die lite­ra­ri­sche und die poli­ti­sche Arbeit gedei­hen. Im Juni 1908 grün­det Land­au­er den Sozia­lis­ti­schen Bund. Des­sen Zwölf Arti­kel schreibt er am 14. Juni nie­der. Als Ziel der Bestre­bun­gen nennt Arti­kel 4 die Anar­chie im ursprüng­li­chen Sin­ne: Ord­nung durch Bün­de der Frei­wil­lig­keit. Drei Jah­re spä­ter erscheint der viel beach­te­te Auf­ruf zum Sozia­lis­mus. Auch hier zeigt sich: Land­au­ers Kon­zept ist föde­ra­lis­tisch – die Anar­chis­ten wür­den sagen: syn­di­ka­lis­tisch – ange­legt: an die Stel­le des zen­tra­lis­ti­schen Staa­tes sol­le ein Gemein­we­sen von Gemein­schaf­ten von Gemein­den tre­ten. Von kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gien ist die­ser Ent­wurf weit ent­fernt. Der Mar­xis­mus ist der Phi­lis­ter, und der Phi­lis­ter kennt nichts Wich­ti­ge­res, nichts Groß­ar­ti­ge­res, nichts, was ihm hei­li­ger ist als die Tech­nik und ihre Fort­schrit­te. Für Land­au­er hin­ge­gen wird der Umschwung nicht von den Phi­lis­tern und Zeit­ge­nos­sen und also nicht, was das­sel­be heißt, von den gesell­schaft­li­chen Pro­zes­sen besorgt, son­dern von den Ein­sa­men, Abge­son­der­ten, die eben dar­um Abge­son­der­te sind, weil in ihnen Volk und Gemein­schaft wie zu Hau­se, wie mit ihnen geflüch­tet sind.

V

Mike Nichols ent­hüllt im Inter­view mit der Ber­li­ner Zei­tung wei­te­re auf­re­gen­de Facet­ten rund um sei­nen Groß­va­ter:
Sein bes­ter Freund ent­kam, mach­te sei­nen Weg in die USA, nach San­ta Fe, änder­te sei­nen Namen in B. Tra­ven und schrieb „Der Schatz der Sier­ra Mad­re“ – was für eine Akkli­ma­ti­sie­rung an ein neu­es Land! Ich glau­be, das steht stell­ver­tre­tend für jene emi­grier­ten deut­schen Juden, die Künst­ler waren und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten gera­de­zu aus­mal­ten, eine gan­ze Kul­tur schu­fen. Es ist eine Kul­tur wie in „Casa­blan­ca“ – alles Flücht­lin­ge, Flücht­lings­ideen, Flücht­lings­hu­mor: „Lieb­chen, which watch? – Ten watch. – Such much!“
Nun war jener B. Tra­ven, den Nichols als bes­ten Freund Land­au­ers bezeich­net, eine der geheim­nis­volls­ten Figu­ren der Lite­ra­tur­ge­schich­te. In der aktu­el­len Land­au­er-Bio­gra­fie von 2020 wird er mit kei­nem Wort erwähnt. Bis heu­te ist sei­ne wah­re Iden­ti­tät nicht zwei­fels­frei geklärt. Wahr­schein­lich ist: unter dem Namen Ret Marut war er Her­aus­ge­ber einer der wider­spens­tigs­ten Zeit­schrif­ten, die je das Licht der Münch­ner Pres­se­welt erblickt hat­ten. 1917 erschien Der Zie­gel­bren­ner zum ers­ten Mal, schmal und rot, mit dem Unter­ti­tel Kri­tik an Zustän­den und wider­wär­ti­gen Zeit­ge­nos­sen. Da die deut­sche Leser­schaft alles ande­re im Sinn hat­te, als sich ihre Kriegs­ver­herr­li­chung durch pazi­fis­ti­sche Zwi­schen­ru­fe madig machen zu las­sen, grenzt es an ein Wun­der, dass die Publi­ka­ti­on die Zen­sur pas­sie­ren konn­te. Oskar Maria Graf, der 1919 mit der Räte­re­pu­blik sym­pa­thi­sier­te, ohne selbst in Gefahr zu gera­ten, erzählt dazu eine sei­ner zahl­rei­chen (und nicht immer beleg­ba­ren) Anek­do­ten. Ret Marut habe der Behör­de schlicht erklärt, bei sei­ner Publi­ka­ti­on hand­le es sich um eine Mau­rer­zeit­schrift, die sich mit Pro­ble­men und Anlie­gen der Zunft beschäf­ti­ge. Erst nach Bewil­li­gung habe der Autor die Tex­te aus­ge­tauscht. Wäh­rend also die hal­be Welt mit der Effi­zi­enz des Tötens beschäf­tigt war, schick­te Ret Marut an ein hand­ver­le­se­nes Publi­kum eine flam­men­de Anti-Kriegs-Revue, die dem Furor der Fackel von Karl Kraus in nichts nach­stand. „Nicht der Staat ist das Wich­tigs­te“, konn­te man im Zie­gel­bren­ner lesen, „son­dern der Ein­zel­mensch.“ Und: „Gedenkt der blu­ten­den Män­ner und Söh­ne!“

VI

Land­au­er wen­det sich schon lan­ge vor 1914 vehe­ment gegen die all­ge­gen­wär­ti­ge mar­tia­li­sche Pro­pa­gan­da. Anfang 1911 ver­öf­fent­licht er einen Auf­ruf zum Gene­ral­streik gegen die Kriegs­ge­fahr. Hält Reden, ver­sucht, Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten. Er ent­wirft ein Flug­blatt, das aber vor Druck­le­gung von den Behör­den gestoppt wird. Sein Titel: Die Abschaf­fung des Krie­ges durch die Selbst­be­stim­mung des Vol­kes. Hed­wig steht an sei­ner Sei­te, teilt sei­ne Über­zeu­gung.
Als der Krieg los­bricht, wer­den auch bis dahin beson­ne­ne Geis­ter vom Tau­mel des Natio­na­lis­mus erfasst. Selbst der sonst so kri­ti­sche Richard Deh­mel ver­fällt ihm. Mit 51 Jah­ren mel­det er sich frei­wil­lig zum Mili­tär­dienst und lässt sich stolz in Sol­da­ten­uni­form foto­gra­fie­ren. Hed­wig Lach­mann been­det dar­auf­hin die Freund­schaft. „Das Krie­ge­ride­al“, schreibt sie, „ist ein abge­leb­tes, geis­tent­blöß­tes, gespens­ti­sches, das in die mytho­lo­gi­sche Rum­pel­kam­mer gehört, nicht in unser schö­nes, welt­freu­di­ges, lieb­war­mes Leben.“ Den Kriegs­hym­nen der Kol­le­gen stellt sie ihre Empa­thie mit den Opfern ent­ge­gen:

Preist ihr den Hel­den­lauf der Sie­ger, schmückt
Sie mit dem Ruh­mes­kranz, Euch dran zu wei­den –
Ich will indes­sen, in den Staub gebückt,
Ernied­ri­gung mit den Besieg­ten lei­den.
(…)
Weit lie­ber doch besiegt sein, als ver­führt
Von eit­lem Glanz, und, wenn auch am Ver­schmach­ten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt –
Den Sie­ger und das Sie­ger­glück ver­ach­ten!

Nur ganz weni­ge Zeit­ge­nos­sen ver­tre­ten noch die­se Hal­tung. Auch der lang­jäh­ri­ge Ver­trau­te Fritz Mauth­ner hat sich auf die Sei­te der Patrio­ten geschla­gen. Land­au­er knüpft Ver­bin­dun­gen zum Bund Neu­es Vater­land, der bedeu­tends­ten in Deutsch­land ent­stan­de­nen Ver­ei­ni­gung zur Völ­ker­ver­stän­di­gung. Ihr Ziel ist es, auf die Been­di­gung des Krie­ges hin­zu­ar­bei­ten. Eines der Grün­dungs­mit­glie­der lernt Land­au­er in Ber­lin ken­nen: Albert Ein­stein.
Und ein alter Freund hält unver­brüch­lich an sei­ner pazi­fis­ti­schen Welt­an­schau­ung fest: der öster­rei­chi­sche Anar­chist und Dich­ter Erich Müh­sam. Die Freund­schaft wäre bei­na­he an einem Streit zer­bro­chen, der sich an einem Lieb­lings­the­ma bei­der Män­ner ent­zün­det hat­te: Die Lie­be in befrei­ten Zei­ten. Wäh­rend Müh­sam alle For­men der frei­en Lie­be begrüß­te und mit einem homo­se­xu­el­len Freund quer durch Euro­pa reis­te, reg­te sich in Land­au­er ein ver­schüt­te­ter alt­vä­ter­li­cher Geist und ver­lieh sei­nen Schrif­ten zu Ehe und Fami­lie einen Anflug von Prü­de­rie. Für ihn war die selbst­ge­wähl­te, von gegen­sei­ti­ger Lie­be gepräg­te hete­ro­se­xu­el­le Ehe, der freie Bund fürs Leben, das Maß aller Din­ge. Das hät­ten Müh­sam (und ande­re liber­tär den­ken­de Men­schen in sei­nem Kreis) wohl mit einem Schmun­zeln zur Kennt­nis genom­men, doch Land­au­er wur­de, wenn es um Homo­se­xua­li­tät und Pro­mis­kui­tät ging, von einem bigot­ten Engel gerit­ten und nann­te die­se For­men der Lie­be eine kul­tur- und wür­de­lo­se Schwei­ne­rei. Sei­ne eige­ne außer­ehe­li­che Bezie­hung mit der Akti­vis­tin Mar­ga­re­the Faas-Hard­eg­ger hat­te er bei die­sem Urteil allem Anschein nach aus­ge­blen­det.
Trotz allem: die Män­ner ver­söh­nen sich, auch wenn Müh­sam sich eine Zeit­lang rar macht.
Eines Tages, so schil­dert es die Toch­ter Bri­git­te, steht ein ver­wahr­los­ter, „zer­lump­ter“ Mann vor der Tür des Hau­ses in Herms­dorf. „Ein Bett­ler“, ver­mu­tet sie. Als Land­au­er des Man­nes ansich­tig wird, bricht er in Geläch­ter aus:
„Aber Bri­git­te, das ist doch der Müh­sam!“

VII

Woll­te man jeman­dem bin­nen Sekun­den vor Augen füh­ren, wer Erich Müh­sam war, man könn­te ihm eine klei­ne Zeich­nung zei­gen. Es ist ein Ein­trag in das Gäs­te­buch Artur Kut­schers, eines Lite­ra­tur- und Thea­ter­wis­sen­schaft­lers, in des­sen Semi­na­ren neben Müh­sam auch Frank Wede­kind oder Johan­nes R. Becher gern gese­he­ne Teil­neh­mer waren.
Nichts als eine klei­ne Selbst­ka­ri­ka­tur. Doch in ihr bün­delt sich in ein paar Stri­chen der Schalk, die Selbst­iro­nie und der Witz die­ses Man­nes, den Oskar Maria Graf beein­druckt so beschrieb:
Der dich­te, zer­zaus­te Schnurr­bart und die lan­gen Haa­re erweck­ten den Ein­druck, als sei sein Kopf viel zu groß und zu schwer. Er sprach geschwind, außer­or­dent­lich bild­haft, mit­un­ter sehr sar­kas­tisch, und als er gegen die Betei­li­gung des Arbei­ters am Krieg und für die Ver­wei­ge­rung des Mili­tär­diens­tes sprach, horch­te ich auf.
Auch vie­le Por­träts Müh­sams zei­gen die­sen mar­kan­ten Kopf, das klas­si­sche Kon­ter­fei eines wil­den Intel­lek­tu­el­len mit schar­fem Blick hin­ter dem Zwi­cker. Doch das klei­ne Selbst­por­trait? Nichts als Stri­che, alle leicht nach rechts geneigt, hin­ge­fetz­te Schraf­fie­run­gen, oben die zu Ber­ge ste­hen­den Blei­stift­haa­re, unten der etwas hel­ler zu Boden ragen­de, ein wenig hel­ler gestri­chel­te Blei­stift­bart. Dazwi­schen kein Raum für ein Gesicht, nur zwei klei­ne mit­ein­an­der ver­bun­de­ne Krei­se für die Bril­le und ein Punkt für den Mund. Die Sil­hou­et­te des Kör­pers eine hal­be, senk­recht ste­hen­de Ellip­se, die mit ihrer obe­ren Krüm­mung die Schä­del­de­cke bil­det. Gezeich­net Erich Müh­sam, 22.XI.12. Ein Schelm blickt uns an, kei­ner, der sich selbst zu ernst nimmt. Einer, der sich als Bän­kel­sän­ger im Sim­pli­cis­si­mus wohl­fühlt, nicht als staats­tra­gen­der Volks­be­auf­trag­ter. Sei­ne Gleich­ge­sinn­ten benennt er schon 1906 in der Fackel: Ver­bre­cher, Land­strei­cher, Huren und Künst­ler – das ist die Bohè­me, die einer neu­en Kul­tur die Wege weist.
Es exis­tiert noch ein zwei­tes Bild, das eine ver­gleich­ba­re Kraft ent­fal­tet, obwohl es sich von dem oben beschrie­be­nen dia­me­tral unter­schei­det. Es stammt aus dem Jahr 1904. Auf der lin­ken Bild­sei­te ergießt sich ein Was­ser­fall von einer Anhö­he ins Tal, die Luft ist duns­tig. Ein jun­ger Mensch, Kna­be oder Mäd­chen ist nicht klar erkenn­bar, han­tiert mit einem Stock oder Speer, als woll­te er etwas aus dem Was­ser fischen oder einen höher gele­ge­nen Ast errei­chen. Dane­ben, mit ver­schränk­ten Armen, ein nack­ter, glatz­köp­fi­ger Mann. Rechts von den bei­den und wei­ter im Vor­der­grund erkennt man einen Sta­pel Brenn­holz und dar­auf etwas, das der obe­re Teil eines Mühl­rads sein könn­te. Dar­auf sitzt, ruhig wie ein Frei­heits­en­gel, die Bei­ne über­ein­an­der­ge­schla­gen, die Hän­de auf die Knie gelegt, ein bär­ti­ger Mann. Eben­falls nackt. Erich Müh­sam. Das Foto zeigt ihn in Asco­na im Schwei­zer Tes­sin, genau­er am Mon­te Veri­tà, einer nach syn­di­ka­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en geform­ten Lebens- und Arbeits­ge­mein­schaft. Gegrün­det hat­ten die Sied­lung die Brü­der Gus­to und Karl Grä­ser; bald folg­ten ihnen nam­haf­te Besu­cher auf den Berg, über des­sen Bewoh­ner immer aben­teu­er­li­che­re Gerüch­te kur­sier­ten. Fürst Peter Kro­pot­kin kam auf Besuch – und Otto Gross, der unge­stü­me, genia­le Psy­cho­ana­ly­ti­ker, der die Leh­re Freuds mit den Reform­ideen Fou­riers ver­knüpf­te und für ein revo­lu­tio­nä­res Matri­ar­chat kämpf­te. Alle­samt schil­lern­de, den Behör­den nicht ganz geheu­re Gestal­ten. Wäh­rend des Krie­ges fan­den dort Wehr­dienst­ver­wei­ge­rer und Flücht­lin­ge, Wider­stands­kämp­fer und Bohe­mièns Unter­schlupf, von Hans Arp bis Emmy Hen­nings, von Hugo Ball bis Ernst Bloch. Das war genau die Umge­bung, die für einen wie Müh­sam anre­gend und bele­bend hät­te wir­ken kön­nen. Rasch freun­de­te er sich mit den Brü­dern Grä­ser an, ver­sprach sogar, Karls Schrif­ten her­aus­zu­ge­ben. Doch sein unste­ter Geist ließ län­ge­re Auf­ent­hal­te am sel­ben Ort nicht zu; man­che sagen auch, die rein vege­ta­ri­sche oder rohe Kost sei­en nicht ganz nach sei­nem Geschmack gewe­sen. Müh­sams Wan­der­schaft führt ihn schließ­lich mit­ten hin­ein in die Münch­ner Kunst­sze­ne. Dort beginnt er eine Lieb­schaft mit einer der erstaun­lichs­ten Frau­en der dama­li­gen Zeit. Fran­zis­ka Grä­fin zu Revent­low hat mit allen Kon­ven­tio­nen gebro­chen, sich vom rei­chen Eltern­haus los­ge­sagt, pro­pa­giert die freie Lie­be und for­dert für die Frau­en wirt­schaft­li­che Unab­hän­gig­keit, sexu­el­le Eman­zi­pa­ti­on und die Unab­hän­gig­keit von christ­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen. Die­se Frau und der feu­er­köp­fi­ge Anar­chist: Ein paar Wochen lang waren sie das Traum­paar der Münch­ner Moder­ne.
Bei einem ver­schwö­re­ri­schen Tref­fen im Hau­se des Lite­ra­tur­his­to­ri­kers Carl Georg von Maas­sen lernt Müh­sam Zenzl Elfin­ger ken­nen und hei­ra­tet sie im Sep­tem­ber 1915. Der Schrift­stel­ler Mar­tin Ander­son Nexö beschreibt einen Besuch bei den bei­den:
In dem hohen Miets­haus in der Münch­ner Geor­gen­stra­ße haus­ten hoch unter dem Him­mel als zwei freie Vögel Erich und Zenzl Müh­sam. Ihr Geist war eben­so revo­lu­tio­när wie sei­ner.
Auch hier also: zwei Eben­bür­ti­ge.

Die­ser Text ist ein kur­zer Aus­zug eines Essays, der 2022 im Lim­bus-Ver­lag erschei­nen wird.

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Wil­fried Stei­ner, geb. 1960 in Linz, stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Anglis­tik und Ame­ri­ka­nis­tik in Salz­burg. 1990 Pro­mo­ti­on zum Dr. phil., 1988–1992 Lei­ter der Lite­ra­tur­werk­statt und des Lite­ra­tur­ca­fés im Salz­bur­ger TOI-Haus, 1991/1992 Lehr­auf­trä­ge an der Uni­ver­si­tät Salz­burg, Insti­tut für Ger­ma­nis­tik, 1989–1999 künst­le­ri­scher Lei­ter der ARGE Kul­tur­ge­län­de Nonn­tal, seit 1999 künst­le­ri­scher Lei­ter des Post­hofs in Linz. Diver­se lite­ra­ri­sche Publi­ka­tio­nen seit 1977 bei u. a. Dro­schl, Hay­mon, Insel-Ver­lag, Deu­ti­cke. Trä­ger u.a. des Georg-Tra­kl-För­de­rungs­prei­ses 1989, des Rau­ri­ser För­de­rungs­prei­ses 1994 und Ers­ter Preis der FLORIANA 2016.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 13. August 2021

Zuletzt geän­dert: 21. Aug. 2021