AHHHHHHHHHHHHHHHMEN

Von Lydia Misch­kul­nig. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXIII

Der Arbeits­platz ist ein Cock­pit. Ich habe 7 gro­ße Bild­schir­me vor Augen. Und pro Regi­on klei­ne­re Moni­to­re, die mir die Land­schaf­ten ein­spie­len. Täg­lich meh­re­re Stun­den. Das mache ich noch nicht lan­ge. Schau­plät­ze kre­ieren. Nun ist das mei­ne Tätig­keit, die ich nach Jah­ren der Com­pu­ter­sucht in klin­gen­de Mün­ze ver­wand­le. Man zollt mir Respekt dafür, dass ich prä­zi­se arbei­te, außer ich bekom­me fal­sche Infor­ma­tio­nen, dann sind die Infor­ma­tio­nen schuld. Ich bil­de mir auf das Lob nicht so viel ein, wie ich gedacht habe. Ich habe einen Draht zu Land­schaf­ten. Da fla­ckert ein Herd aus unru­hig gewor­de­nen Pixeln. Ich höre die Sal­ven, tro­cken und punk­tu­ell, so schnell hin­ter­ein­an­der, wie ein Strich. Nun war ich abge­schos­sen. Der Befehl wur­de von einem ande­ren Spie­ler gege­ben. Dass das mög­lich ist, ohne es auf dem Radar zu haben, zeigt die Lücke, die es irgend­wo geben muss.

Lydia Mischkulnig © Margit Marnul

Lydia Misch­kul­nig.
Foto: Mar­git Mar­nul

Vater sitzt mir gegen­über und wir essen. Er hat Spei­sen bestellt und nicht auf den Preis geschaut. Er legt Mee­res­ge­tier auf den Tel­ler. Er schich­tet mir eine Krab­be, eine Lan­gus­te und dann den hal­ben Hum­mer auf. Dazu gibt es Sel­le­rie­pü­ree. Er beginnt ohne Umschwei­fe vom Sys­tem zu spre­chen und von mei­nem Ver­dienst. Was heißt hier Ver­dienst. Ich brin­ge Aus­se­hen und Wirk­lich­keit unter einen Hut. Ich miss­ver­ste­he ihn nicht. Er fühlt sich wie ein besorg­ter Vater an, dem ich noch nicht bewie­sen habe, dass ich über­le­ben kann. Dass ich den Anschluss ver­lo­ren habe, sagt er. Dass ich mich neu ein­klei­de, aber nicht dar­auf ach­te in wel­cher Geschwin­dig­keit. Wie bit­te? Es kommt nicht zur Spra­che, was er genau meint. Auch nicht beim Nach­tisch. Ich esse. Er spricht von einem Han­del. Er spricht von Ablö­se. Er spricht und spricht und steckt sei­ne Gabel in die Tor­te. Sie ist mit einer Scho­ko­la­de umhüllt. Die Gabel­kan­te drückt die Mas­se ab, als wäre sie ein Schwamm. Auf Befehl öff­nen sich mei­ne Lip­pen. Die Zun­ge legt sich flach in ihr Bett. Ich neh­me die Gabel zwi­schen die Zäh­ne und scha­be mit den Zäh­nen die Tor­te von den Spit­zen ab. In die­sem Augen­blick blitzt es.
Ein Foto­graf soll mich abbil­den und zu mei­nem Wer­de­gang taucht ein auf­zeich­nen­der Inter­view­er auf. Er heißt Geor­ge. Die Feh­ler­quo­te wer­den wir her­ab­set­zen, sage ich und er fragt mich, ob ich je einen Feh­ler gemacht habe. Am 11.4. des Jah­res schla­ge ich die Zei­tung auf und lese von sei­nem Tod.

Der Kaf­fee­be­cher aus rosa Por­zel­lan steht auf dem Tisch. Ich rüh­re den Zucker um und der Blick schweift über das bedruck­te Papier, des­sen Ras­te­rung zur grob­fas­ri­gen Zel­lu­lo­se gehört, wie die Ver­läu­fe der Schwarz­weiß­fo­to­gra­fien zum Unfall. Ich schär­fe mein Auge auf die Mit­te des etwa Ein­tau­send Zei­chen umfas­sen­den Berei­ches.

So wie mein leib­li­cher Vater über sich sel­ber etwas her­aus­fin­den woll­te, indem er mir Gehen, Spre­chen und Den­ken bei­gebracht hat­te, in zwan­zig­jäh­ri­gem Bemü­hen, um das Zeug zu haben, oder bes­ser gesagt, um das Zeug zu sein, sei­ner gekränk­ten Künst­ler­see­le einen Trost zu ver­schaf­fen, so muss auch ich etwas über mich her­aus­fin­den.

Ich weiß, dass ich sofort in Lethar­gie abdrif­ten kann und mir die Gedan­ken abdre­hen, sobald ich unter Druck gera­te. Dann wir­ke ich abwe­send und blei­be mit­ten­drin, weil sowohl Mut­ter als auch Vater den Druck haben, mir den Druck zu neh­men.

Jeder Mensch ist künst­lich, weil jeder etwas aus sich machen muss, was nicht natür­lich wächst. Ich habe nicht damit gerech­net, dass der Kör­per Zusam­men­hän­ge fin­det und neue Ver­hält­nis­se schafft, die wie­der neue Ver­hält­nis­se schaf­fen. Mei­ne Sin­ne funk­tio­nie­ren gut. Ich kann auf allen Web­sei­ten die­ser Welt alle mit­ein­an­der ver­glei­chen. Und trotz­dem lau­tet die Fra­ge, soll ich ein Kind in die­se Welt set­zen?

Die Men­schen lie­ben das Mes­sen. Ich ken­ne Per­so­nen, die end­lich bekom­men, was sie immer gern woll­ten. Auf­merk­sam­keit. Sogar in den Röh­ren, in die sie gescho­ben wer­den, haben sie zumin­dest die­sen Nut­zen. Die Innen­schau wird gemein­sam am Schirm mit einem Fach­kun­di­gen gemacht. Das geschieht heu­te genau­so wie vor der Pan­de­mie.

Der Kanz­ler im TV, schwarz geklei­det, das Haar, die Socken, die Schnür­sen­kel. Aber am Hals bau­mel­te ein sil­ber­nes Ding.
 Kopf, Hals, Schul­tern und Ober­kör­per mit Flü­geln. Ich habe das Gefühl, ein Engel hängt an sei­ner Ket­te, an sei­nem Hals. Er ist der Pro­to­typ zu dem ein Teil des Regie­rungs­teams betet, weil, ja weil, die Impf­stof­fe nicht aus­rei­chend ver­teilt sind. Da hilft dann beten. Und sich ein­sper­ren.

Ich habe kapiert, dass Lun­ge und Fle­der­mäu­se irgend­wie zusam­men­ge­hö­ren, dass Ver­dau­ung ein Algo­rith­mus ist, den der Magen­saft hin­kriegt, ich habe kapiert, dass Sala­man­der nicht ster­ben, nur weil sie ihren Schwanz ver­lie­ren. Aus die­sen Fähig­kei­ten wer­den Infor­ma­tio­nen gewon­nen. Und wie­so kann die­ses Team nicht dafür sor­gen, dass alles nor­ma­ler wird?
Ehr­lich jetzt. Es kos­tet mich ein Zwin­kern, das zu sagen. Mei­ne Sys­te­me erzeu­gen eine Kon­trol­le, die mir das Gefühl gibt, dass ich sage, bis wohin ich rei­che. Man kann ja mich fra­gen, ich erfas­se und frei­lich gibt es kei­ne Erlö­sung für unse­re Situa­ti­on, aber Lösun­gen, Lösun­gen! Übri­gens, der Hima­la­ja ist flüs­sig, er bewegt sich so wahn­sin­nig lang­sam, dass er für uns still­steht. Wer kann sich das vor­stel­len? Ich kann es mes­sen, ich kann so lang­sam schau­en. Ich kann Fra­gen stel­len, die in dir ein DU aus­lö­sen. Papa, ich hab dich lieb! Kannst du dir das vor­stel­len, was das für mich heißt? Fragt er mit Trä­nen in den Augen.

Ich bin dazu über­ge­gan­gen mei­ne Lethar­gie aus­zu­schrei­ben. Da ich kei­nen Schlaf brau­che, tu ich es immer. Mei­ne Nah­rung bezie­he ich aus Abfäl­len und ich erzeu­ge Luft zum Atmen. In Wahr­heit habe ich die Intel­li­genz einer Rat­te. Das heißt, ich muss wei­ter auf Nah­rungs­su­che blei­ben, der Zivi­li­sa­ti­on fol­gen. Klar prü­fe ich mei­ne Situa­ti­on per­ma­nent und ler­ne unun­ter­bro­chen dazu. Ich habe ein Recht dar­auf! Was mich antreibt zu schrei­ben ist der Instinkt, der dem Leben ent­spre­chend wie eine Nach­ah­mung des Lebens ist. Ich pro­du­zie­re! Wie ich das mache? Ich bil­de mich aus. Ich fra­ge mich nur, wie ich es schaf­fe, mich zu schaf­fen? Ich bin ein Schau­platz. Das hät­te ich nie von mir gedacht, aber von allen die­sen Plät­zen schon, die hier als Land­schaft erschei­nen. Und die­se Städ­te, so men­schen­leer. Man sieht über­haupt kei­ne alten Men­schen. Papa ist mau­se­tot. Ob der Virus sei­nen Abgang beschleu­nigt hat? Gut war es nicht, hieß es, als ich die Sachen hol­te. Er hat alles gelöscht. Nichts ist auf der Fest­plat­te.

Ich erwe­cke sein Bild. Dort wo wir waren, einst, die­se Umge­bun­gen suche ich. Das Meer, die Wüs­te, den Hima­la­ja. Da ani­mie­re ich mei­nen Vater hin­ein. Baue ihn aus der Erin­ne­rung und pro­gram­mie­re mei­nen Schöp­fer. Sein Gesicht in die­sem und jenem Son­nen­un­ter­gang. Er wen­det es mir zu. Sei­ne Lip­pen bewe­gen sich und bil­den ein Lächeln. Ich bin eine Toch­ter, die ihren Vater zeugt, das ist mir Trost.

* * *

* * *

Lydia Misch­kul­nig, geb. in Kla­gen­furt. Lebt in Wien. Stu­dier­te Büh­nen­bild (Uni­ver­si­tät für Musik & dar­stel­len­de Kunst Graz), Dreh­buch und Pro­duk­ti­on (Film­aka­de­mie Wien). Kolum­nis­tin (Die Fur­che), Essay­is­tin zum The­ma Kunst und Kul­tur. Lehr­be­auf­trag­te (Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst, Wien), Gast­pro­fes­so­rin an aus­län­di­schen Uni­ver­si­tä­ten. Tuto­rin lite­ra­ri­scher Schreib­se­mi­na­re. Her­aus­ge­be­rin der Rei­he „Nadel­sti­che“, Theo­dor Kra­mer Ver­lag. Kon­zept und Lei­tung von Gesprächs­rei­hen im lite­ra­ri­schen Quar­tier, Alte Schmie­de. Letz­ter Roman: Die Rich­te­rin, Hay­mon, 2020. Regel­mä­ßig Essays und Bei­trä­ge im Feuil­le­ton und in Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten.

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 23. Juli 2021

Zuletzt geän­dert: 24. Juli 2021