Der „Wie finde ich die eigene Stimme“-Workshop

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXII
„Damit wir, wenn es mit der Schrift­stel­le­rei nicht klappt, von Ver­ris­sen begab­te­rer Kol­le­gen leben kön­nen.“
Radek Knapp © AK/Thomas Lehmann

Radek Knapp. Foto: AK/Thomas Leh­mann

Neu­lich lei­te­te ich einen lite­ra­ri­schen Work­shop. Im Saal – fünf künf­ti­ge Schrift­stel­ler. Zwi­schen 14 und 20ig. Vier jun­ge Frau­en und ein jun­ger Mann. Das letz­te grenzt an ein Wun­der. Män­ner inter­es­sie­ren sich über­haupt nicht mehr für Lite­ra­tur. Der jun­ge Mann blickt noch dazu wach­sam in die Run­de. Nicht ein­mal die Woll­müt­ze, die er bei 30ig Grad Hit­ze trägt, hin­dert ihn dar­an.
Ich las­se zu Anfang wie immer mei­nen ori­gi­nel­len Spruch los: „Lite­ra­ri­sche Work­shops sind für die Katz. Hier kann man zwar ler­nen, Dia­lo­ge zu schrei­ben, aber das wich­tigs­te, die soge­nann­te eige­ne Stim­me fin­det ihr sicher nicht hier. Com­pren­de?“
Schmun­zeln, Nicken und pein­li­che Ver­wun­de­rung.
„Des­we­gen dre­hen wir heu­te zuerst kurz den Spiess um“, mache ich wei­ter: „Ihr ver­setzt euch in den Kopf eines Lite­ra­tur­kri­ti­kers. Unser Objekt der Begier­de ist die öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur. Ihr dürft sie in den Boden stamp­fen oder in den Abend­him­mel loben. Und kei­ne Angst. Was in Las Vegas pas­siert, bleibt auch in Las Vegas“.
Eine dun­kel­haa­ri­ge Frau von 15 Jah­ren mit einem Pier­cing in der Nase hebt die Hand:
„Darf ich fra­gen wozu das gut sein soll? Wir sind ja hier, um schrei­ben zu ler­nen“. Aus Psy­cho­semi­na­ren weiß ich inzwi­schen, wie man mit schwe­ren Fra­gen umgeht.
„Guter Ein­wand“, schie­ße ich den Ball zurück in den Raum.
„ Also, wer kennt die Ant­wort?“
„Damit wir, wenn es mit der Schrift­stel­le­rei nicht klappt, von Ver­ris­sen begab­te­rer Kol­le­gen leben kön­nen?“, schlägt der jun­ge Mann vor und lüf­tet kurz sei­ne Woll­müt­ze.
„Bra­vo. Was noch?“, mun­te­re ich die Run­de auf.
„Damit wir ler­nen, unse­re eige­nen Wer­ke wie Kri­ti­ker zu betrach­ten?“, schlägt die jun­ge Frau mit blon­dem, unge­pfleg­tem Haar vor.
„Auch eine Mög­lich­keit. Wei­ter.“
„Damit wir uns ein biss­chen rächen kön­nen?“
„Auch gut!“, ich klat­sche in die Hän­de: „Also. Wer fängt an?“

„Ich fin­de, dass die öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur ein biss­chen zu trau­rig ist“, macht eine jun­ge Frau mit ein­deu­ti­gem Migran­ten­hin­ter­grund den Anfang. „Die Hälf­te der Bücher spie­len auf einem Bio­bau­ern­hof irgend­wo in Ober­ös­ter­reich. Die Son­ne geht dort früh unter und steht spät auf. Die Kin­der hei­ßen immer Karl und Lisa und wer­den erstaun­lich oft miss­braucht. Der Gross­va­ter stellt sich dann auch noch als Nazi her­aus oder begeht Selbst­mord. Die Frau­en wer­den unter­drückt und bren­nen irgend­wann in die Stadt durch, wo sie eine Toch­ter zeu­gen, die dann zu einer Femi­nis­tin wird.“
Stil­le im Raum. Die ers­te Kri­tik wird gründ­lich ver­daut.
„Moment­mal. Was hast du eigent­lich gegen einen ober­ös­ter­rei­chi­schen Bau­ern­hof?“, ergreift ihre Sitz­nach­ba­rin mit unge­pfleg­tem Haar das Wort. „Das ist ech­tes Leben. Und wenn wir schon bei Scha­blo­nen sind, dann schau dir an, wie die Migran­ten­li­te­ra­tur abläuft, die jetzt im Land um sich greift.“
„Wie meinst du das?“, gibt das Mäd­chen mit dem Migran­ten­hin­ter­grund zurück.
„Es ist ja immer die glei­che Geschich­te“, erklärt das Mäd­chen mit dem unge­pfleg­ten Haar: „Der Emi­grant kommt nach Wien, sucht ver­geb­lich Arbeit, wird von sei­nen eige­nen Lands­leu­ten übers Ohr gehau­en und lan­det nach 300 Sei­ten unter der Reichs­brü­cke, wo er Migran­ten­kro­ko­dils­trä­nen ver­gießt. Haben die Migran­ten kei­ne ande­ren Sor­gen. Müs­sen die auch nicht mal aufs Klo zum Bei­spiel?“
„Viel­leicht gibt es außer Essen und dem Klo noch Wich­ti­ge­res? Und die Frem­den wis­sen das im Gegen­satz zu vie­len Inlän­dern“, gif­tet das Migran­ten­mäd­chen zurück.
„Alles sehr gute Argu­men­te. Aber wir wol­len beim The­ma blei­ben“, wer­fe ich ein und brin­ge mei­ne Schäf­chen zurück in die Spur mit einer Fra­ge, die nicht so viel Zünd­stoff birgt.
„Was ist mit den älte­ren öster­rei­chi­schen Lite­ra­ten? Wie kom­men die für euch rüber? Ich mei­ne, es ist eine ande­re Gene­ra­ti­on als eure. Da muss doch was im Busch sein?“
„Die­ser Busch brennt nicht mehr“, sagt das bis dahin schwei­gen­de Mäd­chen in der Ecke. Sie sieht aus, als hät­te sie einen Joint geraucht und stün­de noch unter sei­nem Ein­fluss.
„Und geht das etwas genau­er?“, bit­te ich um Auf­klä­rung. Schließ­lich hat sie mich gera­de mit mei­nen älte­ren Kol­le­gen in die Pfan­ne gehau­en.
„Es gibt schon ein paar gute“, sagt sie, „aber die meis­ten sind nur noch faul. Sie schrei­ben immer den glei­chen Scheiß und glau­ben, es ist Welt­li­te­ra­tur. Aber, hej, die kön­nen nichts dafür. Die sind eben alt.“
„Aber die Jun­gen sind auch nicht bes­ser“, bringt sich das Mäd­chen mit dem Pier­cing wie­der ein: „Die haben über­haupt nichts zu sagen. Des­we­gen erfin­den sie irgend eine Krank­heit oder ein Unglück. Dann laden sie sich das frem­de Kreuz auf den Rücken und tra­gen es 200 Sei­ten lang her­um, weil sie ja so unbe­dingt Schrift­stel­ler wer­den wol­len. Und wir fal­len drauf rein!“
„Wer ist wir?“, fra­ge ich ver­wirrt.
„Na wir, die Lite­ra­tur­kri­ti­ker. Schon ver­ges­sen?“
„Also, ich fin­de am bes­ten schrei­ben immer noch die Toten“, hält der Jun­ge mit der Woll­müt­ze dage­gen: „Die sind super. Karl Kraus und Tho­mas Bern­hard. Die sind so leben­dig, dass sie noch heu­te jede Dis­co rocken könn­ten.“
„Von wegen Dis­co“, hält das Joint­mäd­chen dage­gen: „Die Zukunft gehört ein­deu­tig der femi­nis­ti­schen Lite­ra­tur“.
„Das kannst du laut sagen“, pflich­tet ihr das Pier­cing­mäd­chen bei: „Die sind jetzt im Kom­men. Die sind jetzt über­all in der Mehr­zahl“.
„Sogar in die­sem Raum“, wirft der Jun­ge mit der Woll­müt­ze ein.
„Ganz recht“, kommt das Joint­mäd­chen zu Hil­fe: „Es kön­nen nicht genug sein, um dem Patri­ar­chat den Stin­ke­fin­ger zu zei­gen. Nur eins geht mir auf den Wecker“, sie zögert kurz, „eini­ge von die­sen femi­nis­ti­schen Autorin­nen zie­hen sich absicht­lich einen Mini­rock an, wenn sie von so einem abge­ta­kel­ten mid­life­cri­sis männ­li­chen Jour­na­lis­ten inter­viewt wer­den. Das fin­de ich ekel­haft.“
„Was ist schon an einem Mini­rock ver­kehrt. Ich bin 18 und habe auch nichts dage­gen“, der Jun­ge mit der Woll­müt­ze macht das Lachen eines alten Lüst­lings nach.
„So siehst du aus, du blö­der Patri­arch!“, rufen das Pier­cing- und das Joint­mäd­chen im Chor.
„Wow, wow, wir wol­len Boden­haf­tung bewah­ren“, fah­re ich dazwi­schen in der Befürch­tung, man könn­te mir den ein­zi­gen männ­li­chen Teil­neh­mer seit Jah­ren ver­schre­cken und mache eine Über­lei­tung.
„Apro­pos Mini­rock: Wie steht es mit dem The­ma Ero­tik in der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur?“
„Nicht beson­ders gut“, mel­det sich wie­der mal das Mäd­chen mit Migran­ten­hin­ter­grund zu Wort: „Ich mei­ne, es ist zu vul­gär. Dau­ernd kom­men da nur Wor­te wie Schwanz und Möse vor. Ich mei­ne wer redet so?“
„Sex zu haben und Sex zu beschrei­ben, sind eben zwei paar Schuh“ stimmt das Pier­cing­mäd­chen mit wei­sem Nicken zu. „Ich habe mal was von Kun­de­ra gele­sen. Das war rich­tig gut. Ist tsche­chi­sche Lite­ra­tur eigent­lich noch öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur?“
„Kaf­ka war der letz­te öster­rei­chi­sche Tsche­che. Aber der hat­te ein ziem­li­ches Pro­blem mit dem Sex“, mel­det sich das Joint­mäd­chen und schaut mich an: „Herr Leh­rer, wie lan­ge sol­len wir die­ses Gewäsch von uns geben? Das wird auf die Dau­er lang­wei­lig.“
„Schon gut“, ich hebe die Hand: „Das reicht erst mal. Ich bin übri­gens sehr zufrie­den mit euch“.
Ich über­schla­ge noch mal die Wort­mel­dun­gen. Die wich­tigs­ten Eck­da­ten der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur wur­den zumin­dest ange­ris­sen. Mini­rock. Kaf­ka. Bio­bau­ern­hof und Migran­ten­kro­ko­dils­trä­nen. Fürs Ers­te gar nicht mal so schlecht. Es wird Zeit mit dem Work­shop zu begin­nen.
„Jetzt nimmt jeder ein Blatt her­aus und wir legen als Autoren los“, sage ich: „Aber eins will ich noch wis­sen. Was haben wir als Lite­ra­tur­kri­ti­ker gelernt?“
„Dass man nicht alles über einen Kamm sche­ren kann?“, sagt der jun­ge Mann mit der Woll­müt­ze.
„Guter Ein­wurf. Was noch?“
„Dass die öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur in Zukunft den Frau­en gehört“, schießt das Mäd­chen mit dem unge­pfleg­ten Haar zurück mit einem schwe­ren Blick auf den Jun­gen mit der Müt­ze.
„Durch­aus mög­lich. Was noch?“
„Dass die Welt am Absau­fen ist?“, sagt das Joint­mäd­chen.
„Inter­es­san­te Schluss­fol­ge­rung. Aber etwas weg vom The­ma.“
„Dass das Her­um­nör­geln mehr Spass macht als Schrei­ben“, schlägt das Mäd­chen mit dem Migran­ten­hin­ter­grund vor.
Die Grup­pe lacht.
„So ist es“, ich mache eine fei­er­li­che Pau­se und sage dann: „Der Autor nimmt immer den schwe­ren Weg. Des­we­gen lau­tet das The­ma des heu­ti­gen Work­shops: Wie zum Kuckuck fin­de ich mei­ne eige­ne Stim­me in einem Raum vol­ler Leu­te, die auch eine eige­ne Stim­me suchen?“
Die Grup­pe schweigt und ich füge in die­ses Schwei­gen hin­zu: „Davon, wie gründ­lich ihr die­se Fra­ge beant­wor­tet, hängt eine Men­ge ab. Um nicht zu sagen alles. Man könn­te sogar sagen: Das Schick­sal der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur“.

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Radek Knapp, gebo­ren 1964 in War­schau, seit dem 12. Lebens­jahr in Wien, stu­dier­te Phi­lo­so­phie und hielt sich mit vie­len Neben­jobs über Was­ser. Seit 1994 auch Autor mit dem Debut Fra­nio. Sein Buch Herrn Kukas Emp­feh­lun­gen wird ger­ne in Schu­len gele­sen. Zuletzt erschien eine iro­ni­sche Lie­bes­er­klä­rung an Öster­reich: Von Zeit­lu­pen­sym­pho­nien und Mar­zipan­tra­gö­di­en.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 16. Juli 2021

Zuletzt geän­dert: 3. Aug. 2021