Staub

Von Michae­la Man­del.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXI
Michaela Mandel © Palmfiction

Michae­la Man­del. Foto: Palm­fic­tion

Bei unse­rem ers­ten Jagd­ver­such hat BigJ in der Mor­gen­däm­me­rung tat­säch­lich einen Scha­kal ange­schos­sen. Bis heu­te behaup­tet er steif und fest, auf einen Spring­bock gezielt zu haben. Sel­ma konn­te es nicht fas­sen. Ver­ständ­lich, ist sie doch tief in ihre Wur­zeln ver­strickt und in der Kul­tur der Here­ros kommt das Töten eines Scha­kals einer Tod­sün­de gleich. „Gro­ßes Unglück bringt es“, hauch­te Sel­ma, und das war in unse­rer Situa­ti­on nun gar nicht zu gebrau­chen. „Auch Tja­mua­ha wür­de das so sehen“, bekräf­tig­te Sel­ma ihre Ansicht. Tja­mua­ha, der immer noch als Held ver­ehr­te Chief, Häupt­ling oder auch Hüter des Ahnen­feu­ers.
Auch wenn Tja­mua­ha bereits seit hun­dert­sech­zig Jah­ren tot ist, sei­ne Mei­nung gilt noch immer. Und so zwingt uns Sel­ma, die der Fin­nisch Luthe­ri­schen Kir­che ange­hört, das dro­hen­de Unglück abzu­weh­ren. Mit einem laut­stark gesun­ge­nen Gebet. Amen!

Trotz unse­rer dilet­tan­tisch gefer­tig­ten Pfei­le haben wir es uns ver­bo­ten, die Rig­by für die Jagd zu ver­wen­den. Die Gefahr ist ein­fach zu groß. Die Schüs­se sind zu laut. Selbst in der fast men­schen­lee­ren Namib darf sich unse­re Anwe­sen­heit durch nichts ver­ra­ten. Jeder Schuss wür­de die Far­mer und Ran­cher aus ihren Behau­sun­gen locken und in ihre Jeeps trei­ben. Wür­de sie von ihren Feu­er­stel­len auf­scheu­chen, von ihren Grill­scha­len oder Kamin­feu­ern und natür­lich auch von ihren gut gekühl­ten Drinks.

Die Jag­den sind wegen der Hit­ze aus­ge­setzt. Die Ory­xe ster­ben auch so wie die Flie­gen. Täg­lich fin­det man ihre Kada­ver vor aus­ge­trock­ne­ten Was­ser­stel­len oder in den end­lo­sen Zäu­nen unüber­schau­ba­ren Farm­lands hän­gen. Dunk­le Fell­fet­zen im stau­bi­gen Wind. Wie eine per­fek­te Kli­ma­schutz-Insze­nie­rung.

Umso erstaun­li­cher, dass es BigJ mit den uns auf­er­leg­ten Waf­fen­han­di­caps gelun­gen ist, bei­na­he zwei Ory­xe zu über­wäl­ti­gen. Bezie­hungs­wei­se, einen davon in die Flucht zu schla­gen und den ande­ren zu über­wäl­ti­gen. Ein gro­ßes Wort – über­wäl­ti­gen. Viel­leicht wäre über­ra­schen hier tref­fen­der.
Denn die Lang­horn-Anti­lo­pe, die zufäl­lig den Fels­block quer­te, hin­ter dem wir vor eini­gen Näch­ten auf Lau­er lagen, war durch unser plötz­li­ches Auf­tau­chen genau­so per­plex wie wir.
In die­se Lücke der gegen­sei­ti­gen Ver­blüf­fung schoss BigJ den Pfeil vor­ei­lig aus dem zum Zer­rei­ßen gespann­ten Bogen direkt in den Fel­sen vor uns, das Geschoß prall­te nach oben ab, schlin­ger­te in einer Affen­ge­schwin­dig­keit über den Stein und traf das flüch­ten­de Tier in den Hin­ter­lauf. Ein bal­lis­ti­sches Meis­ter­werk.
Lei­der ist uns die Anti­lo­pe, wie der Scha­kal zuvor, ver­wun­det ent­kom­men. Dum­me Sache.
Wir erzähl­ten Sel­ma nichts davon.
Ich hat­te kei­ne Lust auf ein wei­te­res Gebet, war ich doch ohne Gott auf­ge­wach­sen. Born and rased in Aus­tria, in a fami­ly of Hip­pies. Doch das war nur die hal­be Wahr­heit.
Arman­da, die Toch­ter des Jägers, wür­de nur die Hän­de über dem Kopf zusam­men­schla­gen, könn­te sie mich hier mit unse­ren selbst­ge­bas­tel­ten Jagd­waf­fen sehen.
Weit ent­fernt vom hei­mi­schen Forst. In einer Wüs­te, die nichts, aber auch gar nichts, mit einem euro­päi­schen Fich­ten- oder Föh­ren­wald gemein hat. Kein Waid­werk in beschau­li­cher Natur, kei­ne Kame­rad­schaft in grün­grau­em Filz. Kei­ne Jagd­vor­schrif­ten. Auch kei­ne Geneh­mi­gung zum Befah­ren einer Forst­stra­ße. Kein Hoch­stand oder spur­lau­ter Stö­ber­hund. Nicht ein­mal eine funk­tio­nie­ren­de Schuss­waf­fe hat­ten wir.

Erst der zwei­te Bock konn­te schließ­lich über­wäl­tigt wer­den. Wie­der wur­de das Tier zunächst von einem Schuss aus nächs­ter Nähe über­rascht. Gera­de, als der Oryx strau­chel­te, warf sich BigJ trotz sei­ner lan­gen Dürr­heit und sicher unter Lebens­ge­fahr wie ein Tor­re­ro quer über den Rumpf und klam­mer­te sich von hin­ten an die lan­gen spit­zen Hör­ner. Das Tier knick­te unter der Last Big­Js kurz ein. Anne, Sil­ke und ich nutz­ten die­sen Anfall von Schwä­che und spran­gen todes­mu­tig auf den Lang­horn­bock, brach­ten ihn end­lich zu Fall. Sil­ke stach zu, ein­mal, zwei­mal, gefühl­te tau­send Male in den mas­si­gen Leib, wäh­rend BigJ ver­such­te, den Kopf des Tie­res mit den Hör­nern fest in den Boden zu drü­cken.
Waid­ge­recht war das sicher nicht.

Die Hufe des Oryx ver­schnür­ten Anne und ich unter Trä­nen der Anstren­gung mit einem Stück Draht, den Anne um ihre Hüf­ten gewi­ckelt trug, um ihre Hose nicht zu ver­lie­ren. Schließ­lich hat­ten wir alle immens an Gewicht ver­lo­ren. Gewicht und Wider­stands­kraft.
Wäh­rend des erbärm­lich lan­gen und grau­sa­men Todes­kamp­fes wur­de mir klar, dass die Trans­for­ma­ti­on nun end­gül­tig voll­zo­gen war. Tie­fer konn­ten wir nicht mehr sin­ken. Hier, auf dem nach Angst stin­ken­den Rücken eines mit unlau­te­ren Mit­teln erleg­ten Tie­res, fli­cker­ten die Ereig­nis­se der letz­ten Mona­te vor mei­nen zucken­den Augen. Was war da nur schief­ge­lau­fen? Wo lag der Feh­ler? Wann hät­ten wir abbre­chen müs­sen, um unse­re Haut viel­leicht noch ret­ten zu kön­nen?

Nass von Blut und Schweiß tra­ten wir unse­ren Heim­weg an. Ein Grüpp­chen blei­cher und zit­tern­der Euro­pä­er mit einer gro­ßen poli­ti­schen Idee im Kopf, deren Aus­füh­rung als kläg­lich geschei­tert anzu­se­hen war, ver­such­te nun ein zwei­hun­dert­fünf­zig Kilo­gramm schwe­res Vieh über Sand in Rich­tung einer Höh­le zu schlei­fen. Wenn die­ses Bild nicht alles aus­drück­te, was in der gän­gi­gen Erzäh­lung euro­päi­scher Kul­tur­ge­schich­te als längst über­wun­den galt.
In zer­ris­se­nen Gewän­dern und von unzäh­li­gen Schram­men über­sät, hat­ten wir uns end­gül­tig unse­res kul­tu­rel­len Erbes ent­le­digt. Unter Äch­zen und Stöh­nen schlepp­ten wir unse­re Beu­te in Rich­tung Höh­le und leg­ten sie vor Sel­mas Füße. Fast ein wenig stolz.

Was hät­te Arman­da wohl über die Tötung des Oryx gedacht?
Ver­lacht haben wür­de sie uns und damit unse­re stüm­per­haf­ten Jagd­ver­su­che. Abge­wun­ken hät­te sie das Gan­ze, kurz und knapp.
Als viel­ge­lieb­te Vater­toch­ter war sie schließ­lich unzäh­li­ge Male durch das Unter­holz gepirscht. Hat­te im Rücken des Jägers jeden Tötungs­vor­gang haut­nah mit­ver­folgt. Hat­te die Flin­te gehal­ten, die Muni­ti­on gewech­selt, ganz so, wie der Vater es ihr auf­ge­tra­gen hat­te.
Sie wür­de den Tod des Oryx mit Sicher­heit als miss­lun­ge­ne Akti­on beur­tei­len. Als Hip­pie-Pip­pi-Schwach­sinn.

Ein Schwach­sinn, der mit der Struk­tur der Jäger­toch­ter ein­fach unver­ein­bar war. Ger­ne teil­te sie mit uns Kin­dern ihre glü­hen­de Begeis­te­rung für die Jagd­aus­flü­ge, die sie als jun­ges Mäd­chen unter­nom­men hat­te. Die Tage, die wir unse­rem unsor­tier­ten Haus­halt ent­ris­sen unter ihren Argus­au­gen ver­brach­ten, waren häu­fig von Wild­schüt­zen und selt­sa­men Wal­des­ri­ten besetzt. Grün, grün, grün ist mei­ne Lieb­lings­far­be …

Das Span­nen­de an Arman­das Schil­de­run­gen war für mich damals aber mehr die Art, wie sie das erzähl­te, als das Jagen selbst. Denn ihre Erleb­nis­se im Unter­holz waren meist mehr nach­ge­zeich­net als arti­ku­liert. Das durch eine Rötel­er­kran­kung beschä­dig­te Gehör glich Arman­da viel­ver­spre­chend durch ver­schwö­re­ri­sche Bli­cke und zacki­ges Hän­de­we­deln aus.
Obwohl sie sich bemüh­te, ihre Spra­che klar und laut zu hal­ten, begriff ich das Gemein­te eher durch ihre aus­schwei­fen­den Ges­ten. Ein dank­ba­res Publi­kum war ich und immer woll­te ich noch mehr erfah­ren, weil mich das gro­tes­ke Spiel der Hän­de und der unge­len­ke Ein­satz ihres Kör­pers so merk­wür­dig unter­hielt.
Jeder Ansitz war in ihr lei­den­schaft­lich abge­spei­chert. Arman­da spiel­te nach, wie selbst stun­den­lang beeng­tes War­ten einen aben­teu­er­li­chen Ner­ven­kit­zel ver­ur­sa­chen konn­te. Wie sie, neben dem Jäger­va­ter auf har­ten Bret­tern hin­ge­kau­ert, still sein muss­te. Wie mal er, dann wie­der sie ins duns­ti­ge Laub starr­te, in der Hoff­nung einen prä­zi­sen Tel­ler­schuss abfeu­ern zu kön­nen.
Und erst die Stö­ber­jagd! Der Aus­schlag ihrer ges­ti­schen Ampli­tu­den belus­tig­te mich. Der Lärm des Trei­bens, die Rufe der Jäger, das Bel­len der Hun­de ließ sie die Hän­de nach oben rei­ßen und wild umher­flat­tern.

Das In-Bewe­gung-Sein, die Pirsch im brei­ten Rücken des Vaters, ver­ur­sach­te einen Reiz, der sich Arman­das Kör­per bemäch­tig­te. Sie konn­te ihre eige­nen Schrit­te ja kaum hören. Auch den Vater nicht, der immer als ers­ter durch das ver­schlun­ge­ne Strauch­werk brach. Sie konn­te ihn nur sehen. Von hin­ten. Aber das mach­te nichts. Ein Fähr­ten­su­cher war er in Arman­das Augen. Ein Pfad­fin­der. Ein Pio­nier, der kam, sah und schoss.
Die Toch­ter immer hin­ter­drein. Immer dar­auf bedacht, dem Vater auf den Fer­sen zu blei­ben. Atem­los und taub dem Jäger nach­zu­ja­gen, um jede Hand­lung abzu­spei­chern. Um die­sen Reiz zu näh­ren und der Erin­ne­rung ein Bild davon zu geben. Denn Töne gab es kaum.

Arman­da schwärm­te flat­ternd, wenn sie uns das Ereig­nis nach jeder gro­ßen Jagd bebil­der­te. Wenn nach der auf­re­gen­den Hatz die erleg­te Stre­cke schließ­lich dar­ge­bo­ten wur­de. Auf der Lich­tung aus­ge­legt. Stück für Stück. Von der Kame­rad­schaft nach Grö­ße und Art unter­schie­den und fach­män­nisch dra­piert. Das tote Tier wie auf­ge­fä­delt, unge­schönt und roh den Bli­cken aus­ge­setzt.
Die­se blu­ti­gen Bil­der schlu­gen Wur­zeln in Arman­da.
Vom Jagd­horn bebla­sen und um gro­be Reden ergänzt, dau­er­te die­se Toten­schau oft meh­re­re Stun­den. Genug Zeit für ein jun­ges Mäd­chen, sich ein sol­ches Still­le­ben detail­reich ein­zu­prä­gen. Jede ver­dreh­te Pfo­te, jedes ver­zerr­te Maul, jedes Gerinn­sel wur­de von Arman­da kata­lo­gi­siert, um es jeder­zeit abru­fen zu kön­nen.
Stets wur­de die Beu­te mit aus­rei­chend Wein gefei­ert. Stolz die Kor­ken in die Gegend geschleu­dert. Gan­ze Fla­schen wur­den so in die vom Waid­ge­schrei hei­se­ren Keh­len geschüt­tet, wäh­rend die Tot­si­gna­le mit der Nacht über die ver­sehr­ten Tier­kör­per her­ein­bra­chen. Von in die Erde geramm­ten Fackeln beleuch­tet, erin­ner­te der Anblick des leb­lo­sen und mit Fich­ten­zwei­gen geschmück­ten Wil­des an eine offe­ne Auf­bah­rung.
Von die­ser Prä­sen­ta­ti­on glei­cher­ma­ßen abge­sto­ßen wie fas­zi­niert, konn­te sich Arman­da nicht satt­se­hen an den fel­li­gen Kada­vern, deren Blut lang­sam auf den Wun­den ver­krus­te­te.
Inmit­ten der ange­sta­chel­ten Waid­män­ner stand sie so in ihrer eige­nen stil­len Welt, auf­ge­wühlt von die­sem schau­er­li­chen Reiz.

Eine selt­sa­me Aus­stel­lung, erklär­te der Bru­der Arman­das ein­mal zynisch und bezeich­ne­te den Jäger­va­ter auch gleich dar­auf als Mör­der. Kurz und knapp spritz­te die­se Zuschrei­bung in die Fami­lie hin­ein. Tauch­te in Fol­ge auch immer mal wie­der ärger­lich auf, das Wort „Mör­der“! Bei ver­schie­de­nen Gele­gen­hei­ten und nicht nur auf­grund der Jagd.
Der Bru­der fand die­se Bei­fü­gung wohl ange­mes­sen. Doch nie auf­ge­regt oder dra­ma­tisch aus­ge­spro­chen. Das „Mör­der“ kam zwar meis­tens unver­mu­tet, platz­te immer unan­ge­nehm hin­ein in eine Unter­hal­tung. Der Bru­der war dabei aber für gewöhn­lich gelas­sen und ruhig.

Sehr zum Miss­fal­len Arman­das, die ja bei­des lieb­te. Die Jagd und auch den Vater. Ohne Wenn und Aber. Da nahm sie ihr Ver­gnü­gen ernst. Grün, grün, grün …
Da konn­te sich der Bru­der kri­tisch äußern wie er woll­te. Der Vater und die Jagd waren für sie unan­tast­ba­re Umstän­de, die so blei­ben soll­ten, wie sie waren.

Hät­te Arman­da also unse­re ver­zwei­fel­te Her­um­jä­gerei mit­er­lebt, sie hät­te es als bil­li­ge Kari­ka­tur auf­ge­fasst. Als Kri­tik an ihrer Lei­den­schaft für die Jagd. Der Schuss wäre also bestimmt nach hin­ten los­ge­gan­gen.
Hät­te sie mich so, auf dem Rücken des Oryx schweiß­ge­ba­det lie­gen sehen, wäh­rend Sil­ke die Mes­ser­klin­ge mit einem lau­ten Schnau­ben wie­der­holt in des­sen Sei­te ramm­te, sie hät­te sofort das Jagd­ge­wehr ihres Vaters aus dem Schrank geholt. Wäre mit die­sem Gewehr im Anschlag und ohne Umschwei­fe direkt in die­ses Bild der Wüs­te hin­ein­mar­schiert. Wäre hier­her in die­se trost­lo­se Hit­ze gekom­men, nur um mir zu zei­gen, wie man das Gan­ze rich­tig macht.
Der Umgang mit dem Tod muss­te ihrer Mei­nung nach erlern­bar sein. Und mit dem Tod kann­te sie sich schließ­lich aus.

Viel­leicht wäre alles anders gekom­men, hät­te Arman­da Sel­ma ken­nen­ge­lernt. Oder die ande­ren aus der Trup­pe. Könn­te Arman­da jetzt hier sein, alles wäre irgend­wie ein­fa­cher. Zumin­dest struk­tu­rier­ter.
Sel­ma wür­de der weit älte­ren Arman­da eini­ges über die Gesell­schafts­ord­nung die­ses Lan­des zu erzäh­len wis­sen. Vie­les über die poli­ti­schen Ansich­ten unter­schied­li­cher Eth­ni­en, die sich nicht nur eine Ver­gan­gen­heit, son­dern auch den Boden tei­len.
Und Arman­da hät­te Sel­mas Erzäh­lung in ihre Gedan­ken ein­schlich­ten kön­nen. Hät­te die his­to­ri­schen Begriff­lich­kei­ten einem Land zuord­nen kön­nen, das sie nur flüch­tig kann­te. Vom Hören­sa­gen. Oder bes­ser, vom schlecht gehört Gesag­ten.
Für Geschich­te hat­te sich Arman­da immer bren­nend inter­es­siert. So hät­te sie viel­leicht nach­ge­fragt. Und Sel­ma hät­te erzählt von die­sem Land, das von Sied­lern, Sip­pen und Stam­mes­ver­bän­den durch­wach­sen ist. Ein Land, das Frei­heits­kämp­fer und Kolo­nia­lis­ten glei­cher­ma­ßen beher­bergt. Arman­da hät­te ihr auf­ge­schnapp­tes Wis­sen um Sel­mas Nar­ra­tiv erwei­tern kön­nen und so viel­leicht einen ande­ren Zugang eröff­net bekom­men.
Wenn sie jetzt hier gewe­sen wäre.
Ist sie aber nicht.

Bestimmt wäre Arman­da von Sel­mas Urgroß­va­ter beein­druckt gewe­sen, der rund acht­tau­send Kilo­me­ter von Salz­burg ent­fernt und lan­ge vor ihrer Geburt, in einer Schlacht sein Leben ließ. Der auf dem Water­berg bei Otji­wa­ron­go gegen ein Unrecht kämpf­te und dar­um über Sel­mas Fami­lie hin­aus ein Held gewor­den war. Ein toter Held, aber immer­hin.
In Arman­das Augen wäre das viel­leicht sogar ver­gleich­bar gewe­sen. Ver­gleich­bar mit den Prot­ago­nis­ten der eige­nen Fami­lie, die meist viel von Schlach­ten­ge­tüm­mel und stram­men Mär­schen zu erzäh­len wuss­ten. Das hät­te viel­leicht Gesprächs­stoff erge­ben und Sel­mas Geschich­te mit jener Arman­das ver­linkt. Arman­da hät­te die Gefechts­mär­chen ihres Ehe­man­nes unter der Son­ne Nami­bi­as wie­der auf­tau­en und mit den Schar­müt­zeln des Vaters gar­nie­ren kön­nen. Alle­samt Erzäh­lun­gen, die sich zwar mehr in den Amts­stu­ben des Salz­bur­ger Gau­heim­stät­ten­am­tes zusam­men­ge­braut hat­ten, als tat­säch­lich auf einem Berg erkämpft wor­den waren. Ein Kriegs­ver­dienst­kreuz hat­te der Vater trotz allem ein­ge­heimst. Auch wenn er, wie Sel­mas Groß­va­ter, schon lan­ge tot war, in Arman­das Kopf war er immer noch ein Held.

Sel­mas Vor­fah­ren, die durch den Völ­ker­mord ums Leben kamen, trä­fen durch die Anwe­sen­heit Arman­das auf die Chro­nik einer jetzt alten Frau. Die Ahnen Sel­mas wären auf die­se Wei­se mit der Geschich­te einer Nazi­fa­mi­lie ver­knüpft wor­den, der schließ­lich auch ich ange­hö­re. Das ist die ande­re Hälf­te der Wahr­heit.

Aber Sel­ma hät­te sich viel­leicht gar nicht für die Geschich­te Arman­das inter­es­siert. Und Arman­da? Sie hät­te viel­leicht gar nichts gesagt. Hät­te in unse­rer Mit­te an einem Stück halb­ga­ren Oryx­fleisch genagt und geschwie­gen. Und ich hät­te mich wegen die­ses Schwei­gens geschämt. Kann sein.

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Michae­la Man­del, gebo­ren 1972 in Salz­burg, lebt in Wien. Stu­di­um der Bil­den­den Kunst und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in Linz und Rot­ter­dam. Neben ihrer Tätig­keit als Bühnenbildnerin ist sie als bil­den­de Künstlerin sowie als Autorin und Regis­seu­rin von Expe­ri­men­tal- und Ani­ma­ti­ons­fil­men tätig, die auf zahl­rei­chen inter­na­tio­na­len Fes­ti­vals gezeigt und aus­ge­zeich­net wur­den.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 9. Juli 2021

Zuletzt geän­dert: 9. Juli 2021