Bleiglatter Fluss, milde Sonne

Von Simon Kont­tas.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XVIII
Simon Konttas

Simon Kont­tas

 

„Des Hel­fens müde“

„Also auch der Beru­fe­ne:
Er ver­weilt im Wir­ken ohne Han­deln.
Er übt Beleh­rung ohne Reden. (…)
Ist das Werk voll­bracht,
so ver­harrt er nicht dabei.“
– Lao-Tse: „Tao-te-King”

Woll­te auch ich einst die Men­schen so beleh­ren,
so ver­än­dern, ihnen ins Gewis­sen reden
wie zwei mei­ner Freun­de es tun?
Er, der sei­ne Schü­ler vom fana­ti­schen Got­tes­glau­ben
erlö­sen; sie, die ihren Vater
weit­her­zi­ger machen will, damit er nicht mehr
nach­plap­pe­re die klein­ka­rier­ten Bor­niert­hei­ten
der Land­ei­par­tei, die er wählt.
Am Tele­fon sag­te sie neu­lich zu mir:
Es sei „zu wenig“, nur zu schwei­gen und
sich nicht zu äußern, wenn,
(wie ein Bekann­ter von mir),
einer sagt, Neger sei­en weni­ger wert
und unter Hit­ler sei nicht alles schlecht gewe­sen.
Irgend­et­was Ähn­li­ches näm­lich sag­te
vor einem Jahr ein naher Ver­wand­ter,
als wir an einem lau­en Som­mer­abend
am Fluss­ufer stan­den
in den schrä­gen Strah­len der sin­ken­den Son­ne.
Er sprach und ich schwieg.
Wie soll ich ein gan­zes Leben,
ver­bracht in selbst­ge­rech­tem Dog­ma­tis­mus –
denn die­se Neger­an­sich­ten sind nur
ein Aus­druck so eines Lebens –
ver­än­dern durch ein Wort von mir?
Und so schwieg ich und beob­ach­te­te
die Enten im Fluss,
die Enten­mut­ter und ihre klei­nen Küken,
wäh­rend die Son­ne unse­re Schat­ten streck­te.

 

„Zeit­al­ter der Auf­klä­rung“

Oh, ihr Kon­ven­tio­nen der Mor­gen­stun­den,
ihr pries­ter­li­chen, nach denen des Schla­fes
(hör die Trom­meln des sibi­ri­schen Scha­ma­nen):
Ich mer­ke, dass die auf­ge­ris­se­ne Stel­le
zwi­schen den Zehen wie­der schmerzt.
Das Mus­kel­ver­span­nungs­creme­gift
ist in die ekle Wun­de gesi­ckert.
Mei­ne Fuß­knö­chel pochen.
Nie hast du dei­ne Ruhe, nie!
Die Kon­ven­tio­nen der Gewöh­nung,
weil die Rea­li­tät mich umstellt
wie Phil­ipp II von Spa­ni­en sei­ne Akten
in sei­nem klei­nen Arbeits­zim­mer,
in die­sen Mor­gen­stun­den.
Was für ein Som­mer: vor­ges­tern schon
zog über die Stadt eine hell­graue Wol­ken­wurst,
wälz­te vom Fließ­band des Him­mels
ihren faden Was­ser­leib Rich­tung Alpen,
um sich über ver­irr­ten Wan­de­rern
zu ent­la­den – Selbst­mör­der, Wahn­sin­ni­ge,
von Som­mer­ge­wit­tern ange­schwol­le­ne Fluss­flu­ten,
Poli­ti­ker, die wegen ver­un­treu­ter Gel­der
beim Inter­view wei­ner­lich wer­den,
die vor zwan­zig Jah­ren von ihrem Mann
ver­las­se­ne Frau, kin­der­los,
im regen­trie­fen­den Park ihren Hund
aus­füh­rend (wo sind all die Män­ner?),
in Wien wie­der eine Beisl­be­sit­ze­rin
hin­term Tre­sen erschla­gen,
Fracht­flug­zeu­ge, die ton­nen­schwe­re
Kabel­rol­len trans­por­tie­ren …
Oh, ihr Kon­ven­tio­nen der Mor­gen­stun­den,
oh, ihr Kon­ven­tio­nen der Arbeit
(die Pyra­mi­den, Glüh­bir­nen,
die 3‑D-Dru­cker, denk an all die Chir­ur­gen,
Zucker­bä­cker und Finanz­amts­be­am­ten),
die Kon­ven­tio­nen der so genann­ten Som­mer­ta­ge:
Aber was sich Johan­na die Wahn­sin­ni­ge
vom Leben erwar­tet hat, was Nofre­te­te,
was Iwan der Schreck­li­che oder Mut­ter Tere­sa,
weißt du es wirk­lich?
Die in die Wun­de gesi­cker­te Creme.
Immer wie­der erstau­ne ich,
dass ohne Ord­nung alles zer­fal­len wür­de.
Das Cha­os exis­tiert nicht.
Neu­ro­sen sind ein gemei­ner Mythos.
Sinn­los nach dem Sinn zu suchen.
Hier ist er: die Kabel ver­le­gen sie im Oze­an,
damit Hel­mut und Shei­la, getrennt
durch Hai­fi­sche, Mee­res­wo­gen, Wal­fi­sche,
Öltep­pi­che und Wracks gesun­ke­ner Schif­fe,
mit­ein­an­der spre­chen kön­nen;
auch Trans­ak­tio­nen las­sen nicht war­ten
auf sich, fan­tas­ti­scher als die Dra­chen
alter Sagen, fan­tas­ti­scher als Medu­sa,
Cer­be­rus und Däni­kens Außer­ir­di­sche,
fan­tas­ti­scher als all die­se Din­ge,
vor denen Dide­rot und Vol­taire und
all die kühl­köp­fi­gen Fran­zo­sen
pikiert ihre Nase rümpf­ten … Aber auch jetzt noch,
wenn die Nebel sich heben,
wenn die Wun­den sich schlie­ßen,
wenn das Mee­res­ge­glit­zer dich blen­det,
wenn die Flu­ten an den Sand­sä­cken lecken,
auch jetzt noch trom­melt der Scha­ma­ne
unterm Grau des wei­ten Him­mels
in Sibi­ri­en, in einer Lich­tung
von schlan­ken Bir­ken
den Rhyth­mus der Gebur­ten,
schreit ihn hys­te­risch,
schreit ihn der­wisch­gleich
in dein von Kon­ven­tio­nen
ver­stopf­tes Gehirn.

 

„Vom Nut­zen und Nach­teil der His­to­rie
für die Lie­be“

Ganz weit weg ist Alex­an­der der Gro­ße
in der Schlacht von Issos und das Mosa­ik­bild, das ihn preist.
Ganz weit weg sind Cati­li­na, der Vul­kan­aus­bruch von Pom­pe­ji,
weit weg auch Karl der Gro­ße und die Schmach von Canos­sa.
Weit, weit weg der Wand­tep­pich von Bayeux
und der Mut Wil­helms, der Eng­land erober­te.
Weit weg ist der Groß­in­qui­si­tor Nino de Gue­va­ra
und das Gemäl­de von El Gre­co, das ihn preist,
eben­so weit weg wie Charles Le Bruns Gemäl­de
von Lud­wig XIV und sein Schreib­tisch in Ver­sailles,
weit weg wie der Sieg der Bri­ten bei Tra­fal­gar,
weit, weit weg wie Monets Son­nen­auf­gang
über dem Außen­ha­fen von Le Hav­re,
weit weg ist auch der Frie­dens­ver­trag von Wei­mar,
weit auch der Duce von Ita­li­en,
der Pan­zer­kreu­zer Potem­kin,
weit weg der Napalm­krieg im Jah­re 1972
und das klei­ne Mäd­chen, das um sein Leben rennt,
weit weg die Frau­en in Bur­ka,
die für Aja­tol­lah Cho­mei­ni auf die Stra­ße gin­gen,
weit weg der Krieg im Koso­vo,
eben­so weit weg wie die fal­len­den Zwil­lings­tür­me in New York,
alles ist so weit weg, weit, weit weg,
weil du weit weg bist und ich nicht weiß,
ob du wie­der­kom­men wirst,
weit weg ist alles und unwirk­lich ist es gewor­den,
ja es ist so unwirk­lich gewor­den,
weil du und ich – weil wir uns
viel­leicht nie­mals lie­ben wer­den.

 

„Won­nen der Gewöhn­lich­keit“

Im ber­gen­den Zwie­licht eines schwü­len Som­mer­abends
höre ich von wei­tem schon das sum­men­de Sau­sen
der fern­ge­steu­er­ten Spiel­zeug­renn­au­tos: zwei sind’s,
auf dem dunk­len Asphalt des lee­ren Park­plat­zes
vorm Super­markt. Erst höre ich das Sum­men,
dann sehe ich die Autos: wie hek­ti­sche Insek­ten
rasen sie, mit ihren leuch­ten­den Spiel­zeug­schein­wer­fern
über den von der abend­li­chen Dun­kel­heit geplät­te­ten Platz.
Dann sehe ich, hin­ter Müll­con­tai­nern ver­steckt,
die zwei Män­ner, ihre Fern­steue­run­gen fest in den Hän­den.
Zwei Män­ner in mei­nem Alter, nicht dünn, nicht dick,
nicht groß, nicht klein und, soweit ich das sehe, weder
beson­ders schön noch häss­lich. Bei­de tra­gen Bär­te.
Die­se Won­nen der Gewöhn­lich­keit … Doch wo sind ihre Frau­en?
Wo sind ihre Freun­din­nen? Sit­zen sie unter sich
und spre­chen sie über zukünf­ti­ge Kin­der, über die Lie­be
und der­glei­chen Din­ge, über die, wie man sagt,
Frau­en mit­ein­an­der reden? Oder haben die­se bei­den
zehn­jäh­ri­gen Bur­schen, mit Bart, in mei­nem Alter,
gar kei­ne Frau­en, kei­ne Freun­din­nen?
Sind ihnen die Zumu­tun­gen der weib­li­chen Bio­lo­gie
zu müh­sam, und haben sie sich viel­leicht des­halb
auf dem auto- und men­schen­lee­ren Park­platz ver­ab­re­det,
an einem schwü­len Som­mer­abend,
um die Won­nen der Gewöhn­lich­keit aus­zu­kos­ten,
um über die tech­ni­schen Details ihrer neu­es­ten Fern­steue­run­gen
und die Raf­fi­nes­sen ihrer Autos zu reden, bei Bier und Ziga­ret­ten,
wäh­rend die Stra­ßen­la­ter­nen ange­hen und ich mich,
vor­bei­ge­hend, fra­ge: Was ich eigent­lich ver­ste­he
unter die­sen Won­nen der Gewöhn­lich­keit?
Nicht dick, nicht dünn, nicht schön, nicht häss­lich,
zwei Män­ner in mei­nem Alter, zwei Autos, die sum­mend sau­sen
mit eif­rig leuch­ten­den Schein­wer­fern
über den schwar­zen Asphalt des gro­ßen Park­plat­zes
vor einem Super­markt, in einer schwü­len Som­mer­nacht.

 

„Im 21. Jahr­hun­dert“

Die Welt, wie sie lebt, ist all­mäh­lich ver­greist.
Stra­ßen und Plät­ze sind uni­for­miert.
Der Mensch ist gelang­weilt und see­lisch ver­eist
und glaubt, er hat Sex, da er nur ona­niert.

Tag wird zur Nacht und die Näch­te zu Tagen;
und elek­tri­sches Licht ver­schluckt alle Ster­ne.
Und möch­te ein Mensch ein­mal wirk­lich was wagen,
so muss er erken­nen: Es gibt kei­ne Fer­ne.

Alles ist nahe, erdrü­ckend und sta­tisch.
Nichts gibt’s zu ent­de­cken, stets nur zu ver­bes­sern.
Und über­all herr­schen die­sel­ben Geset­ze,

und über­all hört man nur Phra­sen und Sät­ze,
die alles ver­sump­fen und see­lisch ver­wäs­sern.
Der Mensch lebt. Doch wie? Sehr fad und apa­thisch.

 

„In die­sen Zei­ten, oder: O tem­po­ra, o mores!“

Wie soll man in die­sen Tagen
ein Leben füh­ren, das eines agi­len Geis­tes wür­dig wäre?
Tou­rist zu sein ist eine Schan­de;
und wenn man nicht als Diplo­mat oder Agent
durch die Welt reist, ist es hoff­nungs­los,
auch nur irgend­et­was Inter­es­san­tes zu sehen.
In jedem Kuh­kaff die­sel­ben Ket­ten, Loka­le,
im nörd­lichs­ten Finn­land
die­sel­ben Dumm­hei­ten und Phra­sen wie
im zehn­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk.
Men­schen, die von Wla­di­wos­tok bis Wind­hoek
das­sel­be den­ken, in die­sel­ben Geschäf­te gehen
und über­all die auf­ge­hetz­ten Büro­kra­ten,
die, wie in Aus­tra­li­en neu­lich, eine Mut­ter mit Kind
aus dem Kran­ken­haus wer­fen,
weil sie im fal­schen Distrikt ins Kran­ken­haus
gegan­gen ist. Ich kann schon ver­ste­hen,
dass das arme Com­pu­ter­sys­tem
von die­sem Fall über­for­dert wor­den wäre.
Wer soll einem jetzt leid­tun?
Die Com­pu­ter, die über­ar­bei­te­ten Büro­kra­ten,
die Mut­ter, deren Kind auf dem Weg ins kor­rek­te
Kran­ken­haus gestor­ben ist?
Wie soll man in die­sen Tagen – aber das
haben sich wahr­schein­lich Pla­ton und
Mil­ton und Lud­wig Feu­er­bach auch schon gefragt –
ein des Geis­tes wür­di­ges Leben füh­ren?
Frau­en Mit­te drei­ßig wer­den krank­haft ehr­gei­zig
und sit­zen in von Neon­lam­pen kopf­weh­hell
erleuch­te­ten Büros mit grau­en Tep­pich­bö­den
und abge­stan­de­ner Luft, bis 22 Uhr,
weil sie kein Kind haben; und die, die eines haben,
pla­nen die Chi­ne­sisch­kur­se
und die not­wen­di­ge Wochen­ra­ti­on Rital­in vor,
wäh­rend ande­re sich ihren Penis wund­scheu­ern,
weil sie nicht auf­hö­ren kön­nen,
sich Por­nos anzu­schau­en, in der Hoff­nung,
ihre Frau kom­me nicht dahin­ter,
denn wit­tern tut sie schon was.
Ach von wegen, dass frü­her alles bes­ser war,
das behaup­te ich auch gar nicht.
Das ändert aber nichts dar­an,
dass ich mir ein Leben als Diplo­mat
mit schön geschnit­te­nem Anzug
und teu­rem eng­li­schen Hut aus bes­tem Filz
irgend­wo in Mexi­ko zu einer Zeit,
als die Mäd­chen dort noch nicht wuss­ten,
was Guc­ci und Pra­da sind,
span­nen­der vor­stel­le –: Und, na klar,
mit einer hüb­schen jun­gen Gelieb­ten,
die mir eine dra­ma­ti­sche Sze­ne macht,
nach­dem sie erfah­ren hat,
dass ich sie in mei­ne neu­es­te Kurz­ge­schich­te
ein­ge­baut habe …
Aber sol­che Phan­ta­sien sind eit­ler Hum­bug.
Die kamen mir nur, weil ich neu­lich ein Buch
von G. Gree­ne in der Hand gehal­ten,
aus dem Fens­ter geschaut habe und es satt hat­te,
dass es am Sonn­tag wie­der reg­net,
dass ich kein Geld habe
und schon wie­der wegen die­ser Pan­de­mie
Gren­zen geschlos­sen wer­den und Men­schen
in Düs­sel­dorf in Panik gera­ten, weil sie
ihre kran­ke Mut­ter in Padua nicht pfle­gen kön­nen.
So schließt man die Gren­zen, so wie
frü­her Kai­ser und Papst
ein­an­der wech­sel­sei­tig gebannt
und aus­ge­schlos­sen haben.
Ach Gott, wie öd, es gibt wirk­lich
nichts Neu­es, nichts Neu­es
unter der Son­ne.

 

„Fens­ter“

Im hoh­len Zwi­schen­raum
der zwei Fens­ter
sam­mel­ten sich jeden Som­mer
die Lei­chen der Flie­gen.
Die Fens­ter waren stau­big
und das Licht durch sie immer gelb.
Die Fens­ter in dem Zim­mer,
wo wir zum ers­ten Mal
im sel­ben Bett über­nach­te­ten
und aus dem ich, Jah­re spä­ter,
den Kopf hin­aus­stre­ckend
in die eisi­ge Käl­te,
die Ster­ne sah,
als wäre der leuch­ten­de Mond
zer­bors­ten
in hun­dert­tau­send Split­ter.

 

„Epi­pha­nie“

An jenem hei­ßen Som­mer­tag
in der men­schen­lee­ren Stadt
saß ich in mei­nem Wagen
vor der sinn­los roten Ampel,
vor dem blen­dend wei­ßen Zebra­strei­fen,
über mir der blaue Him­mel,
als plötz­lich sie von rechts
die lee­re Stra­ße über­quer­te,
in einem blau­en Kleid mit wei­ßen Punk­ten
und ohne Schu­he, ohne Socken, nack­ten Füßen,
mit dem dün­nen, roten Garn um die Fes­sel
ihres lin­ken Beins,
als plötz­lich sie die Stra­ße über­quer­te,
die roten Schu­he in der Hand,
sie bau­mel­ten in ihrer Hand,
als plötz­lich sie die Stra­ße über­quer­te,
ohne Blick zu mei­nem Wagen, wie ver­sun­ken in
das Weiß des Zebra­strei­fens,
als plötz­lich sie die Stra­ße über­quer­te
und ich wuss­te, dass ich sie begeh­re,
und ich wuss­te, dass ich sie lie­be,
als die Ampel schal­te­te
und ich durch die men­schen­lee­re Stadt fuhr,
geblen­det von mehr als der Son­ne,
die über mir im blau­en Him­mel schien,
weiß Gott, wo, ich wuss­te nur:
dass ich lie­be, lie­be, lie­be …

 

„Kiise­li“

An einem stil­len Nach­mit­tag, im Hoch­som­mer,
im hohen Nor­den, als der Pan schlief,
saßen auf der Ter­ras­se eines Hau­ses aus Holz,
rot, mit wei­ßen Fens­ter­rah­men,
Vater, Mut­ter, Kind und aßen,
still bli­ckend auf den blen­dend glit­zern­den Fluss,
in hel­lem Rot leuch­ten­de, noch von Ker­nen,
klit­ze­klei­nen Ker­nen durch­setz­te Beer­engrüt­ze
aus einer Schüs­sel aus Glas, rein wie der Fluss,
mit einem wei­ßen Häub­chen Schlag­obers gar­niert,
an einem stil­len Nach­mit­tag, im Hoch­som­mer,
im hohen Nor­den, als der Pan schlief.

 

„Der Lauf aller Din­ge“

I
Der Pas­tor pre­digt den Kalt­her­zi­gen,
der Dich­ter gibt sein Schöns­tes,
wirft Per­len vor die Säue.
Wer liebt, ver­sucht zu ret­ten sich sel­ber
und das Gelieb­te, bis er am Ende
erken­nen muss: Es war alles Haschen nach Wind.
Du ziehst eine Bilanz und wun­derst dich,
dass du noch lebst, eine leben­di­ge Lei­che
unter unzäh­li­gen leben­di­gen Lei­chen,
leben­di­ger nur durch das Bewusst­sein,
dass du tot bist,
weil dei­ne Lie­be nicht auf Anklang stieß,
weil dein Erbar­men miss­ach­tet wur­de,
weil dei­ne Erkennt­nis­se durch den Dreck gezo­gen wur­den,
weil man das Licht in dir aus­trat mit Füßen:
Die Glo­cken läu­ten,
der Dich­ter klappt sei­ne Map­pe zu,
das Publi­kum klatscht,
und Lie­ben­de gehen zugrun­de an gebro­che­nem Her­zen.
Finie la comé­die, Vor­hang!,
und gute Nacht.

II
Die Lebens­zei­chen ande­rer nimmt er begie­rig auf,
atmet sie wie fri­sche Luft,
sodass er die Leben­den erstickt,
sich näh­rend an ihnen wie ein Para­sit.

Der Feh­ler der Leben­di­ge­ren:
Dass sie Mit­leid mit ihm haben
und sich hoff­nungs­froh täu­schen las­sen
von sei­ner nun gebläh­te­ren Brust.

Ihr grö­ße­rer Feh­ler:
Dass sie ihn nicht tot­schla­gen
und ver­ges­sen.

Wer gibt, wird immer geben.
Und wer nichts hat, dem wird
das Letz­te, was er hat, genom­men.

 

„Tag­traum“

Das schläf­ri­ge Hell­blau des Him­mels
und eine Son­ne, die nicht blen­det, hin­ter
einer dün­nen Schlei­er­wol­ke, die sie ver­deckt
wie ein fast durch­sich­ti­ges Kleid
den schö­nen Kör­per einer jun­gen Frau.
Ich däm­me­re dahin im Zug, plötz­lich
mit leich­tem Erschre­cken vor der Stil­le
der Land­schaft, die vor­über­huscht, weil
mich die­ses mil­de Licht erin­nert an gewis­se Tage
vol­ler Wol­lust und Weh­mut und unver­se­hens
füh­le ich, füh­le es zu deut­lich,
dass eine Frau, die ich lie­be, mit mil­der, war­mer,
feuch­ter Zun­ge, still und hell wie die Son­ne über den Hügeln,
mein Glied lieb­kost und ich seuf­ze,
weil ich es nicht nur füh­le, nein,
weil mir ist, es gesche­he in die­sem Augen­blick.
Ich schre­cke auf – die weni­gen Men­schen im Zug
schwei­gen, in ihre Tele­fo­ne, in ihre Bücher ver­tieft.
Könn­te jeder Tag so ein stil­ler Fei­er­tag sein,
die Men­schen wären ruhi­ger und zufrie­de­ner,
und auch die Land­schaft scheint vor sich hin zu dösen,
doch ich grei­fe, wie­der erwacht, zu mei­ner Tasche,
denn bald – schon die nächs­te Sta­ti­on – muss ich aus­stei­gen.
Ich stel­le mich vor die Aus­gangs­tür,
bli­cke in den blau­en Him­mel, das alles gut­hei­ßen­de Licht,
auf die noch grü­nen Hügel und läch­le: Noch
wölbt sich ein wenig das Glied in der Hose, doch
bald, beim Nach­hau­se­ge­hen, wer­de ich wie­der
auf ande­re Gedan­ken kom­men …
Der Zug hält, ich stei­ge aus.

 

„Am Vor­mit­tag“

I
Hin­term rot­ge­stri­che­nen Holz­zaun flim­mer­te am Vor­mit­tag
um neun Uhr der Fluss wie ein alter Fern­seh­bild­schirm. Die Son­ne
war den unschlüs­si­gen Gewit­ter­wol­ken hilf­los aus­ge­lie­fert.
Hell und dun­kel, als klapp­te jemand Jalou­sien auf und zu,
war das Gras und kein ein­zi­ger Vogel setz­te sich auf den Zaun.

Sicher, sag­te ich mir, in jugend­li­chem Über­schwang
magst du dran glau­ben, dass die Lie­be dich erlö­sen kann,
aber die Men­schen lie­ben dich nicht, wenn sie dich nicht bewun­dern kön­nen:
damit sie stich­hal­ti­ge­re Grün­de haben, dich zu has­sen,
grau­sa­me Neu­gier zu bekun­den, oder
sich mit dei­nen Erfol­gen zu schmü­cken.

Wie ein lee­rer Bahn­steig war der Zaun leer. Die Abstän­de
zwi­schen den Holz­lat­ten trau­rig not­wen­dig wie die Abstän­de
der Quer­bal­ken von Schie­nen, so not­wen­dig wie kein Schick­sal
es ist, so mono­ton wie jen­seits des Flus­ses der rau­schen­de Ver­kehr
von der Stra­ße.

Oder du siehst ein: Die Men­schen bestehen alle mög­li­chen Prü­fun­gen,
bloß die mensch­li­chen nicht. Erwar­te kei­ne Lie­be. Sei nicht kin­disch.
Leis­te, arbei­te. Lei­de … und wenn du vom Selbst­ver­ständ­nis der ande­ren
genug hast, erin­ner’ dich an dei­ne meta­phy­si­schen Träu­me­rei­en
(ja, das waren noch Zei­ten).

Mono­ton eilen Schat­ten­fle­cken über die abschüs­si­ge
Ufer­wie­se, die Was­ser­blu­men bewe­gen sich nicht vom Fleck,
sind nicht so ste­chend grün wie das Gras.
Ein­lul­len­der Wind, jetzt end­lich kommt der Fluss in Bewe­gung mit
regel­mä­ßi­gen Schäf­chen­wol­ken­wel­len.

Aber schau, man kann nicht auf jeden aso­zia­len Tram­pel Rück­sicht neh­men.
Jugend­li­ches, Mensch­li­ches hin oder her. Ent­we­der du kommst jetzt mit
oder nicht. Du stra­pa­zierst schon seit tau­send Jah­ren mei­ne Geduld.

Die Gewit­ter­wol­ken kön­nen sich nicht ent­schlie­ßen und grei­fen
unse­rer Unschlüs­sig­keit vor. Ste­chen­des Grün hier und Rog­gen­breib­raun dort,
im Was­ser, von Wol­ken beschat­tet, unter dem Schlamm.
Und Gedan­ken, die aus den Ästen der Bäu­me aus­ge­spon­nen sind
wie der letz­te Faden einer tod­ge­weih­ten Spin­ne im
Visier einer die­bi­schen Els­ter.

II
Der Fluss ist blei­glatt und wie ein altes Fließ­band
schleppt er sich dahin; die Schaum­fle­cken lang­sam,
kopf­hän­gend wie die Gran­de Armée nach dem Aben­teu­er in Mos­kau.
Trüb ist die Luft, wie Anfang Okto­ber.

Sie tun ihre Pflicht unter der Woche, blei­ben
sonn­tags lang lie­gen, schla­gen die Zeit tot, dass sie aus allen Poren blu­tet.

Reg­los hän­gen her­ab die Buchen­blät­ter, Tan­nen­na­deln,
wie Kla­ge­wei­ber am Weges­rand.
Zwei Möwen spie­len Fan­gen über der Spie­gel­flä­che des Flus­ses.
Sie ärgern mich, weil sie den Was­ser­spie­gel
absicht­lich nicht mit den Flü­geln strei­fen.

Sein geis­ti­ger Hori­zont endet am augen­na­hen Hügel
sei­nes Neids, sei­ner Miss­gunst. Alles, was er tut, tut er aus Neid.
Dar­um das Erlah­men der Kräf­te in der Mit­te, wo die Schöp­fe­ri­schen
erst so rich­tig in Fahrt kom­men …

Kraft­los wälzt sich der Fluss wei­ter wie ein Fließ­band.
Nein, nicht Nebel­schwa­den ver­schlei­ern Ufer und Fluss.
Die Wol­ken sind’s, wie im Okto­ber, wenn die Blät­ter braun und feucht wer­den.
Wenn der Boden wie Erde aus­zu­se­hen beginnt, wenn Zeit ist für
Sen­ti­men­ta­li­tä­ten oder nur andeu­tungs­wei­se ent­blöß­te Haut
und Küs­se, die du nie­mals mehr ver­ges­sen wirst.

Also, ich bit­te dich, du sagst, dein Sohn sei faul.
Aber auf der Dienst­rei­se klagst du über die Lan­ge­wei­le im Hotel­zim­mer.
Kommst aber in hun­dert Jah­ren nicht drauf, ein Buch zu lesen
oder das Zim­mer zu ver­las­sen.
Immer sind’s die ande­ren.

Ein Herz sei ein zu klei­ner Hügel, um dran zu ruhen,
las ich neu­lich. Inmit­ten jenes Sees, den ich mir jetzt den­ke,
erhebt sich ein Hügel. Drauf eine Lau­be mit grie­chi­schen Säu­len.
Das Wet­ter: wie hier am Fluss. Alles blei­glatt.
Rings­her­um Wal­des­stil­le, das Kna­cken im Unter­holz, wenn Tie­re
gäh­nend durch den Nebel schlei­chen.
Dort umfasst die Hand ihren Kör­per, spürt durch die drei Schich­ten
Herbst­klei­dung die jun­ge, war­me Haut.
Die zwei Möwen spie­len auch hier ihr Spiel.
Wenn wir auf dem Ufer ein Auto auf dem san­di­gen Park­platz hören,
las­sen wir von­ein­an­der ab, fah­ren mit dem Floß zurück.

Der See ist blei­glatt, die Luft ist grau wie Anfang Okto­ber.
Schweig. Ich will nichts hören von dei­nen Pflich­ten und Dienst­rei­sen.
Lass, Mensch, mich in die­sen Augen­bli­cken – sie keh­ren nie­mals wie­der –
in Ruhe mit dei­nem gro­tes­ken, schril­len Geschwätz.

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Simon Kont­tas, 1984 gebo­ren, ist fin­nisch-ser­bi­scher Abstam­mung; er ist Autor von bis­her elf Büchern in fünf ver­schie­de­nen öster­rei­chi­schen Ver­la­gen: von Roma­nen, Erzäh­lun­gen, Novel­len, Essays und Gedich­ten. Sein reich­hal­ti­ges Schaf­fen wur­de, außer in Ein­zel­pu­bli­ka­tio­nen, vor­ge­stellt bei etli­chen Lesun­gen, in renom­mier­ten Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten, im Radio sowie im Rah­men sei­ner Poe­tik-Gast­do­zen­tur an der Uni­ver­si­tät Jena/Deutschland. Kont­tas ist tätig gewe­sen im fin­ni­schen Gemein­de­dienst, in Öster­reich als Biblio­the­kar und Leh­rer; seit drei Jah­ren ist er Seel­sor­ger an einer Wie­ner Jus­tiz­an­stalt. Die letz­ten zwei Publi­ka­tio­nen: Unter den Bir­ken viel­leicht (Gedich­te; Ver­lag Hans D. Smo­li­ner) sowie Grau­sa­mes Licht (Erzäh­lun­gen; Sisy­phus-Ver­lag).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 18. Juni 2021

Zuletzt geän­dert: 18. Juni 2021