Tier und heute

Von Fer­di­nand Schmatz.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XVI

Auf die Amsel war­tend, der Wind fährt in eines der bei­den von mir unbe­merkt gebau­ten Nes­ter, zer­zaust eines, eini­ge Äst­chen, Gras­bü­schel­chen und Wie­sen­moos fal­len auf den Boden, geräusch­los, selbst der Wind ist nicht hör­bar, die Amsel taucht nicht auf, ihre Nes­ter habe ich noch nie gese­hen, die bei­den unter dem Ter­ras­sen­dach sind nicht von ihr.

Wo ist sie, wann beginnt sie zu sin­gen, heu­te wäre wohl ihr Flü­gel­schlag zu hören.

Den Anfang eines Vogel­ge­sangs ver­neh­me ich nicht, die Zeit dar­in spannt sich anders als auf den Uhren, zei­ger­los, eher ein Schwe­ben, das sich plötz­lich, aber behut­sam bemerk­bar macht.

Ferdinand Schmatz © Dirk Skiba

Fer­di­nand Schmatz.
Foto: Dirk Ski­ba

Wir sagen Früh­ling, wir sagen Amsel, ich sage Zeit – die Begrif­fe sind da, aber wer und was umgibt sie wie, macht sie plas­tisch, greif­bar, anschau­lich über ihr ers­tes Bild des Wis­sens hin­aus?

Jedes Wort sein fes­tes Bild, das ja, aber ich sage nein, möch­te zurück in ein selbst ent­wor­fe­nes Bild von der anders gestimm­ten Zeit, der Amsel, vom Früh­ling – mein Gefühl eines Gesche­hens, noch ohne Wor­te, Sät­ze, ja, so mache ich einen Satz mit der Amsel von Zweig zu Zweig, vom Dach auf die Lei­tung, ein Strom, der mich von den Augen bis zu den Zehen­spit­zen erfasst.

Die­ser Klang der Amsel­stim­me, ihre Modu­la­ti­on, ihr Getril­ler, der Rhyth­mus, der den Gar­ten umfasst und offen lässt zugleich.

„Selbst ent­wor­fe­nes Bild“ sag ich, die Auto­ma­tis­men der Spra­che hin oder her, weg mit der Zuord­nung, die mir Unmit­tel­ba­res ver­baut:

Das „Offen las­sen“ bringt mich wei­ter, öff­net was, ein Bogen tut sich auf von den Fal­ten auf der Stirn, die von innen kom­men ins unge­wis­se Blau da oben, das hin­ter der Amsel sich auf­baut, wölbt,
die Amsel mag ihr Revier abste­cken, mich nicht in Lock­ru­fen ver­su­chen, wie ich spä­ter von der kun­di­gen Nach­ba­rin erfuhr, aber für mich als Hören­den, schafft sie es, ja, ja, doch:

Ich bil­de mir ein, zu schwe­ben, ein sich in das Inne­re mei­ner Wahr­neh­mung und Emp­fin­dung sen­ken­des Bild, das mich nicht aus, son­dern e‑in-bil­det,

– und das in die­ser un-eigen-arti­gen Situa­ti­on, nicht selbst gewählt die­ses Allein­sein, die­se Iso­la­ti­on im Früh­ling des Abstands, der Sicher­heit, gera­de dann, wo alles auf­bricht, raus­drängt, sich färbt, Düf­te sind und Sin­gen:

Wir sagen Früh­ling, Abstand, Sicher­heit – ist das was Zusam­men­hän­gen­des, stimmt da was über­ein?

Für mich ist es das Gestimm­te der Amsel, es ist be-stimmt ein ande­res, das behaup­te ich mit auf­ge­ris­se­nem Mund, weil es ein frei Gege­be­nes ist, das Ande­re, das da ist, das (wenn über­haupt) ihrer Ver­hal­tens­wei­se, das der Amsel bedarf; die mag vor­ge­ge­ben sein, ein inne­res Pro­gramm, das aber kei­ner Auf­for­de­rung ent­springt und ent­spricht.

„Auf­for­de­rung zur Vor­sicht“ sagen wir, hören wir. Was ist Vor­sicht?
Könn­te es nicht eine Art Nach­sicht sein – also gehe ich einen Schritt zurück, ich wach­se so ohne „Tum“, und tei­le das Wort in: „vor der Sicht“. Denn die Sicht ist das Bild, das gege­ben ist, fest­ge­schrie­ben, ein­ge­brannt, aber „vor der Sicht“, nun ja, da schau ich,

ich, einer unter der Amsel, hof­fend auf das Offe­ne, das die Sicht, den Blick in ein täti­ges Schau­en ver­wan­delt, das mir die Amsel schenkt, kann ich so die­ser Auf­for­de­rung im Sinn eines Gehor­sams ent­flie­hen?

Im frei­en Sinn der Sin­ne, statt Gehor­sam sin­nie­re ich „Gehör-Sam-en“, hmm, ich spü­re den Flü­gel­schlag, da tut sich was zwi­schen mei­nen Schul­tern: hin­auf! in die Zehe, hin­ab! ins Gehirn, und ja, sage ich zu die­sem Rich­tungs­wech­sel, ich will, ja ich will, ich will den Samen, der mir etwas in das Ohr pflanzt, hören!

Nun ja, die­ses Wol­len ist mit dem Wil­len ver­bun­den, aber den set­ze ich nun mal aus­ser Kraft, so er von: „bei­spiel­haft sei für ande­re“ geprägt ist, also zu erfül­len hat, was gefor­dert ist.

Aber nun: die Ohren auf, die Amsel schlägt an, ist sie nun frei oder stört sie mei­ne Anwe­sen­heit in ihrem Raum?
Oder ist es was ande­res in ihrem Revier, das sie abzu­ste­cken ver­sucht?

Ich rücke kein Revers zurecht, das ich nur in der Vor­stel­lung habe, denn im rea­len Raum trag ich ja wäh­rend ich sit­ze und dies schrei­be, kein Sak­ko, so ein­fach läuft der Hase und spricht der Vogel nicht.

Halt, plötz­lich don­nert es,
da, wo ich sit­ze, unter dem Ter­ras­sen­dach, bin ich geschützt,
– und die Amsel?
Flugs hebt sie ab, sie will plötz­lich nicht mehr sin­gen, tril­lern, locken oder war­nen.

Tja, ihren Wil­len möch­te ich haben, ein­fach auf­stei­gen und weg.

Doch die Rosen um mich her­um, die blei­ben ja in ihrer Pracht, und voll mit Blü­ten hängt der Strauch in die Wie­se, das Gras, die Erde.
Sie, die Rosen blei­ben ver­bun­den mit dem, was sie nährt, und schüt­zen sich mit ihren Dor­nen,
und, die­sen Schutz neh­me ich auf als den mei­nen:
Sie hal­ten was fern – und ich ste­che nicht.

Mutig scheint das nicht zu sein in die­ser Lage, aber egal ist es nicht, es ist eine Mög­lich­keit, zu sein und zu wir­ken, ohne die ande­ren im Raum tat­säch­lich zu ver­let­zen. Also flie­ge ich mit den Rosen auf eine eigen­wil­li­ge Wei­se im Vor­stel­len doch:

Gestat­ten, Amsel lau­tet mein Name nicht, doch ich flie­ge.

Für die Amsel sit­ze ich jedoch wei­ter­hin auf der Ter­ras­se, auf das Dach pras­seln die ers­ten schwe­ren Trop­fen, Der Vogel ist längst abge­schwirrt, aber ich füh­le sein Schwin­gen, das mich durch die Rosen trägt.

Ich weiss nicht, ob das Tier ein Bild von mir hat, wel­che Umris­se ich für es abge­be, wie ich rie­che oder wie laut ich bin in sei­nen Ohren.
Aber wel­ches Geschlecht spricht denn da: es, sie, ich –
Das sei­ne, das ihre, es ist ja sie, und ich?, mei­nes, das der Amsel?

Es und sie und ich – also wir sind auf jeden Fall mit­ein­an­der, und der Gehör­sa­men spriesst und spriesst und lässt auch die Rosen wei­ter wach­sen und noch schö­ne­re Far­ben anneh­men als das pur­pur­ne Rot.

Sie sind ein­zeln und ver­mischt, rosa, rot, gelb, weiss – ist das eine Pracht der Unter­schie­de, die ein Gemein­sa­mes zeigt in den Stäm­men, dar­aus die Blü­ten wach­sen, auch für die Bie­nen, die sich nach dem Gewit­ter in ihren Kel­chen ergöt­zen wer­den.

Ist dies die hei­le Welt am Sams­tag „als die Amseln san­gen“? Sie ist ja nur eine, wie­so also die Mehr­zahl, meh­re­re sind bis hier die Rosen, aber auch die Amsel ist ein Vie­les, nicht nur als Tier unter Tie­ren.

Hab ich da ne Mei­se? – nun nicht so recht, eine Amsel wohl,
aber ihre Schwes­ter, die Mei­se, die stirbt zur Zeit, was heisst, sie ist nicht mehr da, ver­schwun­den, ent­fleucht ohne jeden Atem­zug des Abschieds. Ich sehe sie nicht ster­ben, sie ist ein­fach weg, genom­men durch das Mei­sen­ster­ben irgend­wo, irgend­wie und doch gelenkt.

Vor einem Jahr war es die Amsel, die starb, ihre Wie­der­kehr ist nun ein Neu­es, nie des Glei­chen, sie tri­um­phiert weder nach hin­ten noch nach vor­ne.

Es heisst ja, sie lebt im Jetzt, das edle Tier, und hat nun ein Recht als Wesen, das lebt, das aber der Mei­se so gar nichts hilft, sie ist dem Vor­gang, der ein Abgang ist, aus­ge­lie­fert,

die Rosen blü­hen zwar wei­ter, der Regen wird stär­ker, die Amsel schützt sich im Blät­ter­werk des Nuss­baums, und die Mei­se
– wo mag sie dahin däm­mern, gar abstür­zen, wo ist das Gras ihr Sarg?

Ich neh­me Anteil, wer­de zum Teil des Tie­res, wo ist mein Gras, den Sarg lass ich weg, die­ses Bild muss wie­der raus aus mei­nem Kopf,

o, ich Tropf, da sickert was in mich ein, das ich nicht los­wer­den kann, die­ses Bild aus die­sen Buch­sta­ben s a r g, ich komm mir kurz wie im Sturz­flug vor, kein Schwe­ben mehr, das Köpf­chen der Mei­se wird zum Schä­del, der Schna­bel geht über in mei­nen Mund, der aber geht nicht über, die Schreib-Hand lahmt – alles um mich her­um bleibt gleich, die Zeit ist nun Zei­ger und Ver­weis zugleich, der Raum ist wie­der mit einer Tür ver­schlos­sen, durch die tre­te ich nicht raus, aber auch nicht rein, war ich je drin­nen, nun muss ich es sein, aber bin ichs – ist es ein Traum?

Nein! Es ist der gefun­de­ne Raum über das Gleich­ge­zwit­scher hin­aus, den mir die Amsel durch­lö­chern half und hilft. Im Gleich­ge­zwit­scher gehört das A zum Traum, aber ich bin nicht bereit, das, was sich da ver­än­dert hat, durch die Rück­kehr in dei­ne angeb­li­che Nor­ma­li­tät auf­zu­ge­ben. Kein Traum,a

– ein Raum des Wan­dels ist es, den ich unter dem Gefil­de der Amsel füh­len lern­te, das was da gesun­gen wird und schwebt und hören lässt, ist nicht distan­ziert, gesetz­mäs­sig,
jeder Pfiff, den mir das Gespräch mit der Amsel ent­lockt, ist ein ande­rer, gera­de weil ich ver­su­che, dass sie mich hört, ja erhört, ist es der Wunsch, die Bot­schaft mit dem Wind hin­auf zu tra­gen, immer wie­der, es ist ein Ereig­nis ohne Marsch-Sub­stanz, die es schwer­fäl­lig und zum Gleich­klang machen wür­de.

Har­mo­nie des Unter­schieds, wir ver­stei­gen uns ins Rau­schen und ste­hen mit den Bei­nen auf dem Boden, und soll­te er eine Lei­tung sein, dann ist sie voll Span­nung, der Fun­ken ent­zün­det sich, und wir schwär­men, dies aber mit Ein­dring­lich­keit, ja, die Rose sticht, ja die Amsel piekt, ja, die Mei­se stirbt, aber wird wie­der auf­le­ben,
das Den­ken des hier Nie­der­ge­schrie­be­nen ist etwas aus der Fer­ne, die mich umge­ben mag, aber die Ein­dring­lich­keit des Gefühls ist ein Hier und Jetzt, das die Furcht, die uns akut über­le­ben hilft zur chro­no­lo­gi­schen Frucht ver­wan­delt, die uns schme­cken lässt am gemein­sa­men offe­nen Tisch, ohne Zei­ge-fin­ger, so gings mir mit der Amsel, so geht’s mir mit dem Schrei­ben, so hof­fe ich, dass es wei­ter­geht:

O freue die Spreu ein
sich wird wei­den
zum Blü­ten weit öff­nen
mau­lig schert
Mund das Schrift­for­de­re weg
auf Weg­wie­ge das Stim­mi­ge
mun­tert von Aus­sen nach Innen
den Tod aus dem Zeit­au­ge weg
ist es ein Tor wild (Zei­ger los) rot

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Fer­di­nand Schmatz, schreibt Gedich­te, Pro­sa, Essays und Hör­spie­le, lebt in Wien. Von 2012 bis 2020 Lei­tung des Insti­tuts für Sprach­kunst an der Ange­wand­ten in Wien. 2004 Georg Tra­kl-Preis. 2006 H.C. Art­mann-Preis. 2009 Ernst Jandl-Preis.
Ver­öf­fent­li­chun­gen (Aus­wahl): das gros­se babel,n. gedicht, por­tie­risch. roman, Durch­leuch­tung. Ein wil­der Roman aus Dan­ja und Franz, quel­len. gedich­te. Zuletzt: auf SÄTZE. Essays zur Poe­tik, Lite­ra­tur und Kunst, das gehör­te feu­er. orphi­sche skiz­zen. pro­sa gedicht.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 4. Juni 2021

Zuletzt geän­dert: 4. Juni 2021