Journalgedichte

Von Sabi­ne Gru­ber.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XV
Sabine Gruber © privat

Sabi­ne Gru­ber

 

Letz­te Juni­ta­ge
Brin­di­si, Via Appia

Die Köni­gin der Stra­ßen steht nur noch
Auf einem Bein, zer­zaust vom Wind
Schaut die Säu­le aufs Meer. Ver­gil kam
Aus Grie­chen­land zurück, um hier zu
Ster­ben. Brunda, Brun­di­si­um, Brin­di­si
Einst warst du der Unter­gang von Taras
Tarent, auf des­sen ver­kom­me­ner Insel
Heu­te Gramscis Enkel Ciao bel­la statt
Bel­la ciao sin­gen. Zahn­lo­se Män­ner
Ver­ren­ken den Arm zum römi­schen
Gruß. In den Fens­tern hal­ten Zie­gel das
Haus. Aus den Mau­ern wach­sen Kapern
Blü­ten zum Armen­strauß. Kin­der kau­en
Kau­gum­mi, kicken im Tri­kot alter Ido­le
Die Groß­vä­ter träum­ten vom Auf­stieg
Vom Leben in der Metro­po­le, von
Erkratz­ten Gewin­nen, vom Oben­auf
Schwim­men. Die Müt­ter gehen längst
Nicht mehr zum Hafen, legen sich wie
Die Köni­gin der Stra­ßen lie­ber schla­fen.

 

Im Sep­tem­ber
Raven­na, Emi­lia Roma­gna

Hier starb einer, der sich zuvor in den Him­mel
Geschrie­ben hat­te. Jah­re­lang ver­steck­ten die
Fran­zis­ka­ner sei­ne Gebei­ne, weil die Flo­ren­ti­ner
Dar­auf Anspruch erho­ben. Erst hat­ten sie den
Guel­fen aus der Stadt ver­bannt, dann woll­ten sie
Sei­ne Kno­chen. Ich fra­ge mich, in wel­chem
Höl­len­kreis ich gelan­det wäre, zu Dan­tes Zeit,
Und jetzt? Kenn ich nicht auch Fran­ces­cas Lei­den,
Wenn einen im Schwei­gen Lie­bes­zei­len erei­len.
Elend, wie ich mich an Schöns­tes erin­ne­re, das
Nie wie­der­kehrt, wie ich noch immer dem Herbst
Das Som­mer­kleid glau­be, den auf­plat­zen­den
Nuß­scha­len die schwar­zen Ster­ne, und noch
Elen­der, daß ich die Hoff­nun­gen samm­le und
Heim­lich ver­ste­cke, daß ich sie küs­se, wie das
Eich­hörn­chen die Nüs­se, um sie wie­der­zu­fin­den.
Die Klei­der der Toten lie­gen in mei­nem Schoß,
Ich pro­bie­re Leben, alle eine Num­mer zu groß.
So weit bin ich jetzt, fern vom Fluß, und will
Nicht ster­ben.

 

Mit­te Juli
Tarent, Gio Pon­tis Con­cat­te­dra­le
Gran Mad­re di Dio

Was ges­tern war, ist schon Wochen her
Ein Sog aus Licht und Meer, ein Haus
Für die Gro­ße Mut­ter Got­tes, wer bau­te
Das nicht, Zement und Natur ohne Gewicht.
Mit dem Paradi­so im Kopf stand ich davor
Groß war die Erwar­tung, mick­rig das Tor
Und statt einer Kup­pel wuchs ein Segel
Empor, gebläht oder nicht, im Gestanz­ten
Behielt es die Sicht, him­mel­hoch wol­ken
Frei. Mich emp­fing kein Mensch, auch
Nicht Gott. Zur Mit­tags­zeit lag das Kir­chen
Schiff still am Stadt­rand, flan­kiert von
Deso­la­ten Hoch­haus­hö­fen. Kein Was­ser
In den Becken, an dem Engel ihre Flü­gel
Kühl­ten, kei­ne Kin­der, die dar­in spiel­ten.
Ich lug­te durch ein Fens­ter, Putz­kü­bel
Stan­den vor dem Altar, mee­res­bo­den
Grün flos­sen die Flie­sen dahin. In der
Apsis Erz­engel Gabri­el und Got­tes
Müde Mut­ter – auch sie ohne Sinn.

 

* * *

Sabi­ne Gru­ber, geb. 1963 in Meran (Ita­li­en). Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik, Geschich­te und Poli­tik­wis­sen­schaft in Inns­bruck und Wien. Lebt in Wien. Zuletzt erschie­nen: Dal­dos­si oder Das Leben des Augen­blicks Roman C.H.Beck 2016, dtv 2018, Am Abgrund und im Him­mel zuhau­se biblio­phi­ler Lyrik­band Hay­mon 2018.
Zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen, zuletzt: Veza-Canet­ti-Preis 2015; Öster­rei­chi­scher Kunst­preis für Lite­ra­tur 2016; Preis der Stadt Wien für Lite­ra­tur 2019. www.sabinegruber.at

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 28. Mai 2021

Zuletzt geän­dert: 28. Mai 2021