Marina Zwetajewa: Morgen soll für übermorgen gelten

Aus­ge­such­te Gedich­te. Aus dem Rus­si­schen von Felix Phil­ipp Ingold
Marina Zwetajewa © SV

Mari­na Zweta­je­wa. Foto: SV

 

Schlaf­lo­se Nacht
После бессонной ночи …

Schlaf­lo­se Nacht − man liegt geschwächt dar­nie­der,
Der eig­ne Leib wird einem fremd, er ist ein Nie­mand.
Das Blut geht lang­sam, auch Strö­me ermüden.
Sera­phi­sches Lächeln − den Men­schen hie­nie­den.

Schlaf­lo­se Nacht − man lässt die Hän­de sin­ken,
Freund und Feind stehn sich gleichgültig gegenüber.
Jedes Geräusch lässt an den Regen­bo­gen den­ken,
Bei Frost weht aus Flo­renz ein jäher Duft herüber.

Sanft blühen Lip­pen auf, und Schat­ten strah­len
Unter den gesenk­ten Augen. Die Nacht war’s,
Die das hells­te Ant­litz offen­bar­te. Doch vor allem −
Die Nacht brach an, wir sahen nur noch schwarz.

19. Juli 1916


 

In Fins­ter­nis begann die gros­se Wan­de­rung
Мировое началось …

In Fins­ter­nis begann die gros­se Wan­de­rung auf Erden:
Die Bäu­me wan­der­ten des Nachts auf ihren Wegen,
Die Trau­ben flu­te­ten als Wein wie flüssig Gold,
Die Ster­ne waren unter­wegs von Hort zu Hort,
Die Flüsse flies­sen künftig quell­wärts, umge­kehrt!
Ich möch­te bloss noch schla­fen, an dein Herz gelehnt.

14. Janu­ar 1917


 

Die Innen­hand
Ладонь

Das Inne­re der Hand! Für Jung
Und Alt so etwas wie ein Lexi­kon.
Die rech­te Hand ist für den Kuss
Und in der lin­ken kann man lesen.

Ver­schwört man sich des Nachts,
So ist genau dar­auf zu ach­ten:
Mit der Rech­ten lenkt man sacht,
Die Lin­ke braucht’s zum War­nen.

Der Sibyl­le* dient die lin­ke Hand:
Sie hält Distanz von allem Ruhm.
Ein Scae­vo­la* wird nie­mals ruhn –
Er ver­lässt sich auf die rech­te Hand.

Doch zu der Stun­de, da uns Hass
Beherrscht, sind wir bereit, der Welt
Beden­ken­los die lin­ke Hand
Zu rei­chen – weil uns nichts mehr hält.

Der Zorn, der uns ergrif­fen hat,
Er mag gerecht sein oder nicht:
Wir schnei­den mit der rech­ten Hand
Die Adern an der lin­ken auf!

27. April [1923]

* „Sibyl­le“ > Wahr­sa­ge­rin (mythol.);
* „Scae­vo­la“ > Gai­us Muci­us Scae­vo­la (Links­hand), legen­dä­rer Heros der römi­schen Frühgeschichte, der die Stadt Rom vor den Etrus­kern geret­tet haben soll.


 

Wol­ken
Облака
(Über­set­zung 2)

I

Der Him­mel brö­ckelt, er ist auf­ge­ris­sen
Wie nach einer Schlacht, geschlitzt
Von Fur­chen – da und dort geschlis­sen,
Ein Him­mel, schwer umkämpft, ver­letzt.

Da hetzt sie hin, die Wol­ken­her­de,
Vor­an­ge­peitscht von schar­fem Wind,
Der Glit­zer­mond beäugt die Pfer­de –
Der alte Wit­wer! Nicht mehr so geschwind …

II

Halt ein! Weht hoch am Him­mel
Nicht doch Phaedras Plaid? Der nun
Im Mara­thon der Wol­ken schlin­gert
Und flat­tert, flat­tert immer­zu?

Halt ein! Hero­di­as mit wil­dem Schopf –
Du Las­ter­haf­te … Hat sich in die Wol­ken
Und in Jeri­chos Posau­nen­chor
Noch Don­ner ein­ge­mischt, wie eine Trom­mel?

III

Aber nein! Die hohe Woge kam
Und der Pro­phet hat recht­be­hal­ten!
Die Woge stieg und fiel und dann
Zer-teil­te sich das Meer, ward ange­hal­ten!

Dann – die Bär­te und die Pfer­de­mäh­nen
Auf dem Marsch durchs Rote Meer!
Doch nein! Da trägt – ganz ohne Trä­nen –
Judith den Kopf des Holo­fer­nes vor sich her!

1.Mai [1923]

„Phae­dra“, „Hero­di­as“, „Judith“ > gewalt­be­rei­te Frau­en­ge­stal­ten der griech.-röm. und bibli­schen Mytho­lo­gie.


 

Feu­er­span
Лучина

Zum Eif­fel­turm − eine Arm­län­ge reicht!
Mach schon, zieh dich mit den Hän­den hoch.
Jeder von uns weiss doch, was das heisst,
Alles schon mal dage­we­sen − was denn noch?

Für uns nimmt sich Paris lang­wei­lig, öde aus.
[……………………………………………….]
Mein Russ­land, du, mein Rus­sen­haus −
Wes­halb stehst du so lich­ter­loh in Brand?

Meu­don, Juni 1931


 

Mein Tisch
Стол

II

Dreis­sig Jah­re − unser Lie­bes­bund,
Dreis­sig Jah­re wah­re Treue.
Ich ken­ne dei­ne Run­zeln − und
Du kennst die mei­nen, neue

Wie auch alte − sind sie nicht dein Werk?
Von Buch zu Buch sind sie ent­stan­den,
Nicht die Zukunft ist’s, was für uns zählt,
Allein das Heu­te taugt zum Han­deln.

Das Geld, das mit der Post kommt, Brie­fe −
Vom Tisch gewischt, ver­sin­ken sie im Strom
Der Zeit! Es ist, als ob er her­risch rie­fe:
Heu­te letz­te Frist für jeden Vers. Und schon

Die Dro­hung: Wirst mit der Zah­len­hu­be­rei
Den Schöp­fer sicher­lich nicht überzeugen,
Und − mor­gen wer­den sie mich, tum­be Frau,
Auf dich, Tisch, bet­ten, mei­nen Tod bezeu­gen.*

* nach altem rus­si­schem Gebrauch wur­den Ver­stor­be­ne auf dem fami­liä­ren Küchenoder Stu­ben­tisch auf­ge­bahrt. Die pri­vat auf­ge­bahr­ten Ver­stor­be­nen konn­ten von Nach­barn wie von zufäl­li­gen Pas­san­ten auf­ge­sucht wer­den.


 

Hab mir die Adern geöff­net …
Вскрыла жилы

Hab mir die Adern geöff­net: unauf­halt­sam,
Uner­setz­bar ist die Gischt des Lebens.
Stellt ihr auch Scha­len, Tel­ler unter −
Jeder Tel­ler wird zu klein sein,
Jede Scha­le − viel zu flach.
.….….….….….….….….……Über­lau­fen − und fort-da
In die schwar­ze Erde, Ried zu näh­ren.
Unum­kehr­bar, unauf­halt­sam − sind die Wor­te:
Unver­sieg­bar bleibt die Gischt der Ver­se.

6. Janu­ar 1934


 

* * *

Aus:
Mari­na Zweta­je­wa: Mor­gen soll für über­mor­gen gel­ten
Aus­ge­such­te Gedich­te. Aus dem Rus­si­schen über­setzt, kom­men­tiert und her­aus­ge­ge­ben von Felix Phil­ipp Ingold
Rit­ter, Kla­gen­furt 2020
280 Sei­ten, € 24 (D) / € 24 (A)

—> Buch bestel­len

Online seit: 20. Mai 2021

Zuletzt geän­dert: 1. Juni 2021