Amokläufer in der Schwebe

Von Kurt Palm.
Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur
Kurt Palm © Manfred Werner

Kurt Palm. Foto: Man­fred Wer­ner

Ich has­se den Schlaf. Schon als Kind konn­te ich nicht schla­fen, weil mei­ne besof­fe­ne Mut­ter stän­dig her­um­ge­brüllt hat. Oder ihre Män­ner. Oder bei­de. Ich habe mir die Ohren zuhal­ten müs­sen oder mich unter dem Bett ver­steckt, aber es hat nichts genützt. Kein Wun­der, dass ich in der Schu­le stän­dig ein­ge­schla­fen bin. Die Leh­rer haben mich des­we­gen zur Sau gemacht.

Ist das jetzt wie­der der Papa­gei, der da schreit? Den habe ich doch seit min­des­tens einem hal­ben Jahr nicht mehr gehört. Ich dach­te, sein Besit­zer wäre schon längst weg. Oder tot. Ich habe ihn ab und zu auf der Stra­ße gese­hen. Der hat­te tat­säch­lich sei­nen Vogel auf der Schul­ter sit­zen. Und die­ser Idi­ot trug einen Over­all, der am Rücken und an den Schul­tern voll­ge­schis­sen war. Die Leu­te haben ihm erstaun­te Bli­cke zuge­wor­fen, er hat aber nur blöd zurück­ge­grinst. Ich habe den Papa­gei oft schrei­en gehört. Es war ein unan­ge­neh­mes Gekrei­sche. Wie von jedem Vogel. Egal, ob Krä­hen, Tau­ben, Fal­ken oder Papa­gei­en. Mir tut ihr Geschrei in den Ohren weh.

Fast jede Nacht wache ich schweiß­ge­ba­det auf. Weil ich Angst habe, dass jemand in mein Zim­mer kom­men könn­te. Dar­um habe ich auch mei­ne Woh­nungs­tür mit Kis­ten ver­bar­ri­ka­diert. Zum Schutz. Trotz­dem fürch­te ich mich, weil ich als Kind ja oft mit­ten in der Nacht auf­ge­schreckt bin, wenn plötz­lich jemand neben mei­nem Bett gestan­den ist. Mei­ner Mut­ter war das alles egal, die ist besof­fen am Küchen­tisch geses­sen oder auf der Couch gele­gen. Oft hat sie ja sogar meh­re­re Män­ner in die Woh­nung mit­ge­nom­men. Die haben sie dann der Rei­he nach gepu­dert. Die Geräu­sche, die sie dabei gemacht haben, waren fürch­ter­lich. Aber ich muss­te mich ruhig ver­hal­ten. Nicht ein­mal aufs Klo konn­te ich gehen. Ich habe oft ins Bett gepin­kelt, da ist mei­ne Mut­ter am nächs­ten Tag kom­plett aus­ge­ras­tet und hat mir links und rechts eine run­ter­ge­hau­en, dass ich Ster­ne gese­hen habe. Und immer auf die Ohren. Heu­te wer­den auch ein paar Leu­te Ster­ne sehen. Peng.

Ein­mal hat sie einen ange­schleppt, der hat in einer Video­thek gear­bei­tet. Mit dem habe ich mir die ärgs­ten Fil­me ange­schaut. Rich­tig bru­ta­le Hard­core­fil­me, in denen die Men­schen rei­hen­wei­se abge­schlach­tet wur­den. Er hat immer blöd gelacht, wenn das Blut gespritzt ist und hat sich das nächs­te Bier auf­ge­macht. Ab und zu habe ich mit ihm getrun­ken. Ich war damals viel­leicht zehn, und in der Nacht habe ich dann schreck­li­che Alb­träu­me gehabt. Nach einem Monat ist der Typ wie­der abge­hau­en.

Ich kann mir gar nicht vor­stel­len, wie das ist, wenn man von einer Kugel getrof­fen wird. Irgend­et­was muss einem in die­sem Augen­blick ja durch den Kopf gehen. Aber was? Denkt man an ein bestimm­tes Lied oder an eine bestimm­te Per­son oder an ein bestimm­tes Ereig­nis oder an einen bestimm­ten Geruch? Wor­an wür­de ich den­ken? An Bian­ka? Oder an mei­ne Mut­ter? Dass ich nicht lache. Alles Schwach­sinn. Der Schal­ter wird umge­legt und dann ist es dun­kel. Aus. Nur mit dem Unter­schied, dass man nicht schläft, son­dern tot ist. Was sei­ne Vor­tei­le hat, weil man nicht auf­ge­weckt wer­den kann. Weder von einem wild­frem­den Mann, noch von einem fürch­ter­li­chen Geräusch.

Das Pro­blem beim Schla­fen ist ja auch, dass man kei­ne Geräu­sche hört, also nicht weiß, was um einen her­um gera­de pas­siert. Aller­dings glau­be ich, dass ich ohne­hin bereits beim lei­ses­ten Geräusch auf­wa­chen wür­de. Ob mei­ne nächt­li­chen Panik­at­ta­cken damit zusam­men­hän­gen, weiß ich nicht. Dann lau­fe ich zum ein­zi­gen Fens­ter, das nicht mit Zei­tungs­pa­pier zuge­klebt ist, und rei­ße es auf. Ich muss tief durch­at­men, weil ich sonst ster­ben müss­te. Ich habe ein­mal ver­sucht, so lan­ge wie mög­lich wach zu blei­ben. Aber das hat nicht funk­tio­niert. Obwohl das gar nicht so schlecht war, weil ich nach 36 Stun­den ohne Schlaf der­art fer­tig war, dass ich in einen Tief­schlaf ver­sun­ken bin und mich wie tot gefühlt habe. Wenn ich schla­fe, ver­lie­re ich die Kon­trol­le. Das ist das Pro­blem. Und obwohl ich mei­ne Woh­nungs­tür mit Kis­ten ver­bar­ri­ka­diert habe, könn­te es ja doch sein, dass jemand in mei­ne Woh­nung ein­dringt. Dann steht der Ein­dring­ling plötz­lich neben mir und greift mich an. Und ich bin voll­kom­men wehr­los. Allei­ne bei die­ser Vor­stel­lung bekom­me ich schon Herz­ra­sen und Schweiß­aus­brü­che. Aber heu­te habe ich alles unter Kon­trol­le. Und das wer­den in drei Stun­den auch eini­ge zu spü­ren bekom­men. Ich hof­fe, dass auch die bei­den Schü­ler im Pau­sen­hof sein wer­den, die mich als Fett­sack und fet­te Sau beschimpft haben.

Mei­ne bes­te Zeit hat­te ich als Nacht­wäch­ter. Da konn­te ich in der Nacht wach blei­ben. Zuerst habe ich den Stall der Vete­ri­när­me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät am Stadt­rand bewacht. Dort waren die Tie­re unter­ge­bracht, die ope­riert wor­den sind oder irgend­wel­che Krank­hei­ten hat­ten. Kühe, Pfer­de, Schwei­ne, Hun­de, Kat­zen, alles mög­li­che. Ich muss­te jede Stun­de mit der Stech­uhr einen Rund­gang machen und pro­to­kol­lie­ren, wie es den ein­zel­nen Tie­ren geht. Die Tie­re hat­ten ja alle Namen: Eber­hard, Juli­us, Brit­ta, was weiß ich. Auf eine Kuh soll­te ich beson­ders auf­pas­sen. Sie hieß Belin­da und hat­te seit­lich am Bauch ein faust­gro­ßes Loch, das mit einem Stöp­sel ver­schlos­sen war. Ein­mal habe ich gese­hen, wie ein Arzt sei­nen Arm tief in die­ses Loch gesteckt hat, um irgend­wel­che Unter­su­chun­gen zu machen. Fis­tu­lie­rung heißt das in der Fach­spra­che. Die Kuh dürf­te das aber gar nicht gespürt haben, weil sie ganz ruhig geblie­ben ist. Was der Arzt genau gemacht hat, weiß ich nicht, aber mich hat das natür­lich inter­es­siert, und so habe ich in der dar­auf­fol­gen­den Nacht mit der Taschen­lam­pe in die­ses Loch hin­ein­ge­leuch­tet und tat­säch­lich bis in den Magen der Kuh gese­hen. Es war irgend­wie gru­se­lig, aber in der gan­zen Auf­re­gung ist mir der Stöp­sel run­ter­ge­fal­len und zwar genau in einen Hau­fen Kuh­schei­ße. Am nächs­ten Tag war die Kuh tot und weil der Stöp­sel ver­dreckt war und ich als ein­zi­ger Zugang zum Stall hat­te, hat mich die Sicher­heits­fir­ma sofort ver­setzt.

Die von der Vete­ri­när­me­di­zin haben ja auch behaup­tet, dass ich in der Nacht, in der die bei­den Scha­fe Frie­da und Pau­la aus dem Stall gestoh­len wur­den, geschla­fen hät­te, statt auf die Tie­re auf­zu­pas­sen. Das Fell und die Kno­chen der Scha­fe wur­den in einem nahe gele­ge­nen Wald gefun­den, aber das Fleisch hat­ten die Die­be mit­ge­nom­men. Angeb­lich waren es Moham­me­da­ner oder Isla­mis­ten, ich hat­te damit jeden­falls nichts zu tun. Frie­da und Pau­la waren aller­dings krank und hat­ten eine Art Tuber­ku­lo­se, aber das konn­ten die Die­be natür­lich nicht wis­sen.

Nach dem Vor­fall mit der Kuh bin ich zur Bewa­chung eines Labors für Tier­ver­su­che abkom­man­diert wor­den. Aber nur für ein paar Wochen, weil die Betrei­ber des Labors her­aus­ge­fun­den hat­ten, dass ich vor­be­straft war. Das hat ihnen nicht gepasst. Ich bin kein Tier­freund, aber was ich dort gese­hen habe, hat sogar mich scho­ckiert. Affen, die in Käfi­gen ange­ket­tet waren und die gan­ze Nacht gebrüllt haben, oder Hun­de, die aus dem Maul geblu­tet haben. Beson­ders unheim­lich fand ich aber eine Hal­le, in der hun­der­te Kat­zen apa­thisch am Boden hock­ten oder auf Kat­zen­bäu­men saßen. Am Anfang dach­te ich ja, dass die tot wären, aber die haben gelebt und wahr­schein­lich irgend­wel­che Beru­hi­gungs­mit­tel bekom­men.

Dann habe ich vier Jah­re lang ein gro­ßes Bau­stoff­la­ger bewacht, was mir wirk­lich getaugt hat. Alles ging auch gut, bis sie uns erwischt haben und ich wie­der ein­mal für ein Jahr in den Bau muss­te. Wir waren zu viert, zwei Jugos, ein Grie­che und ich. Der Grie­che hieß merk­wür­di­ger­wei­se Wag­ner. Der war schon älter und hat seit sei­ner frü­hes­ten Jugend als Nacht­wäch­ter gear­bei­tet. Des­halb war er wahr­schein­lich auch ein biss­chen durch­ein­an­der im Kopf. Er hat mir erzählt, dass er gar nicht mehr anders leben könn­te als in der Nacht. Der ist auch tags­über in sei­ner Nacht­wäch­ter-Uni­form her­um­ge­lau­fen und hat, wenn ihm danach war, den Ver­kehr gere­gelt. Bis die Poli­zei gekom­men ist und ihn nach Hau­se geschickt hat.

Jeder von uns hat­te sei­nen eige­nen klei­nen Con­tai­ner, mit einem Tisch, einem Ses­sel und einem Radio. Fern­se­her gab es natür­lich kei­nen. Das Klo war drau­ßen, ein Mobiclo, was im Win­ter sehr unan­ge­nehm war. Ein­mal sind Wild­schwei­ne gekom­men. Das Bau­stoff­la­ger lag ja am Stadt­rand in der Nähe von einem Wald. Ich habe zuerst an einen Über­fall gedacht und habe sofort mei­ne Pis­to­le gezo­gen, die ich immer bei mir hat­te. Es war kei­ne Dienst­waf­fe, weil wir für die Bewa­chung des Bau­stoff­la­gers ja kei­ne Waf­fen brauch­ten. Ich habe gewar­tet, bis ich plötz­lich ein Grun­zen gehört habe, dann habe ich die Tür einen Spalt geöff­net und habe vier Wild­schwei­ne gese­hen. Eine Sau mit drei Jun­gen. Ich hät­te sie abknal­len kön­nen, aber ich habe es nicht getan. Sie sind dann wie­der im Wald ver­schwun­den. Ich habe kei­ne Ahnung, was die im Bau­stoff­la­ger gesucht haben. Die Jugos waren sau­er, weil sie ger­ne ein Wild­schwein am Spieß gebra­ten hät­ten.

Den Abtrans­port der Zement­sä­cke und der ande­ren Mate­ria­li­en, die ihre Leu­te zum Bau­en brauch­ten, haben die bei­den Jugos orga­ni­siert. Josip und Pero haben sie gehei­ßen, aber Wag­ner, der Grie­che, hat sich her­aus­ge­hal­ten. Er hat gesagt, dass er lie­ber Kreuz­wort­rät­sel löst. Tau­sen­de Kreuz­wort­rät­sel hat der gelöst, und zwar in Win­des­ei­le, weil er ja alle Lösun­gen schon gekannt hat. Ich habe das Haupt­tor bewacht und dafür gesorgt, dass alles schnell geht. Ich habe auch geschaut, dass sie nicht zu viel mit­ge­hen las­sen, weil das ja sonst auf­ge­fal­len wäre. Das war ein schö­ner Neben­ver­dienst für mich, weil ohne mich wäre ja nichts gegan­gen. Aber die Jugos sind immer unvor­sich­ti­ger gewor­den und irgend­wann haben die Besit­zer Kame­ras instal­lie­ren las­sen und nach drei Wochen war alles vor­bei.

Wegen mei­ner Vor­stra­fen habe ich ein Jahr unbe­dingt bekom­men. War eine schö­ne Schei­ße, trotz­dem war es eine gute Zeit als Nacht­wäch­ter. Der umge­kehr­te Tages­ab­lauf. Man sieht die Welt mit ande­ren Augen. Da hat­te ich beim Schla­fen auch viel weni­ger Angst, weil es immer hell war, wenn ich auf­ge­wacht bin. Durch das Leben in der Nacht haben sich die wei­ßen Blut­kör­per­chen ver­mehrt und die roten sind weni­ger gewor­den. Kei­ne Ahnung, ob das stimmt, aber der Grie­che hat das behaup­tet, weil er wegen der jahr­zehn­te­lan­gen Nacht­ar­beit an Hal­lu­zi­na­tio­nen gelit­ten hat und des­halb zum Arzt gegan­gen ist. Und weil ihm dau­ernd kalt war. Wegen der wei­ßen Blut­kör­per­chen. An den Wochen­en­den habe ich oft sechs­und­drei­ßig Stun­den durch­ge­ar­bei­tet. Dem Sicher­heits­un­ter­neh­men war das egal, weil es ja kei­ne Kon­trol­len gab und sie die Bele­ge ohne­hin gefälscht haben. Wir muss­ten ein Wach­buch füh­ren, das hat der Grie­che immer einen Monat im vor­aus aus­ge­füllt: Schlüs­sel voll­zäh­lig vor­han­den. KbV – Kei­ne beson­de­ren Vor­komm­nis­se.

Jetzt tram­peln im Haus wie­der irgend­wel­che Kin­der her­um. Sol­len sie. Natür­lich könn­te ich an die Tür klop­fen und sie ein­fach abknal­len. Wie die Schwei­ne wäh­rend mei­ner Metz­ger­leh­re. Aber dazu müss­te ich die Kis­ten vor mei­ner Woh­nungs­tür weg­räu­men. Nein, nein, im Schul­hof ist die Aus­wahl ja viel grö­ßer. Zuerst wer­de ich mir mit mei­nem Feld­ste­cher einen Über­blick ver­schaf­fen, und dann geht es los. Wahr­schein­lich wird sofort Panik aus­bre­chen und sie wer­den weg­lau­fen und ver­su­chen, sich zu ver­ste­cken. Aber ich wer­de ganz ruhig blei­ben. Das ist das wich­tigs­te. Kei­ne Hek­tik. Ich wer­de nicht ein­fach drauf los bal­lern, son­dern mir genau über­le­gen, wen ich ins Visier neh­me.

Damals bin ich tags­über fast gar nicht mehr aus dem Haus gegan­gen. Die Ein­käu­fe habe ich nach der Arbeit erle­digt. Wäh­rend der Woche hat mei­ne Schicht zwölf Stun­den gedau­ert. Von sie­ben am Abend bis sie­ben in der Früh. Im Gefäng­nis habe ich Pro­ble­me gehabt, weil ich mich ja erst wie­der an den nor­ma­len Rhyth­mus gewöh­nen muss­te. In der Nacht war ich wach, tags­über woll­te ich schla­fen, was aber nicht ging. Das war nicht lus­tig. Natür­lich hat­te ich vor Gericht kei­ne Chan­ce. Ich war ja vor­be­straft und sie haben mir einen Pflicht­ver­tei­di­ger zur Sei­te gestellt, dem völ­lig egal war, was mit mir pas­siert. Die­se ver­damm­ten Schwei­ne. Selbst bei den bei­den Jugos haben sie mil­dern­de Umstän­de berück­sich­tigt. Den Grie­chen haben sie gar nicht ange­klagt, weil der sich hin­ten und vor­ne nicht mehr aus­ge­kannt hat. Trotz­dem haben sie auch ihn gekün­digt und kur­ze Zeit spä­ter hat er sich auf­ge­hängt, weil er sich ein­fach nicht mehr zurecht­ge­fun­den hat. Ich habe als ein­zi­ger die Höchst­stra­fe bekom­men. Aber heu­te ist mir das alles egal. Heu­te fäl­le ich die Urtei­le. Und es wird kei­ne mil­dern­den Umstän­de geben. Auch nicht für den Direk­tor.

Fer­tig­ge­macht haben sie mich in der Haupt­schu­le. Vom ers­ten Tag an. Die Leh­rer haben genau gewusst, wie sie mich am bes­ten quä­len kön­nen. Obwohl ich nicht sin­gen konn­te, muss­te ich in jeder Musik­stun­de vor der gan­zen Klas­se irgend­wel­che Lie­der sin­gen. Alle Vög­lein sind schon da. Und alle haben gelacht. Die Leh­rer genau­so wie die Schü­ler. Auch mei­ne Auf­sät­ze muss­te ich laut vor­le­sen, obwohl ich mir beim Schrei­ben schwer tat. Und rech­nen muss­te ich immer vor­ne an der Tafel. Damit alle sehen konn­ten, wie ich geschwitzt habe vor Angst. Ein­mal habe ich das mei­ner Mut­ter erzählt, aber sie hat mir sofort eine Ohr­fei­ge gege­ben. „Recht geschieht dir, weil du zu allem zu blöd bist“, hat sie gesagt. Und sich die nächs­te Ziga­ret­te ange­zün­det. Bis sie dann im Bade­zim­mer selbst kre­piert ist wie ein Hund.

Ich bin ganz ver­schwitzt und stin­ke, aber ich wer­de mich nicht mehr umzie­hen. Wozu auch? In der Volks­schu­le habe ich oft eine gan­ze Woche lang das­sel­be Gewand getra­gen. Am liebs­ten hät­te ich in die­sen Klei­dern auch geschla­fen. In der fri­schen Wäsche habe ich mich nie wohl gefühlt. Was mei­ner Mut­ter ohne­hin recht war, weil sie dann weni­ger waschen muss­te. Mei­ne Mut­ter war ja eine rich­tig fau­le Sau, die das Geschirr nur abge­wa­schen hat, wenn es schon zu stin­ken begon­nen hat oder wenn sie Män­ner­be­such erwar­tet hat. Ihren Män­nern war das aber ohne­hin egal. Die haben ja auch gestun­ken, nach Alko­hol und Ziga­ret­ten und Schweiß. Vom Jugend­amt sind sie auch ein paar Mal gekom­men, aber mei­ne Mut­ter hat es immer irgend­wie geschafft, die Beam­ten davon zu über­zeu­gen, dass alles in bes­ter Ord­nung sei. Ich glau­be, dass sie ein­mal einem Beam­ten sogar einen gebla­sen hat. Sie hat jeden­falls gegrunzt wie ein Schwein und irgend­wann hat der Beam­te kurz auf­ge­schrien. Ich muss­te mich in der Zwi­schen­zeit in mei­nem Kabi­nett ver­ste­cken. Wenn ich etwas gesagt hät­te, hät­te sie mich umge­bracht.

Weil mich mei­ne Mut­ter an den Wochen­en­den los sein woll­te, hat sie mich ein­mal sogar in das nahe gele­ge­ne Pfarr­heim geschickt. Sie hat dem Pfar­rer irgend­ei­nen Unsinn erzählt, dass ich ger­ne bei der Jung­schar dabei wäre und dass ich in Reli­gi­on immer gute Noten hät­te, was ein völ­li­ger Blöd­sinn war. Das ein­zi­ge, was mich im Pfarr­heim inter­es­siert hat, war Tisch­fuß­ball. Ich habe gleich gegen ein paar Bur­schen um Geld gespielt und jedes Mal gewon­nen. Nach dem drit­ten Wochen­en­de hat mich der Pfar­rer raus­ge­wor­fen, weil ich nicht bereit war, mich an irgend­wel­chen Gesprä­chen über Gott und die Welt zu betei­li­gen. Mei­ner Mut­ter habe ich das natür­lich nicht gesagt, statt­des­sen bin ich in den Park gegan­gen und habe mich mit ein paar Typen ange­freun­det, die mir gezeigt haben, wie man Kel­ler­ab­tei­le auf­bricht.

Was ist das für ein Lachen? Es kommt vom Schul­hof, aber es kön­nen kei­ne Schü­ler sein, weil die ja jetzt Unter­richt haben. Ich muss mich anschlei­chen, damit mich nie­mand sieht. Viel­leicht ist es ja eine Fal­le. Okay, lang­sam, lang­sam. Ich sehe zwei Män­ner in grau­en Arbeits­män­teln, das sind die Schul­war­te, die ken­ne ich. Die lee­ren die Mist­kü­bel aus und erzäh­len sich dabei sicher irgend­wel­che ordi­nä­ren Wit­ze. Und dann lachen sie wie Idio­ten. Es ist eigent­lich kein rich­ti­ges Lachen, eher ein Bel­len. Und sobald sie einen Kübel aus­ge­leert haben, zün­den sie sich eine Tschick an und wer­fen die Stum­meln auf den Boden. Die sind wahr­schein­lich unkünd­bar und gehen alle zwei Wochen in den Kran­ken­stand. Ein rich­ti­ges Gesin­del.

Jetzt fra­ge ich mich natür­lich schon, was das Leben über­haupt für einen Sinn haben soll. Mein Leben hat jeden­falls kei­nen Sinn gehabt, des­halb ist es mir auch egal, wenn es heu­te zu Ende geht. Wozu soll ich noch leben? Kin­der habe ich kei­ne und selbst wenn ich wel­che hät­te, wer weiß, was aus ihnen gewor­den wäre. Das Leben mei­ner Mut­ter war ja auch sinn­los, obwohl sie ein Kind gehabt hat. Aber sie hat mich von Anfang an abge­lehnt. Ich ver­ste­he gar nicht, war­um sie mich nicht abge­trie­ben hat. Da wäre uns bei­den viel erspart geblie­ben. Komi­scher­wei­se füh­le ich mich bei dem Gedan­ken, dass ich heu­te nicht allei­ne abtre­ten wer­de, irgend­wie wohl. Und ich wer­de kei­ne Erklä­run­gen hin­ter­las­sen.

Wor­auf soll ich noch war­ten? Auf die Frau mei­nes Lebens? Dass ich nicht lache. Die eine Ehe hat mir gereicht und die ande­ren Wei­ber waren auch nicht viel bes­ser. Solan­ge ich Koh­le hat­te, war ich gut genug für sie, kaum war ich aber abge­brannt, haben sie sich einen ande­ren gesucht. Zwei­mal bin ich auch delo­giert wor­den. Das will ich nicht noch ein­mal erle­ben. Und ins Gefäng­nis gehe ich auch nicht mehr. Am Mon­tag um neun soll ja die Delo­gie­rung statt­fin­den, mit Gerichts­voll­zie­her, Rechts­an­walt, Schlos­ser und Spe­di­teur. Wahr­schein­lich wird auch die Poli­zei dabei sein. Der ein­zi­ge, der nicht da sein wird, bin ich. Die kön­nen mich alle.

Oft habe ich mich gefragt, wo ich in mei­nem Leben die fal­sche Abzwei­gung genom­men habe. Oder war ich von Anfang an auf dem Holz­weg? Viel­leicht habe ich ja nicht ein­mal die Chan­ce gehabt, einen ande­ren Weg ein­zu­schla­gen. Es war ja von Anfang an alles ver­korkst. Zim­mer, Küche, Kabi­nett. Eine Alko­ho­li­ke­rin als Mut­ter. Kein Vater. Nie Geld zu Hau­se. Kürz­lich habe ich in einer der Kis­ten ein Heft aus mei­ner Volks­schul­zeit gefun­den. Da schrei­be ich immer irgend­et­was von mei­nen Eltern und Geschwis­tern, weil ich auf kei­nen Fall woll­te, dass mei­ne Mit­schü­ler wis­sen, dass ich kei­nen Vater und kei­ne Geschwis­ter habe. Wenn mich mei­ne Schul­ka­me­ra­den gefragt haben, wel­chen Beruf mein Vater aus­übt, habe ich gesagt, dass er Hoch­see­ka­pi­tän ist, und dass er mich des­halb nicht von der Schu­le abho­len kann. Am Anfang woll­te ich mit ande­ren Kin­dern nach Hau­se gehen, aber das woll­ten deren Eltern nicht. Dass ich ein Ein­zel­kind war, habe ich auch ver­schwie­gen. Wenn die ande­ren von ihren Geschwis­tern erzählt haben, habe ich ein­fach einen Bru­der oder eine Schwes­ter erfun­den, aber irgend­wann sind sie mir drauf­ge­kom­men, weil ich stän­dig die Namen ver­wech­selt habe. Als Acht­jäh­ri­ger habe ich einen Brief an das Christ­kind geschrie­ben:

Lie­bes Christ­kind, ich freue mich wie­der wenn Du heu­er am 24. Dezem­ber komst. Ich hät­te auch ein­paar Wün­sche: ein paar Ski, einen Anorack, einen Schi­pull­over und vie­le ande­re Sachen, auch einen schö­nen Christ­baum wo vie­le gute Schle­ge­rei­en oben hän­gen. Auch daß mei­ne Eltern lan­ge leben und mei­ne Geschwis­ter auch alle gesund blei­ben. Vie­le Grü­ße Dein …

Alles Unsinn natür­lich, weil es bei uns gar kei­nen Christ­baum gab, und ich nie in mei­nem Leben Schi bekom­men habe. Ein­mal habe ich ein Gedicht geschrie­ben, das uns die Leh­re­rin dik­tiert hat:

Lie­be Mut­ter, mir ist kalt,
mach das Stüb­chen warm!
Setz dich hin­tern Ofen dann
und nimm mich in den Arm!

Ich habe das Gedicht mei­ner Mut­ter vor­ge­le­sen, aber sie ist nur wütend gewor­den. Noch wüten­der ist sie gewor­den, wenn ich sie gefragt habe, wo mein Vater ist. Ihre Ant­wort bestand aus einer Anein­an­der­rei­hung von Flü­chen, dass er ein ver­damm­ter Huren­bock war und ein Säu­fer und dass er abge­hau­en ist, wie ich auf die Welt gekom­men bin. Irgend­wann habe ich mit dem Fra­gen auf­ge­hört, weil ich ja ohne­hin kei­ne Ant­wort bekom­men habe.

Wie soll man unter sol­chen Umstän­den etwas aus sei­nem Leben machen? Ande­rer­seits ist es mir auch nicht schlecht gegan­gen, wenn ich nur nicht immer an die fal­schen Freun­de gera­ten wäre. Sobald Dro­gen im Spiel waren, ist alles schief gegan­gen. Oder sie sind über­mü­tig gewor­den. Wie die Jugos im Bau­stoff­la­ger. Dann ist die Sache auf­ge­flo­gen und sie haben mich wie­der für ein Jahr auf Kur geschickt. In den Augen der Rich­te­rin war ich ja ein Rück­fall­tä­ter und schwer zu sozia­li­sie­ren. Blö­de Sau, blö­de. An sie wer­de ich auch den­ken, wenn ich abdrü­cke.

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Kurt Palm, gebo­ren 1955 in Vöck­la­bruck. Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Publi­zis­tik in Salz­burg. Dr. phil. Schreibt Roma­ne und Sach­bü­cher, dreht Fil­me und insze­niert Opern und Thea­ter­stü­cke. Einem brei­ten Publi­kum bekannt wur­de Palm mit der TV-Pro­duk­ti­on Phett­bergs Net­te Leit Show (1994–96). Für Bad Fuck­ing erhielt er 2011 den renom­mier­ten Fried­rich-Glau­ser-Preis. Das Buch wur­de auch fürs Kino ver­filmt. 2017 erschien bei Deu­ti­cke sein Roman Strand­bad­re­vo­lu­ti­on, 2019 der Roman Mons­ter. Zuletzt insze­nier­te er das Thea­ter­stück Die Ver­lo­ckung im Werk X in Wien. Kurt Palm lebt als Autor und Regis­seur in Wien. www.palmfiction.net

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 23. April 2021

Zuletzt geän­dert: 23. Apr. 2021