Kaddisch für eine Unbekannte

Von Anna Mit­gutsch.
Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur – Teil IX
Anna Mitgutsch © Bernhard Holub

Anna Mit­gutsch. Foto: Bern­hard Holub

Char­lot­te Cohen. Sie ist in Linz gebo­ren, ihr Mäd­chen­na­me steht auf der Mar­mor­ta­fel in der Syn­ago­ge, die der Ermor­de­ten der Vor­kriegs­ge­mein­de gedenkt, es sind die Namen ihrer Ver­wand­ten. Ihre Geschich­te ken­ne ich nicht, ich habe kein ein­zi­ges Mal mit ihr gespro­chen, aber ihr Tod geht mir nah. Als Hit­ler unter Jubel in die Stadt ein­zog, war sie fünf­zehn. Mit einem Kin­der­trans­port, heißt es, habe sie nach Süd­afri­ka flie­hen kön­nen. In Isra­el ver­brach­te sie ihr erwach­se­nes Leben, sie hei­ra­te­te einen From­men und zog drei Kin­der groß, Abi­ga­il, Hadas­sa und David. Acht oder neun Jah­re vor ihrem Tod kam sie nach Linz zurück, allein, eine mit­tel­lo­se alte Frau über sieb­zig. So spät ver­ließ sie ihr Land und ihre Fami­lie. Um in ihre Kind­heit zurück­zu­keh­ren? Was war es, das sie dazu beweg­te, gera­de hier­her zu kom­men, um ihre letz­ten Jah­re in einer ihr fremd gewor­de­nen Stadt unter Frem­den zu leben, unter Men­schen, bei denen sie nie sicher sein konn­te, ob sie oder ihre Väter zu den Mör­dern von damals zähl­ten. Waren es die Erin­ne­run­gen an ihre Kind­heit, die im Alter wie­der wich­tig wer­den, in die sie sich zurück­sehn­te? Jeden­falls kam sie zurück und nie­mand hat­te auf sie gewar­tet. Auch sie hat­te nicht mehr die Kraft für einen Neu­be­ginn, wie auch, ohne Geld, ohne Fami­lie, zu alt, um Arbeit zu fin­den. Eine klei­ne, etwas form­lo­se Frau mit grau­em, unge­pfleg­tem Haar und einem guten, wenn auch freud­lo­sen und ein wenig miß­traui­schen Gesicht. Sel­ten erschien sie zum Kab­ba­lat Schab­bat, und wenn jemand sie frag­te, wer sie sei, wand­te sie sich ab. Sie hat­te einen tie­fen Abscheu allem gegen­über, was sich als fromm aus­gab, sie woll­te mit Reli­gi­on nichts mehr zu tun haben und die sephar­di­sche Aus­spra­che des Hebräi­schen, die sie aus ihrem erwach­se­nen Leben kann­te, moch­te sie nicht. Sie kam zu den Hohen Fei­er­ta­gen, wenn der Vor­be­ter aus Ungarn das Asch­ke­na­sisch bete­te, das sie an ihre Kind­heit erin­ner­te. Sie hielt sich am Rand und ver­wei­ger­te das Gespräch, ohne unfreund­lich zu sein. Sie reagier­te ein­fach nicht und ging wort­los weg.

Mei­ne Freun­din Bea­te such­te ihre Freund­schaft, lud sie ins Restau­rant zum Essen ein. Sie erschien in einem schä­bi­gen Ano­rak und zog ihn nicht aus, weil sie dar­un­ter nichts Vor­zeig­ba­res trug. Sie muß in gro­ßer Armut gelebt haben in die­ser Woh­nung in einer Tag und Nacht befah­re­nen Durch­zugs­stra­ße. Jemand schenk­te ihr wei­ße Gar­ten­mö­bel aus Plas­tik, die sich über­ein­an­der sta­peln lie­ßen, sie schlief auf einer Matrat­ze auf dem Boden. So leb­te sie eini­ge Jah­re, ein­sam, für ande­re uner­reich­bar, mit weni­ger als dem Nötigs­ten. Irgend­wann, als sie an die Acht­zig ging, bekam sie ein Zim­mer in einem betreu­ten Wohn­heim und nach einer Krank­heit zog sie sich völ­lig von der Gemein­de zurück, kam nur, um zu Pessach Maz­ze zu kau­fen und wehr­te jede ange­bo­te­ne Hil­fe ab. Ein­mal sprach sie davon, daß sie auf dem jüdi­schen Fried­hof in der Stadt begra­ben wer­den wol­le, doch eini­ge Mona­te vor ihrem Tod erschien sie im Sekre­ta­ri­at und erklär­te, sie wol­le nach ihrem Tod nach Isra­el über­stellt wer­den.

Im letz­ten Früh­jahr fan­den wir ihre Todes­an­zei­ge in der Zei­tung. Noch in der­sel­ben Woche wur­de sie im Urnen­fried­hof ein­ge­äschert. Nie­mand hat­te uns ver­stän­digt. Und so erfuh­ren wir es erst all­mäh­lich, daß sie in den Mona­ten ihrer zuneh­men­den Ver­ein­sa­mung und Hilf­lo­sig­keit zum Chris­ten­tum bekehrt wor­den war. Freun­de Got­tes nen­nen sich die Mit­glie­der der evan­ge­li­ka­len Sek­te und glau­ben die Wie­der­kunft des Erlö­sers zu beschleu­ni­gen, wenn sie Juden mis­sio­nier­ten. Sie sind gut ver­netzt und finanz­kräf­tig, spen­den für Isra­el und sind dort gern gese­he­ne Gäs­te, mis­sio­nie­ren auch dort, über­all, wo sie Juden fin­den, um sich auf Arma­ged­don vor­zu­be­rei­ten, den letz­ten gro­ßen Kampf gegen den Anti­christ, den fina­len Holo­caust, der die Sho­ah in den Schat­ten stellt, um am Ende, wenn der Tem­pel­berg sich spal­tet und ihr Erlö­ser erscheint, zu sei­ner Rech­ten zu sit­zen, als die Gerech­ten, die Ihm die Abtrün­ni­gen zuge­führt haben. So hat es mir einer von ihnen erklärt und mir ein reich bebil­der­tes Buch voll kind­lich from­mer Zeich­nun­gen geschenkt. Sie mögen Freun­de Got­tes sein, aber Freun­de der Juden sind sie nicht.

Wie ver­zwei­felt muß die­se Frau gewe­sen sein, um es zuzu­las­sen, daß man ihr das gan­ze Leben stahl, alles, was sie gewe­sen war? In die­sen letz­ten Mona­ten und Wochen tilg­te die jun­ge Frau, die sie voll Bekeh­rungs­ei­fer besuch­te, ihre Kind­heit in die­ser Stadt, die Fes­te, die sie mit ihren Eltern gefei­ert hat­te, die Besu­che im Tem­pel zu den Hohen Fei­er­ta­gen mit den asch­ke­na­si­schen Kan­to­ren­ge­sän­gen, die sie lieb­te, die Mas­ke­ra­den zu Purim, die Fest­tags­spei­sen, die Freun­de in den Jugend­grup­pen, alles, was die­se Stadt ein­mal für sie bedeu­tet hat­te. Sie annul­lier­te den Grund, der sie mit fünf­zehn Jah­ren zur Flucht gezwun­gen und so gründ­lich ent­wur­zelt hat­te, daß sie viel­leicht ihr gan­zes Leben lang kei­nen Ort mehr fand, an dem sie hei­misch wur­de. Sie nahm ihr auch die schlech­ten Erin­ne­run­gen, derent­we­gen sie ihr erwach­se­nes Leben zurück­ge­las­sen hat­te.

Wer war Char­lot­te Cohen dann am Ende? In weni­gen Mona­ten nimmt man kei­ne neue Reli­gi­on an, von der man acht­zig Jah­re lang nur wuß­te, daß ihre Mit­glie­der seit zwei­tau­send Jah­ren Juden ver­folg­ten. Was hat die­se Stu­den­tin, die sich als trau­ern­de Hin­ter­blie­be­ne bezeich­ne­te, ihr ver­spro­chen? Was hat Char­lot­te Cohen bewo­gen, sich von ihrem Leben auf die­se Wei­se abzu­wen­den? Die Todes­nä­he, der rapi­de Ver­fall der Kräf­te, ihre Dank­bar­keit für klei­ne Hil­fe­leis­tun­gen, für den Zuspruch, für die Zeit, die sich jemand für sie nahm in die­sem fremd gewor­de­nen Land? War die Ver­leug­nung ihrer Zuge­hö­rig­keit der Preis, den sie für ange­mes­sen hielt als Aus­druck der Dank­bar­keit? War ihr am Ende gleich­gül­tig, als wer und wo sie begra­ben wer­den wür­de? Oder war es ihre Rache an einem Leben, das sie nie gewollt und am Ende zurück­ge­las­sen hat­te?

Und was bewog die mis­sio­nie­ren­de Stu­den­tin zu die­ser Grau­sam­keit, die­sem Dieb­stahl der Iden­ti­tät einer tod­kran­ken Frau? Wel­cher Raf­fi­nes­se, wel­cher Tak­ti­ken bedien­te sie sich, ihr Urteils­ver­mö­gen zu ver­wir­ren, viel­leicht in dem ehr­li­chen Wahn, ihre eige­ne oder Char­lot­tes See­le zu ret­ten? Es sei eine frei­wil­li­ge Bekeh­rung gewe­sen, ver­tei­dig­te sie sich spä­ter. Auch unter Fol­ter kom­men frei­wil­li­ge Geständ­nis­se zustan­de. Char­lot­te hat­te kei­ne Gele­gen­heit zu wider­ru­fen. War­um hät­te sich ein Mensch, der sich von der Reli­gi­on abge­wandt hat­te, der alles From­me haß­te, im Ange­sicht des Todes zu einer Fröm­me­lei bekeh­ren sol­len, die ihr fremd war und ihr in der Unver­nunft der Dog­men bizarr erschei­nen muß­te? War es die letz­te Trotz­re­ak­ti­on auf die stren­ge Selbst­ge­rech­tig­keit eines from­men Ehe­manns, die sie bewog, oder gab sie nach, weil sie kei­nen ande­ren Weg fand, die jun­ge Frau zum Schwei­gen zu brin­gen?

Und wor­in bestand unse­re Schuld? Ich erin­ne­re mich kaum mehr an sie, ich habe kein ein­zi­ges Gespräch mit ihr geführt. Weil sie kein Inter­es­se zeig­te, mit irgend jeman­dem zu reden? Es ist leicht, neu­gie­rig auf einen jun­gen Men­schen zuzu­ge­hen, zu fra­gen, wer er sei, woher er kom­me, sei­ne Plä­ne und sei­ne Erwar­tun­gen an die Zukunft zu tei­len, Anteil zu neh­men an sei­ner Begeis­te­rung für ein Leben, in dem noch alle Mög­lich­kei­ten offen­ste­hen. Und es ist leicht, sich von einem alten, vom Leben ent­täusch­ten Men­schen abzu­wen­den. Da ist nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen. Miß­glück­te Unter­neh­mun­gen, fal­sche Ent­schei­dun­gen und Din­ge, die ihren Lauf neh­men und ins Unglück füh­ren, und wenn schon nicht ins Unglück, dann in Bah­nen, die man so nicht gewollt hat­te. Und am Ende schlie­ßen sich alle Türen und es ist müßig, dar­über zu kla­gen. Viel­leicht hat­te sie mit dem Leben abge­schlos­sen und woll­te nur ihre Kind­heit wie­der­ha­ben, alles, was sich nicht zurück­ho­len ließ. Unse­re Mei­nung dazu brauch­te sie nicht zu hören. Sie wich uns aus, sie sah weg, es gab dazu nichts zu sagen. Eine alte Frau, dann las­sen wir sie eben in Ruhe, wenn sie nicht will. Viel­leicht hät­te sie gewollt, wenn jemand die rich­ti­ge Fra­ge gestellt, die rich­ti­gen Sät­ze gesagt hät­te?

Wie man es dreht und wen­det: wir haben ver­sagt und wur­den mit­schul­dig, daß man ihr im hohen Alter, kurz vor dem Tod, das gan­ze erleb­te, erlit­te­ne Leben ent­wen­de­te. Alles, was sie gewe­sen war von Kind­heit an, durch gute und schlech­te Zei­ten, ihre zwei­und­acht­zig Lebens­jah­re als Jüdin. Waren sie ihr am Ende nur mehr ein Irr­tum? Sie erlaub­te die­sen Eife­rern eines frem­den Glau­bens, den schlimms­ten Fluch des Juden­tums an ihr wahr zu machen: möge ihr Name aus­ge­löscht wer­den in Isra­el. Sie wur­de christ­lich ein­ge­seg­net und ver­brannt. Ihr christ­li­ches Begräb­nis war eine Ent­eig­nung, ihre Ein­äsche­rung ein Fre­vel vor ihrer Reli­gi­on. Man kann etwas able­gen, um etwas ande­res anzu­neh­men, aber man muß es leben, um es sich anzu­eig­nen. Sie hat­te ihren Glau­bens­wech­sel nicht gelebt, er war eine Ver­ge­wal­ti­gung. Ihre Kin­der waren nicht zur Ein­äsche­rung erschie­nen, nur eine Enke­lin, die kein Deutsch sprach. Sie sah die Sek­ten­mit­glie­der mit ihren gro­ßen, gol­de­nen David­ster­nen um den Hals, sie muß gedacht haben, sie sei unter Juden. Gewiß wur­de sie fromm umsorgt und freund­lich behan­delt, ver­mut­lich haben sie ihr den Flug bezahlt, denn die Eltern sei­en arbeits­los, hat­te Char­lot­te Cohen ein­mal erzählt, kei­nem der drei Kin­der gin­ge es beson­ders gut.

Ein Geist­li­cher der Frei­kir­che zele­brier­te die Ver­ab­schie­dung und las einen Fluch­psalm auf die Abtrün­ni­gen, die den Herrn nicht aner­ken­nen. Ihr Tod war ihnen ein gerech­ter Anlaß, alles zu ver­flu­chen, was sie ein­mal geliebt hat­te, ihre Eltern, ihre Kin­der, ihr Volk, alles, wor­an sie ein Leben lang geglaubt hat­te. So ver­nich­te­ten sie ein letz­tes Mal ihr Leben. Was man ihrem Andenken zufüg­te, war nichts Gerin­ge­res als Stö­rung der Toten­ru­he. Nie­mand hat für Char­lot­te Cohen Kad­disch gesagt, nie­mand hat die Toten­ge­be­te oder den tröst­li­chen Psalm 23 gespro­chen: … Und wan­de­re ich im Tal der Todes­schat­ten, ich fürch­te kein Übel, denn du bist bei mir. Kei­ner von uns weiß, wo ihre Urne steht, nie­mand legt einen Stein auf ihr Grab.

Es gab kei­nen Pro­test. Die Freun­de Got­tes wer­den von den Ver­tre­tern Isra­els nach wie vor freund­lich emp­fan­gen und ihre Spen­den wer­den dan­kend ange­nom­men. Sie gehen in den Syn­ago­gen aus und ein, um die Schwa­chen aus­zu­son­dern, zu iso­lie­ren und sie mit ihren Bekeh­rungs­ge­sprä­chen zu quä­len. Am Ende der Zei­ten, die sie mit gro­ßem Glau­bens­ei­fer her­bei­be­ten, darf es kei­ne Juden mehr geben. Sie wer­den ver­nich­tet oder bekehrt wer­den.

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Anna Mit­gutsch, 1948 in Linz gebo­ren. Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik an der Uni­ver­si­tät Salz­burg. Lehr­tä­tig­keit an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten, Inns­bruck, Groß­bri­tan­ni­en (Univ. Hull, East Anglia) Seo­ul, New York, Bos­ton, Amherst Col­lege, Ober­lin Col­lege. Leb­te vie­le Jah­re als frei­schaf­fen­de Schrift­stel­le­rin abwech­selnd in Linz und Bos­ton. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen zur anglo­pho­nen und deutsch­spra­chi­gen Gegen­warts­li­te­ra­tur, Lyrik­über­set­zun­gen, u. a. Phil­ip Lar­kin, zwei Essay­bän­de und zehn Roma­ne, zuletzt Zwei Leben und ein Tag (2007), Wenn du wie­der­kommst (2010) und Die Annä­he­rung (2016).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 16. April 2021

Zuletzt geän­dert: 16. Apr. 2021