Zwischen den Lockdowns

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at lar­ge“

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fal­len und ein paar uner­freu­li­che, klei­ne Geschich­ten zu erzäh­len, die mir zwi­schen den Lock­downs pas­siert sind und in denen ich selbst kei­ne gute Figur abge­be, zäu­me ich das Gan­ze lie­ber von hin­ten auf und fan­ge damit an, dass ich unlängst irgend­wo gele­sen habe, in Texas sei­en die Leu­te im Stra­ßen­ver­kehr beson­ders umgäng­lich mit­ein­an­der. Denn angeb­lich müs­sen sie immer beden­ken, dass der ande­re oder die ande­re womög­lich eine Waf­fe trägt, wes­halb das Abschre­ckungs­prin­zip funk­tio­nie­re, nach dem der kleins­te Feh­ler unab­seh­bar gro­ße Fol­gen haben kann. Anders hier­zu­lan­de, was ein Glück ist, ver­steht sich, was aller­dings auch dazu führt, dass einem öfter, als einem viel­leicht lieb ist, auf­ge­zeigt wird, dass zur Frei­heit auch die Frei­heit gehört, unfreund­lich zu sein.

Es ist fast nie eine gute Idee, im öffent­li­chen Raum jeman­den auf sein Ver­hal­ten auf­merk­sam zu machen, aber manch­mal tun Sie es eben doch, manch­mal ver­ges­sen Sie den längst gefass­ten Vor­satz, sich unter kei­nen Umstän­den mehr ein­mi­schen zu wol­len, und bit­ten einen beson­ders auf­dring­li­chen Tele­fo­nie­rer in einem Café, ob er zum Spre­chen nicht hin­aus­ge­hen kön­ne, eine Dau­er­red­ne­rin, ob es ihr nicht wenigs­tens mög­lich sei, ihre Stim­me ein wenig zu sen­ken, wenn sie das Lokal schon zu ihrem Büro mache und ihre Geschäfts­te­le­fo­na­te von dort füh­re. Sie wol­len die Rol­le nicht ein­neh­men und wis­sen im sel­ben Augen­blick, dass es ein Feh­ler ist, wenn Sie sich doch hin­rei­ßen las­sen, aber pas­siert ist pas­siert, und von da an haben Sie die Situa­ti­on nicht mehr unter Kon­trol­le und kön­nen nur zuse­hen, wie Sie wie­der eini­ger­ma­ßen heil aus dem Schla­mas­sel her­aus­kom­men.

Bär­tig, mit Anzug, schwe­rer Uhr und einem Par­fum, mit dem er in wei­tem Umkreis sein Revier mar­kier­te, soll­te er mir eine Leh­re ertei­len, was Schrei­en für ihn bedeu­te­te.

Bis­her hat­te ich, was das betrifft, vor allem mit Män­nern zu tun. Ich wer­de mich immer an den Herrn im Zug erin­nern, sofern das die rich­ti­ge Bezeich­nung für ihn ist, der im Spei­se­wa­gen direkt unter dem Schild mit dem durch­ge­stri­che­nen Tele­fon­hö­rer saß und in sein Tele­fon schrie, wie es frü­her Leu­te getan hat­ten, die mit der Tech­nik noch nicht so ver­traut waren und glaub­ten, sie wür­den anders nicht gehört. Bär­tig, mit Anzug, schwe­rer Uhr und einem Par­fum, mit dem er in wei­tem Umkreis sein Revier mar­kier­te, soll­te er mir eine Leh­re ertei­len, was Schrei­en für ihn bedeu­te­te und dass das, was ich für Schrei­en gehal­ten hat­te, in sei­nen Ohren noch gar nichts war. Denn kaum hat­te ich ihn gebe­ten, lei­ser zu spre­chen, schrie er auf eine Wei­se, die mir abwech­selnd Angst um ihn und Angst um mich mach­te. Zwei oder drei Minu­ten lang schien die Fra­ge nur zu sein, ob er zuerst einen Herz­kas­per bekam oder sich auf mich stürz­te und mich zu wür­gen begann. Er beug­te sich immer wie­der vor in den Gang und warf sich im nächs­ten Augen­blick auf sei­ne Leh­ne zurück, und wenn ich ihn zu beschwich­ti­gen ver­such­te, wenn ich sag­te, es sei alles gut, ich hät­te ver­stan­den, bau­te er sich dar­an auf und schraub­te sich in immer noch höhe­re Erre­gungs­hö­hen, bis ich schwieg. Ich umschloss mei­ne Tas­se und fass­te in eisi­ger Käl­te den Vor­satz, nicht einen Augen­blick zu zögern und sie ihm über den Kopf zu schla­gen, soll­te er hand­greif­lich wer­den, und tat­säch­lich fiel es mir von da an viel leich­ter, in ihm einen Mit­men­schen zu sehen.

Der ande­re Mann, der mir genau­so wenig aus dem Sinn geht, war ein Rent­ner, blass und glatz­köp­fig, ein stein­har­ter Patri­zi­er­schä­del, wie ich dach­te, noch bevor ich ein Wort mit ihm gewech­selt hat­te, und er saß in einem ande­ren Zug und in einem ande­ren Spei­se­wa­gen, dort aber an genau der glei­chen Stel­le und unter genau dem glei­chen Schild, als hät­te ihn jemand in einer Ver­suchs­rei­he so hin­ge­setzt. Ich wand­te mich mit der glei­chen Bit­te an ihn, und er hör­te schnell mit dem Tele­fo­nie­ren auf, sah mich nicht ein­mal an und ver­hielt sich von da an in allem unauf­fäl­lig und ruhig, aber beim Aus­stei­gen blieb er direkt neben mir ste­hen und sag­te: „Hier stinkt’s!“, und als ich auf­blick­te und ihn ansah, als hät­te ich ihn nicht ver­stan­den: „Sie haben schon rich­tig gehört, Sie stin­ken, mein Herr.“ Dann schau­te er sich um, ob die Mit­rei­sen­den alles mit­be­kom­men hat­ten, und ging wei­ter, ein deut­lich Über-Sieb­zig­jäh­ri­ger. Ich war­te­te ein paar Augen­bli­cke, bevor ich ihm folg­te und ihn an der Tür stell­te, wäh­rend der Zug in den Bahn­hof ein­fuhr. Dann sag­te ich zu ihm, er sol­le in Zukunft lie­ber vor­sich­tig sein, die Welt sei ein gefähr­li­cher Ort für alte Män­ner, die den Mund zu voll neh­men, ich könn­te mir über­le­gen, mit ihm gemein­sam aus­zu­stei­gen, und was danach pas­sie­re, wis­se ich nicht, und es gelang mir genau so viel Dro­hung bei gleich­zei­ti­ger Zurück­hal­tung in mei­ne Wor­te zu legen, dass ich beob­ach­ten konn­te, wie er augen­blick­lich bleich wur­de und anfing zu zit­tern. Ich muss­te nur noch dar­auf ach­ten, dass er nicht in mei­ner Anwe­sen­heit einen Kol­laps bekam, und was in mei­ner Abwe­sen­heit mit ihm geschah, hat­te er sich selbst zuzu­schrei­ben, auch wenn es ihn gleich nach dem Ver­las­sen des Zuges vor Auf­re­gung auf den Bahn­steig hin­streck­te und er plötz­lich kei­ne Luft mehr bekam.

Bei Frau­en hat­te ich mich immer zurück­ge­hal­ten, aber dann unter­lie­fen mir die Miss­ge­schi­cke inner­halb von weni­gen Wochen, und ich kann nicht sagen, dass ich stolz dar­auf bin. Zuerst hat­te mich eine, rück­wärts fah­rend, auf einem Zebra­strei­fen ange­fah­ren, und ich hat­te im ers­ten Schreck und dann schnell voll Ver­gnü­gen, mit die­sem ers­ten Schreck einen Frei­brief zu haben, mehr­mals gegen ihr Auto getre­ten. Sie war schrei­end her­aus­ge­sprun­gen und hat­te sich gebückt dar­an­ge­macht, ihre Sei­ten­tür zu inspi­zie­ren, ohne mich zu fra­gen oder sich auch nur im Gerings­ten dar­um zu küm­mern, ob mir etwas pas­siert war. Im Grun­de genom­men hät­te ich mich sofort auf die Stra­ße legen, Schmer­zen simu­lie­ren, nach dem Not­arzt rufen und dann mona­te­lang mit immer neu­en Beschwer­den von Arzt zu Arzt lau­fen müs­sen, wie man es von ande­ren Ver­si­che­rungs­neh­mern hört. Statt­des­sen begnüg­te ich mich damit, ihr zuzu­schau­en, wie sie zuletzt ein paar­mal ihr Auto umrun­de­te, den Kopf immer noch fast auf dem Boden, und schließ­lich ein­deu­tig zwei­deu­tig sag­te, ich hät­te noch ein­mal Glück gehabt, und ich begriff erst mit Ver­zö­ge­rung, dass sie mich am liebs­ten nicht nur für den von mir mög­li­cher­wei­se ver­ur­sach­ten, son­dern für jeden zufäl­lig ent­deck­ten Scha­den haft­bar gemacht hät­te.

Aber erzäh­len will ich eigent­lich von den Trä­nen und dem Gespu­cke, obwohl mir bewusst ist, dass das nie­mand hören will und am Ende alles nur auf mich zurück­fällt, weil das wahr­schein­lich nicht die Geschich­ten sind, „die wir jetzt brau­chen“,