„Das Geld wandert ab aus diesem Beruf“

Ulri­ke Draes­ner im Gespräch mit Cor­ne­li­us Hell über die zeit­ge­nös­si­sche Dich­tung und die Schwie­rig­kei­ten bei ihrer kri­ti­schen Wür­di­gung.

CORNELIUS HELL In der Jury­dis­kus­si­on beim Mera­ner Lyrik­preis war die­se Jahr ein­mal die Rede von aus­ster­ben­den Tie­ren und von der Lyrik als aus­ster­ben­der Gat­tung – sehen Sie das so, befürch­ten Sie das?

Ulrike Draesner

Ulri­ke Draes­ner: „Man sieht sich beim Schrei­ben vor einem The­sau­rus von Wis­sen, das abge­spei­chert ist in For­men.“
(Foto: Susan­ne Schley­er)

ULRIKE DRAESNER Ja und nein. Zum einen gibt es eine leben­di­ge Lyrik-Schreib­sze­ne, vie­le Töne, sehr gute deutsch­spra­chi­ge Lyrik aus vie­len ver­schie­de­nen Quel­len, von ganz unter­schied­li­chen Alters­grup­pen, die sich anein­an­der rei­ben. Auch der Zustrom zu Fes­ti­val-Lesun­gen ist bekannt­lich immer noch gut, und natür­lich trägt das Inter­net noch ein­mal ganz ande­res zur Mög­lich­keit bei, Lyrik über­haupt wahr­zu­neh­men und zu rezi­pie­ren. Doch im Buch­we­sen sieht es trau­rig aus: Die tat­säch­li­chen Buch­ver­käu­fe hal­ten in kei­ner Wei­se mit, Lyrik wird in den gro­ßen Ver­lags­pro­gram­men zuneh­mend mar­gi­na­li­siert, sie wird manch­mal nur noch mit­ver­legt, weil ein Autor ande­re Gen­res bedient, sie wan­dert ab, und das Geld wan­dert ab aus die­sem Beruf.

HELL Lyrik wird auch kaum mehr rezen­siert, sie wird kaum noch dis­ku­tiert.

DRAESNER Und wenn, dann eben digi­tal, im Inter­net, die Lyrik­com­mu­ni­ty muss sich ihrer selbst anneh­men. Und wenn es in die­sem Seg­ment des Lite­ra­tur­be­triebs kein Geld mehr gibt, dann gibt es auch kein Geld für pro­fes­sio­nel­le Rezen­sio­nen. Das heißt, die inne­re Köchel­tem­pe­ra­tur steigt, zuneh­mend spre­chen Lyri­ker über Lyri­ker, ein In-Talk, ein grup­pen­dy­na­mi­scher Pro­zess, der weder den Autoren noch der Gat­tung gut tut – sie braucht auch Anstö­ße von außen, den frem­den Blick.

HELL Und die Lyrik selbst: Ist sie in Zei­ten von Wiki­pe­dia in einer ande­ren Situa­ti­on? Sie haben auf die vie­len kul­tu­rel­len Ver­satz­stü­cke hin­ge­wie­sen, die sich gera­de auch in den Gedich­ten in Meran gezeigt haben.

DRAESNER Ja, ich den­ke, dass sich durch die Ver­füg­bar­keit von Daten jeg­li­cher Art etwas ver­än­dert im Gleich­klang mit zahl­rei­chen ande­ren Lebens- und Wis­sens­be­rei­chen. Man geht ger­ne davon aus: Man kann ja alles nach­schau­en, alles ist ver­füg­bar, ich gebe etwas ein, schon erscheint die Infor­ma­ti­on, oder „die Bedeu­tung“. Und natür­lich kann man als Autor, egal ob man nun Pro­sa, Dra­ma oder Gedich­te schreibt, damit arbei­ten – in jeg­li­cher Hin­sicht.  Die span­nen­de Fra­ge dahin­ter: Wie gehen wir mit Wis­sen, mit Wis­sens­for­ma­tio­nen um? Das sieht man auch hier in Meran in den Tex­ten: man zitiert, fälscht, imi­tiert, ver­linkt. Das Publi­kum mag nach­schau­en, oder auch nicht. Kommt es dar­auf an? Wel­che Rol­le spie­len Quel­len oder Refe­ren­zen? Wir schei­nen süch­tig nach ihnen, süch­tig nach die­ser Art von „Wirk­lich­keit“, die Gedich­te immer auf­ge­löst und umspielt haben – zuguns­ten einer ande­ren, sprach­lich indu­zier­ten Rea­li­tät des Sprach­lo­sen, Nicht­sprech­ba­ren. Die Ver­än­de­run­gen in den Para­dig­men von Ver­füg­bar­keit und Wis­sen ver­än­dern, das kann nicht anders sein, auch die­sen ande­ren Bereich des Spre­chen-Nicht­spre­chens. Unter die­sem Aspekt fand ich hier in Meran jene Tex­te, die for­mal hybrid gebaut sind, am span­nends­ten. Ich ver­ste­he sie als Aus­druck einer Suche nach Sprech­mög­lich­kei­ten in einem sich eben­falls zuneh­mend auf­lö­sen­den Gat­tungs­kos­mos.

HELL Ver­bind­li­che For­men gibt es ja schon lan­ge nicht mehr. Aber mitt­ler­wei­le ist auch der tra­di­tio­nel­le For­men­spei­cher wie­der offen und man kann sich dar­aus bedie­nen. Heißt das, dass jeder sei­ne Form indi­vi­du­ell erfin­den muss?

DRAESNER Für mich hat es das immer gehei­ßen beim Gedich­te-Schrei­ben: Der gan­ze Kanon steht zur Ver­fü­gung; und das wird durch die Glo­ba­li­sie­rung der Welt auf schö­ne Wei­se kom­ple­xer, weil auch ganz ande­re For­men aus ande­ren Kul­tu­ren ent­deckt wer­den. Das heißt, man sieht sich beim Schrei­ben vor einem The­sau­rus von Wis­sen, das abge­spei­chert ist in For­men – und zugleich vor die Her­aus­for­de­rung gestellt, einen Weg zu fin­den mit Die­sem-Text, der da im Ent­ste­hen ist, von dem man im guten Fall noch gar nicht weiß, was er wird. Ich wür­de sagen, dass das ein genui­ner Kern von lite­ra­ri­schem Schrei­ben ist, egal wel­cher Art: die Form, die Archi­tek­tur des Gan­zen, die Rhyth­mik der Spra­che kom­men über­haupt erst im Akt des Schrei­bens zustan­de. Natür­lich gespeist von dem Wis­sen und der Kennt­nis des­sen, was man gele­sen hat und was einen umrauscht, aber neu erfun­den gehört.

HELL Wie geht man da als Juro­rin vor? Sind die Tex­te dann über­haupt ver­gleich­bar? Gibt es noch Maß­stä­be außer­halb der Tex­te und des eige­nen Anspruchs der Autorin­nen und Autoren, auf­grund derer man sie beur­tei­len kann?

DRAESNER Ich ver­su­che, mir mei­ne eige­nen Vor­lie­ben und Geschmacks­mo­men­te mög­lichst trans­pa­rent zu machen. Wenn man nicht über sie nach­denkt, ent­schei­den sie – es kommt also dar­auf an, Stra­te­gien des Bewer­tens zu fin­den und klug anzu­wen­den, die ihren Ein­fluss mög­lichst mini­mie­ren. Ich ori­en­tie­re mei­ne Urtei­le an Leit­fra­gen, die drauf zie­len, die Maß­stä­be der Beur­tei­lung aus den zu beur­tei­len­den Tex­ten selbst abzu­lei­ten statt aus mir. Ent­schei­dend ist, was die Gedich­te selbst ver­su­chen, wo und wie sie anset­zen – und dann ihren eige­nen Anspruch umset­zen. Wer möch­ten sie sein, wie machen sie das. Eine ande­re Fra­ge für mich ist: Wie gehen Form und Sprach­lich­keit zusam­men – in wel­chem Ver­hält­nis ste­hen sie, wie wird mit den Mög­lich­kei­ten der Span­nung zwi­schen ihnen umge­gan­gen, wie bewusst ist das gemacht und inwie­fern beglei­tet ein Gedan­ke, eine inne­re Not­wen­dig­keit die­se Form so, dass das Gedicht dadurch gestärkt wird.

HELL Sie haben in der Jury-Dis­kus­si­on ein inter­es­san­tes Kri­te­ri­um genannt: die Funk­ti­on des Endes.

DRAESNER Gedich­te und Short Sto­rys sind beson­ders end-emp­find­lich. Es gab in Meran eini­ge Tex­te, an denen auf­fiel, wie gekonnt die Enden gesetzt waren, sodass sie wirk­lich von unten her die vor­an­ge­hen­den Ver­se noch ein­mal tru­gen und stütz­ten. Ein Kri­te­ri­um: wie liest das Gedicht sich beim zwei­ten Mal mit der Kennt­nis des Endes? Wächst etwas sozu­sa­gen von unten durch das Gedicht hin­durch und schließt es zu einer Ein­heit zusam­men? Das muss nicht immer so sein, selbst­ver­ständ­lich gibt es auch die Schön­heit des ver­klin­gen­den Endes, aber natür­lich sind Enden, Titel, Anfän­ge und Wie­der­ho­lungs­mus­ter Auf­merk­sam­keits­punk­te beim Hören wie Lesen.

HELL Thors­ten Ahrend hat in der Jury-Dis­kus­si­on noch ein Kri­te­ri­um genannt, das sehr plau­si­bel klingt: Geschieht in einem Gedicht eine blo­ße Ver­rät­se­lung oder strahlt es ein Geheim­nis aus. Das Wort „Geheim­nis“ ist viel­leicht ein alt­mo­di­sches Wort, aber Anna Ach­ma­towa hat es sehr gemocht. Kön­nen Sie mit die­sem Gegen­satz etwas anfan­gen?

DRAESNER Das ist ein alter Topos der Lite­ra­tur­kri­tik. Rät­sel und Geheim­nis sind zwei sehr unter­schied­li­che Din­ge, und ich füh­le bei einem Rät­sel nichts außer einen intel­lek­tu­el­len Kit­zel, und natür­lich kann man manch­mal auch mit Gewinn und bes­tem Unter­hal­tungs­wert ein Sprach­witz-Rät­sel ein­bau­en. Aber da gibt es eine Lösung und fer­tig. Das hat für mich mit Gedich­ten in kei­ner Wei­se zu tun. Geheim­nis­se hin­ge­gen sind Räu­me, nicht punk­tu­el­le Refe­ren­zen. Geheim­nis­se sind kein Ziel. Geheim­nis bedeu­tet Ver­un­si­che­rung, Nicht-Wis­sen und dass durch die Ver­dich­tung von Spra­che, Mate­rie und The­ma tat­säch­lich die Geheim­nis­haf­tig­keit unse­rer Welt­erklä­rungs­ver­su­che wie­der fühl­bar wird.

Das Gespräch fand anläss­lich des Lyrik­prei­ses Meran im Mai 2016 statt.

 

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Ulri­ke Draes­ner, gebo­ren 1962 in Mün­chen, lebt als Schrift­stel­le­rin in Ber­lin. Zuletzt erschie­nen der Roman Sie­ben Sprün­ge vom Rand der Welt (Luch­ter­hand, 2014) und der Gedicht­band Sub­song (Luch­ter­hand, 2014).

Cor­ne­li­us Hell, gebo­ren 1956 in Salz­burg, lebt als Über­set­zer, Kri­ti­ker und Essay­ist in Wien.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2016

Online seit: 23. Sep­tem­ber 2016

Online seit: 23. Sep­tem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 19. Jan. 2018