Raue Nächte, schöne Krawallschwestern

Wo hört die Frei­heit auf, wie fühlt es sich an, zu den „ande­ren“ zu gehö­ren? Was wäre, wenn Deutsch­land (wie­der) ein zutiefst repres­si­ves Sys­tem wäre, des­sen größ­te Fein­de Plu­ra­lis­mus und Diver­si­tät sind? Das sind die düs­te­ren Wel­ten, die die baye­ri­sche Autorin Lau­ra Licht­blau in ihrem Debüt­ro­man Schwarz­pul­ver kre­iert. Von Lisa Vik­to­ria Nie­der­ber­ger Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Beim Faschings­um­zug dif­fa­miert die Dorf­ge­mein­schaft kol­lek­tiv eine Trans­se­xu­el­le, auch die Kin­der machen mit. Einem Ber­li­ner Hip­hop Label wird vom Amt für Staats­si­cher­heit nicht nur genau auf die Fin­ger, son­dern auch in die Lyrics und Fest­plat­ten geschaut und eine Musi­ke­rin, die gegen das Estab­lish­ment rappt, muss eine Mas­ke tra­gen, um ihre Iden­ti­tät zu schüt­zen. Denn: für alles, was nicht der deut­schen Tra­di­ti­on ent­spricht ist kein Platz in die­sem neu­en Deutsch­land. Hier, wo sich alle rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en zu einer ein­zi­gen Regie­rungs­par­tei zusam­men­ge­schlos­sen und mit der Unter­stüt­zung einer bewaff­ne­ten Bür­ger­wehr Ber­lin zu einem dunk­len Ort gemacht haben, dem wesent­li­chen Schau­platz von Lau­ra Licht­b­laus Debüt­ro­man Schwarz­pul­ver. Und doch beginnt etwas zu lodern, sprü­hen ein­zel­ne Fun­ken des Mutes, lässt die Autorin ihre drei Held*innen doch so etwas wie Wider­stands­geist und Resi­li­enz ent­de­cken. Unzu­frie­den sind sie anfangs alle, rast­los, ver­dammt unsi­cher. Char­lot­te, die Scharf­schüt­zin und Schwurb­le­rin, die ihre Tage mit Mis­tel­in­jek­tio­nen in die Bauch­de­cke beginnt und ihre Sym­pa­thien für die Par­tei erst dann hin­ter­fragt, als sie in der Psych­ia­trie auf­wacht und sich über die auf dem Boden lie­gen­den Unter­ho­sen einer ande­ren Kran­ken ärgern muss. Ihr Teen­ager-Sohn Char­lie, der in die­ser Welt vol­ler Regeln ein­fach nur ein biss­chen Frei­heit, Aner­ken­nung und gute Mucke sucht. Der zwi­schen all der Hip-Hop­per-Cool­ness, mit der er sich als Fami­li­en­er­satz umgibt, erst ein­mal ler­nen muss, wie es ist, wenn man plötz­lich weint. Und Bur­schi, die das Zuhau­se, das sie sucht, schluss­end­lich genau bei dem alten Ehe­paar fin­det, des­sen Hab­se­lig­kei­ten sie zuvor heim­lich an Frem­de im Inter­net ver­lauft hat. Auch wenn es unge­wöhn­lich ist für einen Roman, der größ­ten­teils in Ber­lin spielt, Bur­schis regel­mä­ßi­ge Ver­wen­dun­gen von Begriff­lich­kei­ten aus dem aus­tro-baye­ri­schen Raum stö­ren nicht, son­dern bil­den den sti­lis­ti­schen Zucker­guss, in dem Roman in dem sich die drei wech­seln­den Erzähler*innenperspektiven auch sprach­lich sehr stark unter­schei­den. Es sind auch die Grant­scherbn und das depp­at sein Zeu­gen der sub­ti­len Metho­den, die die Autorin benutzt, um zu zei­gen: die­se „halb­dunk­le Dys­to­pie“ (Zitat Nora Gom­rin­ger, Buch­rü­cken), ist nicht weit ent­fernt von unse­rer kul­tu­rel­len Gegen­wart, bzw. von real­po­li­ti­schen Tat­sa­chen. Es gibt zwar noch kei­ne LGBTIQ frei­en Zonen wie seit Jah­res­be­ginn in Polen, aber gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be ist auch in Schwarz­pul­ver ver­bo­ten – Bur­schi und ihre Bekannt­schaft Johan­na müs­sen sich im Hotel als Schwes­tern aus­ge­ben, um gefahr­los ein Zim­mer zu bekom­men. Und doch muss die jun­ge les­bi­sche Frau im Lau­fe der knapp zwei­hun­dert Sei­ten lan­gen Erzäh­lung erst ihr WG-Zim­mer wegen ihrer sexu­el­len Prä­fe­ren­zen räu­men und spä­ter beim Minis­te­ri­um für Volks­ge­sund­heit vor­stel­lig wer­den, wo ihr immer­hin noch kein Umer­zie­hungs­la­ger, aber doch ein Arbeits­ein­satz am Bran­den­bur­ger Apfel­quetsch­fest nahe­ge­legt wird. Gemein­schaft und deut­sche Tra­di­ti­on sind wich­tig, in Lau­ra Licht­b­laus neu­em Deutsch­land. Gen­der­ge­rech­te Spra­che ist ver­pönt, es wer­den die mit­tel­al­ter­li­chen Rau­näch­te zum Jah­res­wech­sel wie­der gefei­ert und Kin­dern in den Feri­en­la­gern ihre Grund­be­dürf­nis­se gewalt­sam abtrai­niert, durch eine sys­tem­kri­ti­sche Demons­tra­ti­on knüp­pelt sich die Bür­ger­wehr, zer­tram­pelt das „Baye­rin­nen gegen Frau­en­fein­de“ Schild. Und doch, viel Lärm um Nichts, wie Böl­ler ver­puf­fen auch schnell die revo­lu­tio­nä­ren Ambi­tio­nen der Protagonist*innen. Sie igeln sich ein, gehen ins inne­re Exil um ihre Wun­den, einen Streif­schuss zum Bei­spiel, zu lecken, beu­gen sich schein­bar dem tota­li­tä­ren Regime. Es wäre dies ein zu frus­trie­ren­des, zu resi­gnier­tes Ende, wäre da zwi­schen den Lau­gen­stan­gerln zu Neu­jahr und dem Geruch nach Feu­er­werk nicht nur Fei­er­tags­frie­de, son­dern auch Hoff­nung und der erneu­te Wunsch nach Auf­ruhr in den letz­ten Sät­zen des Romans ver­steckt.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023