Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Schwarzpulver

Von Lucia Geis Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Mär­chen, Gesell­schafts­sa­ti­re, Dys­to­pie, Coming of Age-Geschich­te? Es bleibt im Unge­fäh­ren, so wie das Wesen Johan­na, das der Wind auf einen Markt her­ab­weht und das schließ­lich in der Unter­welt ver­schwin­det, nichts wis­send von der Welt, in die es da gera­ten ist und auf der ihm Bur­schi, eine der Protagonist*innen des Debüt­ro­mans Schwarz­pul­ver von Lau­ra Licht­blau begeg­net.

Die­ser gehört eine der drei Stim­men, die in unre­gel­mä­ßig wech­seln­den Kapi­teln mehr oder weni­ger chro­no­lo­gisch von rasan­ten Ereig­nis­sen rund um einen Jah­res­wech­sel erzäh­len. Gleich­zei­tig­kei­ten wer­den in die­ser etwas sper­ri­gen Form natur­ge­mäß aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Neben Bur­schi, einer jun­gen Frau aus Bay­ern mit dia­lek­ta­lem Ein­schlag, sind dies die Scharf­schüt­zin Char­lot­te, ent­spre­chend ihrem Beruf in einer oft zacki­gen para­tak­ti­schen Spra­che und ihr spät­pu­ber­tä­rer Sohn Char­lie, schwan­kend durch sein Leben zwi­schen Mut­ter und Trotz wie durch sei­ne Sprach­codes zwi­schen Jugend­slang und Band­wurm­sät­zen.

Zeit und Ort des Romans blei­ben lan­ge im Unkla­ren, man könn­te auch sagen ein Nicht-Ort, hie­ße das nicht Uto­pie. Und auch als Ber­lin spät als Macht­zen­trum benannt wird, bleibt dies meta­pho­risch. Die Lebens­wel­ten der Protagonist*innen spre­chen jedoch für ein Set­ting in der Gegen­wart: Pre­kä­re Prak­ti­ka, Yoga, Homo­pho­bie, Machis­mo, Psych­ia­trie, Eso­te­rik, Pro­vinz und Metro­po­le, Popu­lis­mus und sich ver­schär­fen­der Radi­ka­lis­mus in Poli­tik und Gesell­schaft, kurz die gesam­te Band­brei­te gespal­te­ner Gesell­schaf­ten. Nur eine Umdre­hung wei­ter als 2020: Der Staat ist bereits in der Hand der Radi­ka­len und an alles hat man sich gewöhnt.

Lau­ra Licht­b­laus Figu­ren sind zu Beginn des Romans in Struk­tu­ren ein­ge­bun­den. Bur­schi in den Kon­takt zu einem Ehe­paar, das sie schon seit der Kind­heit kennt, Char­lot­te in eine Bür­ger­wehr und deren Ideo­lo­gie sowie in ihre Rol­le als allein­er­zie­hen­de Mut­ter von Char­lie als ihrem unselb­stän­di­gen Sohn. Die Fra­gi­li­tät die­ser Rol­len wird schon im ers­ten Abschnitt als Motiv des Romans ange­legt, wenn Bur­schi davon spricht, das Leben des Ehe­paars kön­ne durch ihren heim­li­chen Ver­kauf sei­ner Besitz­tü­mer „ins Wan­ken“ gera­ten. Bevor es dann zu einem Wen­de­punkt kommt, wird der Dra­ma­tur­gie eines klas­si­schen Dra­mas fol­gend die früh erwähn­te Waf­fe natür­lich auch benutzt. Danach wird die Geschich­te zuneh­mend abstrus, gip­felnd in Char­lies klei­nem Road­mo­vie durch Bran­den­burg, wo „Mär­chen eine rich­tig ungu­te Wen­dung“ neh­men kön­nen.

In die­sem Abschnitt kul­mi­niert in der Beschrei­bung des Todes von Onkel Gabri­el auch, was den Roman wie einen Faden durch­zieht: die Dicho­to­mie von Käl­te und Wär­me. In Schwarz­pul­ver ist von der ers­ten bis zur dritt­letz­ten Sei­te nahe­zu jede Sze­ne von Schnee und Eis bestimmt. Selbst das Bier in der war­men Dorf­knei­pe muss „eis­kalt“ sein. Die Gegen­wel­ten sind geprägt von war­mer Wol­le, war­men Öfen und Woh­nun­gen. Wal­ter Ben­ja­min zeigt in der „Ein­bahn­stra­ße“, wel­che unge­heu­re Arbeit es ist, die Käl­te der Din­ge durch die „eige­ne Wär­me aus(zu)gleichen“. Und auch Licht­b­laus Figu­ren äußern ihre Emo­tio­nen und Sehn­süch­te wenn über­haupt, dann unge­lenk. Wäh­rend Ben­ja­min jedoch über­zeugt ist, dass „der deut­sche Früh­ling“ ewig aus­bleibt, endet Licht­b­laus Roman in einem wahr­haft mär­chen­haf­ten Kapi­tel mit der nur durch den Schwarz­pul­ver­ge­ruch der Haut Johan­nas moti­vier­ten Ver­hei­ßung von „lang­sam ent­ste­hen­dem Auf­ruhr“.

Lei­der schrammt der Roman stel­len­wei­se kaum am Kitsch vor­bei. Aber auch der ist in der Pop­kul­tur, mit deren Spra­che, Ästhe­ti­ken und Gen­res (Road­mo­vie, Video­spiel) Lau­ra Licht­blau spielt, dabei weder inhalt­li­che noch for­ma­le Kli­schees scheu­end, nicht ver­pönt. Any­thing goes. Ob ein sol­ches Spiel der The­ma­tik gerecht wird, dar­über kann man geteil­ter Mei­nung sein. Bemer­kens­wert ist in jedem Fall, dass die Autorin nicht in die Fal­le tappt, der Käl­te der Gegen­wart ein „Frü­her war alles bes­ser“ ent­ge­gen­zu­set­zen. Einen Höhe­punkt des Romans bil­den die Sil­ves­ter­ka­pi­tel der drei Protagonist*Innen. Wie Bur­schi Johan­na von einem Faschings­um­zug im Dorf ihrer Kind­heit erzählt, lasst ob des Miefs der Pro­vinz und der dadurch erzwun­ge­nen „tran­szen­den­ta­len Obdach­lo­sig­keit“ aller „Ande­ren“ frös­teln. Das ist schnör­kel­los und dicht, und nicht cool, son­dern berüh­rend. Lau­ra Licht­blau woll­te sehr viel, weni­ger wäre mehr gewe­sen, wie sol­che Stel­len zei­gen.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023