Mein Sommer im Volapük

Aus dem Tage­buch des Cle­mens J. Setz

Der Turm­a­lin ist dun­kel, und was
da erzählt wird, ist sehr dun­kel.
Adal­bert Stif­ter

4. 5. 2015

Heu­te Vor­mit­tag höchst selt­sa­me Ent­de­ckung auf dem Gra­zer Zen­tral­fried­hof. Ich hat­te Johann Mar­tin Schley­ers Volapük-Wör­ter­buch zum Stu­di­um mit, aber kam nicht zum Lesen, denn an der Wand einer Scheu­ne, die an ein Feld mit neue­ren Grä­bern angrenzt, hän­gen, teil­wei­se schon regen­durch­weicht und wet­ter­zer­fetzt, ange­hef­te­te Brie­fe, alle adres­siert an Men­schen mit dem Nach­na­men „Roth“. Ich habe Fotos davon gemacht. Es han­delt sich aus­schließ­lich um Wer­be­brie­fe wohl­tä­ti­ger Orga­ni­sa­tio­nen. Einer ist an einen Herrn Alfred Roth gerich­tet, der, wie der Brief­kopf ver­rät, in der Her­mann-Löns-Gas­se 4/6 wohnt, vom 18. März 2015. Der Brief ist von Licht für die Welt. Auch ein Brief der Roten Nasen an einen Herrn Sieg­fried Roth, wohn­haft Mau­er­gas­se 27/1, hängt dort (vom 23. 2. 2015). Die­se Brie­fe sind mit Reiß­zwe­cken an der Holz­wand befes­tigt und bli­cken sozu­sa­gen auf die Grä­ber. Ein Besu­cher kommt zwangs­läu­fig an ihnen vor­bei. Mit der Zeit wer­den sie von Wind und Regen unkennt­lich gemacht wer­den.

Ich mach­te noch ein kur­zes Video der eigen­ar­ti­gen Erschei­nung. Alfred und Sieg­fried Roth woh­nen unweit des Zen­tral­fried­hofs, in benach­bar­ten Stra­ßen. Zu Alfred Roth exis­tiert ein ent­spre­chen­der Ein­trag im Tele­fon­buch. Ob es Tote sind, die hier irgend­wo lie­gen und zu denen – war­um nur ? – irgend­je­mand die Wer­be­brie­fe, die sie nun ver­pas­sen, brin­gen woll­te? Ich such­te eine Wei­le unter den Grä­bern der unmit­tel­ba­ren Umge­bung, aber konn­te kei­nes mit dem Namen Roth fin­den. Die nächs­te Appro­xi­ma­ti­on war der Name Cohn, ein schon etwas älte­res Grab. Die Vögel lärm­ten in den Bäu­men, und ich geriet in eine etwas geduck­te, krumm­bei­ni­ge Stim­mung. Außer­dem sah ich zeit­wei­se kaum etwas.

Men­schen erschei­nen zu einem Begräb­nis, ver­sam­meln sich ums Grab, einer davon zieht, eben­so gram­ge­beugt schrei­tend wie die ande­ren, an einer Schnur einen klei­nen Schlit­ten nach.

Wenn zu Mit­tag bei uns die Glo­cken läu­ten, kommt oft ein Kind im Haus gegen­über auf den Bal­kon und steht da, Hän­de am Gelän­der, am Bug sei­nes Schif­fes.

Mena­de bal püki bal. Der Volapük-Wahl­spruch, „Einer Mensch­heit eine Spra­che“.

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7. 5. 2015

Alte Foto­gra­fie von Johann Mar­tin Schley­er an der Har­fe. Sein Bart ist so groß, dass es – vor allem jetzt in der Erin­ne­rung – unwei­ger­lich so aus­sieht, als wür­de er auf sei­nem eige­nen Bart die ver­track­tes­ten Har­fen­ak­kor­de grei­fen. Lern­fort­schritt im Volapük eher mick­rig, eigent­lich ganz auf der Stel­le tre­tend. Die Grund­wör­ter sehen alle gleich aus, immer so Drei­buch­sta­ben­ein­hei­ten, immer Kon­so­nant-Vokal-Kon­so­nant, mel böd cil mit bom bel kop mun,1 genau wie die Figu­ren im Spät­werk von Beckett (z. B. Wie es ist). Gan­zen Tag Fle­cken im Gesichts­feld und all­ge­mei­ne Beschwer­den, Dreh­schwin­del und Kurz­at­mig­keit, alles Scheiß. Schlaf­lo­se Näch­te.

Die ers­te erfolg­rei­che Welt­spra­che der Geschich­te wur­de von Schley­er übri­gens auch durch ein nächt­li­ches Ereig­nis des Jah­res 1879 erson­nen. Da pack­te ihn die gött­li­che Inspi­ra­ti­on (der „Geni­us“, wie er schreibt), und bumm war alles da. Kid jön kap bim blod buk.2 Aber so schwer mir das Ler­nen fällt, ich lie­be die­se ver­wor­t­a­kel­ten Wör­ter. „Lol“ ist das Wort für „Rose“.

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7. 5. 2015

Die Wochen­ta­ge auf Volapük sind so super:

mudel
tudel
vedel
dödel
frid­el
zädel
sudel

Heu­te ist dödel.

Gespräch mit einem Freund über miss­han­del­te Tie­re. Er sag­te: „Du merkst es dann, wenn Hun­de nur schau­en, wo sie eigent­lich bel­len soll­ten.“ Außer­dem sei­ne Erwäh­nung eines Vogels, der so lang in einem Käfig gehal­ten wur­de, „bis ihm die Stim­me um eine Okta­ve tie­fer fiel“.

Auf der Par­ty lagen in der Küche eini­ge klei­ne Match­box­au­tos im Wasch­be­cken. Jedes Mal, wenn jemand kam und den Was­ser­hahn betä­tig­te, wur­den sie nass und ver­än­der­ten ganz leicht ihre Stel­lung zuein­an­der. Flen, dach­te ich bei ihrem Anblick selt­sa­mer­wei­se. Flen, flens. Volapük für Freund, Freun­de.

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21. 5. 2015

Ich gab einem Mann, der beim Hofer-Park­platz an der Kep­ler­brü­cke mit einem Hund saß und bet­tel­te, fünf Euro, und er erzähl­te mir sei­ne ent­setz­li­che Geschich­te. Er sprach sehr schnell, er ent­schul­dig­te sich zwi­schen­durch, streif­te sei­nen gestreif­ten Pull­over in die Höhe und zeig­te sei­nen künst­li­chen Darm­aus­gang. Ein wei­ßer Beu­tel. Auf ihm stand LOL. Ich muss dar­über wohl irgend­wie über­rascht aus­ge­at­met oder geschnaubt haben, denn er pack­te ihn schnell wie­der weg und sag­te: „Ja, da lachen immer alle.“ Ich schäm­te mich. „So viel Sche­re­rei­en, obwohl der Krebs eigent­lich längst weg sein soll­te!“, sag­te er auf­ge­regt. Obwohl sie ihm eigent­lich ver­spro­chen, ja, „auf den Kopf zuge­sagt“ hät­ten, dass der Krebs weg­ge­hen wür­de von der Che­mo­the­ra­pie und der Bestrah­lung. Er hat­te sogar sei­ne Arzt­brie­fe dabei, auf einem sah man brief­mar­ken­gro­ße Bil­der einer Kolo­sko­pie. Da, die­sen Krebs­klum­pen hier hät­ten die Ärz­te weg­ge­schnit­ten. Und jetzt müs­se er schon wie­der ins Kran­ken­haus, so ein Scheiß­dreck. Und nicht mal Geld für die Mie­te. Er habe frü­her, wie er noch Geld gehabt hät­te, für die Krebs­hil­fe gespen­det. „Aber des merkst sel­ber am End goa net, des mer­ken nur onda­re.“ Er erzähl­te mir, dass er anfangs allein geses­sen sei, aber da sei­en alle „gna­den­los vor­bei­ge­gan­gen“. Dann habe er, weil er ja nicht stän­dig allen sei­nen Bauch mit den offe­nen Wun­den und dem künst­li­chen Aus­gang prä­sen­tie­ren kön­ne, erst recht nicht im Win­ter, sich ange­wöhnt, die Arzt­brie­fe mit­zu­füh­ren, in einer Klar­sicht­fo­lie. Aber die Leu­te blie­ben auch da nicht ste­hen. Des­halb jetzt die Hün­din. Und der gehe das Fell aus, da, man sehe es. Er schüt­tel­te die Hand aus, und da erst sah man das Son­nen­licht, in den schwe­ben­den Hun­de­haa­ren. Ich hat­te einen Seil­kno­ten im Hals. „Den Popo haben’s mir z’sammengnaht hin­ten, do is koa Loch mehr, und sit­zen konn i aa net drauf, es kummt göl­ber Schleim aus­sa, sunst nix. I muass eh boid wie­da ins Kron­knhaus, zum Auf­nahn. Es nässt olles voll.“ Wir spra­chen noch eine Wei­le dar­über, wie unge­recht alles abläuft. Ein Leben lang gespen­det für die Krebs­hil­fe, und jetzt das. Wäh­rend er sprach, beweg­te er sei­ne Bei­ne, und ich sah, wie unglaub­lich dünn sie waren. Was ich im ers­ten Augen­blick für sehr gro­ße Ohren gehal­ten hat­te, war ledig­lich ein Effekt der extre­men Abma­ge­rung. Am Ende zeig­te er mir eine Stel­le an sei­nem Bein, die schwarz war und sei­nen Wor­ten zufol­ge nicht gut roch. Die müs­se sich der Arzt natür­lich auch anschau­en, aber der habe ja immer nur ein paar Minu­ten Zeit für ihn, also kom­me man gar nicht dazu, alles anzu­spre­chen, was einen pla­ge. Sicher, es gebe vie­le Pati­en­ten, aber trotz­dem. „Ja, trotz­dem“, sag­te ich. „Da, schau“, sag­te er und zeig­te mir noch ein­mal die Arzt­brie­fe und Befun­de. „Was wird jetzt mit mir?“ Ich wuss­te die Ant­wort, er wohl auch, aber man hat­te sie bis­lang noch nicht vor ihm laut aus­ge­spro­chen. Viel­leicht saß er zum Teil auch des­halb hier. Es gab Frem­de, die ihm mög­li­cher­wei­se die Wahr­heit sagen wür­den. Aber ich konn­te es nicht. Ich sag­te irgend­was über … Nein, ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich weiß nur noch: Ich ver­ab­schie­de­te mich von ihm durch eine alber­ne Hand-aufs-Herz-Ges­te, die er lachend imi­tier­te. „Ich bin so müd“, sag­te er. „So, so, so müd.“ – Als ich weni­ge Minu­ten spä­ter beim Markt­stand mein Mit­tag­essen kauf­te, kamen mir die Trä­nen, und der Ver­käu­fer merk­te es und schenk­te mir ein klei­nes Stück Kuchen. Aber er frag­te nicht nach, was los sei; ein sehr guter Mann. Und ich schaff­te es, mit dem Wei­nen sofort wie­der auf­zu­hö­ren, da ich merk­te, dass es nur eine Schutz­funk­ti­on mei­nes Ner­ven­sys­tems gewe­sen war, „hin­ter­her wirst du dich bes­ser füh­len“. Aber wozu sich bes­ser füh­len.

Sie schau­te mich an mit dem kor­rek­ten Blick: ein voll­kom­men kran­ker Mensch. Einer an der Kip­pe.

Spä­ter sah ich, wie eis­kalt ich inner­halb weni­ger Stun­den abzu­küh­len imstan­de bin. Denn ich schlug,