Wie sich Wahnsinn in Realismus verwandeln lässt

Leben, Trin­ken und Schrei­ben des Sin­clair Lewis. Von Micha­el Köhl­mei­er

Es gibt Men­schen, denen traut man einen gewöhn­li­chen Tag nicht zu. So einer war er.

Das Leben des Sin­clair Lewis erscheint aus unse­rem heu­ti­gen Blick hinüber in das Ame­ri­ka der Zwanziger‑, Drei­ßi­ger- und Vier­zi­ger­jah­re als eine Anein­an­der­rei­hung und Übereinandertürmung von Eska­pa­den und Exzes­sen, Irr­sal und Wirr­sal, Deli­ri­um und unbän­di­ger Arbeits­wut. Und so sah er auch aus, der Mann – als hät­ten ihm klei­ne Teu­fel­chen die Erin­ne­run­gen an jede sei­ner Obses­sio­nen in die Wan­gen geschla­gen: ein Nar­ben­ge­sicht, häss­lich und anzie­hend in einem. Sei­ne zwei­te Frau, die Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin Doro­thy Thomp­son, beschreibt ihren Ein­druck nach ihrer ers­ten Begeg­nung so: „Ich sah ein schma­les, verwüstetes Gesicht vor mir, rot und zer­narbt, gezeich­net von Ver­sen­gun­gen durch elek­tri­sche Nadeln und Radi­um. Gott, was für ein ein­sa­mer, unglücklicher, hilf­lo­ser Mensch! Irgend­je­mand muss ihn lie­ben, sich sei­ner anneh­men!“

[…]

Als er end­lich erreicht hat­te, was er woll­te, hat er alles dafür getan, um sei­nen Ruhm, sei­nen guten Ruf, sei­ne Ehre und sein Talent zu rui­nie­ren.

[…]

Lewis’ ers­te Frau benö­tig­te zwan­zig Jah­re, um sich von der Ehe mit die­sem Genie zu erho­len.

[…]

Sin­clair Lewis wur­de her­um­ge­reicht, gehät­schelt, Poli­ti­ker ver­such­ten, ihn für ihre Sache zu gewin­nen, die Reichs­ten der Rei­chen woll­ten sich mit ihm schmücken; ein­mal sei er gar, schreibt Grace, in einem ver­gol­de­ten Rolls-Roy­ce vom Flug­ha­fen abge­holt wor­den; Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen bemühten sich dar­um, ihn ken­nen­zu­ler­nen, Vir­gi­nia Woolf, Hugh Wal­po­le, Geor­ge Ber­nard Shaw.

[…]

„Wenn ich mich je von Doro­thy schei­den las­se, wer­de ich Adolf Hit­ler als Schei­dungs­grund vor Gericht ange­ben.“

[…]

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Online seit: 12.10.2017

Zuletzt geän­dert: 20. Okt. 2017