Walter Grond: Die Wandlung

Roman (Aus­zug)

Das Cha­mä­le­on-Syn­drom

Wenn ich jun­gen Men­schen von frü­her erzäh­le, wir­ken sie nicht unin­ter­es­siert an der Ver­gan­gen­heit, zugleich spü­re ich, wie unwohl sie sich in mei­ner Gegen­wart füh­len. Ein­mal hör­te ich mei­ne Nich­te Sophie vor sich hin sagen, wie end­ma­dig ich sei. Ich kann­te die­ses Wort nicht, war erschro­cken, dann fiel mir Der letz­te Mohi­ka­ner ein, ein Roman aus dem 19. Jahr­hun­dert, den ich als Gym­na­si­ast gele­sen hat­te. Ich war von die­sem Buch fas­zi­niert gewe­sen, in den Bann gezo­gen von der Schil­de­rung eines ver­ein­sam­ten India­ners in den Prä­rien Nord­ame­ri­kas. Einer, wie Sophie mich berich­tigt, Per­son of Color, einer Per­son der Algon­kin-Sprach­grup­pe, deren Stamm am Aus­ster­ben und schließ­lich nach den 281 Sei­ten der Vor­kriegs­aus­ga­be mei­ner Mut­ter tat­säch­lich ver­schwun­den ist. Im Grun­de kann ich also das leicht ange­ekel­te und doch unsi­che­re Lächeln der jun­gen Leu­te, mit denen ich über die Ver­gan­gen­heit rede, nach­voll­zie­hen. Beim Gedan­ken, in ihren Augen ein Exem­plar einer aus­ster­ben­den Men­schen­art gewor­den sein, wird mir aber schwin­de­lig.

Sich sel­ber begreift Sophie als hyper­sen­si­bel und spricht über sich als ein Opfer, ver­wen­det Sät­ze wie: „Ich wer­de als Objekt wahr­ge­nom­men“, oder: „Die­se Kom­pe­tenz wur­de mir nicht ver­mit­telt“. Ich erle­be sie als aus­ge­spro­chen pas­siv und doch als Rebel­lin, ganz anders als ihre Mut­ter, mei­ne jün­ge­re Schwes­ter Cyn­tia, die ich schon als Teen­ager für zu ange­passt hielt. Sophie befin­det sich im zwei­ten Ori­en­tie­rungs­jahr, im ent­schei­den­den Gap Year, da sie nun die Erfah­run­gen des ers­ten zu ver­tie­fen und einen Berufs­weg ins Auge zu fas­sen ver­su­che. Sie ist begabt und bei all ihren Lau­nen, die sie an mir aus­lässt, die Ein­zi­ge in mei­ner Fami­lie, die mit mir Kon­takt hält. Ich ver­su­che, ein hohes Maß an Ver­ständ­nis für ihr digi­ta­les Woke-Sein auf­zu­brin­gen. Und wenn sie mich auch nervt, ver­bin­det uns ein gewis­ses Außen­sei­ter­tum. Ich erblick­te, wie mei­ne Mut­ter die Geburt ihres ein­zi­gen Soh­nes in ihrem Stamm­buch fest­hielt, an einem son­ni­gen Tag in den 1950er-Jah­ren das Licht der Welt, gehö­re daher den soge­nann­ten Baby­boo­mern an. Ich bin, um bei die­sen heu­ti­gen Aus­drü­cken zu blei­ben, ein ana­lo­ger Mensch, kein Digi­tal Nati­ve, und kann mir nicht wirk­lich ein Urteil dar­über erlau­ben, wie gut man sich ohne all das, was mich aus­macht, in der Welt zu ori­en­tie­ren ver­mag.

Mein ana­lo­ges Uni­ver­sum (so nennt es mei­ne Nich­te Sophie) pul­siert zwi­schen den Wel­ten in mei­nem Kopf und der Geschick­lich­keit mei­ner Hän­de, und ich stel­le Tag für Tag beim Auf­wa­chen beru­higt fest, dass ich die Welt in mei­nem Kopf umfas­send wahr­zu­neh­men ver­mag. Mich beun­ru­higt die Idee, mei­ne Gedan­ken wür­den eines Tages nicht mehr aus mei­nem Gehirn durch geheim­nis­vol­le Bah­nen bis in die Hand flie­ßen, und ich wür­de auf­hö­ren, die Art von Schrift­stel­ler zu sein, der ich bin. Nicht mehr jemand, der sich alles in allem gut merkt, was er erlebt, und Auf­merk­sam-Sein kör­per­lich wahr­nimmt. Nicht mehr jemand, der die Him­mels­rich­tun­gen kennt und fast immer weiß, wo er sich auf­hält, wel­cher Tag gera­de anbricht, was die Wol­ken bedeu­ten und der auf­kom­men­de Wind, und wofür er vor­sor­gen muss und wovor sich schüt­zen. Nicht mehr jemand, der das Rin­gen um Wör­ter und Sät­ze so wie das inni­ge Ver­ste­hen der Welt für die höchs­te Lebens­form hält. Son­dern jemand, der die Kon­trol­le über sich selbst an Algo­rith­men abge­ge­ben hat, an For­meln ana­ly­sier­ter Hand­lungs­ab­läu­fe, pro­gnos­ti­zier­ter Wün­sche und deren Steue­rung. Ein futu­ris­ti­sches Irgend­et­was, ein mit Auto­ma­ten fusio­nier­ter Mensch, ein Wahr­schein­lich­keits­we­sen post­hum mei­ner Zeit.

Gia­co war Schrift­stel­ler und ist heu­te Con­tent-Mana­ger.

Im digi­ta­len Uni­ver­sum wol­len alle auf immer durch­schnitt­lich sie­ben­und­zwan­zig Jah­re alt blei­ben. Die Alten hei­ßen daher Jung­ge­blie­be­ne. Mei­ne Lei­den­schaft für Lite­ra­tur lässt mich heu­te ein Leben im Pre­ka­ri­at fris­ten. Ich hal­te das Wort Alters­ar­mut für tref­fen­der. Ich bin ein Schrift­stel­ler, der kei­ne nen­nens­wer­te Human Resour­ce in der Wert­schöp­fungs­ket­te des Kul­tur­be­triebs im digi­ta­len Zeit­al­ter dar­stellt (in der Abstu­fung von Bedarfs­fall, Pro­blem­fall und Här­te­fall schät­ze ich mich als Sozi­al­pro­blem zwi­schen Stu­fe eins und zwei ein). Ich bin von klei­nen Auf­trä­gen abhän­gig, die Sozi­al­hil­fe reicht nicht zum Leben.

Die fol­gen­de Geschich­te dreht sich um Gia­co Gatz und sein Cha­mä­le­on-Syn­drom. Gia­co war Schrift­stel­ler und ist heu­te Con­tent-Mana­ger. Er war einst mein Freund und ist mir heu­te der frem­des­te Mensch. Seit bei­na­he zwan­zig Jah­ren war kein Buch mehr von ihm erschie­nen, daher hat­te ich ihn aus den Augen ver­lo­ren. Vor etwa drei Mona­ten sah ich ihn völ­lig uner­war­tet wie­der, aus­ge­rech­net im Muse­um an der Pro­me­na­de, an jenem Ort in  mei­ner Stadt, der für die Zei­ten­wen­de steht, die Gia­co selbst auf so para­do­xe Wei­se ver­kör­pert.

Jenes Muse­um, zur Jahr­tau­send­wen­de eröff­net, sym­bo­li­siert den Auf­bruch ins 21. Jahr­hun­dert. Als spek­ta­ku­lä­re Land­mark errich­tet, gilt es als das neue Wahr­zei­chen mei­ner Stadt, als ein spek­ta­ku­lä­res Must. Als ein Allein­stel­lungs­merk­mal, das die Stadt im Wett­be­werb um Tou­ris­ten und Inves­to­ren bestehen las­sen soll. Um sei­nen Mar­ken­cha­rak­ter zu beto­nen, wird es gewöhn­lich nur MOP genannt. Das MOP kriecht wie ein glä­ser­ner blau­er Wurm aus dem Boden und wirft sich vor den Sel­fie-Men­schen in Pose.

Ein Schau­der, etwas Bit­te­res, auch Weh­mü­ti­ges durch­fuhr mich, als ich Gia­co inmit­ten einer Trau­be von Leu­ten ent­deck­te. Die Grup­pe aus Deutsch­land infor­mier­te sich über das Muse­um. Es waren gut drei­ßig, vier­zig Mana­ger der Cen­tral Euro­pean Cor­po­ra­ti­on, kurz CEC, die im Foy­er auf die Prä­sen­ta­tio­nen war­te­ten. Es ging wohl dar­um, das Muse­um auf gewis­se Stan­dards hin zu prü­fen, die CEC ist ein inter­na­tio­na­ler Kul­tur­tou­ris­mus-Kon­zern. Wie anders das Künst­ler­haus an der Ring­stra­ße war! Es genoss seit den 1960er-Jah­ren den Ruf einer her­aus­ra­gen­den Insti­tu­ti­on der Avant­gar­de und war in den 1980er-Jah­ren, als Gia­co und ich als jun­ge Schrift­stel­ler in die­ses Ely­si­um der Kunst auf­ge­nom­men wur­den, eine bereits alt­ehr­wür­di­ge Insti­tu­ti­on. Das Gebäu­de, ein ehe­ma­li­ges Luxus­wa­ren­haus und Café, stamm­te aus der Bel­le Épo­que und war im Zwei­ten Welt­krieg schwer beschä­digt wor­den. Ein Fin-de-siè­cle-Bau, recht leger reno­viert, im Stil von Ein-biss­chen-was-von-allem. Man konn­te die brö­ckeln­de Fas­sa­de ins Frank­reich des 19. Jahr­hun­derts hin­den­ken und durch die Säle wie durch ein Stahl-und-Beton-und-Glas-Loft schrei­ten. In die­sem Treff­punkt der Schrift­stel­ler und Künst­ler, die einst das leer ste­hen­de Gebäu­de besetzt und zu einem Ort der Kunst gemacht hat­ten, war so man­che Avant­gar­dis­ten­kar­rie­re gestar­tet wor­den. Hier hat­te auch der Auf­stieg des berühm­tes­ten unter ihnen sei­nen Anfang genom­men. Als Pro­vo­ka­teur und Pop­star der Lite­ra­tur hat­te er für Furo­re gesorgt und hieß in mei­ner Stadt, da er nach Deutsch­land und Frank­reich gezo­gen war, nur noch der berühm­te Schrift­stel­ler.

Ich den­ke seit Wochen über die­se Gegen­sät­ze nach und möch­te begrei­fen, wie sich die Welt in einem ein­zi­gen hal­ben Men­schen­le­ben so grund­le­gend ver­än­dern konn­te. Und wie kein ande­rer ver­kör­pert Gia­co die­se Gegen­sät­ze unse­rer Zeit. Ich betrach­te ihn als eine Art Zeit­raf­fer­we­sen, des­sen Kind­heit einem Digi­tal Nati­ve völ­lig unver­ständ­lich ist und des­sen Alter sei­nen Eltern völ­lig unvor­stell­bar gewe­sen wäre. Er galt als ein zugleich lite­ra­ri­sches wie orga­ni­sa­to­ri­sches Talent, schrieb post­mo­der­ne Roma­ne und arbei­te­te als Ver­an­stal­ter und Orga­ni­sa­tor im Künst­ler­haus. Für die Künst­ler war er ein Wil­der und für die Sekre­tä­re ein nüch­tern Kal­ku­lie­ren­der.

Ich hat­te ihn im Herbst 1984 als einen schil­lern­den Bohe­mi­en ken­nen­ge­lernt. Gia­co war ein Mann des Wor­tes und der Selbst­er­mäch­ti­gung und sorg­te mit lite­ra­ri­schen Expe­ri­men­ten für Auf­se­hen. Groß gewach­sen und schlank, schüt­tel­te er sich stän­dig das lan­ge Haar aus der Stirn und fum­mel­te mit sei­nen Fin­gern ner­vös an der Nase her­um. Im Grun­de schüch­tern, höf­lich, schweig­sam und dann plötz­lich über­aus wort­reich, zog er, ohne sich merk­bar dar­um zu bemü­hen, die Auf­merk­sam­keit auf sich.

Alles an Gia­co war lang, die Bei­ne, die Arme, die Ohren, das Gesicht. Lang, nicht nur wie lang­ge­zo­gen, son­dern dünn und unan­ge­mes­sen zart, die schlak­si­gen Glied­ma­ßen, irgend­wie unge­schickt, sobald in Bewe­gung gesetzt, die unde­fi­nier­ba­re Erschei­nung eines Giraf­fen­men­schen, der einen stän­dig von oben her­ab betrach­te­te. Der durch sei­nen Wuchs auf Distanz gehen konn­te und sich nicht mit Fäus­ten ver­tei­di­gen muss­te, die­ser lan­ge Lulatsch, der daher­ge­schlurft kam. Der Giraf­fen­mensch demü­tig­te im Grun­de alle mit sei­nen lan­gen Stel­zen und den luf­ti­gen Ansa­gen und war doch nur ein gebrech­li­ches Gebil­de. Ein wenig kann man sich ihn als einen Nerd vor­stel­len, ein wenig als Dan­dy, auch als Old­school-Kava­lier und eben­so als männ­li­ches Alpha­tier, von allem gera­de so viel, dass er je nach Bedarf das eine wie das ande­re her­vor­keh­ren konn­te. Gia­co war ein Läs­ter­maul, ein Rebell, mit dem sich jun­ge Sze­ne­men­schen in mei­ner Stadt ver­wandt fühl­ten.

Im Hin­ter­grund sei­ner Geschich­te blitzt etwas auf, das wir alle gera­de erle­ben, eine Art aus den Angeln geho­be­ne Gegen­wart. Das Künst­ler­haus war in die Jah­re gekom­men und bemüh­te sich um ein fri­sche­res Ant­litz. Als eine Art Hybrid erleb­te Gia­co dort einen kome­ten­haf­ten Auf­stieg, denn er war zugleich alt­ba­cken-seri­ös wie auch pro­vo­kant-zeit­geis­tig. Die­se Mix­tur mach­te ihn zu einem Hoff­nungs­trä­ger einer ner­vös gewor­de­nen Kunst­welt, die um ihre Bedeu­tung im kom­men­den Jahr­tau­send fürch­te­te. Die Zer­streu­ungs­kul­tur hat­te sich längst aus­zu­brei­ten begon­nen.

Dass Gia­co den Ruf eines viel­ver­spre­chen­den Erneue­rers der Kunst­welt erwer­ben und schließ­lich zum Prä­si­den­ten des Künst­ler­hau­ses auf­stei­gen konn­te, ver­dank­te er sei­nem Cha­mä­le­on-Syn­drom. Er ver­moch­te das eine wie das ande­re zu sein, das Ver­gan­ge­ne wie das Zukünf­ti­ge, konn­te wie die­ses far­ben­wech­seln­de Tier bei Bedarf sein Erschei­nungs­bild wech­seln und soll­te, so die Hoff­nung, das Künst­ler­haus, jenen Gar­ten der Kunst­ex­zel­lenz, in die Welt des 21. Jahr­hun­derts hin­über­füh­ren. Jenen Hot­spot für Künst­ler, Schrift­stel­ler und Frei­geis­ter, der auch für mich ein Hafen und geis­ti­ge Hei­mat war.

Viel­leicht wür­de heu­te ein Psych­ia­ter Gia­co eine Kind­heit mit Auf­merk­sam­keits-Defi­zit-Hyper­ak­ti­vi­täts-Stö­rung attes­tie­ren. Viel­leicht hät­te der Exper­te sei­ne Freu­de dar­an, her­aus­zu­fin­den, wel­che der Buch­sta­ben ADHS Gia­cos Auf­stieg und Fall im Künst­ler­haus vor­her­seh­bar gemacht hat­ten. Gia­cos Lebens­weg ist eigen­ar­tig, wider­sprüch­lich, sprung­haft und von einer hin­aus­po­saun­ten Ich-bin-fle­xi­bel-Manie. Er war davon beses­sen, das Neue nicht zu ver­ab­säu­men. Er konn­te nicht abwar­ten, bis etwas reif für Ver­än­de­rung ist, woll­te immer alles zu früh. Die Unge­duld mach­te ihn zugleich zum Sich-Andie­nen­den, zum Visio­när und Rene­ga­ten. Er sah früh die digi­ta­le Welt her­auf­däm­mern, und ich glau­be, er begann schon damals, ein zugleich alter und neu­er Mensch sein zu wol­len. Gia­co schei­ter­te kläg­lich.

Und als er Mit­te der 1990er-Jah­re das Künst­ler­haus ver­las­sen muss­te, ver­wan­del­te er sich in einen Con­tent-Mana­ger. Etwas mir Unbe­greif­li­ches trieb ihn dazu, die Lie­be zur Spra­che auf­zu­ge­ben und sich in der Welt der Excel­da­tei­en häus­lich zu machen. Aus dem Gar­ten der Kunst­ex­zel­lenz ver­trie­ben, füg­te er sich in die Welt ein, der heu­te die digi­ta­len Men­schen zu Füßen lie­gen.

Wäh­rend des Schrei­bens über Gia­co Gatz stieß ich immer wie­der auf die Fra­ge, was genau ich mir unter der Kluft zwi­schen dem Ges­tern, wie es mir ver­traut ist, und dem Heu­te, das ich nicht mehr recht ver­ste­he, vor­stel­len kann. Für mich war das Cha­mä­le­on-Syn­drom eine Über­le­bens­stra­te­gie unse­rer Zeit. Ich dach­te mir, der fle­xi­ble Mensch erfül­le sich den para­do­xen Wunsch, in der Flut von Sel­fies, die alle unun­ter­bro­chen von sich machen und mit ande­ren tei­len, unsicht­bar zu wer­den, ähn­lich wie das Cha­mä­le­on sei­ne Haut­far­be dem Hin­ter­grund anpasst. Ich dach­te mir Sphä­ren aus, wo Algo­rith­men unse­re Träu­me bestim­men. Wo daher nicht mehr der Geis­tes­mensch, son­dern der Deve­lo­per, nicht mehr der zwei­feln­de Träu­mer, son­dern der Mana­ger Inbe­griff unse­rer Uto­pie von Frei­heit ist.

Ich schrieb Gia­cos Geschich­te in nur zwei Mona­ten nie­der. Jemand nann­te das Wah­re zer­brech­lich. Wäh­rend des Schrei­bens stürz­te ich in die Kluft zwi­schen dem Ges­tern und Heu­te und droh­te dar­in zu ver­schwin­den, denn wäh­rend ich mich frag­te, was aus Gia­co gewor­den sei, fiel die­se Fra­ge zuse­hends auf mich selbst zurück. Den blin­den Fleck in mir.

An jenem spä­ten Febru­ar­tag vor nicht mehr als drei Mona­ten, als ich Gia­co wie­der­be­geg­ne­te, schien alles sei­nen gewöhn­li­chen Lauf zu neh­men. Zwar wur­de in den Medi­en berich­tet, mit Wuhan wäre eine gan­ze Regi­on wegen eines Virus in Qua­ran­tä­ne gestellt wor­den, Chi­na schien jedoch weit ent­fernt von uns. Einen Monat spä­ter stand das Leben auch in Euro­pa still, das Muse­um an der Pro­me­na­de muss­te wegen Covid-19 sei­ne Pfor­ten schlie­ßen.

An jenem März­tag, als ich Gia­cos Geschich­te zu schrei­ben begann, las ich im Guar­di­an einen Brief aus Ita­li­en. Fran­ce­s­ca Melan­dri, eine ita­lie­ni­sche Schrift­stel­le­rin, berich­te­te dar­in über das Leben in plötz­li­cher Iso­la­ti­on, über das ver­ein­bar­te Tref­fen in einem Super­markt in Rom, das Glück, ihren Gelieb­ten wenigs­tens in der War­te­schlan­ge für ein paar Augen­bli­cke sehen zu kön­nen. Sie ende­te ihre Schil­de­rung mit der Pro­gno­se, die Welt wür­de, wenn das alles vor­bei ist, nicht mehr die­sel­be sein.

Ich gehe seit­dem nicht mehr außer Haus, mein jun­ger Nach­bar über­nimmt für mich die nöti­gen Besor­gun­gen. Es fühlt sich an, als wäre an jenem Febru­ar­tag ein Zeit­fens­ter auf­ge­gan­gen, ein Augen­blick der Offen­ba­rung. Ich woll­te ihn nüt­zen, um mir den Zei­ten­wan­del vor Augen zu füh­ren, nicht unter dem Ein­druck einer Ahnung, was nach der Kri­se kom­men wür­de, son­dern aus dem Blick­win­kel unmit­tel­bar davor, aus dem Blick­win­kel einer Nicht­zeit, die nun mit der Pan­de­mie anbricht.

Niko­laus Küm­mel, 2. Mai 2020

 

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Was vor drei Mona­ten geschah

An jenem Febru­ar­tag, als ich Gia­co Gatz zufäl­lig wie­der­sah, reg­ne­te es, und ich hader­te wie immer mit mei­ner Geld­knapp­heit.

Auch wenn ich mich gede­mü­tigt fühl­te, wie an die­sem Tag, über Auf­trit­te des Kul­tur­stadt­ra­tes in der regio­na­len Tages­zei­tung berich­ten zu müs­sen, nahm ich jeden Brot­dienst dank­bar an und ging mit dem Gefühl, schlecht zu rie­chen, außer Haus. Kein Par­fum der Welt über­tüncht den Geruch, der einem bei die­ser Lohn­schrei­be­rei nach­hängt.

Ich schau­te in den kal­ten Regen, in das nebel­ver­han­ge­ne Grau der Stra­ßen und Häu­ser. Selbst der Fluss trug etwas Unwirt­li­ches mit sich, schlamm­grau­es Nass. An die­sem besag­ten Febru­ar­tag war ich zu zwei Ter­mi­nen des Kul­tur­stadt­ra­tes bestellt wor­den. Ich fühl­te mich unwohl, viel­leicht plag­te mich auch die Migrä­ne, jeden­falls hat­te ich nicht ein­mal Lust, zur Geburts­tags­fei­er für Joseph Brahm zu gehen, den hoch­ge­schätz­ten Poe­ta doc­tus, über den ich doch im Grun­de stets ger­ne schrieb. Der hoch­be­tag­te Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph und Päd­ago­ge war jahr­zehn­te­lang Prä­si­dent des Künst­ler­hau­ses gewe­sen und ver­kör­per­te als Pepi, wie wir ihn lie­be­voll nann­ten, nach wie vor das Künst­ler­haus wie kein ande­rer.

An jenem Mor­gen hader­te ich, wie so oft, mit der Tat­sa­che, für vier­zig Euro pro Hof­be­richt mei­ne klei­ne Woh­nung ver­las­sen zu müs­sen. Kaum ange­kom­men, war ich doch wie­der betört von Pepis Aura. Sogar der berühm­te Schrift­stel­ler, den er einst ent­deckt und geför­dert hat­te, war für ihn von weit ent­fernt ange­reist und stand nun gedul­dig der Foto­gra­fin Modell.

Die Fei­er fand in einem präch­ti­gen Innen­stadt­pa­lais statt. Wäh­rend der Kul­tur­stadt­rat Pepis Ver­diens­te für das Künst­ler­haus pries und des­sen Grün­dung Ende der 1950er-Jah­re in Erin­ne­rung brach­te, blick­te Pepi regungs­los vor sich hin, krank und gebrech­lich gewor­den, aber immer noch mit klu­gen und spitz­bü­bi­schen Augen, die ihn so gewin­nend und ein­neh­mend machen. Ich fühl­te mich in die guten Tage von damals mit­ge­nom­men. Auch Pepi dach­te wohl dar­an, ruhig und abwe­send, wie er dasaß und vor sich hin starr­te. Viel­leicht ver­setz­te er sich in die Welt zurück, als fünf­zehn Jah­re nach dem Krieg jun­ge Künst­ler, Schrift­stel­ler und Redak­teu­re das ver­fal­le­ne Kaf­fee­haus besetzt, kräf­tig zuge­packt und das Künst­ler­haus gegrün­det hat­ten. Jenen Ort, der ein­mal zu einem gleich­sam zwei­ten Mont­par­nas­se wer­den wür­de. Jenen Ort, wo sie als jun­ge Män­ner ihr eige­nes Kunst­quar­tier ein­ge­rich­tet, Dra­men auf­ge­führt, Trüm­mer­poe­sie pro­kla­miert und obs­zö­ne Bil­der an die Wand gehängt hat­ten, den aus dem Krieg heim­ge­kehr­ten und die faschis­ti­sche Kata­stro­phe leug­nen­den Bür­gern zum Trotz.

Ich war im April 1983 in das Künst­ler­haus auf­ge­nom­men wor­den und seit jeher von Pepis unbän­di­ger Ener­gie fas­zi­niert, von der Sor­ge des wach­sa­men Vaters, der sein Lebens­werk wie ein labi­les Kind hüte­te. Wie hin­ge­bungs­voll er über die Schrift­stel­ler und Künst­ler dozie­ren konn­te, über all die Män­ner und zuwei­len auch Frau­en, deren Talent er ent­deckt hat­te und von denen der eine oder ande­re inzwi­schen in den Welt­rang auf­ge­stie­gen und doch Spröss­ling des Künst­ler­hau­ses geblie­ben war.

Der berühm­te Schrift­stel­ler galt in mei­ner Stadt als Gott­heit, und ob Pepi ihn oder er selbst sich dazu erho­ben hat­te, konn­te ich nicht sagen. Wenn er Pepi zulie­be unse­re Stadt besuch­te, wuss­ten wir das im Kaf­fee­haus, denn Pepi erzähl­te es über­all her­um. So war unse­re klei­ne Stadt am Ran­de Öster­reichs mit der gro­ßen Welt ver­bun­den, kraft des berühm­ten Schrift­stel­lers, des Meis­ters des Wor­tes, der für uns wie das Wort selbst anmu­te­te, ob wir ihn nun lieb­ten, bloß schätz­ten oder gar ver­schmäh­ten.

Pepi und das Künst­ler­haus hat­ten der Stadt der Volks­er­he­bung, in der einst Hit­ler zuge­ju­belt wur­de, die Wür­de zurück­ge­ge­ben. Pepis eige­ne Roma­ne leg­ten ein­drucks­voll dar, wie die Unhei­mat wie­der zur Hei­mat wer­den konn­te, und er emp­fand sich als ein – mit Heid­eg­ger gesagt, den er ger­ne zitier­te – Hier­her-Gewor­fe­ner. Pepi ver­harr­te am Ort sei­ner Her­kunft, leg­te Zeug­nis dar­über ab und flog doch in Gedan­ken hoch hin­aus. Ja, Hei­mat­ver­bun­den­heit und Moder­ni­tät waren für ihn zusam­men­zu­den­ken. Pepi, ein Vor­kriegs­kind, lehr­te Lite­ra­tur am Ort, wo er selbst einst belehrt wor­den war, mei­ner Stadt so kri­tisch wie lei­den­schaft­lich ver­bun­den. Pepi, der Kämp­fer gegen die Wie­der­kehr des Glei­chen, konn­te unter einer Eiche für das Foto posie­ren und dabei nicht pein­lich wir­ken, ja er war wirk­lich einer, der das deut­sche Gehölz in einen unschul­di­gen Baum zurück­ver­wan­deln konn­te. Er lieb­te die Erde, auf der er groß gewor­den war, viel­leicht auch die Enten, die am Fluss nis­te­ten, und sogar den Nebel über der Stadt.

Sei­nem Eifer für die moder­ne Kunst tat dies kei­nen Abbruch und eine gewis­se Skep­sis gegen­über dem Zwang­haft-Moder­nen blieb ihm bis ins hohe Alter.

Wäh­rend die­ser Fei­er für ihn dräng­te sich etwas Ver­stö­ren­des in mei­ne Gedan­ken. Mir fiel näm­lich Pepis unab­läs­si­ge Furcht ein, jemand könn­te ihn ein­mal ver­drän­gen wol­len, eine Furcht, mit der er uns jah­re­lang auf­ge­scheucht hat­te. Und wie daher Jahr für Jahr einer, der ihm fol­gen hät­te kön­nen, ein ewig Begab­ter geblie­ben war, und nur Pepi, der Lang­zeit­prä­si­dent, nicht zu altern schien und das Künst­ler­haus, längst hoch­an­ge­se­hen, zu einem mythi­schen Ort gefro­ren war.

An der hin­te­ren Sei­ten­wand des Saals hing ein baro­cker Spie­gel, das Glas war schon trüb, fiel mir auf, da ich ihn ansah und mich selbst dar­in erkann­te. Das Gesicht im Spie­gel war ein wenig auf­ge­dun­sen, zwar nicht ganz so zer­furcht wie das der fünf­zehn und mehr Jah­re älte­ren Män­ner, die hier fei­er­ten. Mein Haar war aber weiß und schüt­ter gewor­den wie das ihre und doch selt­sam aus der Zeit gefal­len, die lan­gen Sträh­nen, die wir alle nicht ver­mis­sen wol­len, unser ver­blie­be­nes Zei­chen der wil­den ver­gan­ge­nen Jah­re.

Der berühm­te Schrift­stel­ler stand hin­ter Pepi und leg­te die Hand auf des­sen Schul­ter, zärt­lich und beschüt­zend. Es gab Wein und beleg­te Bröt­chen und man erin­ner­te sich an die furio­se gemein­sa­me Zeit, die Revol­te gegen das Post­fa­schis­ti­sche, den Auf­stieg, den wach­sen­den Ruhm, die Schmä­hung durch nei­di­sche Kri­ti­ker. So fiel ein Schat­ten auf die Erin­ne­run­gen und man kam schließ­lich zur bit­ter stim­men­den Erkennt­nis, die Welt habe sich seit­dem so grund­le­gend ver­än­dert und ver­ste­he die hier Ver­sam­mel­ten nicht mehr, all die Voll­ende­ten, die Meis­ter des Augen­scheins und der Poe­sie, die es mit Cer­van­tes und Tol­stoi auf­nah­men, um im Geis­te der Welt­li­te­ra­tur selbst Welt­li­te­ra­tur zu schaf­fen, und sich daher nicht um etwas wie digi­ta­le Men­schen und deren Flau­sen küm­mern konn­ten. Man bekräf­tig­te ein­an­der, all die inni­ge Schön­heit emp­fun­den und das War­um der Welt in ein Wie schrei­ben umge­wan­delt zu haben. Aus­er­wähl­te Scha­ma­nen der Wör­ter zu sein, Pries­ter der Spra­che und Ahnun­gen, wie es um uns Men­schen bestellt ist. Denn das Ech­te wür­de echt, wenn es in die Schreib­hand genom­men, und das Heil­lo­se geheilt, wenn es mit einem gelun­ge­nen Wort getrof­fen wür­de.

© Hay­mon Ver­lag, Inns­bruck – Wien 2026 

 

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Wal­ter Grond, gebo­ren 1957 in Mau­tern, lebt als Roman­cier, Essay­ist und Lite­ra­tur­ver­mitt­ler in Wien. Er ist unter ande­rem Grün­der der Lite­ra­tur­platt­form readme.cc und künst­le­ri­scher Lei­ter der Euro­päi­schen Lite­ra­tur­ta­ge. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Som­mer ohne Abschied (Hay­mon, 2019). Bei dem hier abge­druck­ten Text han­delt es sich um einen Aus­zug aus dem Roman Die Wand­lung, der Anfang Sep­tem­ber bei Hay­mon erschie­nen ist.

Wal­ter Grond: Die Wand­lung
Roman. Hay­mon Ver­lag, Inns­bruck – Wien 2026
432 Sei­ten, € 26,90 (D) / € 26,90 (A)

Online seit: 12. Sep­tem­ber 2026

Zuletzt geän­dert: 12. Sep. 2026