Der Künstler und sein Content

Noti­zen zum Roman Die Wand­lung.
Wal­ter Grond

Vor gut fünf­zehn Jah­ren riet mir Mar­le­ne Stre­eru­witz, den Gro­ßen Gats­by von F. Scott Fitz­ge­rald aufs Neue zu lesen und dar­auf­hin die Idee, die mei­nem Roman Der Sol­dat und das Schö­ne zugrun­de lag, noch­mals auf­zu­grei­fen und einen zwei­ten Künst­ler­ro­man zu schrei­ben.

Walter Grond © Auftragsfoto Sappert

Wal­ter Grond: Ich fing an, die Idee des Schrift­stel­lers als Hüters und Wäch­ters der Frei­heit zu bezwei­feln. Foto: © Auf­trags­fo­to Sap­pert

Mein Roman Der Sol­dat und das Schö­ne war 1998 erschie­nen und hat­te sich mit einer bestimm­ten Vor­stel­lung von Künst­ler­tum beschäf­tigt, die beson­ders in der Avant­gar­de jener Zeit ver­brei­tet war. Die­se Idee erklär­te den Künst­ler zum ide­al­ty­pisch frei­en Men­schen in der Moder­ne. Dabei spiel­te der Unort des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts – Welt­krieg und Shoa – eine ent­schei­den­de Rol­le. In der Leer­stel­le von Welt­krieg und Shoa exis­tier­te kei­ne Kunst, die für einen moder­nen Künst­ler die­sen Namen ver­dien­te, und so bestand die Moder­ne ins­ge­samt aus einer Vor­kriegs- und einer Nach­kriegs­mo­der­ne, die Kunst und Lite­ra­tur umkreis­ten den Unort. Der moder­ne Künst­ler ermäch­tig­te sich zum Auf­klä­rer, inso­fern tan­gier­te er das Unsag­ba­re der Shoa und ver­stand er sich als mora­li­sche Insti­tu­ti­on. Er war eine Art uto­pi­scher Mensch.

Mich fas­zi­nier­ten damals zwei Roma­ne in die­sem Span­nungs­feld von Vor­kriegs- und Nach­kriegs­mo­der­ne: Das Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann von James Joy­ce aus dem Jahr 1916 und Das Por­trät des Künst­lers als Affe von Michel Butor aus dem Jahr 1967. Bei­de han­del­ten von Umbruch, Befrei­ung und Neu­gier­de, und bei­de spiel­ten vor dem Hin­ter­grund eines jeweils dra­ma­ti­schen Kul­tur­wan­dels, grob gesagt jenes der frü­hen Moder­ne und jenes der frü­hen Post­mo­der­ne.

Viel­leicht sind es die letz­ten Roma­ne, die heut­zu­ta­ge ent­ste­hen, viel­leicht gibt es tat­säch­lich geeig­ne­te­re For­men, unse­re Gegen­wart dar­zu­stel­len.

Mein eige­nes Schrei­ben ist bis heu­te von Roma­nen der Moder­ne wie auch der Post­mo­der­ne geprägt, und das ihnen gemein­sa­me – so ver­schie­den sie wir­ken – scheint mir zu sein, dass sie im Zeit­al­ter der Wis­sen­schaf­ten ent­ste­hen und auf die Ver­wis­sen­schaft­li­chung aller Lebens­wel­ten – wenn auch auf unter­schied­li­che Wei­se – reagie­ren.

Seit­dem ich schrei­be, emp­fin­de ich unter­schied­li­che Bewe­gun­gen des Wahr­neh­mens, Emp­fin­dens und Den­kens, wie sie uns Moder­ne und Post­mo­der­ne eröff­ne­ten, und ver­su­che, sie im Schrei­ben zuein­an­der zu füh­ren. Ein­mal gelingt dies, dann wie­der­um schei­te­re ich. Meis­tens ist es anstren­gend, und es for­dert auch dem Leser eine gewis­se Anstren­gung ab. Da ist näm­lich zum einen der Schreib­drang, vom Gefühl beglei­tet, Sät­ze wür­den aus mir her­aus­flie­ßen und Ideen zur Welt brin­gen. Und zum ande­ren ist da der Erkennt­nis­wunsch, der Wunsch zu ana­ly­sie­ren und zu ver­ste­hen. Ins­ge­samt der Wunsch nach Zeit­ge­nos­sen­schaft, der Wunsch, im Schrei­ben etwas zur Auf­klä­rung der ver­wir­ren­den Wirk­lich­keit bei­zu­tra­gen. Schreib­ver­mö­gen und Erkennt­nis­drang nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Sowohl Solip­sist als auch Auf­klä­rer zu sein.

Die Domi­nanz der Schrift

Wenn der Schrift­stel­ler der Nach­kriegs­mo­der­ne als Frei­heits­wäch­ter auf­trat, konn­te er sich auf die Lite­ra­tur als leit­kul­tu­rel­les Medi­um der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on beru­fen. Er fühl­te sich nicht nur mora­lisch unan­greif­bar, son­dern orga­ni­sier­te sich auch als eine Nach­kriegs­avant­gar­de, in Öster­reich ähn­lich wie in ande­ren euro­päi­schen Län­dern.

Ich fühl­te mich im Selbst­ver­ständ­nis eines sol­chen Lite­ra­tur­be­triebs gut auf­ge­ho­ben und ver­wirk­lich­te mich mit Pro­jek­ten in einem selbst­ver­wal­te­ten Künst­ler­zen­trum, einer Idee jener Nach­kriegs­mo­der­ne. Mit der Lek­tü­re post­mo­der­ner Phi­lo­so­phen Ende der 1980er-Jah­re begann ich aller­dings, die patri­ar­cha­le Idee des Schrift­stel­lers als Hüters und Wäch­ters der Frei­heit zu bezwei­feln. Und mich befrem­de­te mehr und mehr die Wei­ge­rung jenes Betriebs der Nach­kriegs­mo­der­ne, auf den tech­no­lo­gi­schen Wan­del in unse­rer Gesell­schaft offen und pro­duk­tiv zu reagie­ren. Dies zu einer Zeit, in der sich längst abzeich­ne­te, wie sich mit Neo­li­be­ra­lis­mus, Inter­net und Digi­ta­li­sie­rung die Vor­stel­lung von Kunst und Lite­ra­tur und damit auch der Rol­le des Künst­lers ver­än­dern wür­de. Haupt­säch­lich männ­li­che Lite­ra­tur­ak­teu­re, die die­sen Betrieb damals präg­ten, ver­leug­ne­ten das kom­men­de digi­ta­le Zeit­al­ter mit ähn­li­cher Inten­si­tät, mit der sie gegen die post­fa­schis­ti­sche Nach­kriegs­welt Wider­stand geleis­tet hat­ten und für die Moder­ne streit­bar gewe­sen waren.

Digi­ta­le Medi­en

Um die Jahr­tau­send­wen­de begann ich mit Gleich­ge­sinn­ten, im Inter­net lite­ra­risch zu expe­ri­men­tie­ren. Ich arbei­te­te an einem euro­päi­schen Lite­ra­tur- und Medi­en-Pro­jekt mit, mach­te Erfah­run­gen mit der Redak­ti­on kom­ple­xer Inter­net­ap­pli­ka­tio­nen, mit Manage­ment, EDV-Lösun­gen und leser­ori­en­tier­ten Kul­tur­stra­te­gien. Ich ver­stand die kol­la­bo­ra­ti­ven Pro­jek­te im ers­ten Jahr­zehnt des neu­en Jahr­tau­sends nicht als Ablö­sung, son­dern als Erwei­te­rung des lite­ra­ri­schen Schrei­bens. So wie ein Jahr­zehnt zuvor viel von der Selbst­er­mäch­ti­gung des Autors die Rede gewe­sen war, war nun von der Selbst­er­mäch­ti­gung des Lesers die Rede.

Ein wei­te­res Moment kam hin­zu. Die tech­ni­sche Ver­net­zung führ­te mich zum euro­päi­schen Den­ken. Um ein Wort von Octa­vio Paz auf­zu­grei­fen, inter­es­sier­te ich mich nun für die Ver­bin­dun­gen und Tren­nun­gen zwi­schen Kul­tu­ren und Men­ta­li­tä­ten. Ent­lang von Digi­ta­li­sie­rung, Media­li­sie­rung und Libe­ra­li­sie­rung hat­te sich eine neue Welt für mich auf­ge­tan. Ihre Logik ist eine ande­re als die des Künst­lers als Ord­nungs­hü­ter. Die­se neue, von Ver­wis­sen­schaft­li­chung und von Manage­ment-Logik gepräg­te Welt beschäf­tigt sich mit opti­mier­ten Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­sen, also mit dem, was man unter Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ver­steht. Sie ist inhalt­lich zunächst neu­tral und ver­sach­licht den Men­schen zum Kun­den. Sie ermäch­tig den Leser und Kunst­lieb­ha­ber zum User, und beschäf­tigt sich mit Kun­den­ori­en­tie­rung und Kun­den­bin­dung. In ihr geht es nicht um Frei­heit, son­dern um Zufrie­den­heit. Sie schafft neue Berufs­fel­der, vom Kul­tur­ma­na­ger bis zum Kunst­ver­mitt­ler.

Mir selbst ermög­lich­te die­se Welt ein neu­es und ver­än­der­tes Arbeits­feld. Seit 2012 bin ich in einem Kul­tur­be­trieb beschäf­tigt, der Fes­ti­vals, Klang­in­stal­la­tio­nen, Aus­stel­lun­gen und ein Kino orga­ni­siert, erfolg­reich Publi­kum gene­riert und Kunst­ver­mitt­lung mit hohen pro­fes­sio­nel­len Stan­dards betreibt. Mir sind die Ideen von Pro­dukt- und Pro­zess­ma­nage­ment nicht fremd, nicht die Dok­trin von Opti­mie­rung und Selbst­op­ti­mie­rung. Nicht die Digi­ta­li­sie­rung von Pla­nung, Orga­ni­sa­ti­on, Ver­wal­tung und Ver­wer­tung einer Bench­mark-Kul­tur, in der die Kunst haupt­säch­lich sol­che Inhal­te bei­steu­ert, die dem Kun­den­be­dürf­nis ent­spre­chen und zur Kun­den­bin­dung tau­gen.

Baby­boo­mer

Vor eini­gen Jah­ren fiel mir ein kur­zes Inter­view zum The­ma Baby­boo­mer auf, oder war es ein kur­zer Text, ich weiß nicht mehr, in wel­chem Medi­um. Es han­del­te sich um einen ein­zi­gen Satz, der mich auf­wühl­te und die Idee in mir aus­lös­te, einen Roman über den gegen­wär­ti­gen Zei­ten­wan­del zu schrei­ben. Es muss 2018 oder 2019 gewe­sen sein, in den Jah­ren, in denen eine fast hys­te­ri­sche Hast in der Kul­tur­welt umging. Ein bis­her nur weni­gen vor­be­hal­te­ner Lebens­stil war schein­bar mas­sen­taug­lich gewor­den. Selbst Schü­ler und jun­ge Stu­den­ten began­nen sich lau­fend Smart­phones und Tablets zu kau­fen, und flo­gen am Wochen­en­de nach Bar­ce­lo­na oder Lon­don. Alles dreh­te sich um das unbe­grenz­te Kon­sum- und Ver­gnü­gungs­le­ben für alle.

Das mate­ri­el­le wie auch men­ta­le Zen­trum die­ses Lebens­stils ist das Smart­phone. Der Neo­li­be­ra­lis­mus tri­um­phier­te. Und eben­so dyna­misch und sicht­bar ver­schaff­ten sich Gegen­be­we­gun­gen wie Fri­days for Future, LGBTIQ+, Woke­ness oder Iden­ti­täts­po­li­ti­ken via Social Media glo­ba­le Auf­merk­sam­keit. In die­sen Jah­ren präg­te der digi­ta­le Waren-Para­dies-Korb von Ama­zon, Net­flix, AirBNB und Bil­ligst­flü­gen eben­so das Den­ken wie der Wider­stand gegen die Wachs­tums­lo­gik des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und gegen patri­ar­cha­le wie kolo­nia­le Ord­nun­gen. Schier alles soll­te mög­lich wer­den, das ewi­ge Leben in greif­ba­re Nähe rücken oder in einem ein­zi­gen bestaun­ten Infer­no ver­sie­gen. Die Welt schien jeden­falls eine Welt der Super­la­ti­ve zu sein.

In der Atmo­sphä­re die­ser Jah­re las oder hör­te ich jeden­falls, die Baby­boo­mer hät­ten in einem hal­ben Men­schen­le­ben so vie­le Ver­än­de­run­gen mit­er­lebt wie noch nie eine Gene­ra­ti­on in der Mensch­heits­ge­schich­te zuvor. Die­ser Satz wühl­te mich der­ma­ßen auf, dass ich einen Roman über die Zei­ten­wen­de schrei­ben woll­te. Ich bin ein Baby­boo­mer, und ich hat­te in die­sen über­hitz­ten Jah­ren von 2018 oder 2019 ohne­hin immer öfter und schmerz­haf­ter fest­ge­stellt, dass es mir kaum noch gelang, mei­ne Kind­heits­er­zäh­lun­gen aus den 1960er-Jah­ren jun­gen Men­schen ver­ständ­lich zu machen.

Die­ser Satz über die Baby­boo­mer öff­ne­te mir die Augen für den Riss in der Zeit, den ich schon seit lan­gem spür­te. Ich frag­te mich, ob der gegen­wär­ti­ge Zei­ten­wan­del als eine Geschich­te des Unver­ständ­nis­ses, was die­se Lee­re betrifft, erzähl­bar wäre. Und ich erin­ner­te mich an den Vor­schlag von Mar­le­ne Stre­eru­witz, noch­mals einen Künst­ler­ro­man zu schrei­ben. Für mich hieß das nun, bei­spiel­haft über Ver­wand­lung des Men­schen in der digi­ta­len Revo­lu­ti­on zu schrei­ben.

Tou­ris­mus

In die­sen Jah­ren 2018 oder 2019, knapp vor der glo­ba­len Coro­na-Pan­de­mie, nahm ich den Kul­tur-Kunst-Betrieb sehr wider­sprüch­lich wahr. Zum einen hat­te sich die Bedeu­tung und die Orga­ni­sa­ti­on von Kunst gegen­über den 1990er-Jah­ren radi­kal ver­än­dert. Es war ein impo­san­ter kul­tu­rel­ler Dienst­leis­tungs­be­trieb ent­stan­den, der sich mehr und mehr an Wer­tig­kei­ten von Tou­ris­mus und Bil­dung ori­en­tier­te. Die Vor­stel­lung von Frei­heit hat­te sich ver­än­dert. Nicht mehr die Frei­heit der Kunst, son­dern ihr Nut­zen für tou­ris­ti­sche und bil­dungs­po­li­ti­sche Zie­le rück­te in den Mit­tel­punkt. Nicht mehr die Los­lö­sung von Zwän­gen, son­dern das Ein­bin­den in Ver­wer­tungs­kreis­läu­fe bestimm­te nun, was mit Frei­heit gemeint sein soll. Nicht mehr das Kunst­werk, son­dern das Manage­ment sei­ner Ver­wer­tung präg­te die Vor­stel­lung, was unter Qua­li­tät zu ver­ste­hen ist.

Es ging um Wachs­tum, um Wett­be­werb, der in mei­nen Augen zum dro­hen­den Over­kill von Ange­bo­ten füh­ren muss­te. So wur­den, zum Bei­spiel, mehr Bücher publi­ziert als je zuvor. Die Akteu­re des neu­en Kul­tur­be­triebs han­del­ten so, als gäbe es kein Mor­gen und als wären die Mit­tel und Mög­lich­kei­ten unbe­grenzt. Und so wun­der­te ich mich zum ande­ren, dass nur weni­ge Akteu­re die­ses Betrie­bes die kom­men­de Kri­se wahr­neh­men woll­ten. Zwar wie­sen Stu­di­en auf das ver­än­der­te Kul­tur­ver­hal­ten von Men­schen unter vier­zig hin. Auf den neu­en Hin­ter­grund digi­ta­ler Ange­bo­te, Mul­ti­me­dia, Strea­ming, Social Media. Auf die Macht der glo­ba­len Medi­en­kon­zer­ne, und auf die Mono­po­le weni­ger Medi­en­mo­gu­le, deren Platt­for­men und Algo­rith­men die Lebens­ent­wür­fe ihrer Kun­den ver­än­der­ten. Auf die Muta­ti­on des Kon­sum­ver­hal­tens, des per­sön­li­chen Zeit­manage­ments und des Ver­ständ­nis­ses von Ver­bind­lich­keit und Ver­ant­wor­tung.

Zei­ten­wen­de

In die­sem schier unauf­halt­sa­men neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus und sei­ner Super­kon­su­men­ten hat­te die Kunst ihre zen­tra­le Bedeu­tung ver­lo­ren. In die­sen Jah­ren 2018 oder 2019 reif­te in mir die Idee für einen Roman, der sich mit die­ser so schwer fass­ba­ren Zei­ten­wen­de aus­ein­an­der­setzt. Ich woll­te die unge­heu­re Trans­for­ma­ti­on der gesam­ten Zivi­li­sa­ti­on wäh­rend eines hal­ben Men­schen­le­bens ver­ste­hen ler­nen. Der Hin­weis auf den Gro­ßen Gats­by half mir, dafür eine Form zu fin­den. Bril­lant, wie Fitz­ge­rald das Cha­os einer Gesell­schaft in einer tur­bu­len­ten Umbruch­zeit an einer ein­zel­nen Per­son fest­ge­macht hat­te. Jay Gats­by ver­kör­pert die Wider­sprüch­lich­keit des ame­ri­ka­ni­schen Traums in den 1920er-Jah­ren. Er ist weder Held noch Anti­held, er ist ein Auf­stei­ger, ein Par­venu, dem schein­bar alles zu Füßen liegt. Er ver­liebt sich in eine für ihn uner­reich­ba­re Frau und will sich einen Platz in deren Welt der Rei­chen und Schö­nen erkau­fen. Gats­by ist weder gut noch böse, ein Self­made­man, der den kapi­ta­lis­ti­schen Traum lebt, ein Opti­mist, der nie errei­chen wird, was er erträumt, und trotz­dem unver­dros­sen han­delt. Er ist kri­mi­nell und doch nicht amo­ra­lisch, ein Auf­schnei­der, der ein­sam blei­ben muss. Er ist wie die Zeit, in der er lebt. Viel­leicht eine tra­gi­sche Figur, und doch kei­ne, mit der man sich iden­ti­fi­zie­ren möch­te. Er ist wie die Zei­ten­wen­de, die tur­bu­lent und viel­ver­spre­chend wirkt und doch eine uner­mess­li­che Lee­re in ihren Prot­ago­nis­ten hin­ter­lässt.

Davon inspi­riert, ver­ge­gen­wär­tig­te ich mir den Künst­ler als ide­al­ty­pi­schen Men­schen der Frei­heit der Nach­kriegs­mo­der­ne und frag­te mich, wie sei­ne Ver­wand­lung zum Con­tent­bei­trä­ger der heu­ti­gen glo­ba­len Medi­en- und Unter­hal­tungs­in­dus­trie vor sich ging. Ich frag­te mich, wie ich die gegen­wär­ti­ge Zei­ten­wen­de an einer ein­zel­nen Per­son fest­ma­chen könn­te, an einem Roman­men­schen, in des­sen Geist sich die­ser gan­ze Wan­del wäh­rend eines hal­ben Men­schen­le­bens ein­ge­gra­ben hat.

Ich selbst bin ein Baby­boo­mer, jemand, der in sei­ner Jugend der ver­lorenen Gene­ra­ti­on zuge­rech­net wor­den war, und der nun in die­sen Jah­ren von 2018 und 2019 als alter wei­ßer Mann für die Zukunfts­lo­sig­keit des mensch­li­chen Lebens auf der Erde ver­ant­wort­lich gemacht wur­de.

Ich dach­te mir daher das Cha­mä­le­on­syn­drom aus, eine Art patho­lo­gi­sches Schwan­ken mei­ner Roman­fi­gur zwi­schen alten und neu­en Wahr­neh­mun­gen der Wirk­lich­keit. Die­se Roman­fi­gur, die sich selbst Gia­co Gatz nennt, soll­te den Über­gang zusam­men­fas­sen vom ana­lo­gen Men­schen, wie er noch in den 1990er-Jah­ren vor­ge­herrscht hat­te, in den digi­ta­len Men­schen, der sich heu­te  gern selbst als Digi­tal Nati­ve bezeich­net.

Wer erzählt

Als ich im Früh­jahr 2020 zu schrei­ben begann, wur­de gera­de der ers­te Coro­na-Lock­down ver­kün­det. Ich beschloss, die gesam­te Geschich­te mei­nes Roman­men­schen Gia­co Gatz von 1984 bis 2020 genau zu die­sem Zeit­punkt des ers­ten Lock­downs erzäh­len zu las­sen und mei­nen bei­den Erzäh­lern, Nick Küm­mel und Jakob Gas­s­mann, dadurch den Ein­blick zu ver­weh­ren, der sich erst nach der Coro­na Pan­de­mie bie­ten wür­de. Die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf die Geschich­te die­ses Gia­co Gatz als ein eben­so wich­ti­ges Moment zu betrach­ten wie den Zeit­punkt, da die­se bei­den Erzäh­ler ihre Geschich­ten nie­der­schrei­ben. Die Kri­sen unse­rer Gegen­wart nicht an der Pan­de­mie fest­zu­ma­chen, wie es wäh­rend der Lock­downs oft getan wur­de. Sowie alles Erzähl­te nur ein Aus­schnitt sein kann, soll­te der Blick dar­auf­hin geschärft wer­den, wann sich gegen­wär­ti­ge Ereig­nis­se bereits ange­kün­digt hat­ten.

Par­al­lel dazu schrieb ich selbst einen Text, eine Art Glos­sar zur Geschich­te des Gia­co Gatz. Die­ses Glos­sar umfasst, was im Zeit­raum von 2020 bis etwa 2024 gewusst wer­den konn­te, und ist nach hin­ten offen. Die­ser drit­te Teil des Romans trägt den Titel Wör­ter­buch der Gemein­plät­ze 2.0. Mei­ne Bezug­nah­me auf Gust­ave Flau­berts Jahr­hun­dert­werk Bou­vard und Péchu­chet ist eine Hom­mage an die unfass­ba­re Weit­sicht Flau­berts. An sei­ne Weit­sicht, mit der er im spä­ten 19. Jahr­hun­dert die Anglei­chung von Wis­sen­schaft und Lite­ra­tur nicht nur vor­aus­sah, son­dern für die­se Fusi­on auch eine gül­ti­ge Form ent­wi­ckel­te. Das zu sei­nen Leb­zei­ten nicht erschie­ne­ne Werk bestand unter ande­rem  aus dem Wör­ter­buch der Gemein­plät­ze und nahm im Grun­de das Schrei­ben im Inter­net vor­weg.

Ich beglei­te­te nun mei­ne bei­den Erzäh­ler Nick Küm­mel und Jakob Gas­s­mann mit einem Glos­sar von Begrif­fen des Neu­sprechs und des Alt­sprechs. Ich ver­such­te, dann und wann mit Abstand das eine und ande­re gefal­le­ne Wort von Küm­mel und Gas­s­mann zu kom­men­tie­ren. Und mach­te mich an eine Erzähl­ar­chi­tek­tur des Romans, in der sich der Roman selbst als die gül­ti­ge Dar­stel­lungs­form unse­rer Epo­che in Fra­ge stellt. Viel­leicht sind es die letz­ten Roma­ne, die heut­zu­ta­ge ent­ste­hen, viel­leicht gibt es tat­säch­lich geeig­ne­te­re For­men, um unse­re Gegen­wart dar­zu­stel­len, viel­leicht ist der Roman eine sen­ti­men­ta­le Erin­ne­rung aus einem Zeit­al­ter vor dem Welt­reich der Algo­rith­men. Vom gegen­wär­ti­gen Zei­ten­wan­del erzäh­len konn­te ich ohne­hin nur aus der Per­spek­ti­ve eines ana­lo­gen Men­schen, der ver­sucht, den Blick nach vor­ne zu rich­ten. Inso­fern ist der Roman mei­ne gül­ti­ge Form geblie­ben.

 

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Wal­ter Grond, gebo­ren 1957 in Mau­tern, lebt als Roman­cier, Essay­ist und Lite­ra­tur­ver­mitt­ler in Wien. Er ist unter ande­rem Grün­der der Lite­ra­tur­platt­form readme.cc und künst­le­ri­scher Lei­ter der Euro­päi­schen Lite­ra­tur­ta­ge. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Som­mer ohne Abschied (Hay­mon, 2019). Der hier erwähn­te Roman Die Wand­lung erscheint im Sep­tem­ber.

Wal­ter Grond: Die Wand­lung.
Roman. Hay­mon, Inns­bruck 2026.
432 Sei­ten, € 26,90 (D) / € 26,90 (A).

Online seit: 28. August 2028

Zuletzt geän­dert: 28. Aug. 2026