Die Endlichkeit des Textes

Von Tho­mas Hett­che

Fast schon kön­nen wir es uns nicht mehr vor­stel­len, was es die aller­meis­te Zeit, seit es Bücher gibt, hieß, eines auf­zu­schla­gen. Wir sind dabei, zu ver­ges­sen, dass die Welt ein­mal Natur war, und Natur ist sprach­los. Heu­te, da wir uns – immer umge­ben von Wör­tern, Bil­dern, Musik – anschi­cken, ganz und gar selbst Teil der digi­ta­len Welt zu wer­den, wie wir bis­her nur Teil der Natur waren, ist höchst frag­lich, was mit der Lite­ra­tur gesche­hen wird. Denn deren Magie bestand seit Jahr­tau­sen­den dar­in, Spra­che in der Stil­le zu sein.

Eine Ant­wort auf die­se Fra­ge geben ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach all die zukunfts­gläu­bi­gen und tech­nik­af­fi­nen lite­ra­ri­schen Blogs, Mit­schreib­pro­jek­te und Selbst­pu­bli­shing-Platt­for­men im Inter­net, die bei allen Unter­schie­den eines aus­zeich­net: Ihre Uto­pie von Lite­ra­tur ist immer die eines unend­li­chen Tex­tes. Unend­lich vie­le Geschich­ten sol­len inein­an­der­grei­fen, Schrei­ben und Über­schrei­ben, Text und Kom­men­tar, Autor und Leser sol­len durch die Mög­lich­kei­ten der Tech­nik eins wer­den.

All die Jahr­hun­der­te, die es die­sen Traum von der Enzy­klo­pä­die schon gibt, gibt es auch ihren Gegen­ent­wurf: das hei­li­ge Buch.

Wir befin­den uns in einer media­len Trans­for­ma­ti­on unse­rer Lebens­welt, die die­se Vor­stel­lung von Lite­ra­tur vehe­ment ins Recht zu set­zen, ja sie zur ein­zig adäqua­ten zu machen scheint, wes­halb zumeist über­se­hen wird, dass das, was sich hin­ter die­ser Ästhe­tik ver­birgt, viel älter ist als die media­len Umbrü­che, in denen wir ste­hen. Ihr Anspruch ist, kurz gesagt, ein enzy­klo­pä­di­scher. Sei­te für Sei­te ins Unend­li­che wach­send, sehnt die Enzy­klo­pä­die sich seit je danach, die gan­ze Welt abzu­bil­den. Das Pro­blem aber die­ser Sehn­sucht ist eben­so alt wie das Lexi­kon selbst: Wäre es so unend­lich wie die Welt, wäre es nicht mehr benutz­bar. Bor­ges hat die­se Apo­rie immer wie­der klaus­tro­pho­bisch aus­ge­malt. Die Kar­te, die so groß ist wie das Land, legt sich wie ein Lei­chen­tuch über die Schöp­fung und erstickt all das Leben, das sie doch abbil­den will.

All die Jahr­hun­der­te, die es die­sen Traum von der Enzy­klo­pä­die schon gibt, gab es auch ihren Gegen­ent­wurf, der zudem älter ist: das hei­li­ge Buch. Es zeich­net alle hei­li­gen Tex­te aller Kul­tu­ren aus, die Unend­lich­keit der Schöp­fung eben nicht in einem unend­li­chen, son­dern in einem strikt begrenz­ten Kor­pus von Sät­zen abbil­den zu wol­len. Ihr Zau­ber liegt gera­de nicht in der Addi­ti­on. Statt Rech­ner­leis­tung, Cloud-Ver­net­zung, einer rie­si­gen Zahl von Bei­trä­gern bestimmt sie der Glau­be, dass in einem ein­zi­gen Satz