Textverarbeitung: Ronya Othmann

Prä­gen­de Lek­tü­ren deutsch­spra­chi­ger Autorin­nen und Autoren – Teil 14

Tex­te wer­den nicht nur, aber auch aus Tex­ten gemacht. Was einer gele­sen hat, beein­flusst, wie er schreibt, mög­li­cher­wei­se sogar, wie er lebt: Lesen, Schrei­ben, Leben sind For­men von Text­ver­ar­bei­tung. VOLLTEXT hat deutsch­spra­chi­ge Autorin­nen und Autoren um Lis­ten jener Bücher gebe­ten, die ihr Leben und Schrei­ben geprägt haben.

Jede Lis­te kommt einem rasch hin­ge­wor­fe­nen, skiz­zen­haf­ten Selbst­por­trät als Leser bezie­hungs­wei­se Lese­rin gleich. In der Zusam­men­schau, am Ende der Serie, machen die gesam­mel­ten Lese­lis­ten das inter­tex­tu­el­le Hin­ter­grund­rau­schen unse­rer Gegen­warts­li­te­ra­tur erahn­bar. Eine Lis­te aller bis­her erschie­ne­nen Bei­trä­ge fin­det sich auf volltext.net.

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Her­ta Mül­ler: Der Mensch ist ein gro­ßer Fasan auf der Welt
Ich kann mich dar­an erin­nern, wie alt war ich damals, vier­zehn? – dass die Leh­re­rin, die die Krea­ti­ves Schrei­ben-AG lei­te­te, ein­mal die Gedich­te-Col­la­gen von Her­ta Mül­ler mit­brach­te. Als ob ich danach gesucht hät­te, ohne es zu wis­sen. So eine schmerz­haft genaue Spra­che! Die nächs­ten Jah­re ver­brach­te ich damit, so ziem­lich alles zu lesen, was Her­ta Mül­ler geschrie­ben hat, und nicht nur ein­mal. Bis heu­te kom­me ich immer wie­der zu die­sen Tex­ten zurück, einer davon ist die Erzäh­lung Der Mensch ist ein gro­ßer Fasan auf der Welt, eine schma­le Erzäh­lung vol­ler ste­chen­der Bil­der. Die Geschich­te der Fami­lie Win­disch im Rumä­ni­en unter Ceaușes­cu, die auf ihre Aus­weis­pa­pie­re war­tet, um in den Wes­ten zu gehen.

Frie­de­ri­ke May­rö­cker: und ich schüt­tel­te einen Lieb­ling
Lyri­sche Pro­sa oder pro­sa­ische Lyrik, Hom­mage, Gespräch, Gesang, in jedem Fall berau­schend, die­se Ver­schrift­li­chung des Lebens. Ich weiß nicht, wann ich May­rö­cker das ers­te Mal gele­sen habe und wo, ver­mut­lich in einer Lyri­kan­tho­lo­gie oder viel­leicht hat­te ich mir auch ein­mal einen Band in der Biblio­thek aus­ge­lie­hen, als Teen­ager, ich tas­te­te mich lang­sam her­an, aber ste­tig und immer wie­der. Heu­te kommt es mir vor, als wäre sie schon immer da gewe­sen.

Vir­gi­nia Woolf: Mrs Dal­lo­way
Wo die Spra­che geschlif­fe­nes Holz ist oder polier­ter Stein, ist sie bei Vir­gi­nia Woolf leben­dig, ein Orga­nis­mus, kom­plex. Und so kann ich nicht auf­hö­ren, sie zu betrach­ten, hole sie immer wie­der her­vor, eine Erzäh­lung, einen Roman nach dem ande­ren. Mrs Dal­lo­way, bei­spiels­wei­se, der eine Tag im Juni 1923, Cla­ris­sa Dal­lo­way berei­tet sich auf eine Abend­ge­sell­schaft vor. Damit wäre der Roman noch lan­ge nicht beschrie­ben. Vir­gi­nia Woolf ist eine der Autorin­nen, die zu lesen ich nie fer­tig wer­de.

Geor­ges Arthur Gold­schmidt: Die Abson­de­rung
Die Erzäh­lung einer Flucht aus Deutsch­land 1939, die Ankunft in einem Kin­der­heim in den Savoy­er Alpen, dann Unter­schlupf bei einem Bau­ern, schließ­lich ins Inter­nat. Das Heim­weh, die Quä­le­rei­en und die stän­di­ge Bedro­hung durch die Deut­schen, erzählt in einer Spra­che, die wie das Licht ist, das durch die belaub­ten Bäu­me auf die Stra­ße fällt, schlaf­wan­delnd, wie ein schwe­rer Stein am Grund eines dunk­len Sees.

Bach­tyar Ali: Mein Onkel, den der Wind mit­nahm
Oft wer­den die Roma­ne Bach­tyar Alis mit dem Magi­schen Rea­lis­mus beschrie­ben. Aber ich den­ke, das trifft es nicht ganz. Viel­mehr ist es umge­kehrt, ver­rückt ist nicht die Pro­sa Alis, ver­rückt ist die Welt, die sie beschreibt. Mein Onkel, den der Wind mit­nahm erzählt von Djamsch­id Khan, der in Sad­dams Fol­ter­ge­fäng­nis so dünn gewor­den ist, dass ihn eines Tages ein Wind­stoß erfasst und über die Mau­ern des Gefäng­nis­ses trägt. Bach­tyar Ali hat ein­mal gesagt: „Das Pro­blem ist, die Katas­trophe ist bei uns so groß, dass sie uner­zähl­bar gewor­den ist. Als Schrift­stel­ler habe ich immer ver­sucht, die Kata­stro­phe, all die­ses Unglück erzähl­bar zu machen.“

Char­lot­te Bron­të: Jane Eyre
Als Teen­ager gele­sen, voll Schmerz, Lan­ge­wei­le und Sehn­sucht, alles in die­sem Roman gefun­den. Eben­so in dem Roman ihrer Schwes­ter, Sturm­hö­he. Ich las sie kurz hin­ter­ein­an­der.

Irm­gard Keun: Das kunst­sei­de­ne Mäd­chen
Ein Buch, zu dem ich wie­der zurück­ge­kom­men bin, nach eini­gen Jah­ren, und wie­der zurück­kom­men wer­de, da bin ich mir sicher. Die­se klin­gen­de Spra­che, die­ser Witz, die­se bis­si­ge Genau­ig­keit. Zum Nie­der­knien!

Swet­la­na Alex­ei­je­witsch: Der Krieg hat kein weib­li­ches Gesicht
Ein doku­men­ta­ri­scher Roman vom Krieg, in dem das gesagt wird, was meist ver­schwie­gen wird, anein­an­der mon­tier­te Inter­views, ein gewal­ti­ges Buch. Eines die­ser Bücher, aus dem man anders her­aus­geht, als man rein­ge­kom­men ist. Nicht nur die­ses eine, auch die ande­ren, Zink­jun­gen, Second­hand-Zeit …

Else Las­ker-Schü­ler: Gedich­te
Wie alt war ich, vier­zehn, fünf­zehn, als ich die Gedich­te von Else Las­ker-Schü­ler ent­deck­te. Ich hat­te eine rote Taschen­buch­aus­ga­be ihrer sämt­li­chen Gedich­te, die ich jeden Tag mit mir her­um­trug. Ich las sie unter der Schul­bank, im Bus, wäh­rend ich Haus­auf­ga­ben machen soll­te, nachts wenn ich nicht schla­fen konn­te. Ich lern­te sie aus­wen­dig, leg­te sie eigent­lich nicht mehr aus der Hand. Ihre Gedich­te sind wie Lie­der, sie schrei­ben sich ein.

 

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Ronya Oth­mann, gebo­ren 1993 in Mün­chen, lebt als Schrift­stel­le­rin und Jour­na­lis­tin in Leip­zig. Zuletzt erschien der Roman Vierund­siebzig.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2024 – 28. Juni 2024

Online seit: 22. Juli 2024

Online seit: 22. Juli 2024

Zuletzt geän­dert: 24. Juli 2024