„Es ist eigentlich ein Wunder, dass ich meine Kindheit überlebt habe“

Swet­la­na Ale­xi­je­witsch über ihre frü­hen Jah­re in der Ukrai­ne, den Krieg und die Men­ta­li­tät in den Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on. Von Cor­ne­li­us Hell
Swetlana Alexijewitsch © Alexander Wienerberger

Char­kiw, 1933: Ukrai­ni­sche Bau­ern ver­hun­gern wäh­rend des Holo­do­mor auf den Stra­ßen. Foto: Alex­an­der Wie­ner­ber­ger

 

CORNELIUS HELL Sie sind in Iwa­no-Fran­kiwsk in der West­ukrai­ne gebo­ren – wie hat die­se Welt aus­ge­se­hen, was sind Ihre ers­ten Erin­ne­run­gen?

SWETLANA ALEXIJEWITSCH Ja, ich bin in Iwa­no-Fran­kiwsk zur Welt gekom­men, denn mein Vater war Tech­ni­ker auf einer Mili­tär-Basis. Mei­ne Mut­ter war Ukrai­ne­rin, aber aus einer ande­ren Gegend. Es ist eigent­lich ein Wun­der, dass ich mei­ne Kind­heit über­lebt habe. Ich war sehr schwach, hat­te Rachi­tis und war dem Tod nahe. Die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung stand uns abwei­send gegen­über, sie hass­ten alles, was mit der Sowjet­uni­on zusam­men­hing. Man konn­te kei­ne Nah­rungs­mit­tel bekom­men, weil die Men­schen sie einem sowje­ti­schen Offi­zier nicht ver­kau­fen woll­ten. Als mein Vater nicht wuss­te, wie er mich ret­ten soll­te, ging er zu einem Frau­en­klos­ter in der Nähe und sag­te zur Äbtis­sin: „Sie sind ein gläu­bi­ger Mensch, mein Kind wird ster­ben, bit­te hel­fen Sie uns!“ Die Äbtis­sin dach­te lan­ge nach und sag­te: „Sie kom­men bes­ser nicht mehr hier­her, aber