Die Reaktionsmaschine
Etwas schien in der Welt nicht mehr zu stimmen. Nachdem ein junger Literaturstudent im Jahr 1999 gemeinsam mit seinem Freund ein Internetforum gehackt hatte, veränderte sich seine Wahrnehmung radikal. Sein Denken führte kaskadenartig zu paranoiden Gedankengebäuden, die auf Trugschlüssen und Halbwahrheiten beruhten. In diesem psychotischen Zustand wirkte es auf ihn, als hätten sich die Foren der sozialen Medien umgestülpt, ihre digitale Rahmung gesprengt und sich auf die Straßen, Plätze und Häuser Berlins ausgeweitet. Sie schienen hier wie dort menschenverachtende Tribunale zu bilden, die ihn erbarmungslos verurteilten. Eine gigantische „Reaktionsmaschine“, so seine Vermutung, sei der Auslöser der Beschimpfungen und Beleidigungen.
Mit dieser bemerkenswerten Geschichte führt Thomas Melle in seiner viel beachteten Autofiktion Die Welt im Rücken (2016) in die Erzählbarkeit einer psychischen Störung. Sein Begriff „Reaktionsmaschine“ greift ein Beschreibungsvokabular auf, das in den letzten Jahren vermehrt für die Erschließung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ausweglosigkeit gewählt wurde. In der Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaft werden soziale Medien als „Affektmaschinen“ (Reckwitz), „Pöbelmaschinen“, „kybernetische Maschinen“ (Maschewski und Nosthoff), „informationsverarbeitende Maschinen“ (Vogl), „Sozialmaschinen“ (Simanowski und Reichert) oder „Virtualitätsmaschinen“ (Serres) beschrieben. Sie triggern die Affekte der Menschen und greifen unautorisiert in politische Urteils- und Entscheidungsprozesse ein. Heute sind es große Plattformen, die die technisch-ökonomischen Infrastrukturen bereitstellen, ihre Produkte (Facebook, Instagram, X, YouTube, TikTok und andere) als soziale Medien bezeichnen und dafür kritisiert werden, Aufmerksamkeitsökonomien zu steuern und hasserfüllte Streitszenarien zu entwerfen.
Blasiertheit wird zu einer Form der Selbstsorge, die die Notwendigkeit des Reagierens außer Kraft setzt.
Jene Phänomene, die gegenwärtig unter Namen wie Shitstorm, Empörungswelle oder digitale Hate Speech
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