Die Reaktionsmaschine

Empö­rung und ästhe­ti­sche Gegen­wehr
Rupert Gade­rer

Etwas schien in der Welt nicht mehr zu stim­men. Nach­dem ein jun­ger Lite­ra­tur­stu­dent im Jahr 1999 gemein­sam mit sei­nem Freund ein Inter­net­fo­rum gehackt hat­te, ver­än­der­te sich sei­ne Wahr­neh­mung radi­kal. Sein Den­ken führ­te kas­ka­den­ar­tig zu para­no­iden Gedan­ken­ge­bäu­den, die auf Trug­schlüs­sen und Halb­wahr­hei­ten beruh­ten. In die­sem psy­cho­ti­schen Zustand wirk­te es auf ihn, als hät­ten sich die Foren der sozia­len Medi­en umge­stülpt, ihre digi­ta­le Rah­mung gesprengt und sich auf die Stra­ßen, Plät­ze und Häu­ser Ber­lins aus­ge­wei­tet. Sie schie­nen hier wie dort men­schen­ver­ach­ten­de Tri­bu­na­le zu bil­den, die ihn erbar­mungs­los ver­ur­teil­ten. Eine gigan­ti­sche „Reak­ti­ons­ma­schi­ne“, so sei­ne Ver­mu­tung, sei der Aus­lö­ser der Beschimp­fun­gen und Belei­di­gun­gen.

Mit die­ser bemer­kens­wer­ten Geschich­te führt Tho­mas Mel­le in sei­ner viel beach­te­ten Auto­fik­ti­on Die Welt im Rücken (2016) in die Erzähl­bar­keit einer psy­chi­schen Stö­rung. Sein Begriff „Reak­ti­ons­ma­schi­ne“ greift ein Beschrei­bungs­vo­ka­bu­lar auf, das in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt für die Erschlie­ßung poli­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und gesell­schaft­li­cher Aus­weg­lo­sig­keit gewählt wur­de. In der Sozio­lo­gie, Medi­en- und Kul­tur­wis­sen­schaft wer­den sozia­le Medi­en als „Affekt­ma­schi­nen“ (Reck­witz), „Pöbel­ma­schi­nen“, „kyber­ne­ti­sche Maschi­nen“ (Maschew­ski und Nost­hoff), „infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­ten­de Maschi­nen“ (Vogl), „Sozi­al­ma­schi­nen“ (Sima­now­ski und Rei­chert) oder „Vir­tua­li­täts­ma­schi­nen“ (Ser­res) beschrie­ben. Sie trig­gern die Affek­te der Men­schen und grei­fen unau­to­ri­siert in poli­ti­sche Urteils- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein. Heu­te sind es gro­ße Platt­for­men, die die tech­nisch-öko­no­mi­schen Infra­struk­tu­ren bereit­stel­len, ihre Pro­duk­te (Face­book, Insta­gram, X, You­Tube, Tik­Tok und ande­re) als sozia­le Medi­en bezeich­nen und dafür kri­ti­siert wer­den, Auf­merk­sam­keits­öko­no­mien zu steu­ern und hass­erfüll­te Streit­sze­na­ri­en zu ent­wer­fen.

Bla­siert­heit wird zu einer Form der Selbst­sor­ge, die die Not­wen­dig­keit des Reagie­rens außer Kraft setzt.

Jene Phä­no­me­ne, die gegen­wär­tig unter Namen wie Shit­s­torm, Empö­rungs­wel­le oder digi­ta­le Hate Speech