Asynchroner Freiluftspagat

Zu Punkt­lan­dung von Ute-Chris­ti­ne Krupp. Von Ralf Die­sel
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

X arbei­tet im natio­na­len Sicher­heits­ap­pa­rat, nicht ganz oben, nicht ganz unten, in bei­den Rich­tun­gen sind Mög­lich­kei­ten gege­ben. Gera­de has­tet X ins Büro, eine Dring­lich­keits­sit­zung, ein Ter­ror­akt ist ankün­digt, sein gan­zer Ein­satz ist gefragt. Wie sich her­aus­stellt, wur­de von ihm Eile ver­langt.

Neben­schau­platz: Gera­de wur­de er geschie­den, auch in sei­ner Ehe war sein gan­zer Ein­satz gefragt, doch hier kam er dem Ver­lan­gen nicht nach.

Wie er sei­nem beruf­li­chen Ein­satz eher admi­nis­tra­tiv nach­kommt, so han­delt er sein Pri­vat­le­ben ähn­lich unbe­rührt ab. Die Pri­vat­zeit spannt sich in die Ver­gan­gen­heit, in Form von Erin­ne­run­gen. Die Berufs­zeit spannt sich in die Zukunft, in Form des nächs­ten mög­li­chen Schrit­tes, kon­kre­ter jedoch in Form der Ankün­di­gung einer Kata­stro­phe. Das Lied der Zukunft, die Sym­pho­nie der Ver­gan­gen­heit, bei­des in Moll. Zwi­schen bei­den der Held, unmu­si­ka­lisch.

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X steht übri­gens so nicht im Roman. Der Held hat einen Namen, Peter Jost. So wird er immer wie­der über das gan­ze Buch genannt. Förm­lich, mit Distanz. Es könn­te ein jeg­li­cher sein, ledig­lich eine Figur steht da vor uns, ein Bild, mehr noch ein Abzieh­bild, von glat­ter Ober­flä­che, von der Art, an die nichts wirk­lich ran­kommt, der nichts wirk­lich scha­det, und von der nichts rüber­kommt. Die aber den­noch da ist.

Da hat sich die Autorin einen schwie­ri­gen Kan­di­da­ten aus­ge­sucht. Sie schrei­tet ent­schlos­sen in den Roman hin­ein, ein has­ti­ges Ope­ning, dem ein Ver­spre­chen inne­wohnt. Die Span­nung liegt jedoch bald nicht mehr auf der Hand­lung, wel­che kaum vor­an­ge­trie­ben wird, son­dern ver­la­gert sich auf die Erzähl­wei­se. Wie stellt man einen Men­schen dar, der von sei­ner Umwelt wei­test­ge­hend unbe­rührt ist und der sel­ber auch nicht berührt? Hat sei­ne Frau sich doch offen­sicht­lich genau des­halb von ihm getrennt.

Schon beim Ken­nen­ler­nen deu­tet sei­ne zukünf­ti­ge Frau auf ein Schild mit dem Schrift­zug „Lei­den­schaft“. Die­ses Schild befin­det sich in gehö­ri­ger Distanz zum Hel­den, Lei­den­schaft bleibt Schrift, die Schrift ver­bin­det nicht, es bleibt ein Wort, ein Außen, der Held bleibt unbe­rührt. Genau­so der Auf­takt des Romans, er has­tet zum Arbeits­tref­fen, ein Atten­tat ist ange­kün­digt, im nächs­ten Moment sitzt er im Büro­ses­sel – unbe­rührt. Auch sein Innen­le­ben: Es geht naht­los vom Pri­va­ten über ins Beruf­li­che, im per­ma­nen­ten Wech­sel, pau­sen­los. Eigent­lich die Anla­ge für ein gründ­li­ches Burn­out. Doch der Held: wie­der unbe­rührt.

Sein Kind­heits­freund Frank löst Gedan­ken aus, eben­so sein unbe­frie­dig­tes Ver­hält­nis zu sei­nem Vater. Doch kei­ne Kri­se, kei­ne tie­fen Gefüh­le. Ob auf dem Mond oder auf der Erde, der Abstand ist der­sel­be.

Zugu­ter­letzt erhält er noch ein eher müdes „Guten Tag“. Man könn­te noch anfü­gen: Der Rest ist Schwei­gen.

Der Held geht nicht den nicht­hel­di­schen Weg des Bart­le­by, der im Merk­wür­di­gen als Merk­wür­di­ger ver­harrt, im Still­stand ver­dich­tet. Auch geht er nicht den Weg der exis­ten­zi­el­len Kri­se, wie das die männ­li­chen Hel­den bei Mar­tin Suter gern tun. Die Autorin bricht dem Männ­lich­keits­hel­den nicht das Genick. Kein Held, kein Anti­held, kein Bart­le­by – völ­lig span­nungs­los, ohne Wider­streit. Ein Span­nungs­lo­ser in einer ange­spann­ten, ver­spann­ten, zuwei­len sogar span­nungs­ge­la­de­nen Umwelt. Doch kei­ne Spur von Neu­ro­se oder Action oder Absei­ti­gem oder Ent­wick­lung.

Die Umwelt spielt sich vor sei­nen Augen ab, auch vor sei­nem inne­ren Auge, doch nicht in ihm drin. Da geht die Autorin nicht rein, in sein Inners­tes. Da ist sicher­lich kein Wei­ter­kom­men, doch da wird es erst inter­es­sant. An die­ser Stel­le wünscht man sich mehr Lei­den­schaft der Autorin für ihren Hel­den, für ihre Figu­ren all­ge­mein. Selbst wenn aus ihm nichts raus­zu­ho­len ist: Wel­che Aus­wir­kun­gen hat genau das auf sein Umfeld, wel­che Kata­stro­phen löst das aus, was rich­tet er an, wel­che Aus­wüch­se hat das? Doch das Innen­le­ben der Ex-Frau, der Kin­der, der Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen, letzt­end­lich auch der Gesell­schaft, selbst in der Bedro­hungs­si­tua­ti­on, wird nur von außen betrach­tet. Damit glückt der Autorin ein Rück­schluss zum gesell­schaft­li­chen Pro­blem des Unbe­rührt-Seins, des Selbst­be­züg­li­chen. Da schließt sich erzäh­le­risch der Kreis. Doch da bleibt eine Mög­lich­keit unge­nutzt.

Der Tief­gang, den der Held nicht hat, den man also gar nicht beschrei­ben kann, der muss an ande­rer Stel­le aus­ge­lo­tet wer­den. Was rich­tet das admi­nis­tra­tiv For­mel­haf­te an, wenn es schon in uns ein­ge­drun­gen ist? Hier bleibt eine Leer­stel­le.

Und hier­an mögen sich die Geis­ter schei­den. Der Autorin ent­glei­tet der Roman nicht, Form und Inhalt sind stark ver­schränkt. Von der Kom­po­si­ti­on her eher kam­mer­mu­si­ka­lisch. Eine viel­ver­spre­chen­de erzäh­le­ri­sche Hin­ga­be. Klug. Jetzt noch die Lei­den­schaft für die Figu­ren.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023