Gestern und Übermorgen oder Geschichte einer Geschichte

Von Peter Ros­ei. Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur
Peter Rosei © Gabriela Brandenstein

Peter Ros­ei. Foto: Gabrie­la Bran­den­stein

Einen gro­ben Plan habe ich schon: Tul­lio Kezich, wie der Held mei­ner in Tri­est spie­len­den Geschich­te heißt, ist Bank­an­ge­stell­ter und arbei­tet in einer Bank in der Via Roma. Ein biss­chen laut hier, weil’s im Stadt­zen­trum liegt. Die Kas­sen­hal­le, in der Tul­lio Kezich arbei­tet, ist aus der lang ver­gan­ge­nen Kai­ser­zeit: Mar­mor­säu­len, Pul­te aus Maha­go­ni, Lam­pen mit Kup­fer­schir­men – der gan­ze alte Glanz.

Vier­zig Jah­re lang hat Tul­lio sich jeden Tag von sei­ner Woh­nung in der Via Laz­z­aret­to Vec­chio auf den Weg gemacht, das ist die ers­te Par­al­lel­stra­ße zum Kai. Täg­lich, vier­zig Jah­re lang, ist Tul­lio von der Via Laz­z­aret­to Vec­chio zur Bank gegan­gen, vor­bei an der Alt­stadt, am römi­schen Amphi­thea­ter ent­lang, vor­bei an der Bör­se und über den Cor­so d’Italia.

Ehr­lich gesagt, heim­ge­gan­gen ist Tul­lio nie so direkt. Bei schö­nem Wet­ter sah er sich manch­mal ver­führt, am Cor­so Rich­tung Piaz­za Gran­de abzu­schwen­ken, einen Blick aufs Meer zu wer­fen oder ein wenig den Wol­ken zuzu­schau­en, wenn da wel­che waren. Nicht dass Tul­lio spe­zi­ell ein Natur­lieb­ha­ber gewe­sen wäre. Doch nach der Sti­ckig­keit der Bank, dem künst­li­chen Licht und der Arbeit am Pult lieb­te er es, sei­ne Nase in die fri­sche See­luft zu ste­cken, sei­ne Augen im Him­mels­blau ruhen zu las­sen, auf den bald gol­de­nen, bald wie­der grün oder vio­lett über­lau­fe­nen Wol­ken, die der Wind Rich­tung Gebir­ge trug, Rich­tung Dui­no. Um die Sache abzu­run­den, setz­te er sich manch­mal auf einen Cam­pa­ri ins Café degli Spec­chi. Und dann schau­te er auf die Uhr.

Bei schlech­tem Wet­ter war das Ritu­al ein wenig anders: Es gibt da einen klei­nen Wein­aus­schank in der Via del­la Cat­te­dra­le, sie führt steil nach San Gius­to hin­auf und zur Burg. In dem engen, düs­te­ren und eher kah­len Raum fin­den sich gut auf­ge­leg­te Män­ner um die auf­ge­bock­ten Rot­wein­fäs­ser zusam­men – eine Frau sieht man nur sel­ten hier. Den Hut nach hin­ten gescho­ben, den Man­tel geöff­net, so dass der Bauch Platz hat, gesellt man sich zur Run­de, die die zwei Pul­te in der Mit­te des Raums umsteht, oder man stellt sich an die Bar, wo man auch sei­ne Tasche abstel­len kann.

Zu essen gibt es hier nichts, außer ein­ge­leg­ten Zwie­beln oder sau­rem Tin­ten­fisch. – Die Zeit ver­fliegt, und schaust du auf dei­ne Uhr, ist es immer zu spät.

Kommt Tul­lio vom Aus­schank in der Via del­la Cat­te­dra­le heim, herrscht meist schlech­te Stim­mung im Haus. Augus­ta, sei­ne alt­ge­dien­te Ehe­frau, schwer zu sagen, wie lang sie schon ver­hei­ra­tet sind, steht im Durch­gang zur Küche, die Arme über der Brust ver­schränkt, und schaut ihm zu, der Mühe hat, sich zu bücken und die Schu­he aus­zu­zie­hen: Die Spa­ghet­ti sind schon eine gan­ze Stun­de fer­tig!

(Als ich die Stadt die ers­ten Male besuch­te, wohn­te ich stets im Hotel Cit­tà di Paren­zo, in der Via Artis­ti, eine kur­ze und sehr enge Stra­ße par­al­lel zum Cor­so, gleich unterm Burg­hü­gel. Es war herr­lich, nach­mit­tags in der Küh­le des Zim­mers zu lie­gen, zu träu­men und zu den grü­nen Pini­en am Abhang des Hügels hin­zu­schau­en. Damals sag­te mir der Name Cit­tà di Paren­zo nichts. Erst als sich das Hotel mit immer mehr Alba­nern zu fül­len begann, die ihre Hei­mat in den letz­ten Jah­ren der kom­mu­nis­ti­schen Herr­schaft ver­las­sen hat­ten, wur­de mir klar, dass es eine Stadt namens Cit­tà di Paren­zo auf der Land­kar­te nicht mehr gab, dass die Stadt, die ein­mal die­sen Namen getra­gen hat­te, jetzt Porec heißt.)

Am Wochen­en­de, das heißt, meist nur am Sonn­tag, ging Tul­lio das Auto holen, das sonst in einer Gara­ge beim alten Güter­bahn­hof abge­stellt war: Sie berei­te­ten einen Aus­flug vor, eine Auto­fahrt. Und wäh­rend Augus­ta eine Decke fürs Pick­nick vor­be­rei­te­te und einen Korb reich­lich mit Lebens­mit­teln pack­te, wand­te Tul­lio sich, anstatt direkt zur Via Laz­z­aret­to Vec­chio zu fah­ren, hin­auf zu den Andrea-Ter­ras­sen, um sich dort vor eins der Cafés zu set­zen und den jun­gen Mäd­chen nach­zu­schau­en. Natür­lich nur so lan­ge es brauch­te, den Kaf­fee zu trin­ken; dann eil­te er hin­un­ter zum Auto und war daheim recht­zei­tig zur Stel­le.

Oft fuh­ren sie über Mil­je nach Koper und wei­ter nach Izo­la – doch nie­mals wei­ter. An einem bestimm­ten Punkt bogen sie von der Haupt­stra­ße ab und hiel­ten dann auf der Anhö­he eines Hügels. Dort, mit dem Blick aufs Meer, saßen sie neben­ein­an­der auf der Decke, Tul­lio offen­bar, oder auch wirk­lich, in sei­ne Zei­tung ver­tieft, wäh­rend Augus­ta, sie hat­te den Rock aus­ge­zo­gen und über einen nie­de­ren Baum­ast gehängt, vor sich hin­träum­te.

Ursprüng­lich kam Augus­ta ja von Rovi­g­no her, das heu­te Rovinj heißt, und da, lang her, traf sie ihren Tul­lio: Mit­glied einer aus­ge­las­se­nen ita­lie­ni­schen Urlaubs­ge­sell­schaft trat er als küh­ner Seg­ler auf. Sie waren am Kap Savu­dria vor­bei­ge­se­gelt und über Umag nach Rovinj.

Augus­ta und ihre Fami­lie muss­ten die Stadt nach dem Krieg ver­las­sen. Sie brach­ten nur ein paar Kof­fer mit, das war alles, und zuerst leb­ten sie in den alten Spei­cher­häu­sern beim Haupt­bahn­hof. Und dort hol­te ihr Tul­lio sie her­aus.

Tul­lio, unter uns gesagt, hät­te es im Grund vor­ge­zo­gen, die Gren­ze nach Slo­we­ni­en nicht zu über­schrei­ten. Eher wäre er schon in den Karst gefah­ren, zum Bei­spiel nach Baso­vi­z­za oder Rich­tung Zgo­nik oder Con­to­vel­lo. Ein kur­zer Spa­zier­gang durch einen Wald von nie­de­ren Eichen und Föh­ren, ein Nicker­chen auf einer der mit wei­chem, sma­ragd­grü­nem Gras bedeck­ten Lich­tun­gen, ein Gespräch mit Augus­ta über irgend­ein Haus­halts­pro­blem oder den Kon­to­stand ihrer drei Spar­bü­cher: Und schon war es an der Zeit, in eins der Wein­bau­ern­dör­fer zuzu­keh­ren, unter den grü­nen Buschen: Dort, sehr zum Miss­fal­len von Augus­ta, sang Tul­lio gern mit den slo­we­ni­schen Bau­ern oder den jun­gen Leu­ten aus dem Dorf:

In una osmiz­za oscu­ra
Lascia mi ripo­sar …

Wäh­rend in der Gegend von Zgonik/Gabrovizza der Rot­wein, genannt Teran, vor­herrscht, gibt es in der Gegend ums Rosan­dra-Tal in der Haupt­sa­che Weiß­wein: Für Tul­lio Kezich also waren die­se Aus­flü­ge im Prin­zip Aus­fahr­ten zum Rot- oder zum Weiß­wein; wenn auch Augus­ta vom Reiz der Land­schaft rede­te oder von etwas Ähn­li­chem.

(Spä­ter ein­mal leb­te ich für län­ge­re Zeit in der Vor­stadt Servola/Ronco, in einem Wohn­block, des­sen Fens­ter sich auf eine hof­fungs­los lau­te Stra­ße zum Hafen hin­un­ter öff­ne­ten. Mei­ne Nach­barn waren Eisen­bah­ner, Hafen­ar­bei­ter und Arbeits­lo­se. Der Lärm trieb mich öfter in die klei­nen Bars von Doli­na – oder ich wan­der­te ent­lang der auf­ge­las­se­nen Eisen­bahn­li­nie nach San Lorenzo/ Sve­ti Lov­renc. Dort kam ich eines Abends mit einem alten Slo­we­nen ins Gespräch, einem Wein­bau­ern aus dem Dorf, der mir auf die Fra­ge, wes­halb er denn so gut Deutsch sprä­che, ganz gelas­sen ant­wor­te­te, das habe er in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in Deutsch­land gelernt.)

Eines schö­nen Tages erscheint Tul­lio früh mor­gens, um zehn, gleich nach­dem sie auf­ma­chen, im Wein­aus­schank in der Via del­la Cat­te­dra­le. – Was ist los, Tul­lio, fragt der fet­te Wirt, unra­siert und noch nicht ganz wach. Es ist sofort klar, dass irgend­et­was nicht stimmt, Tul­lio ist unra­siert. Anstel­le einer Ant­wort fällt er dem Wirt um den Hals und fängt fürch­ter­lich zu wei­nen an: Augus­ta ist gestor­ben! Heu­te Nacht. Abends hat er noch im Bett mit ihr gere­det, und am Mor­gen war sie tot.

Um sei­nem raschen Zusam­men­bruch vor­zu­beu­gen – Tul­lio ließ auch die Arbeit in der Bank sein, mehr oder weni­ger aus Mit­leid setz­te man ihm eine Ren­te aus – um sein Abrut­schen in Trunk und Hoff­nungs­lo­sig­keit auf­zu­hal­ten, Tul­li­os und Augus­tas Toch­ter, ihr ein­zi­ges Kind, wohl­ver­hei­ra­tet mitt­ler­wei­le mit einem Ver­si­che­rungs­agen­ten, sie leben in Cor­mons in der Nähe von Görz – kurz gesagt, die Toch­ter nimmt ihn zu sich. Da lebt er jetzt, im eige­nen Zim­mer, ein etwas hin­fäl­li­ger, alter Mann, die Hemd­krä­gen, sie sind ihm zu weit gewor­den, flat­tern um sei­nen Nacken. Nach­mit­tags geht er spa­zie­ren und trinkt sei­nen Cam­pa­ri in der Café­bar auf dem run­den Platz vor dem Dom, oder drau­ßen, wenn gutes Wet­ter ist. Und wenn er genug hat, trinkt er noch einen.

(Spä­ter ent­deck­te ich, dass das ein­zi­ge Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger auf ita­lie­ni­schem Boden in Tri­est war, in der Reis­fa­brik von San Sab­ba; errich­tet und betrie­ben von der SS, unter dem Kom­man­do von Odi­lo Glo­boc­nik, einem Kärnt­ner. – Eines Tages ging ich hin, durch die dunk­len, sti­cki­gen Lager­hal­len, und schau­te mich um. – In mei­nem Stamm­lo­kal, zu der Zeit war das ein Café auf der Piaz­za Ver­di, nicht weit weg vom Revier mei­nes Hel­den Tul­lio, gleich hin­ter dem Thea­ter, ver­si­cher­te man mir abends dann in brei­tem Tri­es­ti­ner Dia­lekt, die Öster­rei­cher sei­en doch die Größ­ten, die Bes­ten – und natür­lich und spe­zi­ell wie­der die Wie­ner! – „Fran­ces­co Gui­sep­pe – il nos­tro Kai­ser! Ha fat­to tut­to bene!“ – Na, bit­te sehr!)

Gera­de in letz­ter Zeit kom­me ich wie­der öfter nach Tri­est, meist auf ein paar Tage. Die Stadt flo­riert jetzt, ist her­aus­ge­putzt, hat wie­der Kon­junk­tur. Die Gren­zen sind offen, Euro­pa funk­tio­niert hier offen­bar. – Ob ich die Geschich­te von Tul­lio end­lich fer­tig­schrei­ben wer­de? Mir kommt vor, er passt nicht mehr recht hier­her, in die Stadt, in all den neu­en Glanz und bun­ten Betrieb. Im Übri­gen: Er lebt nicht mehr, Tul­lio, der Schlag hat ihn getrof­fen, in Cor­mons dort, vor sei­nem Cafè, an dem klei­nen Tisch­chen auf der Stra­ße, mit­ten in der Son­ne.

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Peter Ros­ei, 1946 in Wien gebo­ren, schuf ein umfang­rei­ches Werk, das in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt und viel­fach aus­ge­zeich­net wur­de; zuletzt Die gro­ße Stra­ße / Rei­se­auf­zeich­nun­gen und Ich bin kein Fel­sen, ich bin ein Fluss / Essays zu Kunst und Poli­tik. Lebt in Wien und auf Rei­sen.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 26. Febru­ar 2021

Zuletzt geän­dert: 25. Feb. 2021