Vom Grundzug her Volkspoesie

Ange­li­ka Klam­mer im Gespräch mit Oswald Egger über den Tri­umph der Far­ben und ande­res
Oswald Egger © Charlotte Kons

Oswald Egger: „Mich inter­es­sie­ren Spiel­for­men des Zeit­ver­treibs.“
Foto: Char­lot­te Kons

ANGELIKA KLAMMER Am Ende Ihres jüngs­ten Buchs, Tri­umph der Far­ben, steht der Satz: „Wort für Wort ist nach und nach alles in einem Bild.“ Alles also, was sich durch Schrift und Far­ben aus­drü­cken lässt – oder was man sich aus­ma­len kann. Am bes­ten nähern wir uns dem Unter­fan­gen Schritt für Schritt. Es beginnt mit Ahnun­gen und Annah­men, aus denen sich die Welt her­aus­schält, mit dem Wer­den der For­men. Was beginnt da: ein Tag, ein Jahr oder gleich die gan­ze Welt?

OSWALD EGGER Die gan­ze Zeit, wür­de ich sagen, viel­leicht, oder auch die Zeit ohne Zeit. Dies wür­de ein­schlie­ßen, dass Wort für Wort dar­in auf­ge­ho­ben bleibt, geraum erscheint. Es ist inso­weit ein Buch, wel­ches das Wort, das Wort­wört­li­che, was allent­hal­ben da ist, aus­zu­ma­len sucht; und die­ses Trei­ben ist ein bun­tes, bun­tes Tun, ein Über­trei­ben. Was damit zu tun haben kann, dass alles, was der Fall sein kann, die Welt aus­ge­spro­chen anschau­li­cher macht, aber mir unge­heu­er – und ich weiß sie nicht dar­zu­stel­len. Am bes­ten male ich sie mir dann unbe­schreib­lich aus, so, wie wenn gar nichts da wäre oder gegen­stän­dig exis­tier­te dabei, was damit zu tun hat, dass mir die Welt nicht zum Beschrei­ben ist.

KLAMMER Als zwei­ten Beginn könn­te man das Kind in der Stu­be ver­ste­hen, es sitzt vor der „grau­wack geweiß­ten Wand“, auf der sich „Stri­che in ver­schie­de­nen Tie­fen“ gegen­ein­an­der bewe­gen. Auf die­ser Flä­che fängt es an zu sehen.

EGGER Es ist wohl ein zuse­hen­des Sehen. Es dreht sich um und um das, was gewahr ist; aber aus­ge­malt wird das Unge­wah­re davon. Die­se Welt, die so Wort für Wort ent­steht, kann ja gar nicht sein. Ich erin­ne­re jetzt an Oskar Pas­ti­or, bei dem es oft um Gefan­gen­schaft, Gefan­gen­sein geht, um Situa­tio­nen, in denen Zeit auf­ge­ho­ben wer­den muss, über­wun­den, um die Gescheh­nis­se erträg­lich zu machen, also um täti­ges Gegen­war­ten. Es ist ein Bin­nen­raum, eine Welt in der Welt, in der man sich oft etwas aus­malt, innig, und an die Wand malt, leb­los leben­di­ge, buch­stäb­li­che Teu­fe­lei­en. Es ist inter­es­sant zu beob­ach­ten, wie sich die Zeit­form dadurch und dar­in ändert, durch und durch. Ety­mo­lo­gisch gibt es eine Ver­bin­dung zwi­schen tem­pus und temp­lum, Tem­pel. Man tritt in den Tem­pel ein, als Zeit­raum oder gerau­me Zeit, und dadurch ver­än­dern und ver­wan­deln sich – und mich – Tem­pus und Modus. Inso­fern gehen wir – aus­ma­lend ein Land in sich – ein in die gan­ze Zeit davon. Die Welt von A bis Z, das wäre das stie­ben­de Wim­mel­bild, das dar­in auf­geht.

Fast allen mei­nen Büchern liegt ein Kalen­der zugrun­de, denn das Ein­zi­ge was immer­zu pas­siert und sich ereig­net, ist, den­ke ich, dass die Zeit ver­geht.

KLAMMER Wim­mel­bild kam mir auch in den Sinn. Wür­de man die­se Welt malen, in der sich alles in Boden­nä­he abspielt, die fei­xen­den Frat­zen, verz­ot­tel­ten Geis­ter­chen, bär­ti­gen Fang­ar­me, das gan­ze wil­de Trei­ben, wäre es ein Wim­mel­bild. Auf dem alle erdenk­li­chen Fabel­we­sen vor­kom­men, nur kei­ne Men­schen.

EGGER Das ist die Cha­rak­te­ris­tik die­ses Trei­bens, der bun­te Hund des Tuns. Men­schen und die Bege­ben­hei­ten ihrer Hand­lun­gen wür­den es ver­mut­lich stö­ren. Viel­leicht wür­de es sich dadurch auch erüb­ri­gen, die­se Bemän­te­lun­gen fest­zu­hal­ten, die Bewandt­nis­se schrift­lich auf­zu­set­zen, Fir­le­fanz, denn mit Men­schen wird man ja Din­ge tun und schaf­fen, sich ver­ste­hen oder ver­stän­di­gen oder – Kar­ten spie­len. Aus­ma­len lässt sich, eigen­los, allein, wenn nie­mand da ist, und kei­ner weiß, nie wie­der, dass es die Welt nicht geben kann, wenn sie am schöns­ten ist.

KLAMMER Sind Angst und Schre­cken Teil die­ser Schön­heit? „Ich bin bei den Haa­ren und am Genick gepackt und mit dem Gesicht in den Moder immer­zu gesto­ßen wor­den. Ich krüm­me mich zusam­men wie ein getre­te­ner Regen­wurm“ – sol­che Sze­nen fin­den sich häu­fig.

EGGER Angst und Schre­cken, gewiss, und ban­ges Grau­sen vor dem, was nicht gesagt ist. Aber im Grun­de ist das Buch eher drol­lig, lau­nisch, ein Schelm. Ich habe mich im Weg­zu­sam­men­hang von Mahn‑, Prahl- und Droh­re­den mit einem Spek­trum von Über­trei­bun­gen bei Kin­dern, Göt­ter­hym­nen und Häupt­lings­ri­ten beschäf­tigt, da heißt es zum Bei­spiel lapi­dar: „Ich reiß dir den Kopf ab.“ Und ein ande­rer fällt ins Wort: „Dann reiß ich dir die Haxen aus.“

KLAMMER Mischt sich nicht auch Unheim­li­ches dazu, gera­de für das Kind in der Stu­be, das merkt, alles bewegt sich. Teig zum Bei­spiel, er ist form­bar, bil­det Del­len und Wel­len und kann vor allem wach­sen. An einer ande­ren Stel­le fürch­tet es, in der Wand zu ver­sin­ken. Aber wenn es hin­aus­geht, ver­schwin­det die Angst.

EGGER Es gibt sehr viel Drau­ßen, das ist schon eine Grund­welt­be­schrei­bung, und das weni­ge, von dem ich aus­zu­ge­hen trach­te und tas­te, ist, dass die Welt nicht so ist, wie