Stadt, Land, ‑ismus

Rezen­si­on zu Mir­jam Wit­tigs Debüt­ro­man An der Gras­nar­be. Von Georg Mol­nar Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Schon im Pro­log zu Mir­jam Wit­tigs Roman An der Gras­nar­be wird gezeigt, was die Haupt­fi­gur Noa bewegt: Angst, Opfer eines Ter­ror­an­schlags zu wer­den, die Scham davor, einen bestimm­ten Män­ner­ty­pus aus ras­sis­ti­schen Moti­ven zu Unrecht zu ver­däch­ti­gen und eine mög­li­che Erlö­sung die­ses Alp­drucks durch ein Leben als frei­wil­li­ge Hel­fe­rin auf einem Gut einer deut­schen Aus­steig­erfa­mi­lie in der fran­zö­si­schen Pro­vinz. Sie kehrt der deut­schen Groß­stadt den Rücken und bei der Klein­fa­mi­lie um Ella, Gre­gor und deren elf­jäh­ri­ger Toch­ter Jade ein. Über die Zeit von meh­re­ren Mona­ten wird Noa zu einem fes­ten Bestand­teil des Haus­stands: Sie hütet Scha­fe, pflanzt Salat an und hilft dabei, Äcker zu bestel­len. Der Weg der jun­gen Ich-Erzäh­le­rin zur mög­li­chen Hei­lung ihrer Angst­stö­rung endet nicht mit dem Roman; sie wird die gro­ße Her­den­wan­de­rung über die Alpen, die Trans­hu­mance, mit­ge­hen.

Das sind die Eck­punk­te von Mir­jam Wit­tigs Debüt­ro­man. Die frü­he­re Mit­her­aus­ge­be­rin des Lite­ra­tur­ma­ga­zins BELLA tris­te wur­de für die Vor­ar­bei­ten zu die­sem Roman für ihre schnör­kel­lo­se und trans­pa­ren­te Spra­che gelobt. Zurecht?

Wit­tig schafft es mit ihrer ver­dich­te­ten, kla­ren Spra­che in weni­gen Sät­zen leben­di­ge Bewegt­bil­der ent­ste­hen zu las­sen, die mit­un­ter die stärks­ten Pas­sa­gen die­ses Romans bil­den. Bei­spiels­wei­se mit der Beschrei­bung, wie sich Noa in die Fami­lie inte­griert, gelingt es Wit­tig inner­halb von drei kur­zen Sät­zen die Erkennt­nis über die­se Ent­wick­lung anhand von ins Selbst­ver­ständ­li­che getre­te­nen Beob­ach­tun­gen fest­zu­ma­chen: „Ein­mal schloss ich die Augen für meh­re­re Minu­ten, ohne an Mer­le zu den­ken. Trotz die­ses Win­des fror ich mit jedem Tag weni­ger. Beim Mit­tag­essen wur­den wir uns nicht einig, ob das längst Früh­ling war oder Zufall.“ Fast unmerk­lich voll­zieht sich die­se Ver­wand­lung und auf ein­mal ist da ein „Wir“ und das Jetzt über­la­gert das Heim­weh.

Vie­len Pas­sa­gen jedoch ver­mag die Autorin nicht in ähn­li­cher Wei­se Leben ein­zu­hau­chen. Das mag an der Hand­lungs­ar­mut lie­gen, denn haupt­säch­lich steht der Arbeits­all­tag auf dem Hof im Mit­tel­punkt. Gera­de die Figu­ren und vor allem die Dia­lo­ge blei­ben blass und wir­ken, als stün­den sie den ein­drück­li­chen Natur­be­schrei­bun­gen ent­ge­gen. Übrig bleibt, dass in den schwä­che­ren Tei­len oft­mals nur gesagt wird, was ist. Alle mög­li­chen The­men wer­den in dem Roman zwar auf­ge­wor­fen; Ras­sis­mus, Angst­stö­run­gen, Stadt-Land-Gegen­satz, Aus­stei­ger, Kli­ma­wan­del, rich­ti­ger Lebens­ent­wurf. In den erwähn­ten, star­ken Tei­len, sind all die­se Dis­kur­se und Rah­men­er­zäh­lun­gen impli­zit vor­han­den. Sie kom­men jedoch, wie etwa beim gro­ßen Nach­bar­schafts­fest gegen Ende noch ein­mal auf den Tisch. Wie Fremd­kör­per wer­den sie in den Raum gestellt, als ob man beim Lesen nun erzählt bekommt, wel­che The­men im Roman ver­han­delt wer­den. Das ist scha­de, denn in Wit­tigs Text blitzt immer wie­der ihre erzäh­le­ri­sche und expe­ri­men­tel­le Kraft auf. Zum Bei­spiel, wenn es um Noas Begeh­ren geht. Zwi­schen uner­wi­der­ter Lie­be und auf­re­gen­dem Urlaubs­flirt erlebt sie ihren sexu­el­len Höhe­punkt auf einer Wan­de­rung. Im Gras lie­gend ver­stär­ken sich die Ein­drü­cke der sie umge­ben­den Natur­er­schei­nun­gen und erwe­cken die Lust in ihr. Sie mas­tur­biert berauscht an der Vor­stel­lung vom Geschlechts­akt mit der auf sinn­li­che Wei­se in sie drin­gen­den Natur. Die­ser kur­zen, Ein­druck machen­den Epi­so­de eines bei­na­he mythi­schen Erleb­nis­ses fol­gen wie­der­um lan­ge Pas­sa­gen, die im Gegen­satz dazu wie graue Still­le­ben anmu­ten. Es ent­steht sohin an vie­len Stel­len ein Gra­ben zwi­schen dem ein­drucks­vol­len Sprach­stil und dem Mate­ri­al, das die Autorin bear­bei­ten möch­te. Letz­te­res bleibt oft­mals brach lie­gen, wie ein stau­bi­ger Acker voll von Stei­nen und Dor­nen­ge­strüpp.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023