Emmanuel Carrère und das Problem des Guten

Von Michel Hou­el­le­becq.
„Mei­ne Über­zeu­gun­gen sind über­schau­bar, doch sie sind hef­tig. Ich glau­be an die Mög­lich­keit eines begrenz­ten Him­mel­reichs.“
 Emmanuel Carrère © Julia von Vietinghoff

Nähert sich der Welt ohne vor­ge­fass­te Theo­rie: Emma­nu­el Car­rè­re. Foto: Julia von Vie­ting­hoff

Unter den zahl­rei­chen umwer­fen­den Pas­sa­gen, die Alles ist wahr aus­ma­chen, ist für mich eine der herz­zer­rei­ßends­ten jene über die alte eng­li­sche Les­be, die gera­de ihre Part­ne­rin in der Kata­stro­phe ver­lo­ren hat: „my girl­fri­end, sag­te sie – und ich stel­le mir das Leben die­ses altern­den les­bi­schen Paars in ihrer eng­li­schen Klein­stadt vor, ihr Enga­ge­ment in den orts­an­säs­si­gen Ver­ei­nen, ihr lie­be­voll ein­ge­rich­te­tes Haus, ihre jähr­li­chen Fern­rei­sen, ihre Foto­al­ben – all das in Scher­ben. Die Rück­kehr der Über­le­ben­den, das lee­re Haus. Die Kaf­fee­be­cher mit dem Namen einer jeden, von denen einer nie wie­der benutzt wer­den wird. Und die dicke Frau am Küchen­tisch, die ihren Kopf in die Hän­de legt und weint und sich sagt, von nun an bin ich allein und wer­de es bis zu mei­nem Tod blei­ben …“1

Die Men­schen wis­sen gelin­de gesagt nicht mehr, wie man lebt. Das Cha­os ist abso­lut, die Des­ori­en­tie­rung flä­chen­de­ckend.

Emma­nu­el Car­rè­re ist die­ser altern­den eng­li­schen Les­be tat­säch­lich begeg­net, in jenem Urlaub in Cey­lon, der so schlimm ende­te; aber