Zwischen Schwerkraft und Gnade

Mat­thi­as Nawrat über Artur Becker und sei­nen Roman Drang nach Osten

Ich will schon lan­ge eine Rezen­si­on über ein Buch von mei­nem Freund Artur Becker schrei­ben. Artur Becker ist ein Schrift­stel­ler, der in der Öffent­lich­keit zu wenig Beach­tung erfährt. Dabei gehört er zu den weni­gen Autorin­nen und Autoren deut­scher Spra­che, die sich in ihren Wer­ken für grund­sätz­li­che Fra­gen inter­es­sie­ren. Das macht ihn schon fast auto­ma­tisch zu einem etwas absei­ti­gen Autor. Becker schreibt quer zu den Dis­kur­sen – zielt aber gera­de so auf den Kern uni­ver­sell-mensch­li­cher Pro­ble­me. Dadurch wer­den die The­men unse­rer Zeit in einer grund­sätz­li­che­ren Ein­bet­tung ver­steh­bar. Mich hat Artur Becker in mei­nem Schrei­ben und Den­ken beein­flusst. Ich möch­te ver­su­chen zu beschrei­ben, war­um. Ins­be­son­de­re, weil ich anfangs etwas irri­tiert war beim Lesen sei­ner Tex­te.

Kürz­lich ist Artur Beckers neu­er Roman, der neun­te inzwi­schen (neben meh­re­ren Gedicht­bän­den, zwei Novel­len und einer Essay­samm­lung), mit dem Titel Drang nach Osten erschie­nen. Im deutsch­spra­chi­gen Raum weckt die­ser Titel sofort Asso­zia­tio­nen zu den Expan­si­ons­träu­men der Nazis, die den Plan einer Erobe­rung und Kolo­ni­sie­rung des Ostens heg­ten und die­sen Plan mit der indus­tri­el­len Ver­nich­tung der ost­eu­ro­päi­schen Juden sowie mit einer Unter­wer­fung und Ver­skla­vung der in ihren Augen min­der­wer­ti­gen sla­wi­schen Völ­ker in die Tat umge­setzt haben. Dies ist eines der The­men des Buches. Drang nach Osten spielt auf einer zwei­ten Bedeu­tungs­ebe­ne aber auch auf die Sehn­sucht der west­li­chen Intel­lek­tu­el­len nach dem Osten an, der Titel ver­weist näm­lich auch auf das, was der Dich­ter Ken­neth White in einem Essay von 1987 ‚Geo­poe­tik‘ nann­te: eine Ver­schmel­zung von geo­gra­fi­schem und geis­ti­gem Raum, wie das etwa in Gali­zi­en der Fall ist, das zwi­schen den Welt­krie­gen in den Wer­ken von Joseph Roth, Bru­no Schulz oder Debo­ra Vogel und in der heu­ti­gen Zeit von Andrzej Sta­si­uk, Olga Tok­ar­c­zuk oder Juri Andrucho­wytsch poe­ti­siert wur­de und wird. Es sind nicht zuletzt die Lite­ra­tur und ihre mytho­lo­gi­sie­ren­den Ver­fah­ren, die unse­re Vor­stel­lung von der mul­ti­kul­tu­rel­len Welt des unter­ge­gan­ge­nen Mit­tel­ost­eu­ro­pas und spä­ter der Welt des homo sovie­ti­cus noch heu­te prä­gen.

Es ist eine Zeit der maro­die­ren­den sowje­ti­schen Sol­da­ten, des Hun­gers und der Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Deut­sche wer­den gejagt und getö­tet, wenn sie nicht schon geflo­hen sind.

Der Roman Drang nach Osten spielt größ­ten­teils in dem Dorf Gali­ny in Masu­ren, unweit des Ortes Bar­to­s­zy­ce (auf Deutsch: Bar­ten­stein), wo Artur Becker 1968 gebo­ren wur­de und wo er die ers­ten sech­zehn Jah­re sei­nes Lebens ver­bracht hat, bevor er 1985 nach Ver­den an der Aller emi­grier­te. Es ist eine Land­schaft nicht nur der Wäl­der und Seen, an denen heu­te rei­che War­schau­er den Som­mer­ur­laub mit ihren Fami­li­en ver­brin­gen. Es ist auch die Land­schaft der Pruz­zen, der Deut­schen Ordens­rit­ter und