Der Kritiker als Parasit

Nicht gehal­te­ne Rede auf dem Kri­ti­ker-Tref­fen im Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um. Aus dem Nach­lass von Micha­el Braun

Über mehr als ein Jahr­zehnt hin­weg hat Micha­el Braun für VOLLTEXT Gedich­te aus­ge­wählt und kom­men­tiert, Bespre­chun­gen gelie­fert und Inter­views geführt. Durch sei­ne facet­ten­rei­chen Bei­trä­ge vor allem zur zeit­ge­nös­si­schen deutsch­spra­chi­gen Lyrik hat er die­se Zeit­schrift mit­ge­prägt wie nur weni­ge ande­re. Am 23. Dezem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res ist er für uns alle völ­lig über­ra­schend an einer Lun­gen­em­bo­lie gestor­ben. Eine aus­führ­li­che Wür­di­gung sei­nes Schaf­fens hat Paul-Hen­ri Camp­bell bereits auf unse­rer Web­site volltext.net ver­öf­fent­licht („Ein Trotz­dem und ein Wun­der“). Hier wol­len wir Micha­el Braun selbst noch ein­mal zu Wort kom­men las­sen, mit einer nicht gehal­te­nen Rede, die 1987 in der taz erschie­nen ist. Im Mai jenes Jah­res hat­te das Lite­ra­ri­sche Col­lo­qui­um Ber­lin in Zusam­men­ar­beit mit dem Deut­schen Lite­ra­tur­fonds unter dem Titel „Lite­ra­tur­kri­tik oder Lite­ra­tur­ver­mitt­lung?“ eine Tagung ver­an­stal­tet, die den damals noch ver­gleich­wei­se unbe­kann­ten Micha­el Braun zu ein paar schar­fen Anmer­kun­gen ver­an­lasst hat:

Ich bin kein Stra­te­ge im Lite­ra­tur­kampf, son­dern ein Klein­kri­ti­ker mit nied­ri­ger Schreib­ge­schwin­dig­keit und gele­gent­li­cher Lade­hem­mung: Mein Tausch­wert auf dem Markt der lite­ra­tur­be­trieb­sa­men Eitel­kei­ten ist nicht all­zu hoch zu ver­an­schla­gen. Mei­ne Nest­be­schmut­zung wird daher die hier ver­sam­mel­ten lite­ra­tur­kri­ti­schen Instan­zen nicht son­der­lich berüh­ren, denn die fol­gen­den maso­chis­ti­schen The­sen sind nicht neu. „Ein Feuil­le­ton schrei­ben heißt auf einer Glat­ze Locken drehn“, notiert Karl Kraus und trifft damit haar­scharf den Kern der Kri­ti­ker-Exis­tenz.

Ein Kri­ti­ker, hat er sich erst ein­mal in der Rie­ge der Mei­nungs­bild­ner eta­bliert, darf unge­straft zur eige­nen Par­odie wer­den, indem er jah­re­lang die ele­gan­ten Phra­sen wie­der­käut, die ihm sei­ne For­mu­lie­rungs­rou­ti­ne zuspielt. Über Jah­re und Hun­der­te von Sei­ten hin­weg darf er sei­ne belie­bi­gen Geschmacks­ur­tei­le aus­brei­ten, ohne dass ihm irgend­ein denun­zier­ter Schrift­stel­ler oder empör­ter Leser Ein­halt gebie­ten könn­te.

Metho­disch geschieht dies auf einem Weg, den hier Wil­li Wink­ler in sei­nem vor­züg­li­chen Refe­rat über „Das Ende der Lite­ra­tur­kri­tik“ (nach­zu­le­sen in der Zeit) beschrie­ben hat: Der Kri­ti­ker ist ein Vam­pir mit beschränk­tem Metho­den­be­wusst­sein – er saugt sei­nem epi­schen oder lyri­schen Opfer das Blut aus, um es anschlie­ßend noch zu ver­höh­nen. Sei­ne para­si­tä­re Sekun­dar­krea­ti­vi­tät steht in einem para­do­xen Ver­hält­nis zu sei­nem öffent­li­chen Sta­tus im Lite­ra­tur­be­trieb. Denn der Groß­kri­ti­ker ist die letz­te pri­vi­le­gier­te Figur in einem über­sät­tig­ten Lite­ra­tur­be­trieb, die noch die Macht des gedruck­ten Wor­tes zu nut­zen ver­mag. Er genießt abso­lu­te Nar­ren­frei­heit, und wir bewun­dern ihn dafür. Wir beten ihn an, den gro­ßen Mani­tu aus der FAZ, des­sen Revol­ver-Rhe­to­rik eben­so ein­zig­ar­tig bleibt wie sein Unter­hal­tungs­wert.

All die­se sym­bo­lisch ver­rät­sel­ten, schwie­rig zu lesen­den Roma­ne wür­de unser Kri­ti­ker kalt­blü­tig belo­bi­gen: aber er hat die­se Bücher ja nicht ein­mal ange­rührt, die sind ihm ein­fach zu dick.

Der Durch­schnitts­kri­ti­ker hin­ge­gen schreibt hin­ein in ein Vaku­um, in eine unend­li­che Lee­re, die dort loka­li­siert ist, wo sich vor­her die bür­ger­li­che Öffent­lich­keit tum­mel­te. Die­ser ima­gi­nä­re Raum des öffent­li­chen Dis­kur­ses ist bis auf weni­ge Über­bleib­sel ver­schwun­den, hat sich auf­ge­löst in ein viel­stim­mi­ges Gemur­mel, von dem nie­mand mehr erwar­ten kann, dass irgend­wer noch zuhört. Am aller­we­nigs­ten der Leser, der stur zum Eco-Süs­kind-Nasch­werk greift und die War­nung des Kri­ti­kers vor lite­ra­ri­schen Wind­beu­teln geflis­sent­lich über­hört.

Aber wel­ches Buch kann er denn wirk­lich noch guten Gewis­sens anprei­sen, unser Kri­ti­ker? Gen­re möch­te er Peter Weiss und sei­ne stren­ge Ästhe­tik des Wider­stands als Gegen­gift zur seich­ten Mit­tel­mä­ßig­keit, die tag­aus, tag­ein auf sei­nen Schreib­tisch flat­tert, emp­feh­len, aber er hat ja die Lek­tü­re im zwei­ten Band ermü­det abge­bro­chen. Auch die monu­men­ta­len Roma­ne von Ste­fan Schütz (Medu­sa) oder Ger­hard Roth (Land­läu­fi­ger Tod) oder gar das 3.000-Seiten-Opus von Mari­an­ne Fritz (Des­sen Spra­che du nicht ver­stehst): All die­se sym­bo­lisch ver­rät­sel­ten, schwie­rig zu lesen­den Roma­ne wür­de unser Kri­ti­ker kalt­blü­tig belo­bi­gen: aber er hat die­se Bücher ja nicht ein­mal ange­rührt, die sind ihm ein­fach zu dick.

So kämpft sich der Durch­schnitts­kri­ti­ker mit sei­nen immer­glei­chen Maß­stä­ben und Ver­dik­ten von Buch zu Buch und lässt sei­ne Opfer