Marie-Luise Scherer und „Die Bestie von Paris“

Von Mar­tin Mose­bach

Man könn­te mei­nen, dass Unauf­fäl­lig­keit bis zur Unschein­bar­keit die idea­le Eigen­schaft eines inves­ti­ga­ti­ven Repor­ters sei – dass man am bes­ten gar nicht rich­tig wahr­neh­me, dass er anwe­send sei, wäh­rend er die Ohren spitzt und notiert, was alles getan und gesagt wird, als gäbe es kei­ne Zeu­gen. Aber so soll­te man sich Marie-Lui­se Sche­rer nicht vor­stel­len. Wo sie auf­trat, war sie unüber­seh­bar. Ihre Ele­ganz war klas­sisch und wur­de noch gestei­gert durch ihre wil­de Mäh­ne, die weit ent­fernt davon war, eine „Fri­sur“ zu sein. Augen­blick­lich begann sie zu reden, wie es Leu­te tun, die ande­re Men­schen nur als Publi­kum betrach­ten, aber wer glaub­te, er sei von ihr nicht wahr­ge­nom­men wor­den, der täusch­te sich. Es war, als wol­le sie mit ihrer geräusch­vol­len Anwe­sen­heit die andern nur davon ablen­ken, dass sie sich längst auf dem Prüf­stand befan­den. Von dem, was um sie her­um vor­ging, hat­te sie alles, aber wirk­lich alles gese­hen, klas­si­fi­ziert und gespei­chert.

Was heu­te unter Jour­na­lis­ten „Hal­tung“ heißt, hät­te gegen das Arbeits­ethos der Marie-Lui­se Sche­rer ver­sto­ßen.

Rudolf Aug­stein hat­te sie als jun­ge Frau der Redak­ti­on des Spie­gel vor­ge­stellt: „Sie ist völ­lig unge­bil­det, aber gucken kann sie.“ Das war flott for­mu­liert, jedoch unvoll­stän­dig. Dass sie „gucken“ konn­te,