Chronistin der Weimarer Republik

Zu Gabrie­le Ter­gits Roman So war’s eben, der aus dem Nach­lass der Exil-Autorin gebor­gen und nun erst­mals publi­ziert wur­de. Von Laris­sa Plath
Gabriele Tergit © Jens Brüning

Noch ein­mal einen Roman schrei­ben: Gabrie­le Ter­git (1894–1982).
Foto: Jens Brü­ning

In der zwei­ten Hälf­te von Gabrie­le Ter­gits Roman So war’s eben fällt ein Satz, der pro­gram­ma­tisch für ihr Lebens­werk ist: „Natür­lich, man will doch der His­to­rie zuse­hen.“ Auf die Fra­ge, ob sie in Deutsch­land blei­ben wol­le, scheint es für die jun­ge Jour­na­lis­tin Gre­te zu die­sem Zeit­punkt kei­ne ande­re Ant­wort zu geben. Es ist Anfang März 1933, weni­ge Tage zuvor hat der Reichs­tag gebrannt. In der Redak­ti­on der libe­ra­len Ber­li­ner Rund­schau fin­det Gre­te weder den Chef­re­dak­teur noch einen ihrer Kol­le­gen vor. Obi­gen Satz sagt Gabrie­le Ter­git selbst in einer ähn­li­chen Situa­ti­on zu Carl von Ossietz­ky, dem dama­li­gen Her­aus­ge­ber der Ber­li­ner Zeit­schrift Welt­büh­ne. Ihren letz­ten Besuch in der Redak­ti­on beschreibt die Autorin in ihren auto­bio­gra­fi­schen Erin­ne­run­gen Etwas Sel­te­nes über­haupt. Nahe­zu wort­gleich ist die Äuße­rung, aller­dings wählt Ter­git statt „will“ das Wort „muss“. Anfang März 1933 erscheint die letz­te Aus­ga­be der Zeit­schrift. Ossietz­ky wird ver­haf­tet, Ter­git flieht zunächst in die Tsche­cho­slo­wa­kei. „Wird man wirk­lich der His­to­rie zuse­hen kön­nen? War­um habe ich nicht gesagt, gehen Sie weg, nix wie raus?“, schreibt die Autorin in ihren Erin­ne­run­gen.

„Der His­to­rie zuse­hen“ – die­se For­mu­lie­rung trifft den Kern des­sen, was das Werk der 1894 in Ber­lin gebo­re­nen Gabrie­le Ter­git aus­macht. Sie ist eine Chro­nis­tin ihrer Zeit, ihre Gerichts­re­por­ta­gen und Feuil­le­tons sind sym­pto­ma­tisch für die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der Wei­ma­rer Repu­blik. Wie eine Chro­nik mutet auch der in fünf Tei­le geglie­der­te, knapp sechs­hun­dert Sei­ten umfas­sen­de Roman So war’s eben in sei­nem Auf­bau an. Die Zeit­span­ne erstreckt sich vom Ende des Kai­ser­rei­ches in den 1890ern über den Ers­ten Welt­krieg, die Wei­ma­rer Repu­blik und den Natio­nal­so­zia­lis­mus bis zur Nach­kriegs­zeit. Ter­gits Roman ist das Pan­ora­ma einer wech­sel­vol­len Epo­che, die am Bei­spiel meh­re­rer Fami­li­en geschil­dert wird.

Da sind die bür­ger­li­chen Juden im Osten Ber­lins, die Fami­li­en Stern und May­er, und die Juden aus dem Tier­gar­ten­vier­tel im Ber­li­ner Wes­ten, dar­un­ter die rei­che Fabri­kan­ten­fa­mi­lie Mar­kus. Die deut­sche Ober­schicht reprä­sen­tiert die Fami­lie von Rum­ke. Anhand die­ser Kon­stel­la­ti­on und dank einer viel­schich­ti­gen Figu­ren­zeich­nung zeigt Ter­git auf, wie kom­plex die gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Struk­tu­ren jener Zeit waren. Nach dem Ers­ten Welt­krieg droht die Revo­lu­ti­on von rechts eben­so wie die Revo­lu­ti­on von links. Am deut­lichs­ten wird dies bei den von Rum­kes: Wo bei der älte­ren Gene­ra­ti­on noch die preu­ßi­schen Tugen­den der Kai­ser­zeit gel­ten und schon früh anti­se­mi­ti­sche Stim­mun­gen zu beob­ach­ten sind, schla­gen die vier Kin­der ganz unter­schied­li­che Wege ein. Toch­ter Freia hei­ra­tet einen Juden und ent­fernt sich von der Fami­lie. Ihr Bru­der Jür­gen schließt sich den Kom­mu­nis­ten an, der zwei­te Sohn, Fried­rich Wil­helm, wird zum ange­se­he­nen Publi­zis­ten und ver­brei­tet natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Gedan­ken­gut. Um die­se gegen­sätz­li­chen Fami­li­en grup­pie­ren sich „Zei­tungs­men­schen“, „Rote“ und eini­ge Neben­fi­gu­ren.

Poli­ti­sche Büh­ne

Schon bei Ter­gits ers­tem Roman Käse­bier erobert den Kur­fürs­ten­damm spielt das Umfeld der Zei­tungs­re­dak­ti­on eine zen­tra­le Rol­le. Mit Käse­bier lan­det die bis dahin vor allem als Gerichts­re­por­te­rin bekann­te Autorin 1931 einen gro­ßen Erfolg. Nur ein Jahr spä­ter wird die Sati­re über den medi­en­ge­mach­ten Auf­stieg des Volks­sän­gers als eines der „Bücher des Jah­res“ aus­ge­zeich­net – zusam­men mit Käst­ners Fabi­an und Fal­la­das Klei­ner Mann – was nun? Nach dem Vor­bild des Ber­li­ner Tage­blatts, für das sie ab 1925 Gerichts­re­por­ta­gen schreibt, gestal­tet Ter­git in ihrem drit­ten Roman So war’s eben die Redak­ti­on der fik­ti­ven Ber­li­ner Rund­schau (Chef­re­dak­teur Ste­fan Heye ist dem Tage­blatt-Chef­re­dak­teur Theo­dor Wolff nach­emp­fun­den). Unter­schied­li­che Mei­nun­gen tref­fen hier auf­ein­an­der, im klei­nen Rah­men wird dis­ku­tiert, was sich auf den gro­ßen poli­ti­schen Büh­nen abspielt. Der längs­te, die Wei­ma­rer Repu­blik umfas­sen­de Teil des Romans spielt sich größ­ten­teils in die­sem Rah­men ab und zeich­net die wach­sen­de Macht der Natio­nal­so­zia­lis­ten nach. Heye sticht aus dem Kreis der Jour­na­lis­ten und Künst­ler beson­ders her­aus. Er, der seit mehr als zwan­zig Jah­ren an einer his­to­ri­schen Abhand­lung über die Ent­ste­hung des Welt­kriegs arbei­tet, hält bis zuletzt an der demo­kra­ti­schen Idee fest. Neben dem libe­ra­len, den Ideen der Auf­klä­rung ver­pflich­te­ten Heye ist die jun­ge Jour­na­lis­tin Gre­te eine der wich­tigs­ten Figu­ren im Roman. Sie besucht die von Ali­ce Salo­mon gegrün­de­te Sozia­le Frau­en­schu­le und wird danach Jour­na­lis­tin. Im letz­ten Teil des Romans beglei­tet man Gre­te durch das Lon­do­ner Exil und in die neue Welt Ame­ri­ka. Es ist eine „neue alte Welt“, so lau­tet eine Kapi­tel­über­schrift. Hier trifft sie auf „alte“ Freun­de und Bekann­te, die es geschafft haben, sich aus dem alten Leben in ein neu­es zu ret­ten.

Rad­datz lehnt ab

Wie ihre Figur Gre­te lebt Ter­git nach 1933 im Exil. An den Höhe­punkt ihrer jour­na­lis­ti­schen Kar­rie­re in den Zwan­zi­ger- und Drei­ßi­ger­jah­ren kann sie nicht mehr anknüp­fen. Die Suche nach einem Ver­lag für ihren zwei­ten, größ­ten­teils im Exil ent­stan­de­nen Roman Effin­gers erweist sich als schwie­rig. Häu­ser wie Rowohlt und Sprin­ger leh­nen den Text ab, 1951 erscheint der Roman schließ­lich im Ver­lag Ham­me­rich & Les­ser. Ähn­lich ergeht es der Autorin, als sie Mit­te der 1960er einen Ver­lag für So war’s eben sucht. Das Ableh­nungs­schrei­ben von Fritz J. Rad­datz, der zu die­sem Zeit­punkt Lek­tor beim Rowohlt Ver­lag ist, wird im Nach­wort der vor­lie­gen­den Aus­ga­be zitiert. Er glau­be nicht, „daß man […] in einer sol­chen Zeit einen Roman noch so kon­zi­pie­ren und schrei­ben kann“, so Rad­datz. Liest man den Roman heu­te, kann man die­ses Argu­ment durch­aus in Fra­ge stel­len. Die Nähe zu ihren frü­he­ren Tex­ten ist unver­kenn­bar – tref­fen­de Dia­lo­ge wech­seln sich ab mit prä­gnan­ten sze­ni­schen Beschrei­bun­gen, dazwi­schen jour­na­lis­ti­sche Ein­schü­be, die dem Stil von Ter­gits Repor­ta­gen ent­spre­chen. Ist der Roman des­halb unzeit­ge­mäß? Viel­leicht ist ein grö­ße­rer Abstand nötig, um den neu­sach­li­chen Stil der Wei­ma­rer Zeit als im posi­ti­ven Sin­ne zeit­los wer­ten zu kön­nen.

„Wird man wirk­lich der His­to­rie zuse­hen kön­nen? War­um habe ich nicht gesagt, gehen Sie weg, nix wie raus?“

Dass schon damals ein sorg­fäl­ti­ges Lek­to­rat klei­ne Unstim­mig­kei­ten und unnö­ti­ge Wie­der­ho­lun­gen getilgt hät­te, ist nicht zu bestrei­ten. Wie Her­aus­ge­be­rin Nico­le Hen­ne­berg in ihrem aus­führ­li­chen Nach­wort erklärt, sind die Lek­to­ren aller­dings nicht gera­de umsich­tig vor­ge­gan­gen, sodass in den ver­schie­de­nen Fas­sun­gen mit­un­ter gan­ze Fami­li­en und Sze­nen gestri­chen sind. Die vor­lie­gen­de Aus­ga­be basiert auf Ter­gits ers­tem Typo­skript ein­schließ­lich ihrer hand­schrift­li­chen Kor­rek­tu­ren. Es ist gera­de die Fül­le der Details, die viel über die Lebens­welt der Figu­ren, über ihren sozia­len Sta­tus, gel­ten­de Wer­te und gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen aus­sagt. Das fängt bei der detail­lier­ten Beschrei­bung der wech­seln­den Wohn­si­tua­tio­nen an. Eine „gan­ze Gene­ra­ti­on bekommt zum ersten­mal anstän­di­ge Woh­nun­gen“, heißt es bei einer Ein­wei­hungs­fei­er im Janu­ar 1933. Nicht nur die Ein­rich­tung – hell­graue Sei­de und Stahl­mö­bel statt dun­kel­ro­tem Samt und Plüsch­ses­sel – ent­spricht einem neu­en Zeit­geist. Man dis­ku­tiert aktu­el­le poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen, Fried­rich Wil­helm von Rum­ke schwingt sich zum natio­nal-patrio­ti­schen Red­ner auf, spricht von „Zer­set­zung, Fäul­nis, Unter­gang“. Die Vor­zei­chen sind da. Ein Anruf für Chef­re­dak­teur Heye und die Nach­richt, dass Adolf Hit­ler Reichs­kanz­ler gewor­den ist, wird von den Anwe­sen­den regis­triert, man wen­det sich dem nächs­ten The­ma zu. Der Roman wür­de an Authen­ti­zi­tät ver­lie­ren, wenn Sze­nen wie die­se gekürzt oder Details gestri­chen wer­den.

* * *

* * *

Laris­sa Plath arbei­tet als Redak­teurin bei VOLLTEXT und ist Mit­ar­bei­te­rin des Lite­ra­tur­blogs Auf­klap­pen.

Gabrie­le Ter­git: So war’s eben. Roman.
Aus dem Nach­lass her­aus­ge­ge­ben und mit einem Nach­wort von Nico­le Hen­ne­berg.
Schöff­ling, Frank­furt am Main 2021.
624 Sei­ten, € 28,00 (D) / € 28,80 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2021

Online seit: 3. Febru­ar 2022

Online seit: 3. Febru­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 3. Feb. 2022