Alle lieben Kafka, Walser auch

Über Band 13 der neu­en Werk­aus­ga­be von Mar­tin Wal­ser. Ein E‑Mail-Wech­sel. Von Klaus Siblew­ski
„Kei­ne neue Autoren­ge­ne­ra­ti­on hat sich der­art unter­wür­fig gegen­über Vor­gän­gern ver­hal­ten wie die jun­ge Autoren­ge­ne­ra­ti­on nach dem Krieg.“

- Lie­be Frau B., was fällt Ihnen zu 1955 ein?

- Lie­ber Herr K., freut mich, eine Mail von Ihnen zu erhal­ten.

- Lie­be Frau B., ich weiß, seit ein­ein­halb Jah­ren habe ich mich nicht gemel­det, Par­don.

- Lie­ber Herr K., geht es Ihnen gut? Der Kreis­lauf, arbei­tet er zufrie­den­stel­lend? Und der Blut­druck? Besteht er sel­te­ner auf sei­nem über­dy­na­mi­schen Eigen­le­ben?

- Mir geht es gut. Die Beto­nung liegt auf „mir“.

- Das freut mich. Ich neh­me es zu den Akten. Und wem geht es schlecht?

- Auch mir. Wol­len Sie das wirk­lich wis­sen?

Martin Walser © Lesekreis

Marin Wal­ser
Foto: Lese­kreis

- Ich als Ihre behan­deln­de Kar­dio­lo­gin wür­de mich mei­nem Berufs­ethos nicht gewach­sen zei­gen, wenn ich nicht nach­frag­te.

- Mein Vater ist schwer erkrankt. Krebs. Mehr Meta­sta­sen als Darm. Ich bin zu ihm gezo­gen. Der Vater bewohnt eine gro­ße Woh­nung, dort kann ich bei ihm sein und an mei­nen Über­set­zun­gen wei­ter­ar­bei­ten.

- Ihr Vater wird es Ihnen dan­ken und Sie sich auch.

- 1955 arbei­te­te mein Vater bereits. Das war aber nicht das Wich­ti­ge in die­sem Jahr. Las­sen Sie uns auf 1955 zurück­kom­men. Nicht über Kran­kes nach­zu­den­ken sei eine Hil­fe. 1955 – was fällt Ihnen zu 1955 ein?

- Nichts, was ihn inter­es­sie­ren wür­de.

- Also gut. Kaf­ka, er habe 1955 einen Auf­tritt gehabt.

- Kaf­ka? 1955?

- Genau. Ich weiß sogar, wie Kaf­ka damals aus­ge­se­hen hat, und ich bin bereit, die­se Kennt­nis mit Ihnen zu tei­len. Etwas ein­schrän­ken muss ich die Reich­wei­te mei­ner Kennt­nis. Zumin­dest zwei Jah­re zuvor, also 1953, sah Kaf­ka fol­gen­der­ma­ßen aus: da stand lachend „ein Mann, des­sen außer­or­dent­li­che Klei­dung ich zuerst betrach­te­te: über hell­grau­en Som­mer­ho­sen eine Art wei­ter hell­blau­er Pull­over, aber aus Stoff und dar­un­ter ein lose geschlun­ge­ner bunt­ka­rier­ter Sei­dens­hawl. Also ganz auf­fäl­lig auf Künst­ler geklei­det.“

- Kaf­ka, im hell­blau­en Pull­over aus Stoff, wo haben Sie das her?

- Aus der neu­en Werk­aus­ga­be von Mar­tin Wal­ser, erschie­nen bei sei­nem Freund Heri­bert Ten­schert und dort zu bezie­hen. Dort steht das nicht direkt. Aber wenn Sie Band 13 auf­schla­gen, fin­den Sie dort Walsers Erzäh­lungs­band mit dem Titel Ein Flug­zeug über dem Haus, und wenn Sie sich über den Autor in die­ser Zeit und sei­ne Erzäh­lun­gen wei­ter infor­mie­ren, sto­ßen Sie auf die­se Beschrei­bung.

- Dann geht es um Wal­ser. Nar­zis­mus in High-End-Ver­si­on, Psy­cho­lo­gen unter ihren Freun­den hät­ten sie gewarnt.

- Nein, erst ein­mal gehe es um Kaf­ka, im hell­blau­en Pull­over, und um eine für die Ent­wick­lung der Nach­kriegs­li­te­ra­tur ent­schei­den­den Sze­ne. Sol­che Sze­nen und die dazu pas­sen­den Lek­tü­ren möch­te ich Ihnen von jetzt an näher­brin­gen. Ob sie damit ein­ver­stan­den sei.

- In Ord­nung. Sie wol­len mich schu­len, schu­len Sie mich.

- 1955 hat­te Kaf­ka mög­li­cher­wei­se in die­sem hell­blau­en Pull­over sei­nen Auf­tritt – und zwar bei der Grup­pe 47. Eine zum Künst­ler umdra­pier­te Reinkar­na­ti­on des Manns aus Prag.

- Fein. Ich soll mich wun­dern. Ich wun­de­re mich.

- Ein fast hüb­sches Gesicht hät­te Kaf­ka gehabt, wird auch noch gesagt.

- Sie kön­ne auch in Kür­zeln spre­chen. Bes­ser man rei­ze die Wän­de der Blut­ge­fä­ße nicht durch sich auf­bau­en­den Innen­druck. Zart sei das Mate­ri­al, aber gele­gent­lich hef­tig der Ärger.

- Ver­mut­lich haben Kaf­kas Gefäß­wän­de schon am Mor­gen die­ses Tages im Jahr 1955 unter die­sem anstei­gen­den Innen­druck gelit­ten. In den Jah­ren zuvor waren sei­ne Tex­te von der Grup­pe schlecht auf­ge­nom­men wor­den.

- Sie stau­ne, wie gut er Kaf­ka ken­ne.

- Er wis­se sogar noch mehr: Mar­tin Wal­ser habe damals die Rol­le des Kaf­ka Dou­bles ange­nom­men. Kaf­ka habe sich gegen die­se Beset­zung nicht mehr weh­ren kön­nen, aber auch wenn er noch Kraft zur Gegen­wehr gehabt hät­te, hät­te Wal­ser auf Neben­säch­lich­kei­ten die­ser Art kei­ne Rück­sich­ten genom­men. Außer­dem war Wal­ser nicht der Ers­te, der Kaf­ka dou­ble­te. Er war gewis­ser­ma­ßen der letz­te in einer lan­gen Rei­he von Autoren nach dem Krieg. Kaf­ka war in Mode.

- Gut, das hät­te Sie ver­stan­den. Und 1955 hat­te Kaf­ka dann sei­nen fina­len Auf­tritt?

- Final lei­der nicht, aber stel­len Sie sich fol­gen­de Sze­ne vor: im Mai 1955 tag­te die Grup­pe 47 in Ber­lin in einem Haus am Rupen­horn. Wal­ser erhält eine Ein­la­dung. Er hat ein Manu­skript, Titel „Tem­plo­nes Ende“, in sei­ner Tasche. Die Grup­pe 47 tagt, Autoren lesen vor, was sie geschrie­ben haben, dann kommt Wal­ser an die Rei­he. Er steht auf, geht nach vor­ne, nimmt vor den ande­ren Platz, liest u.a. fol­gen­de Sät­ze: „Die Gefah­ren, die das Vil­len­vier­tel zur Zeit zu bedro­hen schie­nen, waren ande­rer Art, viel­leicht waren sie schlim­mer als die gif­tigs­te Insek­ten­sor­te, viel­leicht waren sie viel, viel harm­lo­ser; dass man das nicht recht wuß­te, war viel­leicht sogar das Schlimms­te.“

„Kei­ne neue Autoren­ge­ne­ra­ti­on hat sich der­art unter­wür­fig gegen­über Vor­gän­gern ver­hal­ten wie die jun­ge Autoren­ge­ne­ra­ti­on nach dem Krieg.“

- Und das ist Kaf­ka? Wegen der Insek­ten. Kaf­ka als Chif­fren­lie­fe­rant einer mög­li­chen Gefahr, von der nicht klar ist, ob sie ein­tre­ten wird oder als Gefahr nur droht.

- Genau. Obwohl zu die­ser Sze­ne ein Kaf­ka dazu­ge­hört, den es nicht gab. Kaf­ka, also die Pra­ger Ori­gi­nal­ver­si­on, hät­te sich nie vor eine Grup­pe ande­rer Autoren gesetzt und aus einem sei­ner Manu­skrip­te vor­ge­le­sen. Er hat Freun­de unter Autoren und hat mit die­sen Freun­den auch über sein Schrei­ben gespro­chen, aber die Vor­stel­lung, sich in Anwe­sen­heit einer lite­ra­ri­schen Öffent­lich­keit vor ande­ren Autoren mit etwas neu Geschrie­be­nen zu dem Zweck zu pro­du­zie­ren, einen Preis zu erhal­ten, hät­te Kaf­ka nie auch nur erwo­gen.

- Sie ver­ste­he.

- Und die Kom­bi­na­ti­on sei das Wesent­li­che: Ein an die Öffent­lich­keit drän­gen­der Autor neh­me einen öffent­lich­keits­scheu­en Autor als Folie für einen öffent­lich­keits­wirk­sa­men Auf­tritt. Das sei der Clou bei der Sache. Außer­dem ver­schob Wal­ser Kaf­kas Erzähl­wei­se auf mar­kan­te Art. Er hielt sie erkenn­bar, ent­fern­te sich aber gleich­zei­tig von ihr – ein neu­er Typ von Autor trat auf.

- Gut. Sie bit­te um wei­te­re dia­gnos­ti­sche Fein­be­ur­tei­lung die­ses Falls.

- Das „set­ting“ als Gan­zes sei in Walsers Erzäh­lung ver­scho­ben. Die Insek­ten dro­hen als gif­ti­ges Zitat, mehr nicht. Im Zen­trum ste­he Tem­plo­ne, ein Mann, der mit Boden­spe­ku­la­ti­on Geld ver­die­ne. Kaf­ka gesel­le sich unter die Immo­bi­li­en­mak­ler, und die­ser Immo­bi­li­en­mak­ler sei einer namen­lo­sen Gefahr aus­ge­setzt. Die beschwo­re­nen Insek­ten dage­gen wären zu ertra­gen. Auf sie lässt sich zei­gen. Sie sind kon­kret, sie kön­nen als eine Erklä­rung für Angst her­hal­ten. Tem­plo­ne wür­de sich in einer kom­for­ta­blen Angst­si­tua­ti­on befin­den, wenn er sich nur vor die­sen Insek­ten fürch­ten müs­se. Er wird aber dar­über hin­aus von einer in ihren Absich­ten und Zie­len nicht zu erfas­sen­den Kraft bedroht. Ihre Her­kunft bleibt unauf­ge­klärt, ist nicht zu ermit­teln. Kaf­ka kehrt als eine ins Ungreif­ba­re gestei­ger­te Pro­jek­ti­on sozia­ler Ängs­te an die­sem Tag in Ber­lin auf.

- Und das soll ich lesen?

- Ich emp­feh­le es Ihnen.

- War­um? Täte es ein Hor­ror­film nicht auch. Das wür­de ihr den Kauf einer Werk­aus­ga­be und vie­le frus­trie­ren­de Lese­stun­den erspa­ren.

- Nicht so schnell, er erin­ne­re noch­mals an das Jahr 1955.

- ??

- Kaf­ka ist bei Wal­ser kon­kret gewor­de­nen. Kaf­ka wird bei ihm zum Urna­men für ein Syn­drom sozia­ler Angst. Jemand hat es mit ihn stark über­for­dern­den Auf­ga­ben zu tun. Die Auf­ga­ben sel­ber sind nicht nur von gewal­ti­gen Aus­ma­ßen, die Kräf­te sei­ner Figu­ren schrump­fen und zie­hen sich zurück ange­sichts von deren Grö­ße. Wal­ser sel­ber litt damals unter hef­ti­gen Selbst­ent­wer­tungs­at­ta­cken. In einem Brief an sei­nen Lek­tor Sieg­fried Unseld schrieb er: „Ich habe in den letz­ten drei Wochen wie­der ein­mal ver­sucht, an den Lügen­mau­ern mei­nes ver­wöhn­ten Daseins zu rüt­teln, aber so wider­lich war das Ergeb­nis, so zer­stö­rend auch (lei­der nicht nur für mich), daß ich glau­be, ich muß jetzt ein Vier­tel Jahr dop­pelt sanft lügen …“ Hier kom­mu­ni­zie­ren im Ver­bor­ge­nen Röh­ren mit­ein­an­der.

- Mich freut, dass jemand sich anklagt und einen Herrn Tem­plo­ne fin­det (erfin­den kann), auf den er die­se Ankla­gen als die­sen Mann atta­ckie­ren­de Insek­ten abla­den kann. Aber soll Sie heu­te nach der Sprech­stun­de zu ihren Mit­ar­bei­te­rin­nen gehen und sagen, sie wür­de den Abend mit einem Buch ver­brin­gen, in dem ein Autor sei­nen Selbst­ekel in Insek­ten umar­bei­te, und sie die­sen Autor bei die­ser Umwand­lung beglei­ten wol­le? Das wür­de kei­ne ihrer Sprech­stun­den­hil­fen aber auch nie­mand ande­rer unte­rer ihrer Bekann­ten ver­ste­hen.

- Aber Sie wer­den von der Beschäf­ti­gung mit die­sen lite­ra­risch gestal­te­ten Ängs­ten pro­fi­tie­ren! Sie erfah­ren hier, wer in der Nach­kriegs­bun­des­re­pu­blik Kar­rie­re mach­te und die­se Bun­des­re­pu­blik mit auf­bau­te. Im Grun­de woll­te Mit­te der 1950er-Jah­re nie­mand mehr etwas von Kaf­ka hören. Wal­ser hat Anfang der 1950er über Kaf­ka pro­mo­viert – und hät­te gewarnt sein müs­sen: Wer im Jahr 1955 mit Kaf­ka sein Schrei­ber­glück ver­sucht, hat bes­ser nicht an Erfolg geglaubt. Doch Wal­ser hat­te Erfolg. Er wur­de mit dem Preis der Grup­pe 47 aus­ge­zeich­net. Eine gro­ße Ehre zu die­ser Zeit.

- Grup­pen­a­mne­sie einer struk­tu­rell beson­ders inten­siv sich aus­brei­ten­den Aus­prä­gung?

- Ver­ges­sen wur­de tat­säch­lich erst ein­mal nichts. Das Ereig­nis war auf Auf­merk­sam­keit­pro­duk­ti­on ange­legt und Zei­tun­gen ver­brei­te­ten die Nach­richt vom erfolg­rei­chen Auf­tritt des Autors. Das ist wich­tig, um die­se Sze­ne in ihrer Wirk­sam­keit zu ver­ste­hen. Aber das war nicht der allei­ni­ge Auf­merk­sam­keits­wert die­ser Sze­ne. Die mit dem Preis der Grup­pe 47 prä­mier­te Erzäh­lung ent­hielt im Kern den Ent­wurf eines erolg­reich wer­den­den Hand­lungs­mo­dells: Es bestand aus einer Kom­bi­na­ti­on von Depres­si­on und zwang­haft-rück­sicht­lo­se­nem Arbei­ten für Erfolg.

- Dann soll sie als eine Art Men­ta­li­täts­for­sche­rin die­se Erzäh­lun­gen lesen. Bis­her dach­te sie, es gehe um Lite­ra­tur und Lite­ra­tur sei etwas Schö­nes.
– Bei­de Sicht­wei­sen lohn­ten sich. Die der Men­ta­li­täts­for­sche­rin und die der Lieb­ha­be­rin von Lite­ra­tur. Noch heu­te leb­ten wir von die­sem Modell des Han­delns – und von einem spe­zi­el­len Ver­ges­sen, das die­ses Han­deln schuf. Man ver­hielt sich kri­tisch zur Gegen­wart, war nicht ein­ver­stan­den mit dem, was einen an einem befrie­di­gen­den Leben hin­der­te, sprach es aus und muss­te kein gestei­ger­tes Bedürf­nis für die Beschäf­ti­gung mit den his­to­ri­schen Grün­den der ver­brei­te­ten Depres­sio­nen ent­wi­ckeln. Man litt, und muss­te ange­sichts die­ses Leids nicht nach den Nar­ben des Krie­ges und deren Fol­gen for­schen.

- Sie spre­chen von einer Art von hoch auf­ge­klär­tem Ver­drän­gungs­mo­dell – nicht zu ver­glei­chen mit den unzäh­li­gen Nazis, die als über­zeug­te Demo­kra­ten nun ihren Wirt­schafts­wun­der­dienst taten.

- Genau. Außer­dem – auch das zeich­net die neue Autoren­ge­ne­ra­ti­on aus – schrieb Wal­ser nicht mehr aus der Hal­tung von Sol­da­ten, die vol­ler Schuld­ge­füh­le aus dem Krieg zurück­kehr­ten und sich nun ankla­gend an die eige­ne Brust schlu­gen. Wal­ser began­nen ihre Kämp­fe erst nach dem Krieg aus­zu­fech­ten. Sie arbei­te­ten, wie mein kran­ker Vater auch, vol­ler Ener­gie für das Neue – und wie die­se neue Gene­ra­ti­on, nicht nur die Autoren unter ihnen, sich fühl­te und wel­che Lite­ra­tur die ihre war, dafür ste­hen die­se Erzäh­lun­gen.

- Sie soll sich also mit der Lite­ra­tur der Eltern­ge­nera­ti­on, sie sei Mit­te der 1960er Jah­re gebo­ren, der Groß­el­tern­gen­ra­ti­on beschäf­ti­gen?

- Ja, unbe­dingt. Und noch etwas Merk­wür­di­gem, für mich noch immer Unge­klär­tem wür­de sie dabei begeg­nen. Der nicht vor­han­de­nen Scheu die­ser jun­gen Autoren, älte­ren, berühm­ten Autoren zu fol­gen. Die­se Gene­ra­ti­on habe Kaf­ka auf­ge­so­gen oder sich in die Nach­fol­ge von Camus gestellt oder Heming­ways Stil nach­ge­baut – und hat­ten kei­ne Scheu vor die­ser Gefolg­schaft. Sie woll­ten nicht eigen­stän­dig sein, sahen es sogar als einen Aus­weis lite­ra­ri­scher Qua­li­tät an, wenn Leser mit­be­ka­men, wel­chem berühm­ten Autor sie hul­dig­ten. Kei­ne neue Autoren­ge­ne­ra­ti­on hat sich der­art unter­wür­fig gegen­über Vor­gän­gern ver­hal­ten wie die jun­ge Autoren­ge­ne­ra­ti­on nach dem Krieg. Auch das ein Phä­no­men.

- Also doch boh­ren­des Selbst­er­for­schen und wenig Ver­gnü­gen?

- Ein biss­chen Anstren­gung darf schon sein. Und zu der die Nach­kriegs­li­te­ra­tur prä­gen­den Sze­ne des Jah­res 1955 gehört noch die Lek­tü­re eines Gedichts. Der Titel: „Lili­en aus Schlaf“. Ihr Autor Gün­ter Grass. In des­sen Werk­aus­ga­be fin­den Sie das Gedicht in Band 1 auf Sei­te 571. 1955 wur­de Gün­ter Grass vom Süd­west­rund­funk für die­ses und ande­re Gedich­te aus­ge­zeich­net. Er, der Gegen­typ zu Wal­ser, ohne ihn wäre die Nach­krie­ge­ge­nera­ti­on der jun­gen Autoren allen­falls zur Hälf­te zu ver­ste­hen – die­ser Autor kam von weit her, von Dan­zig, aus dem Stadt­teil Lang­fuhr. Die Rück­kehr in die Gegend sei­ner Her­kunft war ihm ver­sperrt. Aus Dan­zig wur­de die pol­ni­sche Stadt Gdansk. In Düs­sel­dorf fand er sich nach 1945 wie­der – und die­ser Orts­wech­sel führ­te zu einem Werk voll­kom­men ande­rer sti­lis­ti­scher und intel­lek­tu­el­ler Aus­prä­gung. Ers­ter Unter­schied: Beklagt über die Schwe­re sei­nes Lebens hät­te sich Grass nie…

- Ich dan­ke ihm dafür, und Ihnen für die Lese­hin­wei­se und bit­te grü­ßen Sie Ihren Vater von mir.

- Ich dan­ke Ihnen, dass Sie mir zuge­hört haben. Und mein Vater hat sicher Spaß an den Grü­ßen einer ihm frem­den Frau.

 

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Klaus Siblew­ski ist Lek­tor, Grün­der der „Deut­schen Lek­to­ren­kon­fe­renz“ und Pro­fes­sor für Lite­ra­ri­sches Schrei­ben und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Hil­des­heim. Zuletzt erschien Der Gele­gen­heits­kri­ti­ker (Resi­denz 2017).

Mar­tin Wal­ser: Gesamt­aus­ga­be letz­ter Hand
25 Bän­de, Heri­bert Ten­schert, Biber­müh­le 2017
Zu bezie­hen über: www.bibermuehlenbooks.com

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2018

Online seit: 22. Mai 2019

Online seit: 22. Mai 2019

Zuletzt geän­dert: 28. Mai 2019