„Vielleicht ist es gar kein Roman“

Micha­el Braun im Gespräch mit Kenah Cusa­nit über ihren Roman Babel
Kenah Cusanit © Peter-Andreas Hassiepen

Kenah Cusa­nit: Der Roman kar­to­gra­fiert, ver­misst und puz­zelt an den Zusam­men­hän­gen zwi­schen Zei­ten, Räu­men und Schich­ten.
Foto: Peter-Andre­as Has­sie­pen

Was mensch­li­che Hybris anrich­ten kann, wis­sen wir aus der Schöp­fungs­ge­schich­te der Gene­sis. Die Men­schen, heißt es dort, woll­ten einen Turm bau­en, der bis zum Him­mel reich­te, und wur­den für die­se Ver­mes­sen­heit von Gott bestraft mit einer Art Sprach­ver­wir­rung. Dass sol­che bibli­schen Mythen rund um die „Stadt der Städ­te“ Baby­lon, von König Nebu­kad­ne­zar oder auch die Sint­flut-Erzäh­lung aus viel älte­ren, näm­lich assy­ri­schen Quel­len stam­men, erfah­ren wir nun in dem fas­zi­nie­ren­den Debüt­ro­man Babel der Alt-Ori­en­ta­lis­tin, Eth­no­lo­gin und Schrift­stel­le­rin Kenah Cusa­nit.

Nach zwei Gedicht­bän­den hat die 1979 gebo­re­ne Schrift­stel­le­rin einen Roman vor­ge­legt, der nicht nur um den Turm von Babel und sei­ne rea­len Pro­por­tio­nen kreist, son­dern auch um die spek­ta­ku­lä­re Geschich­te der Aus­gra­bung Baby­lons Anfang des 20. Jahr­hun­derts. Im Mit­tel­punkt die­ses Romans steht ein von der Wis­sen­schaft der Archäo­lo­gie Beses­se­ner, der Archi­tekt und Archäo­lo­ge Robert Kol­dew­ey.

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MICHAEL BRAUN Wie kamen Sie auf die Idee, über die­sen beses­se­nen Archäo­lo­gen Robert Kol­dew­ey einen Roman zu schrei­ben?

KENAH CUSANIT Indem ich selbst beses­sen wur­de. Von der Aus­gra­bung, von den hin- und her­ge­hen­den Brie­fen der Aus­grä­ber, von der Zeit und den bei­den Orten, dem baby­lo­ni­schen Ber­lin und dem im Ber­li­ner Auf­trag aus­ge­gra­be­nen Baby­lon. Also von den his­to­ri­schen Umstän­den die­ses Unter­neh­mens, die ja im Per­ga­mon­mu­se­um, wo die Fun­de der Aus­gra­bung aus­ge­stellt sind, wei­test­ge­hend aus­ge­blen­det wer­den. Ein Besuch im Muse­um war auch der Aus­lö­ser, die Hin­ter­grün­de ein­mal spa­ßes­hal­ber zu recher­chie­ren. Dass ich dann aber der­art von die­ser Geschich­te ange­zo­gen wur­de, lag wohl dar­an, dass sich eini­ge Din­ge, Kon­zep­te, Theo­rien, die mich schon immer umge­trie­ben haben, mit ihr ver­bün­de­ten und sich dar­auf­hin eine Eigen­dy­na­mik ent­wi­ckel­te, der ich nur noch ord­nend und struk­tu­rie­rend hin­ter­her­lau­fen konn­te.

BRAUN Die­se Aus­gra­bung hat kurz vor der Jahr­hun­dert­wen­de, 1899, begon­nen. Sie beschrei­ben Kol­dew­ey so, als gehe es ihm nicht nur um sei­ne Pro­fes­si­on, die Archäo­lo­gie, son­dern als gehe das gan­ze Wis­sen der Welt durch sei­nen Kopf. Bereits auf den ers­ten zwan­zig, drei­ßig Sei­ten krei­sen sei­ne Gedan­ken um vie­le Wis­sens­be­rei­che, um die Gra­bung in Baby­lon, um die Foto­gra­fie, um medi­zi­ni­sche Fra­gen usw. Woll­ten Sie einen Uni­ver­sal­ge­lehr­ten dar­stel­len, der in einer Schwel­len­zeit der Wis­sen­schaf­ten von allen mög­li­chen Denk­an­sät­zen durch­strömt wird?

Bis heu­te kann kein Phi­lo­lo­ge der Welt sich ernst­haft mit Keil­schrift­spra­chen beschäf­ti­gen, ohne vor­her Deutsch gelernt zu haben.

CUSANIT Eher so: Die Wis­sen­schaf­ten sind ja ange­sichts der Daten­flut gera­de dabei, sich in ein­zel­ne Fächer auf­zu­spal­ten. Kol­dew­ey will sich aber nicht spe­zia­li­sie­ren, er will Uni­ver­sal­wis­sen­schaft­ler blei­ben. Kol­dew­ey will in einer Welt, deren sich glo­ba­li­sie­ren­der Teil gera­de sehr unüber­sicht­lich gewor­den ist, den Über­blick behal­ten. Er lebt in einer Zeit, in der wis­sen­schaft­li­che Auto­ri­tä­ten den Platz von reli­giö­sen Ver­mitt­lern ein­ge­nom­men haben und wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se den Platz reli­gi­ös ver­mit­tel­ter Wirk­lich­kei­ten. Da liegt es nah, sich an Erkennt­nis­sen ver­schie­dens­ter Art fest­zu­hal­ten. Aber offen­bar rüt­telt die Stadt Baby­lon an sei­ner Ratio­na­li­tät und zieht ihn in ihre eige­nen Fan­ta­sien hin­ein. Viel­leicht will er sie aus die­sem Grund ent­ge­gen jeder Anord­nung sei­ner Ber­li­ner Auf­trag­ge­ber nicht nur par­ti­ell, son­dern ins­ge­samt frei­le­gen. Die Wirk­lich­keit sicht­bar zu machen dient ja nicht nur als ulti­ma­ti­ver Beweis ihrer Exis­tenz, son­dern auch ihrer Erfas­sung, ihrer Kon­trol­le – in der Archäo­lo­gie wie in der Ana­to­mie wie in der Foto­gra­fie. Nicht nur im Den­ken des 19./20. Jahr­hun­derts, auch heu­te noch, vor allem heu­te.

BRAUN Robert Kol­dew­ey wur­de damals die Auf­ga­be zuge­wie­sen, die Stadt Baby­lon aus­zu­gra­ben. Wie war die his­to­ri­sche Aus­gangs­si­tua­ti­on? Mit wel­chem Auf­trag ist er 1899 auf­ge­bro­chen nach Meso­po­ta­mi­en?

CUSANIT Der Ori­ent ins­ge­samt war ja der Platz an der Son­ne, den sich Deutsch­land aus­ge­sucht hat, um sich aus­zu­pro­bie­ren als jun­ge Nati­on, die plötz­lich