Idylle und Dämon
Wir – die Leserinnen – lauschen. Von Anfang an befinden wir uns mit Anna, der Ich-Erzählerin, in einem abgeschotteten Raum. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass ihre Schilderungen im Verborgenen geschehen müssen. Sie hat sich verbarrikadiert, damit es beginnen kann. Wie in fast allen Texten Haushofers ist das Schreiben ein der übrigen Welt abgerungener, gleichsam geheimer Akt. Wir sind zur Komplizenschaft gezwungen. Was Anna niemandem sonst sagen kann, wird sie auf den folgenden Seiten paradoxerweise uns, der Leserschaft, erzählen. Worüber man nicht reden kann, davon muss man bekanntlich schreiben.
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Das erste Mal las ich Wir töten Stella während meines Literaturstudiums. Danach hatte ich die Novelle als typisches Ehebruchsdrama aus der dafür typischen Zeit im Kopf – den Fünfzigerjahren. Ein Einfamilienhaus mit Garten, ein geistloser Ehemann mit Casanova-Allüren, der sich an das Au-pair-Mädchen der Familie ranmacht, eine Ehefrau, die offenbar keiner anderen Beschäftigung nachgeht als der Pflege ihrer Kakteen und Neurosen im Innern eines wohlsortierten Hauses. Eine mir damals eher ferne Welt, in der es sogar eine „Bedienerin“ gab, ein Wort, das mir die Geschichte in noch weitere Ferne rückte. In meiner Erinnerung sah ich dunkle Möbel, Nippes auf Spitzendeckchen, eine Couchgarnitur und einen Sessel, darin ein Zeitung lesender Ehegatte. All das stimmt, diese Dinge tauchen tatsächlich in der Geschichte auf. Aber jetzt, fast dreißig Jahre später, fand ich beim Wiederlesen mehr und anderes. Ich war erstaunt, dass es vor allem die Liebesgeschichte einer Mutter zu ihrem fünfzehnjährigen Sohn ist. Eine Geschichte von Trennung und Abschied, voller vergeblicher Zärtlichkeit, in der es auch um das Loslassenmüssen geht und um die Tragik der verstreichenden Zeit. Diesen Strang hatte ich in „meinen jungen Jahren“ offenbar komplett überlesen, wie mir auch Annette, die kleine Tochter, kaum mehr in Erinnerung war.
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Aber noch mal von vorn: Stella, neunzehn Jahre alt, wohnt für mehrere Monate im Haus der vierköpfigen Familie. Die als schwerfällig und scheu beschriebene junge Frau verwandelt sich unter Annas Zugriff in eine passende Beute für Richard, Annas Ehemann. Der führt sie tatsächlich aus, hat Sex mit ihr, schwängert sie und treibt sie anschließend dazu, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Seelisch und körperlich ruiniert von der Affäre, wirft sich Stella vor einen Lkw und stirbt.
Man könnte von einer weiblichen Wutformel in der Literatur sprechen: Je passiver im alltäglichen Umgang,
desto diabolischer der Text
Diese Zusammenfassung des Geschehens ist insofern absurd, als nichts davon in der Novelle erwähnt wird – jedenfalls nicht ausdrücklich. Dass Richard, der Ehemann, wirklich eine Affäre mit Stella hat, schließt Anna allein aus der Tatsache,
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