Idylle und Dämon

Zu Mar­len Haus­ho­fers Novel­le Wir töten Stel­la.
Julia Scho­ch

Wir – die Lese­rin­nen – lau­schen. Von Anfang an befin­den wir uns mit Anna, der Ich-Erzäh­le­rin, in einem abge­schot­te­ten Raum. Sie lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass ihre Schil­de­run­gen im Ver­bor­ge­nen gesche­hen müs­sen. Sie hat sich ver­bar­ri­ka­diert, damit es begin­nen kann. Wie in fast allen Tex­ten Haus­ho­fers ist das Schrei­ben ein der übri­gen Welt abge­run­ge­ner, gleich­sam gehei­mer Akt. Wir sind zur Kom­pli­zen­schaft gezwun­gen. Was Anna nie­man­dem sonst sagen kann, wird sie auf den fol­gen­den Sei­ten para­do­xer­wei­se uns, der Leser­schaft, erzäh­len. Wor­über man nicht reden kann, davon muss man bekannt­lich schrei­ben.

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Das ers­te Mal las ich Wir töten Stel­la wäh­rend mei­nes Lite­ra­tur­stu­di­ums. Danach hat­te ich die Novel­le als typi­sches Ehe­bruchs­dra­ma aus der dafür typi­schen Zeit im Kopf – den Fünf­zi­ger­jah­ren. Ein Ein­fa­mi­li­en­haus mit Gar­ten, ein geist­lo­ser Ehe­mann mit Casa­no­va-Allü­ren, der sich an das Au-pair-Mäd­chen der Fami­lie ran­macht, eine Ehe­frau, die offen­bar kei­ner ande­ren Beschäf­ti­gung nach­geht als der Pfle­ge ihrer Kak­teen und Neu­ro­sen im Innern eines wohl­sor­tier­ten Hau­ses. Eine mir damals eher fer­ne Welt, in der es sogar eine „Bedie­ne­rin“ gab, ein Wort, das mir die Geschich­te in noch wei­te­re Fer­ne rück­te. In mei­ner Erin­ne­rung sah ich dunk­le Möbel, Nip­pes auf Spit­zen­deck­chen, eine Couch­gar­ni­tur und einen Ses­sel, dar­in ein Zei­tung lesen­der Ehe­gat­te. All das stimmt, die­se Din­ge tau­chen tat­säch­lich in der Geschich­te auf. Aber jetzt, fast drei­ßig Jah­re spä­ter, fand ich beim Wie­der­le­sen mehr und ande­res. Ich war erstaunt, dass es vor allem die Lie­bes­ge­schich­te einer Mut­ter zu ihrem fünf­zehn­jäh­ri­gen Sohn ist. Eine Geschich­te von Tren­nung und Abschied, vol­ler ver­geb­li­cher Zärt­lich­keit, in der es auch um das Los­las­sen­müs­sen geht und um die Tra­gik der ver­strei­chen­den Zeit. Die­sen Strang hat­te ich in „mei­nen jun­gen Jah­ren“ offen­bar kom­plett über­le­sen, wie mir auch Annet­te, die klei­ne Toch­ter, kaum mehr in Erin­ne­rung war.

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Aber noch mal von vorn: Stel­la, neun­zehn Jah­re alt, wohnt für meh­re­re Mona­te im Haus der vier­köp­fi­gen Fami­lie. Die als schwer­fäl­lig und scheu beschrie­be­ne jun­ge Frau ver­wan­delt sich unter Annas Zugriff in eine pas­sen­de Beu­te für Richard, Annas Ehe­mann. Der führt sie tat­säch­lich aus, hat Sex mit ihr, schwän­gert sie und treibt sie anschlie­ßend dazu, eine Abtrei­bung vor­neh­men zu las­sen. See­lisch und kör­per­lich rui­niert von der Affä­re, wirft sich Stel­la vor einen Lkw und stirbt.

Man könn­te von einer weib­li­chen Wut­for­mel in der Lite­ra­tur spre­chen: Je pas­si­ver im all­täg­li­chen Umgang,
des­to dia­bo­li­scher der Text

Die­se Zusam­men­fas­sung des Gesche­hens ist inso­fern absurd, als nichts davon in der Novel­le erwähnt wird – jeden­falls nicht aus­drück­lich. Dass Richard, der Ehe­mann, wirk­lich eine Affä­re mit Stel­la hat, schließt Anna allein aus der Tat­sa­che,