Das Aufgeben des Übersetzers

Isa­bel Far­go Cole

Neu­jahr 2023 bei mei­nen Eltern in New Mexi­co, seit Wochen fie­ber­te mein Vater der neu­en Ver­si­on einer „Soft­ware aus Köln“ ent­ge­gen. Jetzt war es end­lich so weit: Wider­stre­bend reich­te ich ihm den Daten­trä­ger mit mei­nem letz­ten Buch, die Beschrei­bung einer Alas­ka-Rei­se mit der Fami­lie. Mein Vater ver­schwand mit dem Stick in sein Arbeits­zim­mer und kam in fünf Minu­ten wie­der: „So, fer­tig über­setzt.“

Isabel Fargo Cole © Sven Gatter

Isa­bel Far­go Cole. Foto: Sven Gat­ter

Mir schwin­del­te, als ich mich zu sei­nem Bild­schirm beug­te. Ich erkann­te tat­säch­lich den Anfang mei­nes Buches. Sät­ze, die ich immer wie­der ent- und ver­wor­fen hat­te, stan­den augen­blick­lich in mei­ner Mut­ter­spra­che da, in der ich kaum noch schrei­be. In einem Eng­lisch, das im ers­ten Moment ein­wand­frei wirk­te, so unver­rück­bar, dass ich mich selbst infra­ge stel­len muss­te. Das Werk aus einem Guss war wie her­un­ter­ge­la­den aus einer alter­na­ti­ven Wirk­lich­keit. Es schien ein zwei­tes Ich vor­aus­zu­set­zen, das in der Hei­mat geblie­ben war und in der Mut­ter­spra­che wei­ter­schrieb. Und doch war mir die­se Spra­che, war mir die­ses Ich so fremd. Wer – was da von unse­rer Rei­se berich­te­te, war nicht dabei gewe­sen, wuss­te gar nicht erst, was es hieß, eine Rei­se anzu­tre­ten. „Natür­lich kann auch DeepL die sti­lis­ti­schen Fein­hei­ten nicht wie­der­ge­ben“ – mein Vater hat­te mei­ne Bestür­zung bemerkt – „aber wenigs­tens weiß ich dann, wor­um es über­haupt geht.“

DeepL. Irgend­wann in den letz­ten Mona­ten hat­te ich begrif­fen: Die Soft­ware, auf die mein Vater bei unse­ren Sky­pe-Gesprä­chen fast zwang­haft zu spre­chen kam … die aus Köln, füg­te er immer hin­zu, wie ein tas­ten­der Ver­such, an mein deut­sches Leben anzu­do­cken … die­se Soft­ware war die­sel­be, die mich als Über­set­ze­rin um mei­nen Beruf ban­gen ließ. Goog­le Trans­la­te hat­ten wir im Kol­le­gen­kreis noch belä­cheln kön­nen, über Kun­den, die dar­auf umstie­gen, schüt­tel­ten wir den Kopf. Sie wür­den schon mer­ken: Dar­aus eine gute Über­set­zung zu machen, sei noch auf­wen­di­ger als eine Über­set­zung von Grund auf. Bei mei­nen ers­ten deut­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen hat­te mein Vater die Goog­le-Roh­über­set­zun­gen