Das Aufgeben des Übersetzers
Neujahr 2023 bei meinen Eltern in New Mexico, seit Wochen fieberte mein Vater der neuen Version einer „Software aus Köln“ entgegen. Jetzt war es endlich so weit: Widerstrebend reichte ich ihm den Datenträger mit meinem letzten Buch, die Beschreibung einer Alaska-Reise mit der Familie. Mein Vater verschwand mit dem Stick in sein Arbeitszimmer und kam in fünf Minuten wieder: „So, fertig übersetzt.“
Mir schwindelte, als ich mich zu seinem Bildschirm beugte. Ich erkannte tatsächlich den Anfang meines Buches. Sätze, die ich immer wieder ent- und verworfen hatte, standen augenblicklich in meiner Muttersprache da, in der ich kaum noch schreibe. In einem Englisch, das im ersten Moment einwandfrei wirkte, so unverrückbar, dass ich mich selbst infrage stellen musste. Das Werk aus einem Guss war wie heruntergeladen aus einer alternativen Wirklichkeit. Es schien ein zweites Ich vorauszusetzen, das in der Heimat geblieben war und in der Muttersprache weiterschrieb. Und doch war mir diese Sprache, war mir dieses Ich so fremd. Wer – was da von unserer Reise berichtete, war nicht dabei gewesen, wusste gar nicht erst, was es hieß, eine Reise anzutreten. „Natürlich kann auch DeepL die stilistischen Feinheiten nicht wiedergeben“ – mein Vater hatte meine Bestürzung bemerkt – „aber wenigstens weiß ich dann, worum es überhaupt geht.“
DeepL. Irgendwann in den letzten Monaten hatte ich begriffen: Die Software, auf die mein Vater bei unseren Skype-Gesprächen fast zwanghaft zu sprechen kam … die aus Köln, fügte er immer hinzu, wie ein tastender Versuch, an mein deutsches Leben anzudocken … diese Software war dieselbe, die mich als Übersetzerin um meinen Beruf bangen ließ. Google Translate hatten wir im Kollegenkreis noch belächeln können, über Kunden, die darauf umstiegen, schüttelten wir den Kopf. Sie würden schon merken: Daraus eine gute Übersetzung zu machen, sei noch aufwendiger als eine Übersetzung von Grund auf. Bei meinen ersten deutschen Veröffentlichungen hatte mein Vater die Google-Rohübersetzungen
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